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Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seift 4. beut Blatte inserirten Kundgebungen ihrer Zustimmung zu der politischen Richtung deS gewesenen Abgeordneten Herrn Schönerer sowie durch die Theilnahme an einer zu Ehren deS Genannten stattgefun- ' denen öffentlichen Huldigungsauffahrt ihre VereinSthätigkeit auf daS politische Gebiet ausgedehnt haben. Die Polizeidirection hatte demnach nicht nur das Recht, sondern auch geradezu die Pflicht, dem Sachverhalte auf den Grund zu sehen. Zu diesem Zwecke und um daS Materiale für die strafgerichtliche Anzeige sowohl als füF das weitere administrative Vorgehen gegen die in Rede stehendenVereine zu beschaffen, verfügte die Polizeidirection die in Beschwerde gezogene Einvernahme der betreffenden BereinSobmänner. Hiezu bedurfte die Polizeibebürde keines weiteren Auftrages und erhielt auch keinen, da sie sich selbst ihre Aufgabe gegenwärtig zu halten hat. Die Polizei hat lediglich ihrer Pflicht entsprochen und von dem ihr zustehenden Rechte Gebrauch gemacht. Im Verlaufe der Sitzung machten dann die Antisemiten von dem „Rechte der Calumniation", wie ein treffende- Wort deS Professors Tr. Lustkandl lautet, den ausgiebigsten Gebrauch. Sogar die Verhandlung über eine Petition deS Oesterreichischen Fischereivereines um-Gewährung von Stipendien zur Ausbildung von Mischmeistern bot ihnen einen Anlaß zu einer förmlichen Judendebatte. Scheicher besorgte, daß man es darauf abgesehen habe, dem Freiherr» v. Rotdschild „billige Fischmeister auf Kosten deS Landes zu schaffen": ein anderer Sociolog dieses Schlages machte wieder die Entdeckung, daß man auf dem Gebiete der Fischerei jüdischen Advo raten Arbeit verschaffen wolle. Rach diesem Vorspiel brachte Greg orig wieder ein neues Verleumdungsstücksein zur Aufführung. Um die angebliche Mißwirthschaft deS LandeSauSschuffeS zu brandmarken, nannte er eine Reihe von Männern, von denen er versicherte, daß sie wohlhabende Liberale wären, aber sich nicht schämten, für ihre Söhne an den Landes Lehrerseminarien Stipendien zu erschleichen. Wie gewiffenhaft Giegorig dabei verfuhr, zeigten die Abgeordneten Tr. Albert Richter und Professor Franz Richter, welche gleich nach ihm daS Wort ergriffen. Dr. Albert Richter sagte: „Ich möchte nur eine der erhobenen Anklagen sofort richtigstellen, weil mir in diesem Falle zufällig die Verhältnisse bekannt sind. Ter Vorredner hat von einem .Armeelieferanten Körbel' in Klosterneuburg gesprochen. Damit man eine richtige Vorstellung von den Millionen bekommt, in denen dieser Armeelieferant wühlt, so bemerke ich, daß derselbe ein Wagnermeister in Klosterneuburg ist, der vor zwei Jahren durch ein Brandunglück sein Vermögen verlor und dem seither die. Concession für seine bis- ' herige Betriebsstätte nicht mehrertheilt werden konnte. Tie Lieferungen, die er für die Armee besorgt, bestehen darin, daß er im Tepot von .Klosterneuburg die Felgen für das Aerar zuschneidet.. So sieht eS mit diesem Titel aus. WaS die übrigen vom Abgeordneten Gregorig an geführten Taten und Namen betrifft, so .dürfte es sich wohl heraus - stellen, daß einer oder der andere dieser Millionäre wohl auch ein Vleingemerdekreibender ist." Professor Franz Richter erklärte: „Ich kann bezüglich zweier vom Abgeordneten Gregorig genannten Personen auS Korneuburg Aufklärung geben. Decker ist kein Liberaler, sondern ein Deutsch-Nationaler, ein kleiner Kaufmann, der die Kosten nicht scheut, seine Kinder studiren zu lassen. ES muß ja gerade kein Armer sein, der.einen halben Freiplatz an einer Lehrerbildungsanstalt erhält, denn dann hat er ja noch immer 200 bis 30J fl. jährlich aufzubringen. Auch Vicebürgermeister Werner ist kein Liberaler, sonder» gehört meiner Partei an: er ist ein Mann, von dem man annehme» darf, daß er keine Unrechte Sache unterstützt." Daß Gregorig bar jeder Sachkenntnis ist, war wieder aus einem Anträge zu ersehen, welchen dr aü seine letzten Enthüllungen knüpfte und der die Auff sorderuug an den Landesausschuß enthielt, alljährlich eine Liste der Versoncn vorznlegen, welche an den LandeSschulen Stipendien haben; a beantragte etwas, was ohnedies geschieht. In einer klaren, über-, zeugenden Auseinandersetzung legte hierauf Freiherr v. E; e d i k als 'Kcrerent des Schulausschusses dar, wie unbegründet Gregorig in der ^ivung vom 0 d. M von Mißbräuchen bei Verleihung von Stipendien gesprochen und ihm mißliebige Personen verdächtigt habe. - In würdiger Wesse wies 'lffwfessor Dr. Lustkandl die gegen ihn per sönttch gerichteten Beschwerden zurück. Gregorig'S Bertheidiger mar Ir v ii eg er, welcher ». A. die Behauptung aufstxllte, daß sein Client Dank verdiene, da dessen Enthüllungen -„den Völkern Oesterreichs einen außerordentlichen Dienst erwiesen". Dr. Lueger rühmte sich einmal, daß er seine Leute nicht verlasse, auch wenn sie eine Dnniniheit begehen, aber zur Aufstellung der Behauptung von Gregorig'S Verdiensten um die Völker Oesterreichs wird ihn wohl nur die Rücksichtnahme ans die Gegner bewogen haben. „Werden sich aber die ärgern, wenn ich so was sage" — diese Absicht, welche ihn so häutig leitet, mochte auch in dem Falle Gregorig für die Form seines VlaidoyerS bestimmend gewesen sein. Allein eS hat sich Niemand ge¬ Nr. ärgert, und Lueger rief durch feine vorher erwähnte Aeußerung nur Heiterkeit auf der Linken hervor, lieber den Vorschlag Gregorig'S, die von ihm am 9. d. M. angezeigten angeblichen Mißbräuche zur Kenntniß der Staatsanwaltschaft zu bringen, wurde, entsprechend dem Anträge des Schulausschusses, zpr Tagesordnung übergegangen.. Dagegen wurde „dem Landtagsabgeordneten und Mitgliede des Landesausschusses, Professor Tr. Wenzel Lustkandl, Dank und Anerkennung für die streng gewissenhafte Weife ausgesprochen, in welcher er das Referat in Schul angelegenheiten überhaupt führt, und für die mühevollen Vorbcrei ''tungen insbesondere, welche.er behufs der jährlichen Verleihung von Stipendien und Freiplätzen an den Landes-Lehrerseminaricn jederzeit getroffen hat". Am Schluffe der Sitzung wies auch der Regierungsvertreter Statthaltereirath Freiherr ».Kutscher« die Angriffe zurück, welche -von antisemitischer Seite gegen Berwaltungs- und Schulbehörden erhoben wurden. — Am 23. d. M. hatte der Landtag anläßlich der Verhandlung über eine Subvention für das Zillingsdorfer Kindcrasyl wieder eine Freimaurerdebatte. Als Tr. Haberle auf die Spenden hinwies, welche der Kaiser dieser humanitären Anstalt zuwendct, beging Tr. Lueger die, gelinde gesagt, unqualificirbare Taktlosigkeit, in seiner vulgären Art von Dom Pedro kl. zu sprechen, der Freimaurer zu seinen Ministern gemacht hatte, welche sich dann gegen ihn verschworen. Die Entstellung deS Sachverhaltes, die Correctur, die Dr. Lueger an der Geschichte Brasiliens vornahm, welches die Republik' den drohenden „christlich-socialen" Reformen der Gräfin von Eu vorzog, erregte mit Recht große Heiterkeit; nichtsdestoweniger hätte der Zusammenhang, in welchem er bewußt oder unbewußt seine Aeußerung vorbrachte, eine ernste Rüge verdient. Eine wahre Fluth von Schmähungen ließen die Antisemiten loS, als dann die sogenannte Milliomnaffaire deS Bürgermeisters Dr. Prix zur Sprache gelangte-. Der tiefgehende Haß gegen den Mann, der das wurde, was Lueger zu seinem Leidwesen nicht werden kann, kam i» der widerlichsten Fotm zum Ausdrucke. Tie O.uerulantem wurden zwar von mehreren fortschrittlichen Rednern, insbesondere von Dr. Kopp Und Dr. Heinemann, gebührend abgefertigt, und der Beschluß deS Wiener Gemeinde - rathcs, mit welchem derselbe zu dem vom Bürgermeister angeordnetcn Verkaufe von Werthpapiercn im Nominalwerthe von 908.Ä84 fl. die nachträgliche Zustimmung ertheilt hatte, wurde genehmigt, aber leider ging in Folge des'antisemitischen Geschimpfes wieder viel kostbare Zeit verloren. — In der Landtagssitznng vom 25. d. Mbcnahnieu sich die Antisemiten relativ anständig; nur ihr Führer, welcher Händel suchte, als der Landmarschall-Stellvertreter Dr. Prix den Vorsitz führte, mußte zurechtgewiesen werden. (Ans dein Rathhaust.) Man muß zu ganz eigenthümlichen und für den „Wiener" nicht sehr schmeichelhaften völkerpsychologischen Anschauungen gelangen, wenn man die Langmuth betrachtet, mit welcher die Wiener Wählerschaft dem Benehmen ihrer Vertreter im Gemeinde rathe zusieht. In den antisemitischen Wählerversammlungen hört man doch beständig von der „wirthschaftlichcn Arbeit" dcclamiren, welche die Antisemiten im Gegensätze zu den „unfruchtbaren Debatten" ihrer politischen Gegner angeblich leisten, oder leisten wollten. WaS nenne» nun aber die Herren eine „wirthschaftliche Arbeit?" Gehört cs etwa in das Arbeitsressort, des Gcmeinderathes, eine «or zwei Jahren stattgehabtc Ausstellung, die mit dem- Gegenstände der Bcrathung gar nichts zu thun hatte, während zweier Sitzungen durch den Koth zu schleifen? Eine einmalige Vorführung seines Gossenwitzes und seiner pornographischen Schilderungen genügt einem Manne wie Grcgorig gar nicht. Die Gelegenheit, daß sich die ehemaligen Leiter der Thcatcr- und Musikausstellung gegenüber den unbewiesenen Verdächtigüngen und groben Beschimpfungen von Seite Gregorig'S in einer Zuschrift an den Gemeinderath verwahren, benützt der stiernackige Pfaidler auS der' Mariahilferstraße, um Mint schmutzige Wäsche neuerlich zu producircn. Von welcher Art die rhetorischen Leistungen dieser Menschen sind, möge man danach ermessen, daß ein Gesinnungsgenosse Gregorig'S bei der Verlesung der erwähnten Zuschrift für einen daselbst vorkommendcn „unparlamentarischen" Ausdruck die „Rüge" verlangte, worauf er zu seinem nicht geringen Staunen erfuhr, daß der von ihm perhorrescirte Ausdruck nur ein Citat aus seiner eigenen Rede sei. Der Sturm, der in der Gemeinderathssitzung vom 19. Jänner .anläßlich der neuerlichen Ausfälle Gregorig'S gegen die Theaterausstellung losbrach. spottet aller. Beschreibung. Die antisemitischen Genieinderäthc schrien wie die Gassenbuben „Jud! Jud!", schlugen auf die Pulte und suchten liberale Redner niederzuschreien. Zu verwundern ist es angesichts der maßlosen Provocationen seitens der Antisemiten nicht, wenn sich selbst ein hochgebildeter und ruhiger Mann wie Gemernderath Stiaßny zu einer heftigen, aber bezeichnenden Charakteristik deS antisemitischen Vorgehens Hinreißen ließ. Die Engelsgeduld, mit welcher man von der Präsidententribüne diesen Orgien der Gemeinheit zn- Freies Blatt.

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