Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 95 (28.1.1894)
- Date
- 1894-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441489--1068-4887549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 94 Freie, Das Schreiben dcS Herrn Götz v. Olenhusen lautet: Olenhusen, den IT». Jänner 1MJ4 M fei) vor Herr! Tanke Ihnen für da» srenndliche schreibe» vom I-'. d. Ä. liebst In sendniig der Zeitung, a»S der icfj z» ineinein Befremden ersehe, daß angebliche Aenßernngen aus cinein Gespräch zwischen dem Präsidcnlen Herr» v. Levevow und mir in einer anliseinitischcn Zeilung genlißbraucht werden. An und für sich rrscheillt mir die Sache vollständig bedculnngSlos, und halle ich es für das Richtigste, daß sie danach auch in größeren Blätter» behandelt lvirt Tenn es ist meine feste Ileberzeiigung, daß, weint gravircnde Aclißernnge» und Be inerkuiige» gemacht werde», und die Gegner habe» sich derselben ans irgend eine Weise bemächiigt, so werden sie nicht"drei Vierteljahre warte» und schweige», sondern sie sofort ausbeuten »nt benützen. Wie löinicn Herr'v. kevctzow oder ich nach so langer Zeit u»S eines zufälligen Gesprächs genau entsinne»? Ich * erinnere mich freilich recht gut, daß ich i» der sogenannte» Ahlwardt Eommiisio» neben Herr v. Levetzow stand, als gerade über Vorgänge/die bei der Gründung der Altenbekencr Bah» vorgekoinmen sei» sollten, verhandelt wnrde, und daß wir darüber einige Beincrlungen agsgetauscht haben. Wen» ich auch diese nicht mehr genau wietergcbe» kann, lo niögkii Sie doch das Eine alS ganz feststehend betrachte», daß e« Herr» v. tzevetzow durchaus ferngelegei, hat, Herr» Ahlwardt bciznstehe» oder gar zu entschuldigen. keider kann ich Ihnen über die ganze Sache leine weitere Auskunft geben, danke Ihnen nochmals für Ihre Aus»ierk>a»ikeil und zeichne als Ihr ergebenster •i (gcz.) Götz v. L len hu sei, i'andschastSrath. Alan ersieht hieraus zweierlei: Erstens, dag die Antiscinitcn gerne angesehene PersönlichkeTten als GcsinnungSgciwssen hinstellen möchten, nnd zweitens, daß das alte gute deutsche Sprichwort „Vii^cu habe» kurze Beine" bei ihnen völlig zu Schanden wird. Desto bester gedeiht aus ihrem Gebiete-jegliche Art von Schwindclwaare, gegen deren Vertrieb sic anzukümpfeu vorgcbcn. Dieses dann und mm einmal zu constatirc», dürfte doch nicht ganz überflüssig sein. Pi*ofelYtenmad?eret in Ausland. (Origiiial-Mitlheilnng des „Freien LlalteS".). Petersburg, 10. Jänner. Wir haben schon oftmals darauf hingcwicscn, daß die Judeuvcr'folgungcn in Rußland cincu religiösen Hintergrund haben. Man will hierzulande Alles und Alle mit den Segnungen der orthodoren Kirche beglücken, und man wendet alle Mittel an, um dieses Glück jedem Richtorthodoxcn aufzunöthigcn. Tic russischen Machthaber haben zwar bis jetzt die Thatsache von der religiöse» Intoleranz der russischen Regierung hartnäckig geleugnet und die Gewissensfreiheit als etwas auch für das Czarcnrcich Selbstverständliches hingestcllt. Doch man wußte gcnan, welcher Werth der konfessionellen Freiheit in Rußland beiznmcffen sei, da täglich von Gcwaltthatcn gegen Katholiken,- Protestanten, Juden und Mohammedaner zu hören ist. Am härtesten jedoch traf die Intoleranz der russischen Regierung die einheimischen Juden, deren Bekehrung znr orthodoxen Kirche mit de» unlautersten Mitteln betrieben wird. So lange die Prosclytcnmacherci der Behörden unter den Juden nicht ossicirll bestätigt worden war, konnte die Re gicrung diese Thatsache als „böswillige Erfindung" bezeichnen; nun mehr aber ist vom heiligen russischen Synod eine Institution ins i'cbcn gerufen worden, welche die Absicht der Rcgiciiing, die russischen Juden der orthodoxen Kirche cinzuverlciben, ofsicicll bestätigt. Diese Institution, welche den Name» „Antijüdischc Missionär-Gesellschaft", führt, ist an der Geistliche» Akademie zu Kiew errichtet worden, und hat ihre Thätigkcit bereits eröffnet. Als Schöpfer der „Missionär- Gesellschaft" trat der Profesior an der Universität zu Kiew, A. Green,. auf, der an den Oberprocuror des heiligen Syiiod, Gchcimralh Pobcdonoszcw, ein Memorandum gerichtet hat, das für die in Rußland herrschende religiöse Unduldsamkeit den besten Beweis liefert. Dieses interessante Schriftstück, welches das Organ der russischen Geistlichkeit „Zerkownyi Wjcstnik" pnblicirt, hat folgcnden^Wortlaut: „Ungeachtet der völligen Gleichheit vieler Dogmen des Judaismus mit dem Ehristenthum nnd der Anerkennung der heiligen Schrift durch beide Eonfessioncn treten die Juden znr Orthodoxie sehr selten über. Als Ursache dieser traurige» Erscheinung wird die Feindseligkeit . der Juden gegen das Ehristenthum bezeichnet; doch gibt cs noch eilten - Grund, wodurch der seltene Ucbcrtritt von Juden zur Orthodoxie sich erklären läßt. Dieser Grund liegt in der Unkenntniß der Dogmen des * Judaismus und seiner Geschichte, durch welche die orthodoxen Missionäre verhindert werden, die Bekehrung der Juden zur rechtgläubigen Orthodoxie mit Erfolg zu betreiben. Als Profesior der Geschichte dcS Orients und Blatt. Seite -°« der semitische» Philologie, als Kenner der hebräisch arabisch chaldüischcn Sprachen und der rabbinischcn Vilcratur, als orthodoxer Ehrist beehre ich mich, meine Dienste Sr. Erccllenz anzubietcu, um tüchtige Pxediger hcranznbildc», welche die Orthodoric unter der jüdischen Bevölkerung in den Wcstgehictcu mit Erfolg verbreiten könnten.- Wenn Se. Er celleu; mich mit Ihrer Zustimmung beglücke» wolleil, so bcebre ich mich, Ihnen »ntzuthcilcn, daß ich meine Thätigkcit auf diesem Gebiete unverzüglich eröffnen.kann." . Diesen Vorschlag hat der Führer "der russischen Kreuzzügkcr gegen das Judciithum, Oberprocuror PovedonoSzewmit Freude acccptirt und an den Metropoliten von Kiew, Joannitij, eine diesbezügliche Bekordnung ergehen lassen. Die vom Mctropolitcti Joannitij eingesetzte Eonlinission zur Ausarbeitung des Projektes einer „Antijüdische» Missionär Gesellschaft", die auS den Professoren der Geistliche» Akademie: Maluschcwskij, Soljikij/OlcSnitzkij und Pokrowskij bestand, hat auch nicht gezögert, das Projekt dcS ProfesiorS Green vollinhaltlich zu acccptiren und dcsicn schleunige Verwirklichung zu befürworte». In Folge dieses Gutachtens hat der Metropolit von Kiew im Einvcrnchincn mit dem heiligen Synod in Petersburg die sofortige Ereiruug der „Antijüdischeu Missionär-Gesellschaft" angcordnct, welche mit der Aufgabe betraut worden ist, die Orthodoxie unter den Jude» im RicdcrlasiungSgcbictc zu verbreiten. Diese Thatsache«, welche wir aus ossicicllcr O.ucllc geschöpft haben, machen die Versicherungen der russischen rlregicrung, sie taste die confcssioucllc Freiheit ihrer Unterthancn nicht an, einfach 'lächerlich. Wie viel fehlt noch, daß die russische Regierung ihre jüdischen Unterthancn durch polizeiliche Gewalt in die Kirchen jage, um sie dort taufen zu laste»? Rach dem russischen Gesetze können Kinder jüdischer Elter» erst nach Erreichung eines Alters von sechzehn Jahren der Taufe unterzogen werde». Wie handhaben jedoch die russischen Popen nnd djc Polizcibcamten dieses Gesetz? Sic taufen jüdische Kinder, die nicht einmal ein Aller von zwölf Jahre» erreicht, haben. Unlängst langte eine Beschwerde eines jüdischen Ehepaares an das „Departement der fremden Confcssioncn" ein, worin die ergreifende Geschichte einer gewaltsamen Bekehrung eines zehnjährigen Judcnmädchcns zur Orthodoric erzählt und um Abhilfe gebeten wird. In welchem Sinne diese Be schwcrde erledigt werden wird, wissen die Götter; allein die Thatsache an und für sich genügt vollkommen, um die in Rußland herrschende religiöse Unduldsamkeit grell genug zu illustrircn. In dieser Hinsicht sind in iltußland die Zeiten RicolanS' I. mit allen ihren Schrecken zurückgckchrt. Tic Schonungslosigkeit, mit ivelchcr die Bekehrung der Juden zum orthodoxe» Glauben unter, seinem Regime betrieben worden war, ist aller Welt bekannt. Die kleinen Judcnkindcr, wclctse unter die Soldaten gesteckt worden waren, die unter dem Rainen „Eantonisten" bekannt sind, wurden alle gewaltsam und unter Anwendung geradezu haarsträubender Mittel getauft. Mau lese nur das Buch: „Tic Vielgeprüften" von Rikitin, worin das Foltern der Judenknabeu haarklein geschildert wird, und man wird begreife», mit welcher christlichen „liebe" diese gewaltsame Bekehrung betrieben worden war. Man hat zwölfjährige Judcnknaben auf glühende Eisenplättcn gestellt,, man hat ihnen tagelang keine Specke gegeben, man hat sic. der körperlichen Züchtigung unterworfcn, um ihnen „Rebe zur-Orthodoxie" einzuslößcn. Dicke grausamen Zeiten sollen, wie cS scheint, ncubclcbt werden, »m die i'chre dessen, der riebe und Vrüderlichkcit gepredigt, unter den Inden in Rußland zu verbreite». Wir zweifeln jedoch au cincm Erfolg der.russischen Regierung ans diesem Gebiete. Die Geschichte der Judenvcrsolgnng beweist,^aß auch Schwert und Feuer niemals veruwcht halte», den Glaubenher Jude» ans znrottcu. Die russischen Machthaber sollen bei Joscphns FlakiuS über die Anflehiiung der Juden gegen de» Versuch Pilatus', die Statue von TiberjuS in den Tempeln anfznftcllcn, Icke», um daraus lehrreiche Schlüsse zu ziehen. Argus. (Ans dem »icdtröstcrrcichischc» 2ü»diagc.> Tic Antisemiten ver eitcln die Wahlrcform, welche insbesondere füx die neuen Wiener Be zirke ein dringendes Bedürfniß ist, und die Seandalsccncn, die sie mit uiicrmüdlichcm Eifer veranstalte», sind schon deshalb sehr kostspielig, da viel Zeit, welche zu Berathungcu im Jntcresie-dcS VandeSwohleS Hütte benützt werden können, vergeudet wird. Den größten Thcil der i'andtagSsitzung vom 20. d. M. füllten antisemitische Zänkereien a»S. Zn Beginn derselben beantwortete der Statthalter Gras K ielmans egg eine Interpellation des Mechaniker« Hauck nnd wurde in seine» Ausführungen fortwährend «vom Interpellanten unterbrochen. Ter Statthalter sagte: Die Polizcidircetion sei-durch das von dem Interpellanten selbst citirtc Pgrtciblatt „Ostdeutsche Rundschau" in die Kcnntniß gelangt, daß mehrere nicht politische Vereine durch die i»