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Freies Blatt · 1894-01-28 · 95 (28.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
95 (28.1.1894)
Date
1894-01-28
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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/ Seite 2 Frei«, flcuoficnfdiaftcn und dergleichen auf der Familie fußenden Einrichtungen. Der moderne Staat ist eine in voller Auflösung befindliches durch Kriege und Eroberungen znsainmeiigeschweißte Masse, - die nur durch die -Strenge und Wucht staatlicher Autorität zusammengchaltcn wird. Weran dieser Autorität rüttelt, wer ihre Grundlagen: die Gleich berechiigung uud Freiheit aller Staatsgenossen, untergrabt, gleicht dein Borkenkäfer, der sein dunkles Dasein nstt dem Leben -des BauineS erkauft, dein er den Lebenssaft weg-,ehrt. Diese verruchte Arbeit b c s o r g c n' i n unserem Staate die A n t i s e mite n. Mir. dem Naturforscher, werden Sie erlauben, an diesem vergleiche, sessznbalten. Trat; alles Militarismus ist unser moderne Staat im Großen und Ganzen nur ein Industriestaat, dessen Dasein vom Handel und Wandel, vom geschäftlichen Berkehr, vom Waarenumlauf abhängt. 'Was beim Bapme der Saft, der unter der Rinde bis zum letzte» Blättchen seinen Weg findet, ist im Staate das Geld und was an Stelle des Geldes Tauschwerth bat. Den Baum ernähren die unzähligen zarten Wurzeln, die den Boden aussaugen, und die feinen Blätter, die den Dan, Regen und die Feuchtigkeit der Luft ausnehmen. . Beraubt man den Baum seines Wurzelwerkes und seiner Blätter, so »inst er absterben,, io >avie sich auch der Staat auflöscn muß, sobald Handel und Wandel innerhalb seines (Gebietes gänzlich unterbunden werden. Im Staate vertritt der Kleinhändler, der Krämer die Stelle des Wurzelwerkes und der Blätter. -Chitc llcbcrtreibiing darf man bcbauvte», daß dem Krämer, dem Zwischenhändler tno Hansirer für die Eihaltung des Staatshaushaltes die bedeutsamste Rolle zutheil geworden. Es ist kein Zufall, vielmehr, wie dies in diesen Blättern mannigfach en .tert worden, ein Ergebuiß geschichtlicher Entwieklung, daß Vorzugsivei'e Inden dem Kleinhandel nachgchen. So wir das Würzelchen auf dem kümmerlichen Erdreiche doch noch für den Baum, zu dem es gehört, nutzbringend thätig ist, so versteht auch der jüdische Klein bändler die staunenswerthe Kunst, bei den bescheidensten Bedürfnissen, unter drückenden Berhältnissen fich eine Existenz zu schassen und mittelbar den Wohlstand der Gesellschaft, in deren Mitte er lebt und zn der. er gehört, und schließlich die Wohlfahrt des Staates zu fördern. Hier setzt Antisem, der staatsfeindliche Borkenkäfer, an und leitet damit seine verderbliche Thätigkeit ein, daß er die Existenz des Klein- Händlers zu zerstören weiß. Kindern und Rarrcn ist eö leicht cinznreden, daß die Baümwurzcln unschön und unnütz seien und zerstört werden mllssen. Unseren Kleinbürgern und Bauern vermag cs Antisem i auch leicht be-,»bringen, daß nur der Händler, der Geschäftsmann das Bolk ausbeute, und der Bei derber hat um so leichteres Spiel, als er au den noch nicht ganz vergessenen, välcrercrbten Judenhaß, an den Iatalisinus, die Beschränktheit, Leidenschaft und Bildungsseindlichkeit! des Bolkes avvcllirt. j Warum ich diese Ihnen und Ihren Lesern nur zu gut bekannten I'utge auffri'che? Das will ich Ihnen eben mittheilcn. Borigen Sommer, auf einer Studienreise befindlich, gelangte ich auch in die Landeshauvtstadr Sberösterrcichs, wo ein Kleinhändler, von Confesüon Jude, durch autiseniitische Umtriebe gebrandmarktcr Zeitungsschreiber und Hetzaposteln in Acht und Bann gelegt worden-war. Obgleich an seiner Ehrenhaftigkeit und Rechtschaffenheit nichts auszusctzen war, mieden ihn, den Inden, seine Kundschaften aus Furcht uud Bcsorgniß, gleichfalls durch die Hetzer verketzert zu werden. Unser Detaillist war weder reich noch wohlhabend und konnte den Boqeott nicht überdauern, tumal da er stir die Kosten, der Ausbildung seiner-Tochter, die eine .vadi’elHiie, und eines Sohnes, der die Realschule besuchte, aufzukommcn laue. Die Tochter erhielt vor einiger Zeit an einer Anstalt eine Tt.-uing. die mit einem Monatsgehalt von etwa dreißig Gulden ver-; .ertön :fr. Der Bater mußte inzwischen den licbgcwordenen Heimatsort :lin-.u Er kam nach Wien mit den letzten Resten seiner geringen "V i".'all sich bald gen-rkstgt, um fich uud seine Angehörigen-zu . S::ief 'ür Stink deS mühsam erworbenen Gutes loszuschlagcn. t; A.imtlte von den paar Gtssden, die daS junge Mädchen .'nugstru: starte:: mir der Berfehmte einen Besuch ab, indem . i. a W.'rr.elxeu damit cinlöste, das ich ihm im Borjahrc abaeuomme».. Im Laufe des Gespräches entlockte ich ihm ein offenes Gestandnist über -'eine Lage, die ich ohnehin vermuthete. Ich macht« mich au! ei'chtg, bei seinen reichen Hffaubensgcnoffen und bei Stiftungen nie ihn ein gutes Wort eruzulegen. Er verbat sich dies entschieden; kenn er sei kein Bettler und habe nie die Hand zur Entgegennahme iv 11 Gaben ausgehalten; er wünschte nur eine-Beschäftigung zu crl.tilgen, um auch fernerhin durch eigene Arbeit feine. Familie ernähren tu können unk nicht weiter der Tochter den kargen Bcrdienst wegzehreu zu müssen. Ich beruhigte ihn mit der Berficherung, daß ich durch Blatt. Nr. 9s. meine Verbindungen vielleicht in der Lage bin, ihm 25 fl. oder gar 50 fl. an Unterstützung zu vermitteln und daß Niemand etwas davon erfahren werde. „Es genügt, wenn ich davon weiß/ entgegnetc er und ich schämte mich, daß ich sein stolzes Zartgefühl verletzt hatte. „Auch mit 100 fl. und mehr wäre mir nicht gedient, beim.mich würde das Bewußtsein erdrücken, daß ich ein Almosen angenommen. Ich bin ja noch rüstig und erwerbfähig/ Mir mangelt bloß eine Erwerbsgelegenheit, um meine Fähigkeiten zu verwerthcn. Ich tauge nichk zum Schnorren." Es ist nicht zum erstenmal, daß ich von Juden derart stolze und selbstbewußte Antworte» erhielt. In diesem Stolz liegt doch auch die Lösung des Räthsels von der angeblichen jüdischen Elasticität, Rührigkeit und geschäftlichen Tüchtigkeit. Sie mögen halt nicht betteln gehen, diese Juden! Zwar muß ich und will ich gern gestehen, daß noch jedesmal, so oft ich mich bei reichen oder nur vermögenden Juden zu Gunsten armer Leute verwendete, gleichgiltig, ob meine Schützlinge Juden oder Christen waren, meine Wege nicht erfolglos gewesen -find, aber thatsächlich hatte ich für Andere geschnorrt, um bei dem Ausdrucke unseres Dekaillisten zu bleiben;, geschnorrt ist jedenfalls geworden. Hier ist unbedingt einem bestehenden und fühlbaren Mangel abzuhelfen. Alle Achtung vor dem jüdischen Wohlthätigkeitssinne oder der dielverschrienen Solidarität, die, in der Nähe besehen, viel besser ist als ihr Ruf, aber wie cs scheint, erzeugt sic nicht selten erst den „Schnorrer", indem sie die Leute an die Entgegennahme milder Gaben gewöhnt und deren bürgerliches Selbstbewußtsein, daS Vertrauen in die eigene Kraft herabmindert. Möglich, daß ich ans ungenügender Kcnntniß jüdischer Institutionen voreilig, schließe, da mir nicht bekannt ist, ob eine Arbeitsvermittlungsanstalt für verarmte, namentlich durch antisemitische Aechtung zugrunde gerichtete Juden besteht. Besteht keine, so sollte ohne Verzug eine solche ins Leben gerufen werden. Wie aber verschaffe ich bis dahin für meinen Schützling einen -Erwerb, eine Beschäftigung, die dem geschäftlich geächteten Manne wieder zu ein'er bürgerlichen Existenzvcrhilft? I)r. Ir. Die Verunglimpfung Levetzow's. lSriginal-Miilheilung des „Freien Blattes".) Heidelberg, 2i. Jänner. Die Thatsache, daß sich bei den meisten Angaben der mit Anti scmitismns hausircndcn Blätter und Personen die unlautere C.iteflc uud der Conflict mit der Wahrheit Nachweisen lassen, ist durch zahllose Beispiele belegt. Bon Reucm liefert hiesür der badische Herold des Urteuschthums, der „Badische Bolksbote", ein Beispiel. Man muß sich bei diesem Gelichter nur die Mühe nicht verdrießen lassen, es bis in seine,hintersten Schlupfwinkel zu-verfolgen. Hatte-da, wie im „Freien Blatt" bereits mitgetheilt wurde, daS badische antisemitische Blättle triumphirend die Knude verbreitet, daß der Präsident dcS deutschen Reichstages, Herr v. Levetzow, de» Ahlwardtiancrn znznrcchnen sei, weil er bei der Jnvaiidenfondsdebatte geäußert haben sollte: „Ahlwardt hat doch Recht!" Diese Mittheilung ist bereits als unwahr bezeichnet worden, und zwar von keinem Anderen als Herrn v. Levetzow selbst. Der darüber erzürnte Vorkämpfer d.cs badischen GermanenthnmS machte aber neben echt antisemitischem Geschimpfe weitere „thatsächliche" Angaben, um die Wahrheit der Herrn. v. Levetzow zugeschricbcncn Acußcrungen darzuthun. Danach sollte der Sachverhalt folgender sein: „Es mar zur Zeit der famosen Ahlwardt-Coinmission im Reichstag. Alle Welt war auf den Ansgang gespannt, ibarum nicht auch der Reichstag? Darum fand sich im Commissionszimmer fast stets »ine große Anzahl der Abgeordneten zusammen, so daß es zuletzt an Platz mangelte und die nicht bctheiligten Abgeordneten stehen mußten. So stand denn auch in einer Fensternische der Welfe Götz v. Slcnhuscn. Zn ihm gesellte sich später auch der Präsident v. Levetzow. Und als Miguel daran, war, seine Berthcidigungsrcde zn halten und Ahlwardt einen Verleumder nannte, da sagte Herr v. Levetzow zu seinem Rachbar: .Recht hat er aber doch!'" Damit vergleiche man nun die beiden folgenden Schreiben des Herrn v. Levetzow und des Herrn Götz v. tSlenhusen, die mir im tDriginal vorliegen, und ermesse daraus die unübertrcsfbare Unverfrorenheit der antiseiziititischcn Lügner. Herr v. Levetzow schreibt: „.beehre ich mich in Folge gefälligen Schreibens vom Iss. d. M» unter Rückgabe der Anlagen desselben ergebenst zn benachrichtigen, daß ich keine ausreichende Beranlassung habe, mich über anonyme und unwahre Zeitungsartikel zu äußern, welche angebliche Privalgekpräche reprodnciren wollen "

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