Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 95 (28.1.1894)
- Date
- 1894-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I Freies Blatt Aboniiementspreis. Süt Ceflcrrtidi-Unflarn: Sannährig mit i<ofUuftnbuna.fl. 8.50. Halbfährig fl. 1.85. Vierteljährig "... fl. —.75. Kür ha« gesummte Ln«la»d: G,ninähri->.. fl. 3.—. Haidjährig.fl. 1.50. Einzelne Nummern (i Ir. Ilnsranfirte Briefe werde» nicht angenommen Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint nn jedem Tonntage. Redactiou und Administration: I. SrUerstätte l(t. Inserat« werden mir 10 fr. sjir die viermal gespaltenc Vonparcillczcile derechnct. Kleiner Ln. zeiger da» Wort 8 Ir. Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowle im Annonccnburcau M. Dnle«, I. Moll,eile 8. Nummer 95. Wien, 28. Jänner 1894. III. Jahrgang. Die Influenza der Zeit. Schüttelfrost, Alhembcschwerden, Abgespanntheit, Katarrh, Schmerzen in den Gliedern stellen sich in höherem oder geringerem Grade ein, man nennt dieses Eonglomcrat von physischen Uebelständen: die Influenza. Sind die genannten KrankheitSerschkinungen die Avant- oder die Arriöregarde dieser feindlichen Macht? Bilden sie deren Antecedenz oder deren Eonsequenz? Ohne jede Kenntniß der medicinische» Wissenschafl steht uns kein Urtheil darüber zu. Die durch keine territoriale Grenze beschränkte, durch keinen klimatischen Einfluß aufzuhaltende Herrschaft der Influenza läßt cS als wahrscheinlich annehmen, daß ein gemeinschaftliches Nebel ihre Quelle ist. Aus Nord und Süd, aus Ost und West kommen Nachrichten von ihrem Auftreten. Sie übt thatsächlich eine Weltherrschaft aus. WaS kann natürlicher fein, als daß mau in der Allgemeinheit ihres Bestandes auch eine Allgemeinheit der Inklination hiezu finden zu können glaubt? Der gleiche Effect läßt in der Reael auf ein gleiches Motiv schließen. Der Unterschied der in die Erscheinung tretenden Wirkung liegt in der Verschiedenheit der subjectiven Widerstandsfähigkeit oder in der höher» oder minder» Potenz der sich Geltung verschaffende» Ursache. Diese Regel gilt auch für die Influenza. Ihr AuSgang ist deshalb nicht der gleiche. Das erschüttert aber nicht die Annahme, daß die Disposition für sie eine allgemein vorhandene ist. Diese ist aber keine physische, sondern eine psychische. Sie besteht in der Aufgeregtheit der Gemüther. Die Sucht nach Genuß, die Hast im Erwerbe, die Unsicherheit der politischen Eonstellationen, die Schwankungen auf den Märkten, wo die finanziellen Werthe bestimmt werden, auf der einen Seite, die Noth deS Tages, der Kampf umS Dasein auf der andere» Seite, alle diese Momente wühlen den ganzen inneren Menschen gewaltig auf und berauben ihn der Ruhe; er geräth in fieberhafte Aufregung. Was jede Irritation für den Menschen bedeutet, braucht nicht erörtert zu werden. Sie macht ihn zum Objecte seelischer und körperlicher Seiden. Wenn der Weltweise des grauen Alterthums in einem gesunden Körper einen gesunden Geist walten läßt, so ist es gewiß wahr, daß eine gesunde Sxele den "ganzen Menschen gesund erhält. Die Aufregung hingegen erzeugt, wenn es nicht paradox klingt, in seinem Wesen Poren, welche den schädlichsten Einflüssen den Zulaß gestatten. Wie leicht ist es, daß in einem solchen aufgeregten Zustande durch den Hinzutritt nur eine« geringfügigen äußeren oder inneren Anlasses das vorhandene Unbehagen zu einer Krankheit sich potenzirt, wie ein bloßer Funke den vorfindlichen Zündstoff zur Explosion bringt, welche die gefährlichsten Schäden zur Folge hat. Mag aber auch dieser Erklärungsgrund für das Entstehen und Bestehen der Influenza auf therapeutischem Gebiete kaum eine hypothetische Berechtigung für sich in Anspruch nehmen können, so kann ihm eine solche für die sociale Influenza nicht abgesprochen werden. All die ungezügelten Affectausbrüche, vom Antisemitismus angefangen bis zu dessen letztem Ausläufer,, dem Anarchismus, haben ihren Hintergrund in der Aufgeregtheit der Gemüther. Nicht daß diese an sich den Impuls zu, den antisemitischen oder anarchistischen Ausschreitungen gibt, aber sie bildet den empfanglichen Boden für die Gistsaat der herostratischen Unruhestifter und Störer der gesellschaftlichen Ordnung. 'Nur auf diese Weise erklärt eS sich, daß die HeereSfolge der den Umsturz verkündenden Apostel sich mehrt. Im Zustande der Aufregung gehen die ruhige Ueberlegung, die kluge Besonnenheit, die berechnende Reflexion des Menschen verloren, und er sinkt zum willenlosen Werkzeug herab. In welch freventlicher Weise die Hände gewissenloser „Bolksbcglücker" davon Gebrauch machen, wird stündlich von Neuem gezeigt. Der bürgerliche Zusammenhang in dem communcn Verkehr wird muthwillig zerrisse», jede Autorität mit Füßen getreten, Handel und Wandel gestört, der ruhige Gang aller staatlichen Einrichtungen gehemmt und das öffentliche Elend vergrößert. Die Männer der medicinischen Wissenschaft sind, unablässig bemüht und bestrebt, die Influenza der Zeit, insoweit sie ihre Opfer im Bereiche des körperlichen Befindens sucht, durch Anwendung geeigneter Mittel zu bekämpfen und ihrem Umsichgreifen Einhalt zu thun; soll ihre Herrschaft auf socialem Gebiete eine unumschränkte sein und bleiben? Villeant eoasules! Emanuel Bau arten. Geschäftlich geächtet. Wir erhielten von einem angesehenen Fachschriftsteller in Wien nachstehende Zuschrift, die wir ohne jeden weiteren Eomincntar unseren Lesern zur Kenntniß bringe» ifiib zur Beachtung empfehlen: Geehrter Herr Redactcur! . . . Sie kepnen meinen Standpunkt. Als Naturforscher bin ich gewohnt und cS ist mir z» einem unabweiSlichcn Postulatc geworden, die Erscheinungen in der Natur ohne jede Boreiiigcnommenhcit oder Parteilichkeit in ihren Entwicklungsgängen zu beobachten und darzustellcn. Mein Beruf ist von der Art, daß ich von der Nothwendigkcit enthoben bin, mich mit TageSfragcn zu beschäftigen, aber cS haben sociale Uebelstände um sich gegriffen, die jeden denkenden, ehrlichen Mann förmlich zwingen, auch im öffentlichen Streik eine bestimmte Haltung einzunehmen. . Sic errathen, daß ich den Antisemitismus meine. Ihre geschätzte Wochenschrift, die über dieses Thema leider Gottes Unerschöpfliches zu berichten weiß, scheint mir das geeigneteste Organ, um mich darin auszusprcchcu. Ich bin weder Antichrist noch Anlijud,' kein Philochrist und kein Philosemit, verwahre mich sogar gegen derartige, einen ernsten Forscher entehrende Epitheta, indem ich mich frank und frei, unbeschadet meiner Staatsbürgerschaft, deren Segnungen mir über Alles theuer sind, für einen Weltbürger halte und danach mein Leben und Gehaben mir und den Mitmenschen gegenüber einrichtc. Wiederholt nannten Sie die 4hitisemiterei eine Gefahr für - daö öffentliche Leben, eine Seelenpcst u. s. w., sie ist jedoch' etwas weitaus Schrecklicheres als eine bloße Bedrohung; denn sie hat sich schon de facto zü einem Staat im Staate, zu einer nnbezweiselbaren Vehme gestaltet, die den Bestand der staatlichen Gesellschaft ins sanken bringt. Der moderne Staat besteht nicht wie einst die kleinengriechischen Duodezstaaten, wie die erste römische Republik, die altindischen Organisationen, der altperuanische Staat und noch am Anfang dieses Jahrhunderts daSserbische Völkchen auS Sippen, Stimmen, Bundes-