Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Seite?. Nr. 04. Freies L-cülllcton. Die Ernpövevin. Roma» nach dem,Englischen dcS Waller Befallt von Marie Majer.!>. ,yOrlf<tlllli|.) Diese» Morgen iuav Harold allein an der Arbeit inJ feinem Vabora toriiim. Da eö seit seiner Abweisung durch die junge Daine, deren Bild au^ dein Tische stand, nicht lange her war, halte man annehnien sollen, daß er Zeichen von Mißbehage», Zorn, Enttäuschung oder Berzweiflung an sich tragen werde. Harold ballte nicht -die fällst und legte nicht die Stirne in galten, noch saß er in, Kinkel und seufzte. Gleichwie Wetther's Volte weiter Butterbrote > schnitt,' so setzte der junge Mann ruhig seine Untersuchungen fort. Ed schien als hätte jene Angelegenheit für ihn nichts als eine kleiite Unterbrechung bebentet; nun hatte er seine Arbeiten wieder attsgenoinulen. Sein Antlitz zeigte den ernsten, festen Blick eines Mannes, der arbeitet, beobachtet, denkt und »ach Thatsachen sucht, initiier »ach neuen Thatsacheu. Dieser Blick veredelt, steine andere Thätigkeit kann dein (Gesichte einen so edlen Ausdruck verleihen. Auf dem Tische — er saß nicht am Tische — lag neben dein Bilde ein Brief Franziskas: er hatte ihn bereits geöffnet und gelesen. Kein Work stand darin Tiber die Erklärung und das Unmögliche; der Brief war frank und frei wie alle ihre Briefe, freundlich, Vertrauens voll; sie wollte ihr Bersprechen halten und ihm schreiben, als ob es nichts zwischen ihnen gegeben hätte. Auch gut; einstweilen tonnte man ja warten; was tonnte nicht Alles die Zntinist bringen? Franziota hatte viele Grillen; Meltah, die weise Fratz, hatte ihm Sratel voll Trost und Hossnung gespendet. Er arbeitete von zehn litte bis Mittags, es mar eine Arbeit für die „Mittheilungen der chemischen Gesellschaft". Während er noch arbeitete, wurde die Thür des VaboratorintnS geöffnet, und ein Mann trat ein, ohne angemeldet zu sein. Harold hörte nichts. Ter Mann wartete einen Augenblick. Er sah sich im Zimnie^'itm, erblickte de» Eigenthümer und lächelte. Dann schritt er leise durch das Zimmer und legte seine Hand ans Harold s Schulter. Harold stutzte, warf sein Vöthrohr hin und sprang ans. „Tu!" ries er, „du! Emannel! mein lieber Freund, wo bist du gewesen? Was hast du gethan? Warum hast du mir nie ge schrieben?" Er ergriff seine beiden Hände und fuhr, fort: „Wo bist du gewesen? Was hast du gethan? Setze dich —setze dich, Wimm diesen Stuhl, so. Wun laß uns plaudern.'Wo bist du ge.wesen?" „Ich bin wie sonst gewandert über das Antlitz der Erde." Der Mann sprach freundlich und sanft, mit fremdländischem Arcent. „Dein Wanic ist nicht Emannel. Tu bist kein (Geringerer als AhaSver." „Ich bin ein wandernder Jude, das ist ganz sicher. „Als ich dich kennen lernte, warst du schon sechzehn Jahre gewandert, und daS ist nun vier Fahre her." — „Ich aber bin noch der alte Wanderer. Ich ziehe durch die Welt und schaue. ES ist sehr interessant." „Du solltest niederschreiben, was du Alles weißt." „Vielleicht, einmal, aber man verlernt das Schreibe». Die Alten dachten, die Modernen schreiben. Ich ziehe den allen Brauch vor." „Sie starben und ihre Betrachtungen gingen verloren." „Sie kehrten ans die Erde zurück, an demselben Tage, da sie - dachten, daß Ehre Gedanken untergehen. Ja, ich bin mehr als zwanzig Jahre-gewandert. Zuerst begann ich meine Reifen, um eines Kummers los zu werden. Es war ein schmerzlicher stummer, und, ich mußte soweit von dem Gegenstände desselben entfliehen, alö möglich. Es war ein Kummer, den man nicht los wird. Aber bei der großen Ent fernung konnte er manchinal vergeben werden. So wanderte ich durch die Welt, nud es gelang mir öfter, meinen Kummer zu vergessen." „Warum schriebst du mir nie?" „Ich verlor deine Adresse. Als ich nach Vonboii zurücktehrte, schlug ich nach int Adreßbuche, fand dieselbe, und hier bin ich nun!" * „Was ist'S mit deinen wissenschaftlichen Ideen?" „Ich werde dir eS gleich sagen. Ist dies dein Laboratorium- — Dein eigenes?" „Mein eigenes, dein eigenes, wenn du willst, o! nicht nach spanischer Redeweise. Eö steht zu deiner freien Beifügung, wann . immer dir's gefällt, den ganzen Tag hindurch — jeden Tag.— „Bielen Dank. Ich will eS benützen, wenn auch nur als Beweis, daß du mich nicht vergessen hast." „Vergessen! dich, Emanuel! Wie könnte ich dich vergelten!" Wieder streckte er beide Hände aus. „Wie tönnte ich je die Art unserer 3? I a 11. Begegnung vergessen? Eö war in der Wüste östlich von Petra. Dort fand ich den Mann der Wissenschaft, den Pliilosophen mit einem Bednineiistatnine, wandernd mit iljtiyi, lebend mit ihnen, gekleidet mit ihren 'Gewändern. Rie werde ich mein Erstauneu vergessen, als mich einer dieser Wüstensöhne durch eine moderne Brille ansah und auf Deutsch. Französisch und Englisch anredete." „Es war eine fröhliche Begegnung. Wo immer ich bin, lleide ich mich nach der Sitte des Bottes und rede seine.Sprache/' „Man muß aber zuerst die'Sprache lernen " . „Das ist leicht. Meist find's nur Dialeete." „Dir vielleicht. Dann reisten wir zusammen durch die Wüste znni Euphrat, von einem Stamm znin anderen, wie könnt ich das vergessen? Und die Reise daS Euphratthal hinauf zwischen den Erdhügetn, den Ruinen und den Vöwen?" „Ich erinnere mich dieser Reise auch sehr gut," „Wir waren sechs Monate beisammen, und nun scheint'« mir eine so kurze Zeit, und doch so lange. Ich «lernte mehr von djr in diesem kurzen halben Jahre, als ich in nieinem ganzen früheren Veben auS alte» Bücher» lernte. Du träufeltest Ideen in mein Hirn, du predigtest mir; du prophezeitest. Wenn du sprachest, trugst du meinen Geist mit fort. Ich vergaß Alles, ich hörte nichts, ich sah nichts, als waS ' du wünschtest, daß ich sehe und höre und denke. Gibt es noch einen Menschen in dieser Welt,' der diese Macht hat? Es sollte mich wundern. Dn bist der letzte der Propbeten. Ich verstehe nun, waS diejenigen gefühlt haben, welche einst den großen Propheten lauschten. Dn sollst wieder z» mir reden, wenn dn willst. Ich möchte' sehxn, ob dn iit dieser bevölterten Stadt dieselbe Macht haben wirst, als dn in derwilden, freien Vnjt der Wüste besaßest " „Es ist das, was ich sagte, das Gemütb, welches empfängt, n ich der Drt, wo die Tinge gesagt wurden, maßgebende Mein Freund, weil dn bist, was du bist — fähig zu empfangen und zu verstehen — darum wurdelt du mitgerissen. Man tönnte ein und dasselbe tausenden von Menschen ■ sagen, und sie .tvüren nicht im geringsten erregt — nicht im geringsten. Aber es ist köstlich, o, es ist köstlich," Emanuel sprach so sanft mit. seiner mnsitalische» Stimme „solche Worte zu höre». Vaß uns Übereinkommen, nie diese Reise zu vergessen. Wir sahen viele Menschen, wir sreuten uns, die alte Eivilisation dort wieder herzustellen, wo sie ihren Anfang nahm, wir lernten sehr viel dabei. WaS meine Reden anbelangt, so weiß ich, daß ich viel zu sagen hatte. Wenn man herumwandert, tommt Einem so manche Idee. Aber Freund schaft übertreibt. Dn sprichst zu gut über meine armen «Gedanken. — Aber die Gedanke» eines Anderen zu fassen, erfordert mindestens eine gleiche ■ oft eine höhere Ratnr. Vielleicht hals auch die Wüstenluft." „Es ist die beste Vit ft der. Welt. Sie erbebt die Seele, Emannel. Ich bin größer und stärker geworden, seit ich diese Vuft trank." „Für mich ist's die .Heimatslnst. Der Jude ist ein.Sohn der Wüste; er wanderte vierzig Jahre lang in der großen, st,rischen Wüste, bis bloß zwei Männer blieben von allen Jenen, die ans Egnpten kamen Alle die Anderen waren tobt — sie und ihre Selavengemülher. AIS. diese tobt waren und die Freiheit.der Wüste in den Seelen ihrer Kinder stärt geworden war, führte sie Iosua in den Kampf. Wir sind die Kinder der Wüste." „Ja. du wärst dort zu Hanse. Der Cit begeisterte dich. Da war ein Mann der Wissenschaft ohne Vabvratorium, ein Mann. der Gele!,rsamkeit ohne Bücher, ein Philosoph ohne Papier und Stift, ein Vehrer mir nur einem Schüler, ein' Weifet,bei' ohne Geld, ein Mann voll Ideen, sorglos, ob er sie der Welt mitkheilen lönnle oder nicht, ein Mann ohne Ehrgeiz, ohne Wünsche, zufrieden mit denssGeringsten. Der Vetzte der Propheten war auch der Vetzte der Pilger.." . „Es war zu Shdon, wo wir schieden." „Ichging nach Beyrut und d» setztest deinen Weg nach DamaScuS fort. Gott! wie traurig und schal war es ohne dich. Aber nun liegst du fest, und nun wollen wir wieder plaudern." ' „Ich ging nach Damasens. Im Vibanon beraubten mich' einige Räuber aller meiner Kleider — sonst hatte ich nichts — nur mein Rotizbuch haben sie mir gelassen. So war ich abermals in derselben Vage, in welcher dn mich fandest. Aber ich kam in die -Stadt und fand da Biele auS ineitteni Volke und blieb lange Zeit." „In Damascuö.ist kein Vaboratorium, vermuthlich?" „Rein: icl)-dachte über eine große Menge Dinge nach und arbeitete in meinem Handwerk, um meinen Unterhalt zu fristen. Ich fand auch dort, wie sonst überall, einen Mann, der mir so viel abkausen wollte, als ich ihm arbeiten würde, um es für thenreS Geld weiter zu verkaufen. Ich sah mich auch in Büchern um — in der alten arabischen Viteratur, aber ich zog keinen Rntzen daraus. Ein Arzt lebte in Dymasrns, welcher sich rühmte, ein Ehetniker zu sein. Er verlangte von mir, daß ich verschiedene Mittel für ihn bereiten sollte f Mittel, um die Augen