Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Freie» Blatt. ITr. 94. Seit« 8. D almo n iko erklärte aber unter Lid, er habe genau gehört, baß Herr Steiner sagte, Herr Holocher habe als Bürgermeister der Gemeinde RudolfShrim widerrechtlich 30.000 st. der Gemeindecasse entnommen, und diese Aeußerung habe zu stürmischen Zwischenrufen in der Versammlung geführt. Im selben Sinne deponirte der Zeuge Ludwig S chwarzmaqe r; dagegen erinnerte sich der Zeuge TalajS nicht mehr genau an den Wortlaut der Äeußerung Sleiner's. Der Richter Tr. Schober schlug hierauf einen Ausgleich vor. was jedoch Herr Holocher mit der Begründung zurückwieS: er könne sich nicht sagen lasten, daß er 30.000 ft., ohne einen Beschluß eingeholt zu haben, genommen habe. Daraus bemerkte der Verrbeidiger Steiner'«, Tr. Lueger, daß'die« keine unehrenhafte oder unsittliche Handlung sei, und fügte lächelnd hinzu: .Wenn Dr. Prir sich eine Million hat gefallen laste», können Sie sich ruhig 30000 fi. gefallen lasten." Ta ein Ausgleich nicht zustande kam, erbot sich nun Tr. Lueger, den Wahrheitsbeweis kür die von Herrn Steiner gemachte Beschuldigung zu erbringen und ersuchte um Vertagung der Perhandlung behuf» Reczuisitio» deS MagistratSderichteS vom Jahre 1891 und Vorladung der Zeugen Leopold Braune iß und Kran; Rückauf. Ter Vertreter deS Herrn Holocher, Tr. fröhlich, beantragte die Vorladung der Zeugen Anton Müllner, Friedrich Salzer und Ioief .st aufmann. Ter Richter beschloß, den Anträge» Folge zu geben, undvertagte die Verhandlung. «Versuche bei Polen und Lothringern.) Tie Antisemiten im Deutschen Reiche, fl-elche sich bekanntlich auf die ausschließlichen Pächter des Teutichthum« binauSspielen, haben bei verschiedenen Anlässen die BundeSgenostenschaft der dänischen Protestler um jeden Preis erwerben wollen, wurden aber stets zurückgewiesen.' Run versuchen sie die Polen für die antisemitische Bewegung zu gewinnen und ließe» zu diesem Zwecke Flugblätter iiiS Polnische übersehen. Auch nach Lolbringen verpflanzen sie ihre Agitation, welche dort namentlich der „Mann der Ehrenscheine". Herr Liebermann v. Sonnenderg. betreibt. Derselbe lieferte jüngn eine nette Probe von Mangel an UrtheilSkraft oder, was wahrscheinlicher ist, von bodenlo'er llnversrorcnheit. Er trieb sich vor etwa zwei Wochen in ehemalS polnischen LandeStheilen Preußens berum und schloß da einen Vortrag, den er in Thor n hielt, mir folgenden Worten: „Meine Herren! Ich muß schließen: au« meinen Worten werden Sie erfeben habendaß uns eine Heye gegen die Juden fernliegt. Man macht nur den Vorwurf, daß wir die Gesetz« der Humanitär den Juden gegenüber verlehcn, aber, meine Herren, das Iiidknihuni zu ichüven. würde für uns ebensoviel bedeuten, alS wenn wir den .startostelkäfer, die Trichine, die Reblaus unter ein Thierschutz ge'ey stelle» wollten." TaS nennt Liebermann keine Hetzerei! '„Ehrenschulden."' Tie „Antisemitische Vereinigung für Notddeutschland" braucht Geld zur Deckung von „Ehrenschulden". Ein Ausruf, der an die Taschen der Gesinnungsgenossen avvellirt, besagt: „Im Eifer des Wablkainv'eS haben Einzelne üch für die Sacke geopfert, sind Verpflichtungen 'ür die Gesammlbeit tingegangen. Diese Ebrenschulden müsten endlich getilgt, werden, auch die Freudigkeit bei der Arbeit für unsere Sache darf nicht getrübt werken. GesinnungSge,tosten!.. . Wie unsere Vorfahren in den Befreiungskriegen opferten, >'» opserl jetzt Euer Sckerflein. Gebe Jeder nach seinen-Kränen. Auch die kleinste Gabe ist willkommen." Tie Anspielung auf die Befreiungskriege wird hostenrlick, meint die „Volke^itung", aut die „opferfreudige»" Männer, z. B. auf Abi war dt, die Wirkung erzielen, daß sic üch nach be- . rühmktm Muster die Haare abschneiden lasten und den Erlös auf den Altar der Racenbay niederlegen! , antisemitischen Blättern. Für rinrn Anrisrmitcn eine sehr wohlwollende Ansicht Tie „Ostocutsche Rundschau" sckreibl: „Gemeinderarh Stezner behauptet, daß neunzig Percenl der liberale» Parteimitglieder eS mit der Bevölkerung nicht cbvlich meinen. Herr Steiner hält al>o zehn Percent der Liberalen für ehrlich? Das ist für einen Anli-emiten leteiifalls eine >'ebr wohlwollende Ansicht ".Tiefe Bcr'vottung der antiiemitiicken BerlenmdungSsucht ist wirklich nicht übel: wie kcmu'.: ne ,l-;r in ein Blatt, daS arische Zuchthäusler höher stellt als Semiten? I»'iV".nu’, des RälbielS dürste folgende sein: Ter Vcrfaster der betreffenden 'Roiiz, F. F. Mas-aidek, ist auch beim Waldhcim'sche» „Figaro" dedienstet, der stellenweise auch nickt anrisemitelr, mitunter sogar einen oder den anderen Antisemiten ,,'rczzelt". Eine 'ür da« ,'ogenannte „Wiyblatt" bestimmte Roti; dürste nun aus Fahrlässigkeit in die „Ostdeunche Rundschau" gerathen sei». ‘Jinr nickt übertreiben!> Ta« „Teutsche VolkSblatt" preist Herrn Tr. Lueger, daß er de» Mulb batte, in seiner Rede anläßlich der Landtags debakter über den „Teulichen Tchulverein" sich osten auf den Standpunkt de? RacenantisemiriSmuS zu stellen. An deu Murh Tr. Lueger'S. einen beliebigen neuen Standpunkt zu wählen, ward Riemand zweifeln: e« kommt ihm, wie einst da! „Deutsche VolkSblatt" richtig bemerkte, auf eine Schwenkung mehr oder weniger nicht an. Es ist aber eine arge Uebertreibung, zu behaupten, Tr. Lueger hätte sich bereits auf den Standpunkt des Raceiiantii'emitismu« gestellt. TaS ist ganz kal-ch. Eine Eonieauenz'der streizgen Raceniheorie, wie sie Meister TühOug lehrt, ist der Kampf gegen Alles, was an Palästina auch nur entfernt erinnert. Würdeihr Dr. Lueger huldigen, dann müßte die Gesellschaft, welche er derzeit leitet, eine Namensänderung vornehmen; sie müßte sich statt „christlich social" „arstch-social" nennen und demgemäß handeln. Einer „arisch-socialen" oder auch nur „germanisch-socialen" Gesellschaft dürsten jedoch die hochwürdigen Herren Scheicher und Schnabl nicht angehören; auch der fromme Eompagnon de« Dr. Lueger, Herr Dr. Brzobohaty, würde dann kaum minhun. Ein Racciiantisemit, ein Feind jeder „palästinensischen Anschauungsweise", ist Dr. Lueger noch lange nicht; er wird wohl auch weiter an Frohnleichnam«- processionen lheilnehmen und sich nicht in den undankbaren Dienst des vom Christenthumc entthronten Wodan stelle». f (Vom Schlage Gkegorig) Das pöbelhafte Treiben gewisser christlichsocialer „Volksvertreter" wird selbst von antisemitischen Blättern mißbilligt. So schreibt die Kremser ^Qe sterrcichische Landzeitung": „Diese Wiener Antisemiten vom Schlage Gregorig trdiben es denn doch schon gar zu arg. Man weiß wahrlich nicht, soll man solche Leute noch ernst nehmen? Sie wollen, wie es scheint, Gott und die Welt mit ihrer liebe» Einsalt zum Besten Hallen." — Ein anderes Antisemitenblatt allerdings, die „Ostdeutsche Rundschau", weidet sich an der „göttlichen Grobheit, dem urwüchsigen Humor und der volkSthümlicheu Teibheit, welche in manchen Interpellationen Gregorig'S zum AuSdrucke kam". Wen» nun schon zwei Antisemiten, die aus einer und derselben arischen Fulterkrippe fressen, über die sittliche Oualification einer und derselben Sache so grundverschieden denken, darf man sich da wundern, wenn unsere Urlheile und die ber Antisemiten über viele Tinge, z. B. über ZuchlhäuSlerhoheit, so weit auseinandergehen? (Ter dumme Kerl von Marburg.) Aus Marburg hat man uns von befreundeter Seite eine Nummer der dort erscheinenden „Marb»rger Zeit»ng" zugcsendtt. I» derselben thut Einer, welcher ossenbar den Ehrgeiz hat, den dummen Kerl von Marburg zu spielen, über unsercn „Ter Fremdenhaß" überschriebenen Aufsatz sehr entrüstet. Er cilirl a»r demselben den Satz: „War, es doch Deutschland, wo sittlich verkommene Gelehrte den Fremdenhaß in ein förmlicher wissenschaftliches System hüllten und dem Pöbel i» Lumpen und Seidenbüten cinredelen, es sei ein verdienstvolles Werk edler Vaterlandsliebe. . Mitbürger nichtdeuischer Herkunft zu demütbige». politisch und wirthschaftlich zu -bekämpfen " Ter sehr Entrüstete, der sich selbst als zum Pöbel gehörig bekennt, meint kann. eS wäre die höchste Dreistigkeit, Rohling und Tühring st«!> lich verkommene Gelehrte zu nennen. C, heilige Einfalt! Schon diese Znsammknstelluyg zeiigl von jämmerlicher Unwiffenheik. Rohling alS katholischer Geistlicher ist für einen Tühring nicht« Andere« als ein Jude, ein Vertreter der ib», fferhaßte» palästinensischen AnschaiinngSweise, mag ec iinnierhin einer älteren Form derselben feindlich gesinnt sein. Ter dumme Merl von Marburg braucht daS freilich nicht zu wisse»'; er findet schon sei» Fortkommen, wen» er ohne jede geistige Anstrengung „Hepp! Hepp!" brüllt. (Tit Trobung des „Magyar Allam".) Wir habe» schon von der Drohung deS „Maqvar Allam" Notiz genommen, welcher Iudenhetzen für den Fall in Aussicht stellte, als die Budapester Kundgebung der Ultramvntanen gegen die kirchenpolitischcn Reformvorlage» von Socialiste» gestört werde» sollte. Der „Magyar Allam" bedrohte die Inden geradezu mit einem Massiere. Später mochten ihm nach reiflicher lleberlegung oder aus Grund bischöflicher Belehrungen ernste Bedenken gegen diese KampfeSweisc ausgestiegen sein, denn er fand sich bewogen, seinen Trohartikel theilweise zu widerrufen. E« war jedoch zn spät, denn der Oberstaatsanwalt Kozma hat dessenungeachtet gegen das Blatt einen Proceß angestrengt. Ter „Magyar Allam". welcher dem Ministerpräsidenten Tr. Wekerle prophezeite, derselbe werde sich in Folge seiner Kirchenpolitik da» Genick brechen, läuft selbst Gpfahr, von diesem Mißgeschick ereilt zu werten. (Antisemiten »Itter sich.) Der Teutt'cheste der Teutschen, Herr Böckkl, droht i» seinem Blättchen mit seinem Rücktritte au« der Agitation, da ihn „der fortwährende Kamps mit Iniriguen, Gemeinheiten, Chicanen undstijederlräcktigkeiten im eigenen Lager anwiderk". — Ein vertrauliche« Rundschreiben dek konservativen LandeSvereineS in Sachsen bezeichnet die Führer der „Reformpartei" als „Leute, die in gelegentlichen königstreuen Kundgebunge» Deckung filchen für die Verhetzung de« Volkes gegen Autorilät und Besitz". Die „Teutsche Wacht", da» Organ deS Abgeordneten Zimmermann, rächt sich nun durch eine» heftigen Angriff aus die „sich conservativ nennende Verleumder- und Ehrabichneiderbande". (Eine Tendenzlügc.) Drumont's „Libre Parole" erzählt, daß Baron Gustav Rothschild in Paris eine Krankheit vorgeschützt und ein ärztliches Zeugniß eingeschickl hätte, um sich der Pflicht al« Geschworner während des Processc« gegen den Bombknschleuderer Vaiklant zu entziehen. DaS Ganze beruht aber auf Dichtung. Beim Aufriis der Geschwornen zu Beginn der Verhandlung gegen Baillanl war Baron G. Rothschild im SchwurgerichtSsaale änwt'end. Er kehrte jedoch nach der im BerathungSzimmer vorgenommenen Auslosung -der Jury nicht mehr zurück, da er von Baillant'S Vertheidiger abgelehnt wurde. Drumont's Tendenzlüge wird selbstverständlich die Runde machen durch alle Blätter der antisemitischen Internationale.