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Freies Blatt · 1894-01-21 · 94 (21.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
94 (21.1.1894)
Date
1894-01-21
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 94. Seite 7. Freie» der Religion von denjenigen Menschen zugeschrieben, die überhaupt an^ nicht- oder nicht an die Religion glauben, die sic dcfiniren. Tie dritte Bedeutung, welche der Religion zugeschriebe» wird, ist die, daß die Religion eine von klugen Leuten ersonnene Zusammenstellung von Gebräuchen und Gesetzen ist, welche nothwendig sind um der Bolksmasien willen, sei cs als Trost oder als Zügel ihrer Leidenschaften oder auch als Mittel, um diese Bolksmassen zu beherrschen. Diese Bedeutung wird der Religion von denjenigen Menschen zugeschriebe», die gleichgiltig sind gegen die Religion als Religion, die sic aber für ein nützliches Werkzeug der Regierung halten. Bon allen diesen Definitionen behauptet nun Tolstoi, indem er sie mit Definitionen dcS Begriffes „Musik" vergleicht, daß sie nicht das Wesen des Gegenstandes erfassen, sondern nur seine Merkmale vom specisischen Slandpunkr des Dcfinirendcn auH, indem nicht das dcfinirt werde, was das Wesen der Religion auSmacht, sondern der Glaube der Menschen an 'das, wcks sic für Religion halten. Und das sühn ihn dazu, zu fragen: „Was ist der Glaube? Warum glauben die Mensche» an daS, woran sic glauben? Woher ist der Glaube entstanden?" Nachdem sich Tolstoi gegen die Auffassung gewendet hat, welche die „landläufige Wifscnschaft" von der Entstehung der Religion vertritt, polemisirt er des Weiteren gegen die Anschauung, nach welcher die Menschheit zwei Perioden bereits durchlebt habe, eine religiöse und eine metaphysische, und daß sic jetzt in eine höhere dritte, jdie wissenschaftliche, ciugetrcteu -sei. Er bekämpft die Meinung, daß alle religiösen Erscheinungen unter den Menschen nichts.weiter seien als das Sichauslcben eines nothwcndig gewesenen Organes der Menschheit, daS längst seinen Sinn und seine Bedeutung verloren hat — in der Art etwa wie der Nagel der fünften Zehe des Pferdes, Nach seiner Ansicht besteht das' Wesen jeder Religion nur in der Antwort auf die Frage: „Wozu lebe ich und in welcher Beziehung stehe ich zu der mich umgebenden unendliche» Welt?" Jede religiöse Lehre erscheint ihm als die von dem Stifter der Religion ausgesprochenen Beziehungen, die der Mensch zu der Welt und zu deren Ursprung . besitzt. Tie Beziehungen gelten dicsciti dann auch für alle anderen Mensche». Die äußern sich auf die mannigsaliigste Weise je nach den ethnographischen und histortschcn ' Bedingungen, in denen sich der Stifter der Religion sowie daS Bolk befindet, das sich diese Religion aneignct. Dergleichen Beziehungen des Menschen zum Weltall gibt eS anscheinend viele; in Wirklichkeit jedoch find -die (Krimdbeziehnngen des Menschen zu der Welt oder zn dein Ursprung nur dreifacher Art: Die erste besteht darin, daß sich der. Mensch als ein sich selbst genügeitdcS Wesen anerkennt, das in der Welt lebt, um in derselben daö möglichst größte persönliche Wohl zu erringe», unabhängig davon, wie sehr das Wohl .anderer Wesen darunter leidet. Die zweite. besteht darin, daß der Sinn des Lebens nicht'in dem Wähle eines einzelnen Individuums, sondern in dem Wohle' einer gewissen Bereinigung . von Individuen anerkannt wird wie Familie, Geschlecht, Bolk, Staat, sogar Menschheit iBcrsuch der Religio» der Positivistcn). Die . dritte, die christliche, in welche jetzt nach Tolstois Ansicht die Menschheit tritt, bbstcht darin, daß der Sinn dcS Lebens von dem Menschen nicht mehrin der Erreichung seines persönlichen Zweckes oder des Zweckes einer beliebigen Gesaunntheit erkannt wird, sondern. nur darin, dem Willen zu diene», der ihn und die ganze Welt hervorgcrnfen hat, also nicht zur Erringung seines eigenen Zweckes, sondern ',»*_ Erreichung der Zwecke dieses Willens. Aus dieser dritten Ansicht entsteht, diejenige religiöse Lehre, deren Keime bereits in der Lehre der Alte» ruhten, der Pythagoräcr, der Essäcr, der Perser, der Brahinancn, der Buddhisten u. s. w., die aber »ach Tolftoi's Ansicht ihren vollen und letzten Ausdruck erst im Ehristenthnm, in dessen wahrer, unverfälschter Bedeutung erhalten hat. Zn einem weiteren Artikel wird sich- Leo Tolstoi darüber äußern, wie er sich zu der Frage stellt, ob cS eine von der Religion unabhängige Sittlichkeit geben kann. (Zur Stellung der Frau bei öen Semiten.)' Herr Halevy, Professorder äthiopischen Sprache an der bioola ckö» Huntes Etiules, hat die Mythe der Entführung Proscrpinas durch Pluto auf einer babylonischen Keilschrifttafcl des fünfzehnten Jahrhunderts vor Ehri>tuS * nachgcwicsen, die in El Amarna, Hauptstadt dcS cgnptischcn Königs Amcnophis IV., entdeckt wurde. Der erhaltene Thcil der Zuschrift gibt den Abschluß des Dramas. Rcrgal, der babylonische Pluto, wollte Eris Kigal, Tochter des Anu (Jupiter), heiraten, die jedoch nicht rinwilligte. Ter Plan, sie durch List in den Palast Rergal's zu bringe», mißlingt. Um die Spröde für ihren Widerstand zu strafen, - erhält Namtar, eine Art Hermes, Führer der Seelen, den Auftrag, sie mit Gewalt' hinzu bringen. Der Palast i|t von unbestechbarcn Genien bewacht. Angesichts der Bedrohung mit dem Tode willigt Eris- Kigal ein, die Gemahlin Rergal's zu werden, und benützt die Rührung ihres Gemahls, um von ihm den gleichest Antheil seiner Gewalt über Statt die Unterwelt zu begehren. Sie sagt: „Ich will deine Gewalt thcilen, du bist, dann der Herr, ich di: Herrin." Rergal, statt dies zornig abzuwcisen, umarmt und küßt sie und trocknet ihre Thränrn: „Ich werde dir fortan. AUcS gewähren, was du wünschest."- Halcvy führt ans, daß dieser Wortlaut sechs Zahrhundcrtc älter ist als die Homerscheu Schriften und im fünfzehnten Jahrhundert vor EhristuS am cgypkifchcn Hofe benützt wurde. Die Inschrift zeigt eine für die Fremden bestimmte bcreinfachtc Schreibung und stammt wahrscheinlich' aus Syrien. Außer dem Borhandcnsein der Mythe der Entführung der Proscrpina . bei den Babyloniern bestätigt diese Inschrift auch, daß bei den ältesten semitischen Böllern die Gleichstellung der Frau schon, wenigstens in den Anschauungen der Gebildeten, vorhanden war. 2lus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Gin christlich-sociales Fest.) Ta» angckündigte Fest des „Christlich, sociale» Ber eines" fand neulich in Elterlein'S Casino statt. Nachdem ein von einem antisemitischen Reporter al» „resche GesinnungSgenojsin" besungenes Fräulein Berlht? Babaöek Gedichte christlich socialer Tendenz declamirt hatte, hielt Prinz Aloi; Liechtenstein eine Festrede. Ter Prinz bot seiner Zuhörerschaft, die er richtig zn taxireii scheint, unter Anderem eine Betrachtung biblisch-münzpolitischen Inhalt«; (er sagte: „Biel Glück und Heil dem wackeren P,-reine in diesem neuen Jahre.--Freilich, die Gegenwart ist betrübend genug, trostlos, gleich einer Wüste; so denke ,tch mir di«. Landschaft am Fuße de- Berges Sinai in jenem historischen Momente, alS die Inden, durch ein paar Tage ohne Aussicht gelassen, ihren eigenen Inspirationen folgten und die Goldwährung cinsührtcn; eine energische Hausseparlci begrütztc 'den gelben Metallgötzen mit Tpfer», Gebeten und Tänzen; cs war ein großer, doch, ein kurzer Ansschivnng. Gott sandte vom Berge herab seinen Willen, geschrieben ans steinernen Tafel». Ta» .Halb wurde gestürzt; e» galt jortan da- Gesetz, die zehn Gebote. Heule versuchen sie c» mit der Goldwährtntg zum zweitenmale, hossentlich mit demselben Resultate!" Au» den zehn Geboten die Heiligkeit deS BtntetalliSuntS oder die Verehrung des PapierguldenS abzuleitcn, da» überließ der Festredner dem Scharfsinne der Z ihörerschaft. Ans allgemeines Perlangen __ erhielt die Festrede cinige Zugaben durch WeirheitSiprüch: von Lueger, Pattai uüd Schlesinger. Tic „reiche Gesinnungsgenossin" und ihre Schwester Fräulein Amalie Baba-'-ek gaben hieraus einige „komische Scencn" zum Besten;-Zwei Herren sangen Couplet», kill dritter hielt eine „humoristische Borlesüug";e. Alle Herren und Tauten, die sich vrodncirten, ernteten stürmisäten Beifall. WS c,n Schnellzeichner „gelnugeuc ConterseiS" dcS Bürgermeisters Tr. Prix und de» Abgeordneten Tr. .st ron aiveUe r lieferte, tvurden allerdings Pfui Rufe laut, aber diele schmeichelten dein.stnnstler: hatten sie doch nur die Bestiminung, duhöchst: Begeisterung für lcitie christlich sociale .stunst au», zudrücken. Trotzdem rie Gegeitivart, wie der Prinz lauliig bemerkt hatte, „betrübend genug, trostlos" ist, ainüsirte sich die lchöne Gesellschaft in ihrer Weise bis Uhr Morgins. („Bund dcutsätcr Vanöiwirtlic "■ T.e „ll tbedingten", ivelche die Absicht haben, im Frühling dieses IihreS in 'Wien ent-n Banerntag zu veranstalten, wolle» auch einen „B'nnd deiuicher Land.virths" „ach dein Muster des tu Teutsch. land bestehenden in» Leben rufenz die Statute» diese» Bunde» wurde» vor .stürzet» bei der nieserösterreichifchen Statthaltfrei überreicht. (Mandl l l.i Uniere geinenideräihlichen Antisemiten siiid Miiiitec, die sich diirch Tyatiachen nicht verblüff-» taffe» und in der Ane-chiiltnug langst widertegter Anschuldigungen geradezu Cla'siker sind. Eine unbezreistiche Nachsicht leitensder vlauinäßigangkichwärztett Personen macht ihnen diesen R ihm übrigens spottbillig. Manchmal fällt die Lache allerdings auch bö-e aiiS. So erging es dem lantoien tstemcinderath Sie in er, der sich ans eine» Mandl II. hinansspiell. In einer Aütiieinitetweriainmlnng i» Sechshans besprach er vor einiger Zeit auch wieder einmal dto vielberufene „Million de» Bürgermeister»" und ertvähnte dabei, daß derartige» auch bei ctnem früheren Bürgermeister von RudolfSheim vorgekommen sei: es sollen nun nicht sehr schmeichelhafte Ruse ander Bersammlung gegen den chentaligen Bürgermeister von Rudolssheint, Herrn Holochcr, gesallen lein. Cs handelte sich um die angebliche Auszahlung einer Baurate von 3'Ji„XD fl. für ba» .stajseri» Elnabeth-Spital aus der SchmAz» die der Bürgermeister vorschußweise, ohne daß der Gcmeindcau«schuß gesragt tvorben wäre, aus einem Fonds entnommen und über' welche er eigenmächtig verfügt hätte Ter jetzige Bezirksvorstand'des 14. Bezirke», Herr "Holochcr, hat nun gegen Gcmcinderath Steiner die ChrcnbeleidigungSkiage ctngereicht, worüber am 12. d. M. beim Bezirksgerichte RudolsSheim die Berchandlung stattfand. Der Angfllagte Steiner erklärte sich für nichtschuldig. Er habe chch nicht so geäußert, wie. bie Anklage behaupte. Er habe gesagt: „Der ehemalige Bürgermeister und jetzige Bezirksvorstand von Rndolfsheim Friedrich Holocher hat 30.000 sl. für, SpitalSzwecke ausbezahlt, ohne eineu Gemeindirathsbeschluß ein» gcholt zu haben." Er habe die» deshalb erwähnen müffen, weil er i» der Berfannnlung die „Million Affaire" de» Bürgermeisters Dr. Prix besprach. Ter Zeug«

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