Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freie, Allgemeinheit Dienendes ins Leben zu rufen. Die Lubvention wurde auch mit erdrückender Mehrheit bewilligt; sogar ein Thcil der Antisemiten, darunter Dr. Lueger, stimmte frkr dieselbe. Am Schluss: der Sitzung fanden neuerliche Scandalscenc» statt. Bei einem Referate über ein Project zur Abänderung der Bassinanlage der Wicnstnßrcgulirung in Weidlingau wollte <* rtg orig sprechen, nachdem Bo, sitzender Biccbürgermcister Dr. Richter die Debatte für geschloffen erklärt hatte. Es entstand rin Lärm, und Jcdl.iüka benahm sich hiebei äußerst unanständig, in Folge dcffen er von drei Sitzungen ansgcschloffcn wurde, worauf die Herren Antisemiten ihm zu Ehren den üblich-.n Exodus veranstaltetem Als'„Zwischenrufcr" thaten sich am 12. d M. auch Strobach und Stehlik hervor; Letzterer erhielt einen Ordnungsruf, mit welchem er jetzt in Aiitiscniitcnvelsammlungen als Beweis seiner „Leistungsfähigkeit" paradircn kann. — In der Gemeinderathssitzung vom 16. d. M. brachte» Dr. Stern und Genoffen eine bedcntsanic Interpellation ein, worüber wir im Folgenden nachdem stenographischen Protokoll berichten: Schrifffkihrer Gemeinderalh Mayer «liest : JnleipeUalion der Gemeinderäthe Dr. Slern, Lang, Tr. Mittler, Dr. Friedjuiig, Tagle-jcht, Ritter v. Goldichniidl. Sliaßny und »iareis: ÄlS i» der Plenarsitzung des GeineiuderaiheS voin Jänner d. I. Herr Gemeinderach Steiner seine AuBiihrnngen mit einem Angriffe an« den Advocatenstand begann, wurde er sofort von dem Herr» Präsidenten unlerbroehen und wurde dem Redner die lliigehörigkcff solcher Ausfälle strenge verwiese». In gleich enl'chikdener Weise wird «eilen» deS verekrlichen Präsidiums iminer vorgegangen, wenn ein Redner - Angriffe gegen einen Stand, eine Berufscllffie' oder deren Angehörige vor ziibnnge» sich erlaubt. Tag ans den gleichen Schuv gegen Verlingliinpfungc» auch alle vom Staate anerkannten Confeisionen und -deren Angehörige als wiche »chlliche» Anspruch habt», ist eiulciichtend und kann von keiner Seite in Zweif/I gezogen werden Bon diesem ausnahmslos geltenden Rokusprincipe ivird jedoch-Gcmeinderäih Hawranrl: Das muß geändert werden!» — es mußdies constalirk ivnde» — eine Ausnahme zu llngunsten der vom Sigaie anerkannten israelitischen Eonseision und iluer Angehörigen . als solcher geübt. Mögen immerhin die tägliche» Vorkommnisse in Wie» außeihalb des Ge »leiuderathcs eine nur zu wohl bercchligte herausfordern, so löuiien sie doch niemals;nr Rechlfertigniig deffen, was iniierhalb die-'er anlonoiiiev Uörperichail geschieht, hcrangezogen weide». Im Gemeinderalbe, in denen öffentlichen Plenarsibuiigeii wird von ai>liscmili«cher Seile unausgesetzt jede Gelegenheit bei den Haare» heibeigezogcn, um UnwaKrheiteii, Veidächtigungen, Schiiiähniigen gegen die israelitische ReligionsgescU-chast und deren Angebörige als wiche vor zubriiigen. . .. (Widerspruch links. Gemeinderalh Wcituiaun: Wir proic stire» dagegen. Wir könne» besser d-e Wahrheit, reden wie die!) Vicebürgermeifter Tr. Grübt: Herr Gemeinderalh Weilmanu, ich bitte sich ',n mäßigen: es ist nicht nothwendiz, daß Sie >'o in die Persammlnng schreien. .Reuerliche Unruhe links und Riffe: Tas ist nicht zulässig!) Ich möchte doch bitten, es möglich zu machen, daß ein Schriftstück verlesen werde: es wäre doch bedauerlich, wen» »ichr einmal das möglich wäre. Schrffisührer Gemeinderalh Mayer «t'orlsahrcnd): . .. ohne daß dagegen lene Reprcisiou, von welcher das Präsidium in de» Füllen, da ungehörige Angriffe gegen einzelne Stände und Lerufsclasfc» Vorkommen, mit Recht Gebrauch macht, geübt wird. Unser heriffches, aus den Steucrgeldern aller Bürger ohne iluterschied der Eonfession erbautes, der Stadt zur Ehre und zur Zier gereichendes Raihbausist von amffcinili'chcr Seite als die Sinne ausersehe»^ anwelcher immer »eue Gluthen zur Aii'achung der un'erer Stadl zu Schimpf n»d Schanden gereichenden anliiemilischen Agitation bergeholt werden. (Leb basier Widerspruch links.) Möge der Herr Bürgermeister Einsicht »ehmen in das. stenographische Protokoll der letzten GenieinderalhSsitznng vom 12. d. M. Hier erscheinen in der Jnlerpellalion einige Stellen bezogen. «Ruse: Alles leien!» Bicebürgelineifter Tr. Grii.bl: Wünschen die Herren die vollständige Ver Ik'uiig , Rufe: Fa wohl!) Ich eriuche älso jene Herren, welche mit der voll ständigen Berleiliiig einverstanden sind, die Hand zu erheben (Ge chiehl) Äne;; v m IN k.n _ Schrfffführer Geme-.nteralh Mauer «liest : Es handelt sich »m Erlheilung cinc> Sulveuiion an die im Jahre I8!>1 staklsindeiide Ausstellung für Vollser».,..liiig. Hierüber leitet Herr Gemeinderalh Gregorig klic Tebakte dainit ei», daß er gezahlt, cs hätten bei dem Eorso der im xiahre I8:»2 stattgefundenen Munk und Tbcaterausstellung „Judeiibubcii unseren christlichen Frauen die .nieder aukgeriffe» .und ihnen Bonbons' hineingeworsen." «Gknieinderaih Gregorig: Jüdische Jiilteteukuabe»!» . Bice-Bürgermeister Tr. Grübl: Herr ciiemeinderath Gregorig, ich bitte sich zu mäßigen und derlei Schimpiworte zu »nierlaffen. Ich möchte constatiren, daß Sic zeyt ohne Anlaß ein Schimpsivort gebraucht haben. «Gemeinderalh «üregorig: Ist das ein Schimpfwort?» Ja wohl, ta§ ist ei» Schimpfwort. Ich »A'-iite Sie also bitte,«, sich zu mäßigen und das nicht zu lhun. (Ruf links: J«.d" ist ei» Schimp'wort!>) , 8 att. Nr. 94 Schriftführer Gemeinderalh M a her (sorlfahrend): Und nachdem über diese off mbar erfundene Geschichte und die daran geknüpften Bemerkungen rechts gelscht wird, untersteht sich Herr Gregorig, einen Gemeinderalh mit den Worten zu apostrophire»: „Ja, der Vertreter ans dem Stamme Sem drüben lacht, weil es seine Stammesgenoffeu waren, seine .stöhn Rationalen, aber wir Aiier verwahren n»S dagegen?c." In Steigerung dieser vom verehelichen Prä sidinm »ngerügt gclassencii Zurede wagte eS Herr Gregorig sogar, eine gleich falls frei ersilndene Geschichte vorzubringe», welche ihrem Sinne »ach dahin geht, es habe das AnSstellniigscoinitö, welches er „daS orientalische Eomitö" nennt,' sich in einer die Ehrfurcht vor Seiner Majestät gröblich verlktzeude» BJeise benoinineii, so daß er, Herr Gregorig, darüber „empört" gewesen sei. Wir. finden zur Cbaraktcrisirnng dieser Ersindung nicht das parlainentarisch zulässige Wort, um unserer Eutrüstimg gebührenden Ausdruck zu gebe». Herr Gregorig nennt die so charaktcrisirte AiiSstkllnng einen „jüdischen Tandclinarkt" uild resumirt endlich, daß in einer Stadt, „wo über 90 Pcrccnt Christen sind, sich einige Orientalen kein Geld auSzugcben", daher — die Subvention für die pifo I89t projectine Ausstkllnng zu verweigern sei. Später bringt Herr Gregorig eine Geschichte vor: cS seien „letzthin im Raimund Theater drei Viertel d<r Besucher keine Wiener, sondern Zugereiste gewesen, und als in der Scene eii, Gebet verrichtet werden sollte, habe» diese drei Vicrtellheile Inden zn loschen augesaiige»". „Pfui Riffe links und lebhafte Unruhe" fügt das stenographische Protokoll bei, wir aber glaube» nicht erst beifügen zu müsscn, daß «sich diese Geschichte nur eine Ansgebiirt der Phantasie ist. Würdig schließt sich dsm ’ Herrn Gregorig Herr Gemeinderalh Iedli>'-ka an, welcher von de» Fälschern deS Weines, der Bntler und des MchleS spricht, sich hierüber des gfueralisireiiden Wortes „Ter Jude" bedient ^Ruse linls: So ist e« auch!) und, afs von einem späteren Redner Über llnznköinmlichleitett bei der Theater- und OilisikauSstelluiig gesprochen ivird, mit dem Rufe dazwischen fährt: „Hällen's kiiue Jude» hinriiigeiiommc», so ivüre da« nicht ge'cheheii." „Heitelkeit links"! igt das stenographische Protokoll bei Tein Bunde a>S Dritter gesellt sich Herr Stein er hinzu, der, um die von' ihm -behauptete Uiiglaubwürdigkeit eines Kollegen zu charakierisiren, sich die Benikikung erlaubt, er conslatire aber nur, tsaß das ein Jude gesagt Kat. TirS nur auszugsweise ziisa»»»ci>gcfaßt — die Porkoinmniffe in einer Sitzung. Ties die Vorkommn-isse, welche ohne Ordnung«« ilnf, ohne ei» Wort des Tadels, der Mißbilligung hingknonliiien wurde», als ob «js sich von selbst versljindc, als ob es rechtlich zulässig wäre, daß die israelitische:: ^eligionsaiigchörigcn als solche jeder Verdächtigung, Verleumdung, Verhöhnnng fechl und schutzlos preisziigebeu feie». Ta »»» Vorgänge, wie die oben geschilderte», wenn sie ungerügt bleiben, eine Verletzung der grundgesetzlich ja»c tionirten Gleichberkchiigung aller vom Staate aueikannten Coiisessione» i» sich chließen, da sic auch allen Begriffen von Sitte und Anstaiid geradezu Hohn preche», da sie das Ausehe» und die Würde des Gemeindcraihcs der k. k. Reicht »aupt-- und Residenzstadt Wien schwer schädige», da sie nnicrcr Stadt »nd ere» Bürgerschaft nichts, weniger als zur Ehre und zum Rntzen gereichen, erlaube» wir »ns au den Herrn Bürgermeister die Frage zn richten: Wie ge Delikt der Herr Bürgermeister bei etwaiger Wiederholung solcher Aiirschrkilnnge» vorzngehcn? Biceburgenneister Tr Gräibl: Ich kann daraus nur Folgendes erwidern. Ter Vorsitzende in der letzten Sitzung hat bereits am Schluffe derselben sein tiefer Bedanern Uber die Vorgänge in der letzten Sitzung ausgesprochen. Dieses Bedauern wurde auch von anderer Seile getheilt, und es ist damit aneclannr, daß Vorgänge, wie sic in der letzten Sitzung statlgefnndeii haben, gewiß nicht zur Hebung der Würde n»S de« Aufchens der Geineindevertretung dienen. Ich glaube, cs ist die Pflicht von »uS allen, dazu beizutragcn, daß es möglich wird, die Geschäfte der Gemeinde in 'jener Weise zu besorge» und durchzuführe», wie cS erstens de» von uns überiiomineiteu Pflichten entspricht, kann aber auch den Jnleresicn unserer Mitbürger. Tas Präsidinin ist sich der Pflicht beivnßt, dafür zu sorgen, daß alle Bürger, welche nach dem StaatSgrundgesetze gleichgestellt sind, auch gleich behandelt werden, und ist sich bewußt, daß cs tliisere Pflicht ist, sklmmlliche Staatsbürger in gleicher Weise vor Be leikigUngen und Perunglimpfungeu zu schütze». (Beifall.) In diesem Sinne wird das Präsidium, soweit ihm durch das Statut und die Geschäftsordnung die Mittel au die Hand gegeben sind, auch in Zukunft Vorgehen. (Sehr gut! rechts.) (Politischcr Bolksvertin in Mariahilf.) Dieser fortschrittliche 'T'crcin hielt am 17. d. M. eine zahlreich besuchte Bersanimlung ab, in welcher bcschloffcn wurde, bei den bevorstchcudcn Bezirksausschuß wähle» auch an den Wahlen im dritten Wahlkörpcr theilzunehnic» und die Candidatcn der vereinigten Fortschrittsparteien noininirt wurden. Ter Berlanf der Bersanimlung war im Wesentlichen folgender: Dr. Rittersporn leitete die Tiscussion ein und erwähnte, daß im dritten Wahlkörpcr sechs Mandate, im zweiten und ersten Wahlkörper je ein Manhat zur Besetzung gelangen. Die Functioii eines BczirksausschuffcS sei mitunter sehr bedeutsam, namentlich in Steucrangclcgenheitcn, und wenngleich im BezirkSausschnffe keine hohe Politik getrieben werden soll, so laffe sich doch die Politik von demselben schwer fernhaltcn. Wenn ein Bezirksausschuß der antisemitischen Partei an