Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 94 Seit« 8. r e i e 5 Blatt. vorenthalten .DaS von den Antisemiten bekanntlich mißbrauchte' HoffmannS von Fallersleben: „Deutschland, Deutschland über AllcS", das Dühring übrigens gar nicht gefällt, da eS „nicht die geringste Spur von Gcgnerthum gegen Hebräer" enthält, will - er nichtsdestoweniger eigcnhändig-verbefsern und umdichten. Er meint, bereits der Anfang: Teulschlaud, Deutschland über Aller, lieber Alles in der Well hätte „etwas gerechter, rücksichtsvoller und demgemäß bescheiden anständiger -dahin lauten können: Deutschland, Deutschland hech und herrlich, Hoch und herrlich in der Well." Aber warum denn: hoch und herrlich? Warum denn gerade so, Herr Dühring? Weil Sie cs belieben? Verletzt cS etwa Ihren „Jchwahn", wenn antisemitische Bcrsammlungsbummlcr Deutschland „über Alles kn der Welt", sohin auch über Sie, ihren Sbcrbonzen, stellen? Wäre es vielleicht „gerechter, rücksichtsvoller und. demgemäß bescheiden anständiger", wen» chic Leutchen jcdcSmal sängen: Dühring. Dühring über Alle?, lieber Alles in der Well . . .? Warum nicht auch so, wen» man schon einmal anfängt, den braven Fallcrslcbencr zu verbcsiern? Unsere Zeilen, welche die Besprechung eines Buches sein sollten, haben sich unversehens in eine Charakteristik dcS BcrfasicrS umgewandclt, in eine PorträtSstudie dcS prototypischen Antisemiten mit all den gefährlichen und lächerlichen Merkmalen dieses GegeuthcilcS von Gesinnung. Eine solche Studie würde aber unvollkommen sein, wenn man nicht noch der Verwegenheit gedächte, mit welcher Dühring einen Todtc» — der sich also nicht mehr wehren und vcrthcidigcn kann — eines CapitalvcrbrechenS, des Lustmordes beschuldigt. Der Verleumdete ist — Heinrich Heine, er, der nach Dühring allerdings nicht gestorben, sondern bloß „crepirt" ist. Man kennt daS Gcdichtchcn aus dem Romanccro, „Nächtliche Fahrt" betitelt, in welchem ein Mord aus wahnsinniger Licbcsleidenschaft geschildert wird. Doch lassen wir Dühring das Wort:. „Wie eine eigne That — sagt er — wird in dieser nächtlichen Mcerfahrt die Vollführung eines verrückten Mordgelüstes gegen ein schönes Weib dargcstellt. Die Schönheit, aber nicht etwa symbolisch, wird ins Meer geworfen und ertränkt, angeblich, um an ihr einen Heiland zu spielen und sic .von der Welt Unfläterei' freizümachcn. Unbekannt ist dieser DypuS von Morde» Denen, welche die mannigfaltige Innerlichkeit der VcrbrcchcnSgründc umfasiender erforschen und tiefer bedenken, durchaus nicht; wenigstens verwandte Fälle -kommen »och manchmal vor und, wie cs scheint, vornehmlich im Bereich grausamen Judcnbluts. Hier hat nnn der jüdische Dichter innerste Gelüste dcS eigenen Blutes nebst der zugehörigen verbrecherischen Verrücktheit handgreiflich vcrrathcn, und es ist offenbar nicht bloß eine ästhetisch, zu vcruriheilcndc Wiedergabe dcS Scheußlichen, womit wir cS hier zu thun haben. Wenn nicht etwa gar die That, so ist doch allermindestens der Sinn dcS Poeten dabei von Grund aus verbrecherisch bcthciligt." An einer anderen Stelle neinit er das Gedicht schlankweg „eine Beichte". „Die Anrufung .Schaddai! Adonai!' also des hebräischen Namens dcS jüdischen Gottes — diese Anrufung gerade unmittelbar bei dem Mordaclc — zeigt als Thätcr unter allen Umständen einen Juden, und schon dieser Umstand ist bezeichnend. Xb dieser Jude Heine selbst gewesen, darauf wäre wohl für einen Criminalproccß Alles angckommcn — allein nachträglich und für u»S ist diese wohl nie mehr sicher entschcidbarc Frage nicht von erster Wichtigkeit." Ex ungue ieonora, auS dieser kleinen Scheußlichkeit mag man die jtatzcnnatur, die sich obendrein für die begnadetere Race hält, erkennen. Bor einiger Zeit stand cs in einem Wiener Antiscmitcnblatte schwarz auf weiß zu lesen, der deutsche Antisemitismus habe durch Dühring seine ethische Vertiefung erhalten. Wenn wir schon auf Grund einer eingehenden Kcnntniß der objektiven .Seite und der Resultate im Volke in dieses ethische BcrtiefnngSwerk sehr berechtigte Zweifel setzte», wie soll unser Urthcil erst jetzt auSfallcn, da wir dizn Lehrmeister selbst bei seiner Arbeit der „ethischen Vertiefung" ein wenig näher besehen? Also daS ist die ethische Form deS Antisemitismus^ wen» von dem Gegner in Ausdrücken wie „crepiren" gesprochen wird? Nun wir wollten nur dem deutschen Publicum, daS leider »och immer an eine mögliche Veredlung des Antisemitismus glaubt, diese philosophisch vertiefte Form, die, gestehen wir'S offen, nur tausendfach abstoßender, roher wirkt, ein wen g näher zeigen. Und nun wir daS gcthan, legen wir Dühring'S Buch bei Seite und waschen u»S schleunigst die Hände. C r»ft Victor Zenker. (Aus der »irderösterrcichischen Landstubc.) So Haben denn endlich auch wir unseren Antrag - ans ein Schächtvcrbot ünd können uns also in der Front der Culturnationen blicken lassen. 0» der Sitzung dcS nieder-österreichischen.Landtages vom 1«, Jänner stellte der Mechaniker Schneider den Antrag, eS sei den Inden daS rituelle Schächten zu verbieten, weil diese Methode der Dödtung von Thiercn - grausam sei und der Humanität Hohn spreche. Schneid,.! citirtc die Cntscheiduiig deS sächsischen Ministeriums, in welcher das Schlachten von Vieh ohne vorherige Betäubung oder Anbringung einer Schlachtkappc in Sachsen nicht niehr -gestattet wird. Ter Antrag dcS ' StampiglicnnianncS wurde zunächst dem LanheSculturauSschusie ^ugewicscn, auf desien Vorschlag aber i» der Landtags - Sitzung vom 18. d. M. an den Gemeinde- und VerfassungsauSschuß geleitet. Daß Schneider bei der vollstündigeu Aussichtslosigkeit, seinem Antrag auch nur-eine ansehnliche Minorität zu sichern, .bloß Hetz- und AgitationSzwecke verfolgte,. steht außer Zweifel. Im Ucbrigen leben sich die Herren Antisemiten jetzt eckich schon in der Landstube recht gründlich ans. Wie alle Jahre mußte auch heuer die DonaurcgulirungScommission ihnen ziun Objcctd der dummdreistesten Angriffe und Jnvectivcn i hcrhaltcn. Cs gehört wohl die Selbstbeherrschung — eines ganzen Mannes dazu, die anmaßenden Diradcn eines. Grcgorig über technische Fragen, die groben Entstellungen der Wahrheit und überhaupt die fortgesetzten Provocationm dieses Menschen ruhig über sich ergehen und sich nicht zu einem Ausbruch gerechter Entrüstunghinreißcn zu lassen. Im Ucbrigen erreichte diesmal den Tumultuanten die 'Nemesis. Als Grcgorig. offenbar durch die 'Nachsicht des LandmarschallS seinen beständigen Zwischenrufen gegenüber kühngeniacht, die Donauregulirungscommission schlankweg des Betruges zieh, kündigte der Statthalter an, er werde in der nüchsicn Sitzung der TonaurcgulirungScomniission dicscAngelcgcnhcitzür amtlichen Kenntnrß derselben bringen, halte sich aber heute schon für verpflichtet', de» Abgeordnete» Gr-egorig zu ersuchen, bei ihm oder bei einer Sitzung der Donaurcgulirungüconimission zu erscheinen, um seine Anklage auf Betrug näher zu begründen, da eine so hochachtbare ÄörMschaft, eine Behörde, wie sie die Donauregulirungscommission ist, selbstverständlich irgend einen solchen Anwurf nicht auf sich sitzen lasten könne. Grcgorig. der natürlich auch nicht den Schalten eines Beweises für seine Verleumdung besitzt, suchte sich dahin qnSzürcden,. er habe nicht die DonauregulirungScomuiissioiz, sondern die Lieferanten deS Betruges geziehen. 'Nun, Grcgorig wird ja auch hicfür keinen Beweis habe», was übrigens für die Anlisemilcii nur ein Grund mehr ist, die Sache in ihren. Versammlungen, als ob sie bewiesen wäre, tüchtig auSzu schroten. Man dürste in der Annahme nicht fchlgehr», daß derartige Beschuldigungen zu keinem anderen Zwecke in den Verlrctuiigskörpcrn ausgesprochen werden, als um sie dann in den Versammlungen fructi sicircn zu können. (Ans dem GtMtilldcratht.) Am I-' d M. kam es iinGemeinde ralhc wieder zu antiscmit-schxn Erccssen. Ein Antrag dcS StadtralheS, der projcctirtcn 'NahrungSmittcl-Ausstcllnng eine Subvention zu gewähren,' vcranlaßtc das Drifolium Stciner -Gregorig- Icdliöka zu einer Mastcnproduction von Schimpfereien schwersten EalibcrS. Grcgorig kann noch immer nicht verschmerzen, daß die Musik und Theater Ansstcllnng nicht so, organisirt ivar, wie dies seinen Wünschen und Interessen entsprochen hätte. Er unterläßt keine Gelegenheit, ihr eine üble Nachrede zu halten, und that dies nun abermals. Auch daS neue AnSstellungSproject, erklärte er, flöße ihm Besorgnisse ein; -eS wäre ja fürchterlich, wenn das „Spcciilantcnlhnm" davon einen Nutzen hätte. ^Steiner infiiltirte_ ohne stichhältigen Grnnd einen liberalen College:!, und Jcdliöka, der iii neuester Zeit hauptsächlich für die Beschäftigung arbeitsloser Henker Sorge zu tragen scheint, äußerte das Verlangen, mau solle olle ^,zugewandcrten Vumpcji“, welche LcbenS-- und Gcnnßmittel fälschen, aufhenken. Treffend sagte hieraus Gcmcinderath Fra u c n bcrg e r, daß die neulich wegen Verkaufs sinnigen Fleisches verurtheiltcn Geschäftsleute dlirchwegö Ansiscmitcn waren: cS sei hier nur noch bemerkt, daß auch -„Zugewanderte" unter denselben sich befanden, welche, wie cs im VolkSnrnnde heißt, „durch die Taborliiiic" hcrcinkamcn. Vicebürgermcister Dr. G r ü b l bcsünvortctc in ausgezeichneter Rede die beantragte Subvention. Gerade das, nnrS Grcgorig angeführt habe, spreche für die projcctirte Ausstellung. Wenn derselbe meine, daß »um das Unternehmen nicht unterstützen dürfe, weil.Jemand etwas verdienen könnte, so sei daS der reine „Nihilismus". An der Spitze 'des Unternehmens stehen Männer, welche-den Jnkercstcn - der Scfsenllichkeit dienen, Männer der Wistenschaft, welche die volle Gewähr dafür bictcy, daß die AuSstcllnng der öffentlichen Wohlfahrt nutzbar werde. Män sollte doch irgend eine Aütoriläl hier anerkennen, und sich nicht iüimer in Verdächtigungen ergehen, denn unter solchen Voraussetzungen werde sich kaum Jemand finden, etwas der