Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441487--1054-4887536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Frei«» JSLatt. Nr. 94. SAU 2 Böckel's aus Fanatismus und PersouencultuS zusammengesetzt ist, auch au der Drau umsonst Opfer bringen und nur die Zahl ihrer kläglichen Niederlagen uns eine neue vermehren. ffj Ein Oandcrlenwork. ii. Oc näher Dühring's „Größenwerk-, wie er bescheiden sein Libell nennt, den Erscheinungen der Gegenwart tritt, desto verzerrter und verzogener werden die von "ihm hingesudclten Bilder; hier mischen sich in den ohnedies kümmerlichen Rest sachlichen UrtheilS noch lauter und widerlicher die wilden Instincte einer Alles eher als literarischen Parteinahme, die banalsten, die rohesten Schlagworte deS TagcS. Wir fragen, wie viel Anthcil haben rein sachlich« Erwägungen an einem llrlhcil, daS den gelegentlich antisemitclnden Henri Rochefort als Belletristen über Zola stellt, der nach Dühring bloß „voll Gnaden der Rcclamc und Judcngenoffcnschaft einen augenblicklichen Modenamen gewonnen hat"? Solchen Kopsstellungen gegenüber will cS wenig besagen, wenn Dühring hier und da -auch einmal dem Byron oder Shelley einen Lobzcttel anSstcllt, oder wenn er, nachdem er den „judenhast auspousstrtcn, hohlen Turgenjcff" oder den „ebenfalls judengcnösstschrn-und dafür in den Himmel gehobenen Grafen Tolstoimit diesen Worten abgeihan zu haben meint, den Rcactionär Gogol über den grünen Klee lobt. Indeß Haben auch das Lob Shelleys wieder andere alo bene» poetische Eigentchaftcii 'verschuldet. ES ist der Atheist Shelley, der Dübring's Wohlgefallen findet, obwohl er zu des Letzteren größtem Leidwesen die Eoiiscquenz des Hcbräcrtypus so wenig zu ziehe» verstand, und sich von demselben bis zu dem Punkte einnchmen ließ, den ewigen Inden zum Sprachrohr seiner antichristlichen Kund gcbniigcn zu machen. Schauderhaft! Schopenhauer sagt gelegentlich einmal, cS gebe zweierlei Ernst,/den des Philosophen und dcir deS — Ochsen. ES gibt auch zweierlei Gcgucrlhum gegen jeden Glauben und jede Religion; daß aber Dühring's Antircligiosität nicht die des Philoso»hen ist. beweist die geifernde Wuth, mit der er hier durch die Weltliteratur rennt und Alles aufspicßt, waS noch irgendwie die Spuren „palästinensischer Denkweiseverräth. In diesen Winkel mußte noch eiuural gründlich hineingelcuchtct werde», che wir Nachsehen, »Nie Düliriug in der deutschen Literatur haust. Armes Bolk der Dichter und der Denker, fast könnten wir dich beweinen, wenn wir dich nicht als den Hauplschuldtragendcn an solchen Versündigungen gegen den heiligen Geist der Nation anklagen müßten. ES unterliegt ja leider keinem Zweifel, daß das merkwürdige National übel der Dnilichen, an den eigenen Größen beständig zu ncrge^l», ein Nationalübcl, dos im Antisemitismus, trotz aller chauvinistischen Anwandlungen desselben, besonders grell hcrvoririit, einzig und allein einen Düliring möglich macht, der, mulnlis uuitamU*, in Paris oder London als Vaterlandsverräthcr geächtet würde. Bei unS dagegen rechnet man so etwas noch als ein verdienstliches Werk, als eine echt nationale Tliar an, und in den nächsten., vierzehn Tagen wird mir,-« aller »iciischlichcn Porausficht nach, irgend ein grüner Jüngling ein paar bei Dühring zusammciigcbcttclte Phrasen von dem „Judäermi'chling- und „Iudcnanmalt" Lci'fing und seinen „Sächelchen" vor- L'ekaniiren, die vermöge ihrer Schlechtigkeit und Ni-derträchtigkeit gar i...!>t in ein „"stößenwerk", wie das Dühring's gehören. Auch die :;::t Bezug auf Schiller, ich bitte nochmals: mit Bezug auf Schiller, g.sprachenei! Worte „Rauschpoefie" und „Uhupoesie" werden bei-unserem arakem'.'cheü Pöbel sicherlich Schnle machen. Wir möchten als Pendants hier» g:r::e die Worte „Fuselphiloiophic" und „Aasgcicrphilosophie" enip'ehlen, wenn uns um das herrliche Wort Philosophie nicht leid wäre. T in „iC.Ianimcr" Schiller s setzt Tühring Goekhe's praktische "'.tiinst'rende gegenüber: aber cs khut's ihm keiner Recht: die freie L. . . t : .r bei seivcm Abgott Bürger, aber auch bei Byron und 5:..: : mi. den Augen Bebet's ansieht und nicht nur entschuldigt, 'ändern als .naturgemäß'. r-chrfertigt, muß bei Goethe zuru Zwecke e:ne: sittlichen Entrüsiungskomödie und einer persönlichen Herabsetzung, d: i:ir: einem „inteUcctuellen und moralischen Tefccke" behafteten Dichters d.erba.te». Tühring ist, wie alle seine Gesinnungsgenosien: Mücken 'e-.l-.u, Äameele schlucken sie. Der kühne Himmelsstürmer Tühring bringt es feint auch ruivege, gleich einer vierzigjährigen Prüden über den, „ichlüpsrigen Wieland" entrüstet zu thun, den er übrigenShöchstens als Einen in Anschlag bringt, der eine Shakespeare-Heber setznng gelieserr hat". Achnlich wird Herder tarirt: „Dieser hat wenigstens das Berdienst einer Samnilung von Äötkerliedern, dem ilich wieder als ^'egrnthcil von Pcrdienst eine ungenießbare Geschichts- Philosophie und eine Unmasie von unerheblichen Schriften gcgenübersteht." Klopstock's „Versuche" aber sind „nicht nur roh, unbeholfen »nd sehr beschränkt, sondern auch von der umgebenden Pedanterie und Zopfigkeit mitbchaftet." Man wird nach dem, waS wir bereits auS und über Dühring gesagt haben, über derlei Urtheile nicht erstaunt sein und die Kriterien überall anders als in den Sachen selbst suchen. Geradezu sympto- / matisch hiefür ist ein Beispiel. Während Dühring den von ihm bereits in einem früheren Pamphlete, zum großen Gaudium der Jesuiten, beschimpften und verunglimpften Lessing, als in sein „Größenwerk" iiberhaupt nicht gehörig, bloß unterwegs abfertigt, widmet er einer Nullität, wie Klotz, deren Namen sich nur durch Lessing's literarische Gegnerschaft der Nachwelt vererbt hat, ein Langes und Breites. Hier springt doch das kritische Motiv auffällig ins Auge: Klotz, der Feind des „Judenanwaltes" Lessing, der Freund Bürgcr's, dieses Lieblings des Herr» Dühring, er muß eine Größe der modernen Literatur sein. Dürfen wir uns dann wundern, wenn ein antisemitisches Winkel schrcibcrlein die Methode ins Journalistische überträgt und einen Künstler bloß deshalb in den Koth zieht, weil er Jude ist, eine jüdische Frau oder jüdische Freunde hat oder auch nur von der sogenannten „jüdischen Prcsie" gelobt wurde? Können wir von irgend einem halbgebildeten Schriftleiter mehr erwarten als von dem Oberpfaffen der Anlijudäerei? Bei diesem ist aber die Abhängigkeit des Urthcils von rein persönlichen Neigungen oder Abneigungen die ausnahmslose Regel. Dühring würde auch Schillcr's „idealen Jammer" und sein „hebräisches Jenseiteln" noch eher hingcnommen haben, wenn sich dasselbe nicht mit der bekannten Hinneigung zu Kant complicirt hätte, zu jenen» Kant, besten größtes Bcrgehcn cs war, nicht wie Dühring von seiner Uni vcrsitätSkanzcl removirt worden zu sein. Ebenso würde er den „Berstandcsmangcl" Goethe's, dieses als „Größe der kleinen Lyrik" tolcrirten Bonvivants, den wir bisher so arg überschätzten, ja er würde sogar besten antikisirende und orientalisircnde Allüren gnädiger bcurtheilt haben, wenn die vcrjudete Nachwelt nicht in Goethe auch den naturwissenschaftlichen. Bahnbrecher und den Vorläufer jener Naturphilosophie . erkannt und nach Gebühr verehrt hätte, mit welcher DühringS „WirklichkeitSphilosophic" keine erfolgreiche Concurrenz auShalten kann. Ja, der „Ichwahn", de» Dühring so sehr an Anderen unh auch an Goethe zu tadeln versteht, er grinst uns aus jeder Zeile seines vermeintlichen Größcnmerke? mit der abscheulichsten Fratze entgegen. Das Ende von dem häßlichen Liede, das er uns da vorsingt, ist, daß die Bedeutungslosigkeit der deutschen Literatur seit Bürger — der einzigen deutschen Literaturgröße — nichts als eine Hemmung des modernen Bölkergeistes durch den „antikünstlerischen, antiwistcnschaftlichen, antisittlichcn, ja im letzten Grunde auch absurd vcrstSndnißwidrigen Judäersinn" sei. „In allen Gebieten" — heißt eS in Dühring'S Buch wörtlich — „sind die Hebräer mit ihrer Berunsauberungsarbcit am Werke. Zunächst machen sie dadurch das Andere ihrer eigenen Beschaffenheit möglichst gleich, um es dann später in diesem Erniedrigungszustande um sv sicherer beherrschen zu können. Tic Abwehr dieser antiarischen BerschlcchtcrungSniache sollte allerdings im Antisemitismus einen Stützpunkt finden.; aber dieser muß sich praktisch noch erst in das Literaturgebiet hiueinverpflanzcn. In seiner vorläufigen durchschnittlichen Gestalt hat er, auf reactionärcm Boden entsprungen und selbst an Judäcr Überlieferungen gefctt. t sowie auch im Bildungspunkte übrigens rück ständig, iiz den höheren Regionen des Geistes so gut wie noch nichts ausgerichtct. Im Gegenlheil hat er vielfach unwillkürlich den Judäern sccundirt und ist theilwcise sogar selbst Elementen von hebräisch gcniischtem Blut als Führern oder bester gesagt als Machern anheim gefallen. Bei solcher-Bcwandtniß kann natürlich nicht viel herauskommcn, wo es sich doch darum Händeln uiuß, wirklich befferc Eigenschaften und Begabungen gegen die Hebräer ins Feld zu führen. Im klebrigen soll die Bedeutung der antisemitischen Bewegung hier' wahrlich nicht gering geschätzt werde»; im Gegcntheil, diese ist trotz ihrer un zulänglichen Ausrüstung in mächtigem Vordringen begriffen, weil ihr in allen Richtungen und Schichten, wohin sie nur getragen wird, bisher verhaltene Neigungen in Gesellschaft und Volk entgegenkommen. Allein zu den Höhen, wo über den Geist entschieden wird, ist sic noch nicht aufgestiegen, und für die, freiheitlich Gesinnten ist sie noch nicht zugerichtct, geschweige »mfaffend organisirt. Hier stehen wir noch bei der geistigen Initiative des Einzelnen; an dieser hat es allerdings nicht gefehlt. Dem eisten unbestimmten Anlauf Boltairc'S ist unser allseitigeS und umfassendes Vorgehen gefolgt, und mir haben im ganzen Bereich der Kunst und Wissenschaft und in dem deS Lebens die antihebräisch reforniatorischen Elemente entworfen." Also die Wiedergeburt der deutschen Literatur im Zeichen des Tühring'schen Geistes, sit veiua verbo — Dühring der Voltaire Deutschlands.— und das nennt sich frei von „Ichwahn"? Eine köstliche Probe dieses Bonzendünkels können wir übrigens dem Leser nicht