Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnementspreiS. Kür rrftcrrrich UnAarn: «»angädrig mit Postiufrudunii.fl. Halbllihrig. fl. >.!». Bicnrljäflrig ... fl. Organ zur 2!bwckr des ^Intisemitismus. Kür daqcsammtc Äulland: «^aniiädrig.ft. s.—. ., Haidjährig. . ........ fi. t.M. Erscheint au jedem «onntagc. Einzelne Nummern 6 kr. ttnsrankine Briese werden nicht Angenommen Nedactio» und Adminisiraiion: I Scilcrftätft in. .Iiif.-rate wrrdc» mit I» fr. für dir viermal gefvallrnr '.'lonoarrillezcilr tcrccbnct. kleiner Klniriarr das L>art - fr. Äufnabmc van Znfcrairn in »nirrrr üldmiiiiüralian fswie im Ännsiicenbureau M. TnfcS. I. Koll|ril« n. . / Nummer 94. , tvien, 21. Jänner 1894. v III. Jahrgang. Per Fall Stehupen^er. Aus Billach kam Somitag die Nachricht, Dr. Otto Steinwender habe nach-einer stürmischen Wählerversammlnng, welche dort am 13. d. M. stattgefunden hatte, sein ReichSrathSmandat nicdergelegt. Die Organe jener antisemitischen Fraetionen, denen die Schwenkung deS Führers der „Deutsch-nationalen Bereinigung" nach der EoalitionS-Richtung sehr.mißfallen und die ihrem Unbehagen in unverfälschter Hausknechtwcise Ausdruck gegeben halten, stimmteii nun Jubellicder an. Die ganze antisemitische Bcrlogenheit spiegelt sich in diesen Freudengesängcn wider. Die Christlich-Socialen wissen genau, daß cs für sie im Wahlbezirke Billach nichts zu holen gibt. Haben doch Emissäre, die sic vor Jahr und Tag zu diesem Zwecke nach Kärnten entsendet hatten, um Steinwender'o Mandanten „auszuklären", mit Schimpf und Schande abziehen müssen. Auch die Schönerer dienstbaren Geister sind über die Ursache der MandatSnicderlegung des Dr. Steinwender nicht im Unklaren. Einer derselben, welcher, wenn wir uns recht erinnern, vor einiger Zeit unter rein nationaler Bermunimnng einen Wiener ReichSrathSwahlbezirk für daö Schöncrerthnm zu erobern bemüht, jedoch erkannt und mit aller Entschiidcnhcit fortgewiescn worden war, ist über die Sachlage sicherlich genau informirt. Er weiß cö, daß Dr. Steinwinder nicht in Folge priiicipiellcr Diffe rcnze» mit seinen Mändanteii, sonder» wegen eines Streites mit dem Localblatte sich zu dem Berzichle auf seinen NeichsrathSsitz bewogen fand. Halte er doch selbst jenem Localblatte seine Feder zur Beifügung gestellt, um am Tage der Wählerverianimluiig gleichsam als Borspiel zu derselben den „wie eine Wöchnerin empfindlichen" Steinwender heftig anzugrrife», ihn der Wetterwcn digkeit zu zeihen, hauptsächlich aber ihm daraus einen Borwuif zu machen, daß er, als der JmmnnilätSauSschuß ihn. ebenso wie den Schußgetd-Schneidcr, vor einer strafgerichllichcn Bcrfolgung schützte, nicht selbst im Abgeordnetenhause die SuSpcndirung seiner I Immunität wegen der gegen ihn seitens deS Billacher Blattcö erhobenen Ehrcnbeleidigung verlangt hatte. Wir haben wahrlich keinen Grund, lins für Herrn Stcinwender zu ereifern. Seitdem der Mariahilfer Mittclschullchrer die ösfentliche Laufbahn betrat und alö Politiker thülig war, trat er de» verdientesten Männern der freisinnigen Partei feindlich entgegen. Er that mit, als eS galt, in Mariahilf den Boden für eine» Pattai zu ebnen, und sei» Werk war eS, daß der von Dr. Josef Kopp ins Leben gerufene „Deutsche Berein" auf jenes Niveau herabsank, auf welchem er sich heule befindet. Für freiheitliche Bestrebungen, geschweige denn für humanitäre, hatte er stets nur eine kluge Grimasse, die „Ucbcrlegenheil" auödrücken sollte. Seine vermeintlich nur nationale Politik brachte auch dort Spaltungen unter den Deutschen hervor, wo diese cinhcillich hätten Vorgehen sollen, um sich ihrer Widersacher zu erwehren, wie in Böhmen' und Mähren. Den Borzvurs der Wcttcrwendigkcit verdient er jedoch weit weniger als andere Aniiscmitenführcr. Georg Schönerer nannte sich einst auf einem dcutsch-fortschriltlichcn Parteitage in KremS mit jener Bescheidenheit, die ihm stets eigen war, einen „Borkämpfer der Freiheit", und im Reichsrathe führte er gegenüber dem Eabinete Auersperg eine Sprache, welche sichtlich dazu bestimmt war, dasselbe auf der Bahn des Liberalismus vorwärts zu drängen. Sollen wir auch der so bunten politischen Bergangenhcit Earl Lueger'S. gedenken? Das wäre wahrlich überstüssig. Schönerer und Lueger gegenüber kann sich Stcinwender getrost darauf berufen, daß sein politisches Streben stets ein „nationales" war; Erfolg oder Mißerfolg — kommt für den Borwurf der Wclterivcndigkeit nicht in Betracht. Der Berlauf der Billacher Bersammlung zeigt auch klar und deutlich, daß sich daü Ganze »m die Zänkerei zwischen dem Abgeordneten und dem Localblatte drehte. Nachdem Dr. Steinwender seine Thätigkeit im NcichSrathe, insbesondere die Haltung seiner parlamentarischen-Gruppe gegenüber der Eoalition erörtert und die Interpellationen zipcicr Socialdemokraten beantwortet hatte, sprach der Redacteur deö Billacher Blattes gegen ihn," der mündlich das vorbrnchte, waS schon vorher in dem von seinem Organe veröffentlichten Artikel eines Wiener Gönners zu lesen war. 'Nach einer ironischen Entgegnung Dr. Steinwender's beantragte ein Wähler ein BertrauenSvotum für den Abgeordneten, uäd der Borsitzende verkündigte, dasselbe sei mit 44 gegen 42 Stimmen angenommen worden. Ucber die Auszählung entspann sich ein Wortwechsel, und es wurde die Behauptung ausgesprochen, daß daö BertrauenSvotum abgclehnt morden sei. Der Streit wurde dadurch beendigt, daß Dr. Steinwender erklärte, er lege sein Mandat nieder. Dieser Erklärung folgte eine stürmische Scene, . als Steinwender hinzufügte, er stehe -nicht mehr unter dem Schutze der Immunität und wiederhole nun neue Beschuldigung der Be stcchlichkeil, wegen deren der Nehartenr der 'Billacher Zeitung die Klage wider ihn erhoben und die hicht vor Gericht verhandelt werden konnte, weil daö Abgeordnetenhaus die ange fuchlc Bewilligung zu feiner strafrechtlichen Bcrfolgung nicht erlheilt hatte. Er fei bereit, den. Beweis für diese Anschuldigung vor Gericht zu erbringen. Daß dem Eonfliete deö Dr. Steinwender mit dem Localblatte persönliche und,keineswegs principielle politische Motive lzugrunde liegen, geht ans der^Art hervor, wie ihn letzteres bekämpft. ES rechnete ihm vorhersein Bekennkniß zur- Anlisemiterei als Sünde an, während es ihm in neuester /Zeit daS Zusammengehen mit dem „IudenliberaliSmuö" übelnliimnt und nicht ansieht, mit' den verbissensten Antisemiten gemeinsame Sache zu machen, ja sogar ihm Lauheit auf dem Gebiete' der Iudcnhctze mehr oder minder offen zur Last legt. Angesehene Bürger, darunter der deutsch liberale Abgeordnete Ghon, sollen in diesem Billacher Loealsivlste auf Seite Steinwender's stehe/i. Es wäre auch verfrüht, dem Parlamentarier Steinwender schon einen 'Nekrolog ju schreiben. Er hat zwar sein Mandat den 'Wählern zur Berfiignng gestellt, aber nicht erklärt, daß-er sich nm dasselbe nicht wieder bewerben werde. Sollte er neuerlich eandidiren, 'sostehen seine Ehanccn jetzt nach den antisemitischen Angriffen gegen ihn weit bcsstr als vor wenigen Wochen, wo hervorragende Persönlichkeiten deS 'Wahlkreises, namentlich im Ger-ichtöbczirk Spitm, wider ihn Stellung genommen halten. Sv gering auch die politische Bedeutung Steinwender's ist, er überragt noch lhnrmhoch jene des „besten Mannes der Ostmark", für den. sich in Niederösterreich kein Wahlbezirk ' findet und der nach einer Klagenfurter Meldung, welche das jüngste Stadium der Billacher Streitsache auf eine Jntrigue zurückführt, nun in Kärnten sein Glück versuchen will.' Beruht die Nachricht auö Klagcnfurt auf Wahrheit, dann dürfte die Politik deS unermüdlichen MandatSwcrberS> die nach-einem Gutachten