Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 93 (14.1.1894)
- Date
- 1894-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 93. Seite 10. Freies Blatt. Mr Angela betrachtete ihn neugierig und öffnete den Brief. „S Gott!" rief er. ')iit hat je früher Jemand bei.Mr. Adalbert Angela ein solches Ereigniß beobachten könne». Er war gewöhnt. Alles . PreiSverändernngen. Werthverminderung oder das Gegentheil — mit der Ruhe des Plnto>opt>e» entgegenzunehmen. Aber in diesem Augenblicke starrte er auf seinen Besucher mit allen Anzeichen einer iveuig beherrschte» Bcstürpung. Lein Ainliy wurde dünn und blaß — aber da'ö mar bloß eine optische Täuschung — er öffnete den Mund und keuchte. '„WaS mV?" fragte fein Bruder, Zur Antwort händigte der er- > staunte Mann ihm den Brief, ein und murmelte dabei: „Vefe und schaue!" Bl> Bernard las den Brief. Sein Beruf — wenn's einer kann — lehrt einen, sich gegen plötzliche Gemülhsbewegungen zu schlitzen. Tie überraschendste» Tinge verwirren einen Turfmann äußerlich nicht. Er wechselte auch jetzt nicht die Farbe, nur erhob er den^Blick und be trachtete den Mann, welcher den Brief gebracht batte, gab dann das Tchroiben seinem Bruder zurück und überließ es diesem, daS Gespräch einznleikcn. „Tie und Emannel Elveda?" .fragte Mr. Angela, nachdem er »ich eiu wenig erbolt batte. „Tie sind, wirklich Einaiiuel Elveda'?" 1 „Ich bin Emannel' Elveda," erwiderte der Mann freundlich. Erl schien sich keiner Ursache zur Neugierde bewußt und stand ohne die geringste Betangenbeit vor ihnen. „Bitte — mein Eorrespondent tagt mir darüber Nichts, eS kann! ja mehr als eine Berion dieses 'N'amens geben — sigd Tie jener! Einaiinel Elveda, weicher wor zwanzig Jahren in Baris Jsabella, die rochier des verstorbenen gjHarles Albu, m der Tnuagoge lwiratete, 1 ii!• - N■ *tr<■ Nazareth?" . „Ich bin„dieker Emannel Elveda." „T. und ich glaube, .daß Tie von Ihrer Iran nach bciläatig einem Jahre sich trennte»'?'.' „To ist es " „Und man Hai seither nie von Ihnen gehört?•'•. „Es war kein Grund vorhanden, von mir etwas hören zn lassen Mein Weib hat mich verlaffeu. Ich chatte weder Beerb noch Kind, die! nach mir gefragt hätten. Wenn die Belt, welche midi lange vergessen bat, sich meiner wieder erinnern sollte und vorziehen wurde, mich für todt;n halten, was liegt daran ’?" „Boeder Weib noch Kind? Nun Ihre Iran lebt ja noch in ypnöoii." „Mein Weib hak mich verlassen. Tas ist genug." „Warnin haben Tie nie geschrieben'?" Mr. Angela stellte dielst" Trage und betrachtete ilm neugierig. „Ich habe sonst weder Bruder noch Tchnxstcr. Und ich habe kein Geld ' Tarnm bin ich für die Welt von keinem Jntereffe. Warrinr sollte ich Briefe schreiben'? Wem sollte ich denn schreiben'? „Woher wissen wir, daß Tie Emannel Elveda sind?" „Boas lie^t daran? Ich bin Jiaak Eohen, wenn Tie wollen, odep Talomon?öwl,. Boas liegt daran? Wenn Tie nicht glauben wollen, daß icti Emannel Elveda bi», so glauben Tie, daß ich irgend jemand! Anderer bin." ' „Nun. ich vermulhe, daß Tie es sind. Ter Grund, warum ich erschrak, als ich Ihren Brief las> in, daß wir gerade von Ihnen sprachen. Welch Zusammentreffen!" , , „Allerdings ein merkwürdiges Zusammentreffen," erwiderte Enias nutl Elveda achtlos. Warum sollten oder warum sollten nicht diese vcuke über ihn rede»? Er fragte nicht, warum sie über ihn sprachen; . oder was ne über ihn redeten. Es war ihm gleichgiltig. Tas Ting ging tbn nichts an. ..Während dieicr viele» Jahre — zwanzig Jahre, nicht wahr? — Ihrer Abwesenheit, darf man fragen, womit Tie sich da beschäftigt baben?" „Ich bin gewandert — gereist — nein — gewandertüber die ganze Wett." - „Und nun haben Tic vermuthlich vor, zli Ihrer Tran zurück .tnkeliren?"' .„Nein, ne ta»n z» mir zurückkehren, wen»- sie will. Ich werde ~ nicht Zli ilu rn.uckkebie» Bltie, wenn Tie ein Trennd meiner Trau sind - " „Ich habe sie nie gesehen." "» „Tann brauchen wir nicht von ihr zu sprechen. Wir wollen über' den O'rund meines Besuches i'vrechen Ihr Trennd Talomon Rosen berg in Hamburg sagte mir. daß Tie mir vielleicht besstehen tönne» bei dem, waS ich brauche." „WaS in Ihre Beschüfligung. Brauchen Tie Geld?" ' <■ „Bei meiner Beschäftigung ist von Geld nicht die Rede." „Ich erinnere mich, gehört zu habe», daß Sie ein Mann der Wiffenschaft sind. Aus der Wiffenschaft ist wohl kein Geld zu holen?" „Ich lebe nicht von der Wissenschaft, wohl aber von meiner Hände Arbeit, ich bin Holzschnitzer/ „Ein Holzschnitzer! Sie sind ein Mann der Wiffenschaft und lebe» von Ihrer Hände Arbeit? Und Ihre Gemahlin ist eine Millionärin — lebt in einem Palaste! Und Sie leben vom Holzschnitzen?' DaS ist wahrlich merkwürdig!" „Was geht das mich an, ob meine gewesene Frau reich ist oder arm? Wollen Sie mir thun, waS ich wünsche? Wenn ja, dann will ich für Sie arbeiten; wenn sticht, will ich wieder gehen." „Was wünschen Sie, daß ich für Sie thun soll?" „Schaffen Sie mir einen Markt für meine Schnitzereien. Herr Rosenbepg sagte mir, daß Sie solche Sachen kaufen. Ich arbeite nur so viel, um meinen Unterhalt bestreiten zu können, und ich verlange nur wenig für meine Arbeiten." „Wenn Sie »nt wirklich schnitzen könne». Biele Menschen behaupten dies zu sei», aber ein guter Holzschnitzer ist ebenso selten zu stndeu, wie ein guter Maler. Wir lebeir in einer Zeit der schlechten Kunst, mein Freund, der schlechten Arbeit, wo Alletz schlecht ist, wo eS schlechte ArbeitSlente zu Tausenden gibt. Wenn Sie wirklich schnitzen können, betrachten Sie diese Kiste." Er wies auf die kleine eichene Kiste, auf welcher Mr. Tydneh geseffen "war; sie war mit Schnitzereien reich geziert, an den Seiten und vorne waren Pilaster, außerdem Weinstöcke mit Blättern und Trauben — ein sehr schönes, anscheinend altes Schnitzwerk. „Sehen Sie sich dieses an.' Was halten Sie von dieser Arbeit — ein edles, edles Ttück ans dem vorigen Jahrhundert'? Können Sie so arbeiten?" Ter Mann bückte sich und prüfte es sorgfältig. „TieS ist keine Arbeit aus dem vorigen Jahrhundert," sagte er, „das ist gestern gemacht worden. Auch ist eS keine fe »e Arbeit, es ist gewöhnliches Machwerk. Sie bezeichneten es nur so, um mich zu prüfen. Wer diese Kiste für gute Arbeit oder für alle Arbeit verkauft, begeht einen Betrug." Mr. Migelo lachte. „Wer es für gute oder für alte Arbeit kauft, begeht eine Thorheit, mein Freund. So ist's. besser ausgedrückt. Laßt uns nun sehen, Mr. Elveda, können Sie so arbeiten?" „Meine Arbeit ist viel feiner. Tas ist roh in der Ausführung lind gewöhnlich in per Zeichnung." „Hm! Ich dachte, Sie ivären ein Mann der Wiffenschaft. Nun, wenn Sie wirklich das können, was Sie sagen — dann — Mr. Elveda — bringen Sie mir eine Probe Ihrer Arbeit. Wenn Sie nur so fein ist, als diese, welche Sie roh »nd gewöhnlich nennen, so will ich Alles nehmen, was Sie machen. Und je mehr, desto bester. Und die Bezahlung — aber Sie werden ja sehen." „Tanke. Ich will gleich beginnen." „Welches ist Ihre Adreffe? Wo wohnen Tie?" „Ich weiß es nicht. Ich mnß mir erst, eine Wohnung suchen. Wissen Tie vielleicht einen Ort, wo ich wohnen könnte'? ES muß nicht gerade inmitten von Häusern sei». Sie erdrücken mich." Mr. Angela strich sich gedankenvoll sein ^iinn. Tann sah er auf seinen Bruder und nickte -mit dem Kopfe' /etwas nachdrücklich zum Zwecke geheimer Berständigung. „Vielleicht kann ich. Sie wollen vermuthlich zu Hanse arbeiten und speisen. Ja. Sie haben eine reinliche Arbeit. Ich verniuthe auch, daß Tie keine wissenschaftlichen Arbeiten ausführen, was ^cstäuker und Flaschen in Ihrem Zimmer bedeuten würde — nur| Schnitzereien. Ja. Sie vezffängen sich natürlich, ,anch nicht sehr nahe von Ihrer Frau zu wohnen. Sie sind nicht besorgt, ihr zu begegnen. Sie wollen auch nicht von ihr gesehen werden, natürlich nicht., Nun, mein Freund hier — Mr. Bcrnard ist sein "Name — hgt gerade ein Zimmer in seinem Hause, daö Ihnen paffen würde." Mt. Bernard stutzte ein wenig, doch machte er lein anderes Zeichen. „Sie können es für fünf Shilling die Wäche haben; bezüglich der Kost können Sie auch eiu Uebereinkommen Neffen. Seine Tochter unterrichtet in Musik, was ja Ihre Arbeit nicht behindern wird. DaS knacht etwas ilebe»,. wie ein Leierkasten, der den ganzen Tag auf der , Straße ist. DaS HauS liegt am anderen Ende der Stadt, eine freundliche, luftige Moralität mit der Aussicht auf — eine Art Garten, lind Sie können hinkommen mit der Underground Iiailway, Portland Ih>ad Station." „Tanke. Ich nehme mit Freuden den Antrag dieses Herrn an." — „O ja!" sagte Mr. Bernard., „Ich glaube, Sie können das Zimmer haben. Brauchen Sie es für lange Zeit? „Nicht für lange; ich habe ein Geschäft auszuführen, das Geschäft, welches mich herführte. Vielleicht zwei oder drei Monate — dann werde ich wieder fortziehen."