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Freies Blatt · 1894-01-14 · 93 (14.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
93 (14.1.1894)
Date
1894-01-14
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Freies i3 I a t1. •reite 11. Nr. 93. „Das ist etwas anderes," fuhr Mr. Angela fort. „Wenn Sic nicht gekannt werden wollen, sollten Sic lieber Ihren Namen verändern. Biele aus unserem Volke Ihn» das, Sic wissen ja. Mein Name ist auch nicht Angela. Wenn Sic nicht wollen, dag die Veiitc überall hingchcn und sagen, daß Einanucl Elvcda, welcher für lobt geglaubt wurde, zum Leben zurückgekchrt ist, so Ihn» Sic besser, sich anders zu nennen. Wie Sie wollen, aber wenn Sic nicht wollen, daß man über Sie rede, sollten Sie lieber unter einem anderen Name» arbeiten. Emanuel Elliö, sagen wir — hm? 'Warum nicht Ellis?" „Wie Sie wollen. Bleiben wir bei Ellis — oder was immer — wie Sic wollen." „Wo sind Ihre Sachen?" „Ich habe ciuen Sack mit Kleidern znm Wechseln und mii meinen Werkzeugen." „Sehr gut'! Hier ist also die Adresse." Mr. Angela schrieb sic auf eine Karte. „Mr. Bcrnard geht jetzt nach Hause und wird Sorge tragen, daß Alles für Sie bereit sei. Gute» Morgen, mein Freund. Guten Morgen, Mr. Ellis." Emanuel Elvcda »ahm die Karte, las die Adresse, verneigte sich ernst und ging. „Bruder," sagte Mr. Angela, als die Thür geschlossen war, „ich versprach dir eine Ucbcrraschung, aber hängen soll man mich, wenn ich auf eine solche Ueberraschung vorbereitet war! Also, das ist unser angeheirateter Vetter, Emanuel Elvcda. Wir sönncn nun daS kleine Geheimniß für uns behalten und de» Mann nicht auS de» Augen lasic» — hm? Dein Micther. Nicht nöthig für die Welt, zu wissen, daß Emanuel Elvcda, welcher für tobt gehalten wird, wieder znm L?ben zurückgekchrt ist, hei? Sein Weib wünscht sich ihn nicht zurück. Niemand verlangt sich ihn. Aber' wo cS Geld gibt, daist cS gut; acht sam zu sein." „Freilich ist cS gut," wiederholte sein Bruder. „Was den Mann betrifft, nun —" „Ich weiß, waS dn sagen willst. Der Mann ist augenscheinlich einer jener Unglücklichen, welche trotz aller Wcchsclsällc des Lebens sich kein Geld erwerben köünen. Er heiratete eine Millionärin und verließ sie — denke nur! Er erhalt sich vom Holzschnitzcn — wirklich vom Holzschnitzcn! Er ist ein Ehcmikcr, und ich weiß nicht was noch. Er sollte Entdeckungen mache», Patente nehmen — sich im Ncichthum wälzen. Holzschnitzcn! Und seine Frau eine Millionären! Er wird dir keine Mühe machen, Bruder, und cs ist wirklich sehr gut. z» wissen, waS er treibt. Wir können beitragen, all das Geld, durch diesen selben Mann zurückzubringen. Holzschnitzcn! Nun, ich werdeihn billig in der Hand haben, glaube ich. DaS wird schon etwas sein — wenn er wirklich holzschnitzcn kann. Und ich werde ihn, nützlich sein. Im Handel gibt's keinen Dan/, aber in der Wissenschaft; wer weiß? Und die Elvcda waren immer Thoren >>rii»-t>> Geld." Es gibt keinen Fleck auf der Erde, der so voll Mustericn wäre, als ein wohlgeordnetes Laboratorium. Ein Frauenhcrz ist auch voll Mysterien, und selbst wenn cS sich auf Discretion ansgclicfcrt und hingegcbe» hat, und man cS in seiner eigenen Verwahrung hat, ist cS sehr, sehr schwer zu lesen. Gleich schwierig zu entziffern ist eine Kcilinschrift oder ein alter Palqmpsest. Eine Faetorci mit ihrer Dampfmaschine, ihrem Räderwerk und den schwirrenden Riemen ist voll Mysterien, daß sic die Beschauer in Erstaunen versetzt und zur Acußerung vager Gemeinplätze über den Scharfsinn des Menschen veranlaßt. Aber ein chemisches Laboratorium mit seinen Flaschen, Retorsen, Schmclztiegcln, Scalen unter Glas, Löthrohrcü, Glasstabcn, Glascylindern, Leydncrflaschc», Mörsern und Stößeln und seinen seltsamen Gerüchen ist daS mnstcriöscste Ding in der Welt. Wir sind bereits so wohlerzogen, daß wir nicht länger erwarten, daß die Flasche» aus eigenem Antrieb loSknallcn.- .Zauberer, Beschwörer und alle Jene, welche ehemals mit Schmclztiegcl und Schmelzofen arbeiteten — sic gehören alle ins Laboratorium. Und aus den.Laboratorien werde» in Zukunft alle jene Geheimnisse hcrvorgchcn, die so wunderbare Dinge für daS menschliche Geschlecht vollbringen sollen. Die Mnstcric» der Zukunft wurzeln gleichwie die der Vergangenheit in dem Laboratorium. Die Mysterien der Gegenwart sind Eigcnthum dcS- EhemikerS selbst. Harold Allcyne war ein Chemiker der - Gegenwart. Er gehörte einer Familie an, welche seit vielen Generationennicht gcuöthigt war, ihr tägliches Brot zu verdienen. Als traurige Beigabe besaßen sie jedoch die Pairswürde. Nun., ist aber so eine erbliche PairSwürde imstande, in jenen Familiengliedern, welche auf den Titel Anspruch haben, eine gewisie Indolenz des Gehirnes zu entwickeln, deren Keime eigentlich bei uns Allen vorhanden sind. Unsere Gehirne würden durch dieses Unkraut überwuchert werde», wenn es nicht eine Nothwendigkeit zu arbeiten gäbe. Diese 'Nothwcndigkcii sehlie Harold s Familie seit zweihundert Jahren, seil sic im Bürgerkriege milgesochleu batte. Sie feierten Feste, tranken und schmauchten das ganze vorige Jahrhundert hindurch und auch bis zum vierte» Viertel des gegenwärtigen. Sie wurden fett am Leibe und trüge im Denken, .da sic so weiterlebten auf ihrem Schlöffe der Indolenz. Keine Familie hat je eine so tudel lose, so absolut älter Vorfälle bare, so vollständig jeder Auszeichnung ermangelnde Geschichte ansgewiesen wie diese edle Familie, deren Haupt der Graf von Hayling war. Aber dieses ncunzchiitc Jahrhundert brach pcstilcnzartig mit all den guten alten Traditionen. Unter Anderem hat cS 'auch eine» höchst bcachtenswerihen Geist der Thätigkcit und Rastlosigkeit gezeitigt, welcher die jüngeren Söhne und die Enkel antricb, den Gclchrtenbcrnf zu erwähle», das Handclssach oder irgend eine andere Beschäftigung. Ehemals traten sie in die Armee ein oder sic thatc» gar nichts. Jetzt aber trifft man sie im Gerichtshof und in den Spitälern; man trifft sie an der Börse und in den Comptoirs der Kausleutc: man trifft sie aus den Viehtriften; man trifft si« nachgewiesenermaßen sogar an den Gestaden der Inseln im Stillen Sccan. Diese Rastlosigkeit ergriff auch den jungen Grafen von Hayling —. cs war' in den Scchzigcrjahren — ein früher Fall dieser Mißordnung war'ü und wurde als ein Wunder bezeichnet,; sie ergriff den -jungen Edelmann mit solcher Macht, daß er ans Titel und Grundbesitz und Alles, was er hatte, Verzicht leistetet er that cS freiwillig und mit kaltem Blute: in einem legalen Schriftstücke ordnete er ‘cm, daß ein Bruder alle seine Renten cnzpfangen und bis zu seiner Rückkehr für sich benütze» solle; tcn Titel - hätte er ihm gleichfalls übertragen. aber das konnte er'nicht. Seinem Bruder versicherte er, daß er uic zurückkehrcn werde. Als dies gcthan'war, zog er gewöhnliche Kleider an, suchte de» Hasen von London auf und schiffte sich als Seemann ein. Zeh» Jahre lang hörte 'Niemand mehr von ihm, dann begegnete ihm sei» Anwalt durch Zniall. nnlcn am Limchousewegt als. Seemann gekleidet, frisch, herzlich und fröhlich.' «Der Seemann Graf von Hayling erkundigte sich liebevoll »ach.der Wohlfahrt seiner Leute und sandte seinem Bruder die erneute Versicherung, daß er nicht znrückznkehren, beabsichtige, und verschwand wieder. Darum wußte Harold, dessen Vater, der obgcnanntc Bruder, schon gefforbc» war, nicht,-: ob .er ein Pair sei oder nicht. Sei» Dnkel konnte ja noch leben -— lebte sehr wahrscheinlich noch — konnte geheiratet haben —■ die meisten Männer sind mit fünfzig verheiratet — cs lonnlcn Erben da sein. Inzwischen war. reit dem Tode seines Vater'S das Recht, die Renten zu beziehen, verloren, und das ganze 'Rld wurde, aufgehäufttür den nächsten Grafen, wer es auch. sei. Die geistige Rastlosigkeit, welche seinen D»kcl alilricb, im Alter von sünsundzwanzig Jahren davonznlansen, übersprang Hazoids. Vater, dev am Lande wohnte, ein unthäkigeS Lebe» führte, und eines Tages während eines.' Nachmittagsschläfchcns friedlich von hinnen ging Sie sprang über auf Harold, und sie machte ihn znm Manne der Wissenschaft, nicht zum Pfuscher, »ei»,.-zum Manne der Wiffenschafl. In Cambridge erlangte,er den erste» Grad und wurde Mitglied und Leetoe seiner' Universität: er arbeitete in feiner Wissenschaft ko energisch, als ob er sein Brot ebenso erwerben müßte wie feinen Ruf -Für Etchei.s war wohl gesorgt. Sei» Vater, welcher durch fünfzelstr Jahre das Einkoznmcn der (Witter bezogen traue, hinterließ ihm eine 'Summe von fünfzehnhundert Pfund jährlich', was ja ein guter Vörff'rung im-Leben' ist. Ein Mann mit fünfzchnhnndcrr Pfund lann alles Vernünsirge uniernehmen. Harold lebte in Chelsca.' Er bewohnte ei» -Hans, das für einen Studenten cingcrehiet war, mit zwei oder drei kleinen Zi'niinern znm Speisen-nnd'Schlafen: das Haus, war wirklich nichts als ein großes Studierzimmer. Das Laboratorium lag im ersten Stocke nild öffnete sich mit einem mächtigen, breiten Fenster gegen 'Norden; ei» Schmelz ofcit, eine Ausgußrinne und ein Zavfe» waren drinnen, denn wenn der Chemiker nicht crperimcntirt, so wäscht er ab. Da waren Suche mit Gasröhrcn, Löihrohpc» nnd Vorrichtungen zum Haltet! der (Gegenstände, während sie durch die Flamme gemartert-wurde», ihre. <i'cheimnissc preiszngebc»: große Ständer ctithieltcn sranzösiiche, deutsche, italienische Bücher gerade so gut wie englische; ein Schreibtisch war dg von fast ebensolchen Dimensionen wie der von Madame Elvcda. Es war ein ehrliches Arbeitszimmer, so r-ollstmrdig, rvie eben ein kleines Laboratorium sein -kan». Ei» Ding iiur besaß cs, 'das g( wöhnlich nicht in ein Laboratorium gehört, daS Bild eines -Mädchens, eine Cabinctphotographic, klar, scharf gezeichnet, wahr und natürlich, in Italic»-ausgenommen, wo die Linse reiner und die Sonne kräftiger ist als hier zn Lande. Es stand in einem Rahmen auf dem Tische, t'o daß der Arbeitende seine Seele von Zeit zn Zeit durch deffc» Be trachtung nrzd. durch die Erinnernng a» die Tugenden des Originals erfrischen konnte. ' ..zonh-yunz jeiai.)

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