Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 93 (14.1.1894)
- Date
- 1894-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 98. Freie» Blatt Seitei 7. Klein, Jung und Alt, Arm und Reich, uns vereinigen, nm für unsere Kinder in allen Theilen dcS Landes Bolksschulen zu errichten. Die Opfer, welche zu diesem Zwecke erforderlich sind, werden wir nicht scheuen, wir, die wir unsere Kinder so innig lieben; die wir wisien, daß, wenn wir in der civilisirten Welt elwaS gelten, wir dies unserer Liebe $um Fortschritt.und zur Eultur verdanke». Da wir nun eure Gefühle nnd Gedanken kennen und wohl wisse», daß ihr ängstlich darauf wartet, daß man euch die Mittel angcbe, durch welche die Zukunft unserer Kinder .gerettet werden kann, haben wir einen tzchulvercin für die rumänischen Juden inS Leben gerufen nnd sind überzeugt, daß ihr Alle euch beeilen werdet, demselben als Mitglieder beizutretcn. Um die Bildung des SchulvereincS, der ohne Zweifel von allen unseren Glaubensgenossen mit Freuden begrüßt werden wird, zu beschleunigen und zu erleichtern, hat der Orden .Benai B^rith' in Rumänien unS feinen UntcrrichtSfondS von 10 000 Francs zur Berfüguiig gestellt. Glaubensgenossen! Der Anfang ist gemacht. Wir bieten euch das Mittel, welches uns Rettung bringen kann. Es hängt nun von euch ab, "daß das Werk gelingt. Je größer euere Hilfe fein wird, je mehr Mitglieder sich uns anfchlicßen werden, je früher wird unser glühender Wunsch in Erfüllung gehen, daß unserc Kinder alle einer, guten und den Anforderungen der Zeit entsprechenden Erziehung theilhaftig werden können. Da unser Zweck nur ist, den Unterricht zu fördern nnd dein Baterlandc getreue uud ihrer Pflichten und Rechte bewußte Bürger zu erziehen, sind wir überzeugt, daß derselbe von allen Glaubensgenosse», Männern und Frauen, mit Beifall aufge nommen nnd gefördert werden wird, daß alle, ohne Unterschied, sich unverzüglich als Mitglieder in den Schulvcrcin für den Unterricht der rumänischen Juden einschreiben werden." 2ius antisemitischen Oereinen und Oer samnüungen. «Was Alles/im arischen Blute steckt!) Ln den durch anlsteinitischc Raufereien bekannt gewordenen Saallocalitäten „zur schönen Schäferin" trat am 9. d. M. wieder einmal Pattai aus. Er sprach ein Lange« und Breites über Finauzsragen, meinte aber, er müsse gestehen, daß seine Partei sich damit ungerne befasse, was sei.neS Erachtens im arischen Blute zu stecken scheine. Ter Schein trügt Herrn Pallai. DaS arische Blut Colbert'S, Gladstone's, Sella'S, HeA>st'S, D»najeivSki'S :c. :c. hinderte diese nicht, sich sehr gerne mit Finanzangelegeicheiteu zü befasse», und an gutem Wille» hiezuI sehlt es auch dem Parleigcnosien Patlai's, Herrii Schlesinger, lischt. ES ist eine bequeme Methode, die eigene Iliizulänglichkeit alS „im arischen Blüte steckend" zu erkläre». Am Eizde wild dieses Blut noch.dazu herhalten »lüsten, um mangelhafte Rennt» iß des Französi'cheu, welche einst der >'o sprachkundige Berga ui Herrn Pattai vorwersen ließ, zu entschuldigen. Wahrheitsgetreu müffen wir hier coustaliren, daß Pattai, wen» auch »ach Bergaui mit der im diplomatischen Berkehr obligate» Sprache nicht innig vertraut, sich dennoch diplomatisch benimmt. Im Gegensätze zu anderen Christlich-Socialen hält er eS für klug und weise, nicht alle Brücke» abzubrecheir, die zu den Katholisch Conscrvativen hiuübersühre». Panai sagte: „Tie Eoalitio» entstand anläßlich dcS kühne» Schrittes, de» die Taaste'sche> Regierung mit ihrer Wahlvorlage untrrnomme» hatte, wa« sichdie um ihre Sitze besorgten Herren von der heutige» Majorität nicht gefallen ließen. Ich habe die Eoalition deshalb für einen taktischen Fehler gehalten, weil die Eonservativen wenig von der drohenden Äesahr zu sliräst?» Hane», während die Liberale» arg gefährdet waren. Hätte damals der Hohenwart-Club eine zuwartende Haltung eingenommen und hätten seine 'Mitglieder nach der voraussichtlichen Auslösung des Parlaments unter der christlichen Bevölkerung agitirt, dann wäre die christliche Bewegung bis in« Unendliche gediehe». Die Regierung hätte sich bei den Neuwahlen aus die conservalive christliche Partei stützeu müssen, »Nd der christliche Geist wäre i» ganz Oesterreich erwacht. Leider geschah da« nicht! Wie wir uu» der neuen Sachlage gegenüber verhallen, wisse» Sie ja. Wir stehe» außerhalb der Coaliiion und halte» uns ' in unserer strengen Opposition. Mit einiger Reserve ist unsere Stellung zu den Conservativen aufzufassen, denn, daß wirim ReichSralhe nicht untergegangen sind daß wir Erfolge errungen und in Ehren (?) bestanden habt», verdanken wir znm große» Thcile der Unlerstütznng der Eonservativen, und diesen Rückhalt dürfen wir auch heute nicht aufgeben, den» sonst sind unser zu wenig." Wie Figura zeigt, kan» man auch ohne gutes Französisch ei» kleiner Diplomat sein, und der beste „Mann der Lstmark", besten Conlerfei seine eigene» Briefe ziert, traute Herrn Pattai sogar die Geschmeidigkeit zu, sich trotz seiner a»tisei»iiischen Bcrgangenheit zum Präsidenten der „Alliance Israilite“ empolschwinge» zu können .(Tic Auslösung des „Gcriliaiiciibundts") Ain 1. Septkmber 1893 wurde die in Salzburg bestehende Hauptleitung de« „GermanenbundeS" mit Bernsung aus den zs 21 dcS BereinSgesetzeS fiir aufgelöst erklärt, weil der genannte Berein aus der ain 6. August v. I. in Wien staltgehabte» BiindeSversammluiig durch politische Kundgebungen verschiedener Art seinen Wirkungskreis überschritten habe. Mehrere ehemalige Mitglieder des „GermanenbundeS" crboben gegen die erfolgte Auslösung des'BereineS die Beschwerde beim Reichsgerichte, welche am 9. d. M. zur Berhandlulig gelangte. Der RegiernngSvertreler, Ministerial secretär Simonelli, gab eiiigang« seine« Plaidouer« eine Schilderung der Entstehung des „GermanenbundeS", welche» er alS Ausfluß jener antisemitische» Bewegung bezeichnete, die Schönerer im Beginne der Achtzigerjahre in Salzburg aus den sogenannten Bauernversainmlungcn hervorrie», in einer Stadt, wo kaum hundert Einwohner jüdischen Glauben« wohichasl seien. Au« dieser Bewegung krqstallisirle sich später auch der „Schnlverein für Teursche" heraus. 3m 3ahre 1887 ivurde der „Gerinanenbund" zur Pslege und Förderung germanische» Wesens gegründet. So lange Tr. S»Iv e ste r an der Spitze des BercineS stand, ^fand die Behörde keinen Anlaß zuin Einschreiten, da sich der Berein einer ziemlich gemäßigten Sprache befleißigte. «Später wurde diese« Borglhcn für zu lau befunden. Es entstand eine Spaltung unter de» Mitglieder», und die radicale Partei, welche für die Berlegung der Bereiiisleitung »ach Wien agitirle, um ein strammeres Regiment einzusührc», behielt die Oberhand. So kam e« zur Beptrauensmännerversainmluiig, in -welcher Dr. Splvefter ein Renegat genünnt und zum engsten Anschlüsse der Deutsche» ' au Schönerer geinahnt wurde. ES kam die BundeSveriaminlung vom >>. August 1893, welche vom bchördlimen Bertreter ausgelöst wurde, da mehrere Theil »ehmer in de» verschiedenste» Beziehungen von Schönerer sprachen und e« somit vollständig erwiese» erschien, daß der.al« »ichtpolitiicher Berein gegründete „Gcrniancnbniid" Politik, und zwar eine eigenlhüinliche Politik treibe. Der RcgierungSvertreter citirte sowohl auS dem Srgane Schönerer'«, den „llnverfälschtcn Deutschen Worten", wie aus den Relationen der behördliche» Ab geordueten in jenen Bersan»nln»gcu einzelne Aussprüche, welche deutlich zeigen, daß hier Politik, getrieben wurde. Wie könnte anders der Ausdruck IRenegal" gedeutet werde»? Dder was hätte der Ausspruch: „Dr. Sylvester'paßt seit zwei Jahren nicht mehr i» de» Rahmen der Partei" zu bedeuten? Die Anregung, „eine deutsch-nationale Bolksbewegung hervorzurufen", und vor Allein die auf dem nach der Bkrsaiiimlung abgehaltcuen Coinmerse gesprochenen Reden, welche einen anti-österreichischen Charakter trugen, sind cnlschfedcne Ausflüsse einer politischen Thätigkeit. Der Beschiverdevertreler, Dr. v. Berger, der officielle BeriretcL der Schönerer-Gruppe, welcher auch neulich Herrn Aloir Auto» R ö l b l in besten Berhandlung vor dem Landesgerichte vertheidigt hatte, erklärte vielte vom RegierungSverlreter gemachte Angaben über die zu jener Zeit gehaltenen Reden für unrichtig, da cr, der Redner selbst, allen jenen Bersaininlungen beigeivohnt habe. Daß von Schönerer gesprochen wurde, müsse er zugeben, doch sei dies nicht als politische Actio» auszusttsten, denn.Schönerer wirke in erster Reihe national /rziehlich. Eiste politische Thätigkeit lag nicht darin, wenn der Anschluß an Schönerer'« volkZcrzichliche Ideen gepredigt wurde. Für Aeußerungen einzelner Mitglieder könne aber der Berein als solcher nicht verantwortlich eftmachk werde», und wenn ei» Redner, namentlich beim CominerS, seine Worte nicht genau abivog, so sei dies kein Grund zur Auslösung Am 11. d. M. wurde das Erkennlniß publicirt. Dasselbe lautet dahin: Durch die Auslösung des „GermaiienbunteS" in das Gesetz nicht verlevl . worden, da derselbe, obivohl als nichtpolitischer Berein ins Leben gerufen, eine intensive Bereinslhätigkeil politischer Ralur entfaltet habe. (Eilt uatioiialkr Rrwlon.) Am 10. Februar fhndel im Lchotzcnhanse zu Reichenberg in Böhme» eine Wanderversannnlung de« „Teulschen Bolks Vereines" in Wien stall, i» der Schönerer „über die Aufgaben und Ziele der Teuisch-Rationaleu in der Dstinark" sprechen wird. Tb sich Schönerer gerate .jetzt, wo er'der Sleiinvender-Gruppc oste» den „Borwur^ de« BcrrathcS" zuschlendert und ihr den 'Rainen einer „deulichen 'Ralionalpartei" aberkennt, eines besonder« freundlichen EnipfangeS seitens der Schückcr und Prade versehen darf, ist sehr sraglich. Allerdings wen» Schönerer de» Moment für gekomme» erachtet, mit der Sleinwcnder-Gruppe den ostcne» Kamps aus kiner ihrer unbestrittensten Toinänen anszunehincn, dann mag er »ach Reichenberg gehen. Tort wird er vorzügliche Gelegenheit sindc», Studien über jene „nationalen Schwcrgewichtsgcsetze";» machen, welche cr entdeckt hat, und au)'' welche § 58 » des Strafgesetze« keine Rücksicht nimmt. Wir wünschen also dem nationalen Rewton viel Glück aus seine Studienreise und niachen ihn nur darauf ausmerksam, daß. die unterschiedlichen Erpeditione» Wiener antisemitischer Größe» nach dem nördliche» Dentüchböhmen bisher >n»»er »och mit einem kläglichen Fiasco endeten. (Das d>fcr des Tiogtlics » In einer Berlammlniig i»i Waldviertel hielt der als christlich-socialer Hetzredner bekannte Redemptorist Ban chinger an« Eggfilbiirg eine Rede über die „Sünden des LiberaltSmuS am Bauernstände". Er sagt hiebei unter Andere,»: „Ter Liberalismus hat sich nicht nur dadurch am Bauernstände versündigt, daß er zl»n die Tienstboleu versührt und elitzogen hat, er nimmt und cnlsrcmdet ihm auch die eigenen Söhne durch den Militarismus. Jeder Staat ist bis über die Zähne bewastnel, und der Bauernstand wird vor allen andere» zur Tragung dieser Sleueherangezoge». Für den ' Sohn, den er jo »olhwendig in der Wirthschast draucheu könnte; -Pbu er aber zuni Militär gebe» muß, braucht der Bauer einen Knecht. Rechnet inan nir Loh» und Kost eine« 8»echtes jährlich 3«>> ft., ,'o nnd das in de» drei Jahren,