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Freies Blatt · 1894-01-14 · 93 (14.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
93 (14.1.1894)
Date
1894-01-14
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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rtr. 93 Seite b. freies Aus der Forderung, die Birilstimme für den Bürgermeister von Wien zu streichen, ist zu ersehen, daß der Antisemitensührer selbst die Hoffnung, an die Spitze der Wiener Communalverwaltung zu treten, endlich aufgegeben hat. BemerkenSwerth ist auch eine Erklärung der antisemitischen Wortführer, daß sie ans direete Wahlen in den Landgemeinden kein besonderes Gewicht legen und nur dann für dieselben stimmen wollen, wenn gleichzeitig festgesetzt werde,, daß jeder Ort im Bezirke auch Wahlort sei. (Aus dem Gemeinderathe.) Gregorig spricht im Landtage, Gregorig spricht im Gemeinderathe, Gregorig spricht wöchentlich in einem Dutzend Bersammlungen, und der Faden geht ihm nimmer aus. Der Mann ist zu bewundern. Eö ist ihm aber auch bitter Unrecht geschehen, wenn man gerade ihm. nachsagle, daß er daS Niveau der Verhandlungen des Wiener GemeinderatheS herunterdrückedenn höhere Fragen kann man nicht mehr erörtern, als dies Herr Gemeinderath Greg orig in der Sitzung vom 10. d. M. gethan. Er interpellirte nämlich den Bürgermeister, ob dieser der Hilfe Gottes nicht zu bedürfen vermeine, da er nach seiner Wahl, statt wie der Prager Bürgermeister im feierlichen Zuge in die Kirche zu jgehen, lieber im RatdhauSsaale einen Empfangsabend gegeben; natürlich meint Herr Gregorig, daß Bürgermeister Prix aus blasser Furcht vor dem Tadel der „Judenpresse" eine solche öffentliche Kundgebung für daS Christenthum, wie sie der Prager Bürgermeister veranstaltete, nicht wage. Vieebürgermeister Grübl, der offenbar kein Berständuiß für Gregorig'S theologische Gespräche hat, erwiderte sehr nüchtern, diese Frage beziehe sich nicht auf den geschäftlichen Wirkungskreis des Bürgermeisters; es sei dies eine GewisienS- und Gemüthsfrage, die im Gemeinderathe nicht berührt werden solle. Nun ist es gewiß nicht Gregorig's Schuld, wenn sich der Wiener Gemeinderath nicht einmal zu der Höhe seiner Intentionen aufschwingen und über die religiösen Ueberzeugungen des Bürgermeisters in öffentlicher Sitzung abstimmen, respeetive per major» aburtheilen will. (Zur Haltung der Stcinwendcr-Griippc.) In einer Versammlung des „Deutschen Vereines", die hier am 8. d. M. stattfand, sagte Dr. Steinwender: „Was die Haltung der deutschen Nationalpartei gegenüber dem neuen Ministerium anbelangt, so kann eine ernste-Partei keine politische Kraftmeierei betreiben, sondern sie muß vielmehr trachte», praktische Erfolge zu erzielen, die deni deutsche» Volke zum 'Nutzen gereichen. Wir konnten u»S als deutsche Partei nicht an die Seite der entschiedensten Feinde unseres Volkes stellen, nämlich an die Seite der Jungtschechen, Südslaven und Wiener Antisemiten, welch letzteren auch die Interessen unseres deutschen Volkes, gelinde gesagt, gleichgiltig sind."' — Bergan! behandelt nun den Dr. Steinwender in gleicher Weise wie einst den Mechaniker Schneider oder Pattai und gegenwärtig den Schloßherrn von Rosenau. (Ausgeschnitten.) Unser Kremser p-Correspondent. schreibt: Der Ostmark-Herzog geruhte beim Festesse», welches am 19. December seine Vasallen vereinigte, zu sprechen. Er sei, sagte er, aus den lieber fall, welchen er gegen die „Schriftleitung" eines „juden-liberalen" Blattes ausgeführt hatte, stolz und werde diesen Stolz auf Kind und Kiudeskind vererben. Er stehe auch nicht gut dafür, ob er nicht wieder einmal sein Blut warm fühlen und neuerdings ei» Stücklei», welches die „Gemeinheit" dumm und blöd finde, auöführen werde. Mit Ver laub! DaS scheint uns doch stark ausgeschnitten zusein. Für einen Rückfälligen würde es ein ganz anderes „Martyrium des nüchternen Gaumens" geben, als das viermonatliche, und mit Recht würden dann Jene frohlocken, welche, wie/der Ostmark-Herzog selbst > erzählte, so ver messen sind, von ihm als dem „dümmsten Kerl des Jahrhunderts" zu sprechen. Doch es wird wohl dazu nicht kommen, ein gebranntes Kind scheut das Feuer. (Tschechischer Juden- und Deutschenhaß.) In einer vorige Woche stattgehadten Sitzung des Prager Stadtverordneten Collegiums beantragte Herr BrzeznovSky, eS seien künftighin den, deutschen Lehrern in Prag die außerordentlichen Zulagen auf so lange zu entziehe», bis Reichenberg solche den tschechischen Lehrern getvähren werde. Ter Bürgermeister erklärte, er müßte den Antrag, falls er angenommen würde, als ungesetzlich sistiren, worauf derselbe abgelehnt wurde. Bemerkenswerth ist die Rede, mit welcher Herr BrzeznovSky seinen Antrag begründete. Er sagte: „Das deutsche Schulwesen ist die einzige Rubrik, bei welcher gespart werden muß, weil in den deutschen Schulen unsere Kinder germanisirt und unsere größten Feinde erzogen werden. Zn dem Kampfe zwischen Teutschthum und Tschechenthuni muß unbedingt der Grundsatz: .Aug' um Auge, Zahn um Zahn' beobachtet werden. Ich frage, wer füllt die deutschen Schulen'? 'Kinder tschechischer und jüdischer Rationalität. Meine Herren, wenn wir auch mit Rücksicht auf die jüdischen Schüler gegen das deutsche Schulwesen sind, so ist daS kein Antisemitismus, sondern Nothwehr. Und Blatt. diese Nothwehr oder dieser sogenannte Antisemitismus werden sü lange um sich greifen, so lange bie Juden in den Reihen unserer größten Feinde stehen werden. Hoffentlich wird der neugegründete tschechischjüdische Verein in dieser Beziehung eine Besserung der Verhältniffe herbeiführen." Herr BrzeznovSky spricht zwar von einer „jüdischen Nationalität" in Böhmen, aber nach seinem Geständnisse ist feine ganze Antisemiterei nur aus. grenzenlosen Deutschenhaß zurückzuführen. Derselben Ouelle entspringt auch eine Auslassung der „Narodni Listy", welche die dem Teutschthum feindlich gesinnten Wiener Anti semiten lobt. Das Gregr'sche Organ antisemitelt wie folgt: „Wenn heute die Wiener jüdisch liberale Presse so weit geht und eS wagt, mit Drohungen jeder Opposition entgegenzutreten, sogar den Wiener Antisemike», den allerbesten österreichischen Patrioten, mit denen sich in dieser Hinsicht Niemand mesieü kann, so ignoriren wir diese Stimmen, welche heute so, morgen anders schreiben." Tie „Narodni Listy" hättet»-die Worte: „heute so, morgen anders schreiben" — doch nicht gebrauchen sollen. Wie haben sie vor nicht langer Zeit die „besten österreichische» Patrioten", die Liechtenstein und Lueger, behandelt'? Letztere werden sich über die Ursache, weshalb sie jetzt das Gregr'sche Blatt preist, kaum einer Täuschung hingeben; der jungtschechische Antisemitisnlus. ist keineswegs waschecht, denn er gilt eigentlich einzig und allein dem Teutschthum. (Samson Kulkc.) Am 5. d. M. wurde in Kostet der im 80. Lebensjahre verstorbene älteste.Rabbiner Mährens, Herr Samson Kulke, bestattet. Er war durch volle 55 Jahre als Rabbiner in der Kosteler CultlkSgemeinde thütig und erwarb sich allgemeine Achtung. In diesen Tagen des eonfessionellen und nationalen Hähers verdient eS hervorgehoben zu werden, daß auch der katholisch^ Pfarrer von Koste!, Herr Dechant Ignaz Koneüny, die Leiche deS Rabbiners bis zum Friedhöfe geleitete, um so, wie er sich zum Sohne des Verstorbenen, dem Wiener Schriftsteller Herrn Eduard Kulke, äußerte, „seinem Amtseollegen" die letzte Ehre;n erweisen. („Znaimer Volksbotc" contra „Znaimer Wochenblatt".) Bor dem Znaimer Schwurgerichte. fand, wie unsere Leser sich -erinnern dürften, im. August vorigen Jahres ein EhrenbeleidigungSproceß statt, »velchen die Macher des. dortigen christlich socialen Blattes „Znaimer Volksbote", An(on Navratil sen. und seine beiden Söhne Anton und Rudolf Navratil, gegen den verantwortlichen Redactenr des dortigen deutsch liberalen Wochenblattes, Alfred Cramer, angestrengt hatte», weil derselbe in einem Artikel die Deutschen Mährens gewarnt hatte, diesen Vertretern tschechischer Interessen in der deutschen Stadt Znaim auf de» Leim zu gehen. Der angeklagie Redaeteur »vnrde von den Geschwornen freigesprochen. Gegen dieses Verbiet ergriffen Navratil Vater und Söhne die. 'Nichtigkeitsbeschwerde, welche der Oberste Gerichtshof am 5. d. M. in öffentlicher Verhandlung-als unbegründet verwarf. (Selbstvertheldigmig.» Ter „Centralverein deutscher StaatSbizrger jüdischen Glaubens" in Berlin hielt am -30. December 1893 seine erste Geirkralversammlung ab. , Ter Prä sident Tr. M. Mendelsohn erstattete in eingehender Weise Bericht über das verfloffene erste Vierteljahr, wobei derselbe bemerkte : Viele deutsche Juden haben' eS seit langer Zeit schmerzlich , r.ipfunden. daß sie gegenüber den empörenden Angxisse» der Antisemiten selbst unthätig waren und die Selbstvertheidigung verabsäumten. Ten. hochherzigen Männern Gneist, Rickert und Genossen gebühre zweifellos der Dank aller deutschen Juden. Allein die Selbstachtung - gebiete den Juden, ihre Sache selbst zu führen und nicht bloß Andere für sich thätig sein zu lasten, zumal der Verein , zür Abivehr deS Antisemitismus nicht aus Liebe zu den Juden gegründet worden ist, sondern hauptsächlich um die Schmach, die dem deutsche» Vaterlande durch diese neueste Heye angetha» wird, abzuivehren. Dieser Gedanke hat vor einigen Monaten eine Reihe von Männern veranlaßt, den Centralverein ins Leben zu rufen, der trotz seines kurzenj Bestehens schon ganz bedeutende Erfolge aüfzuweisen hat. Der Centralverein verfolge ausschließlich staatsbürgerliche Ziele, die Währung der gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte der Juden und die Herbei-, führung ihrer thatsächlichen und völligen -Gleichstellung in gesellschaftlicher, staatsbürgerlicher und rechtlicher Beziehung. Der Centralverein sei »veder ein politischer noch ein religiöser Verein, er habe weder mit den einzelnen Schattirmigen und Anschauungen innerhalb der jüdischen Religiou etivas zu thun, noch mit der politischen Parieistellung der. einzelnen Jude». CS haben daher alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Ausnahme, auf welchem religiösen oder politischen Standpunkte sie auch stehen mögen, die Möglichkeit, aber ^anch die Pflicht, dem Centralvereine beizulreley, denn die Hey richte sich gegen alle Juden, sowohl ^egen die Orthodore», als auch gegen die so genannte» Resormjuden. Der Reformverein »vcrde in allen Fällen

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