Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 93 (14.1.1894)
- Date
- 1894-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 93. Frei«» Blatt. Seit« 3. Würmern sucht. Bei diesem Stücke nimmt er Anlaß, die Liebe zwischen Romeo und Julie mit der zwischen Hero und Leander zu vergleiche», wobei er natürlich keinen anderen ErklärungSgrnnd für den Unterschied beider Gefühle findet, als den, „daß dieser Unterschied in Racc und Nationalität wurzeln müsse". Hier zeigt-- sich das Urlächerliche deS wenn auch noch so bedingten Dühring CultcS, der immer noch hie und da von einzelnen sonst ganz zurechnungsfähigen Leuten betrieben wird. Nach dem Beispiele Dühring's könnte ja Hinz oder Kunz auch den Unterschied zwischen der Naturauffassung Plinius' und derjenigen Hacckel's oder aber den Unterschied zwischen einem australischen Bumerang und einem österreichischen Mannlicher-Gewehr auch bloß durch den Unterschied der Racc zu erkläre,) suchen. Wenn Dühring, der große Denker des Racengedankens, in seinem Leben jemals ein gutes anthropologisches oder ethnographisches Werk in Händen gehabt hat — was zu bezweifeln wir zureichenden Grund haben — so muß er wissen, daß auch die socialen Gefühle, genau wie die menschliche» Erkenntnisse, Begriffe oder Ideen, Entwicklüngsproducte aus vcrhältnißmäßig cinfachcren Anfängen sind, mit der Race aber nicht einmal so viel zu thun haben, als etwa mit den Trink-, wäster-, den Bodenverhältnisse», der Flora oder Fauna der rcspcctiven Wohnsitze. Er würde wisicn, daß sich ganz gleiche Anschauungen oft ' bei grundverschiedenen und weit von einander wohnenden Racen finden, während sich wieder in einem und demselben Volke die grundvctschicdenstcn Entwicklungöstadicn constatircn lasten. So nimmt in demselben Afrika, bei denselben Negervölkern, ja oft bei de» »ächstvcrwandten Stämmen das Weib einmal die Stellung des lcvtc» HausthiercS, ein andermal die der allgemein geachteten, hochverehrte» und einflußreiche» water kainilias, wie dies einer modernen Schwärurerin für die Fraucncmancipation nur als Ideal vorschwcbc» kann, ein, Daß zudem gerade den Semiten ein veredeltes Gefühl deS Mannes zum Weibe viel früher eigen war und in ihrer Poesie viel früher zum Ausdrucke kam als bei andcren Völker», ficht unseren antisemitischen Buckle wenig an. Was Dühring aus dem „Kaufmann von Venedig" zu Gunsten seiner Marotte heranSliest, haben schon vor ihm noch bornirtere Tcribler ebenso gut oder schlecht gesagt. Es heißt dem Geiste Sl)akespcarc's ein sehr zweifelhaftes Zcugniß aussteUc», wenn man ihm zumuthct, er habe in Shylok die jüdische Bosheit den durch den SemitiSinus gefährdeten Völkern vorführcn wollen. In der That ist Shylok, der von allen Seiten Betrogene, ein sehr untauglicher Jllustrationscharakter für die Gefährlichkeit des JudenthumS. Wie wenig übrigens Shakespeare den Geist Dühring's anticipirtc, hat er gerade in diesem Stücke offenbart an den Worten, die er Shylok in den Mund legt. Dieser sagt von seinem christlichen Schuldner: „— Er hat mich herabgesetzt, mir eine halbe Million geschadet, über meine Verluste gelacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk verhöhnt, meinen Handel gestört, meine Freunde abgckühlt, meine Feinde erhitzt. Und. warum das Alles? Weil ich ein Jude bin. Hat ei» Jude nicht Augen? Hat ein Jude nicht Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Wird er nicht genährt von derselben Nahrung, verwundet von derselben Waffe, befallen von denselben Krankheiten, geheilt mit denselben Mitteln, von Sommer und Winter gewärmt und erkältet wie der Christ? Wenn ihr unS sticht, bluten wir nicht? Wen» ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns mißhandelt, sylle» wir uns nicht räche»? Sind wir euch in allem Ucbrigcn gleich, so wollen wir cS auch hierin sei». ^Wenn ein Znd beleidigt einen Christen, was ist seine Dcmuth? Rache. Wenn ein Christ beleidigt einen Juden, was soll seine Geduld sein nach demchristlichen Beispiel? Nu, Rache! Die Bosheit, die ihr unS Khrf^Jmllwh auSüben, und cs müßte schlimm zugchc», wen» ich eS thatenicht zuvor meinen Meistern."- zNoch weniger als der Renaissance kann ein Dühring der Epoche der Aufklärung, die in mehr als einer Beziehung sich als die praktische Consequenz der crstcrcn erweist, gerecht werden; daS ver hindert vor Allem schon die Methode, aus einer organisch so festgefügten Culturcrschcinung einzelne Personen, und * wären es auch die Voltaire'S und Rousteau's, hcrauszurcißen. Nun ist aber die Bcurtheilnng dieser Größen auch. noch ganz schief, da sic nicht auS sachlichen Erwägungen, sondern lediglich-auS dem Raccnpräjudi; hcrvorgcht. Einer vollständigen Ucberschätzung Voltaire'S ein spricht eine ebenso große Unterschätzung Rousteau'S. Nach dem von ihm selbst gewählten Maßstabe, der die literarische Größe nach der Theilnahme an dem Schreite» des MenschcnschicksalS bestimmt, kann Dühring dem Einsiedler von Montmorency die literarische Größe nicht leicht absprcchen; umsomehr hat er aber die Person Rousteau's in eine affenartige Caricatur verzerrt, nach dem Muster der Jesuiten, welche ein Gleiches mit der Person Voltaire'S thaten. Das maßgebliche Momeut für die Unterscheidung Beider ist Dühring auch in diesem Falle: Voltaire'S Judenhaß und Rousteau's „religiöse Denkungsweise". Was Voltaire'S Judenhaß anlangt — auf eine Kritik seiner literarischen Größe lassen wir u»S hier nicht ein — so sind heut) die geheimen, nicht gerade lauteren Triebfedern desselben bloßgekcgt, und wir wistcn, daß die böse» Ersahrnngcii des Börscnspeculantcn Voltaire da den Denker Voltaire mehr als erlaubt beeinflußt haben. ES besagt daher »ichtS Ehrenrühriges gegen Rousseau, wenn Dühring diesem keineswegs auS raccnlheorcuichen Gründen entsprungenen Judenhaste Rousteau's „religiöse Denkweise" entgegenstellt, waS wohl wie sonst im Buche mit der „palästinensischen Denkweise" identisch sein soll. Eine grobe Unrichtigkeit ist cs aber dennoch in dieser „religiösen Denkweise" den Cardinalfehler des gesammtc» Roustrau'schcn politischen- Systems, zumal des eoutrat social erblicken zu wollen. Versteht adcr Dühring unter dem Worte religiös den Gegensatz zu allem rein inductiven Denken, oder mit Stirner gesprochen, die Abhängigkeit von allgemeinen Begriffen und Jdcalsictioncn, dann gibt cS gar keinen religiöseren Schriftsteller als Eugen Dühring, besten Racensparrcn um nichts bester ist als Rousteau's Sparren von dem heiligen und vollkommenen Naturzustände. Ernst-Victor Zenker. (Ein zweiter 'Artikel folgt.) Die 2fcbbmercommi))icm in Petersburg. (Origiual-Millheitung des „Freien Blattes".) Petersburg, 8. Jänner. Seit drei Wochen tagt. ia der russischen Metropole die vom Minister deS Innern Herrn Durnowo cinberufcne . Rabbincrcomniission, die ihr Gutachten übcj: viele von der Regierung geplante einschneidende Reformen auf dem Gebiete der jüdischen ReligionSgcnostenschaft äbgcbcn soll. Die. Männer, welche die ThSligkcit der Rabbincrcoininission leiten,. Fürst Kantakusin, Graf Spcranskij und der bekannte russische Historiker Besstjuschcw-.Rjumin, sind prononcirtc politische Persönlichkeiten, von denen hie Juden in Rußland nichts Gutes zu erhoffen habe». Auch unter Kaiser Nicolaus'. I. ward eine Rabbinercomnlission zur Lösung wichtiger confcssioneller Fragen einberufen, aber damals wußte Jedermann, daß die Regierung in ihr Programm die Assimilatioy der Juden anfgenonimcn hat und nichts unversucht laste» wollte, waS zur Verwirklichung ihres ProgrammcS führen könnte. Sogar die Verfolgungen, denen die Jude» in Rußland unter Nicolaus I.' anSgcsctzt waren, sind auf daS Bestreben der :)icgierung, die Assimilation der jüdischen Bewohner mit der einheimischen Bevölkerung anzubahncn, zurllckzuführcn. Damals, unter Nicolaus 1., > stand an der Spitze der cinbcrnfcncn Rabbincrcommission Graf Norow, der damalige Eultusministcr, destcn ' Andenken de» russische» Juden thcucr und heilig ist, weil er, gleich seinem Nachfolger Grasen. Uwarow, die Gleichberechtigung der Juden in Rußland hcrbciführrn. wollte. Die Errichtung von RabbincrakadcmicN in Rußland, die Berufung deutscher Gelehrter zur Organisation des Unterrichtes für Juden, die Eröffnung aller höheren Lehranstalten im Reiche für jüdische Stlidirende und die Zulassung jüdischer Acrzte zum Militärdienste — alle diese Verfügungen rintcr NicolauS l. lasten eS begreiflich er scheinen, daß. die damalige Einberufung einer Rabbincrcommission nach Petersburg von den Juden mit der freudigen Zuversicht, einer besteren Zukunft cntgcgcnzugehcn, anfgcnonnüc» worden war. Ganz anders ist /cS aber jcyk, Ter vcrhängnißvollc Geist der Judenverfolgung ist im modernen Rußland so vorherrschend, er hat AllcS und Alle derartig verseucht, daß jeder Schritt, jedes.Beginnen der Regierung auf" dem Gebiete der „Jndcnfragc" für die russischen Uuterlhanc» mosaischer Confessio» unglückverhcißend ist. Und wenn wir die dreiundzwanzig.Fragen, die VaS russische Ministerium der ■ gegenwärtig - in Petersburg tagenden Rabbincrcommissio» zur Lösung vorgclegt hat, genau prüfen, so gewinnen wir thatsächlich die Uebxrzcngung, daß die von der russischen Regierung geplanten „Reformen" auf dem Gebiete der jüdischen Religion die Unterstellung der' mosaischen Confessio» unter Polizeiaufsicht bezwecken. Denn diese „Reformen" dringen in ein Gebiet ein, daS in den europäischen Staate» als un antastbar und heilig gilt — in das Gebiet der GcwifsenSfrcihcil Die Dogmen der mosaischen Lehre, an welchen die Juden während ihres fast zwcitauscndjährigen dornenvollen" Weges - fest hielten, finden nunmehr in den Augen der russische» Regierung kein Wohlgefallen und sollen einer radicalen Acndcrung unterzogen werden. Und-welch bittere Ironie,! Rechtgläubige Juden sind berufen worden, zu dieser Untergrabung ihre Zustimmung zu geben. Das ganze Verfahren er innert an daS jenes Kadi, der einen unschuldig zu Tode Vcrurthcilten