Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 93 (14.1.1894)
- Date
- 1894-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S Freie, Blatt. Nr. 93. dcr tiefsten .Empörung überwinden und' Dühring'S Vandalenwerk, statt" eS dcr wohlverdienten Bergeffenheit zu überlassen, die Ehre einer Besprechung erweisen, so geschieht eS nur deshalb, um endlich einmal dem auch in vielen nicht antisemitischen Köpfen immer noch spukenden Lahne' offen entgegenzutretcn, daß Dühring als Denker ernst zu zu nebinen und sozusagen die einzige wirkliche geistige Individualität dcr Antisemiten sei. Za wenn die Leichtfertigkeit, über AlleS, auch über das Unverstandene, großmäulig abzusprechen, den Philosophen ausmachte, dan wäre Dühring der größten Einer. Und wenn die Lcctüre von hundert Werken der Weltliteratur genügen könnte, um eine mechanische Geschichte .dieser Wcltlitcralur zu verfertigen, dann wäre Niemand berechtigter hiezu, als Dühring. Aber wo steckt bei Dühring, dcr sich über Buckle lustig macht, die Belesenheit des gewisienhasten Eng ländcrS, dcr für die Gründlichkeit feines Urtheiles sein Leben opferte? Wer zeigt uns in dcr struppigen, dornigen und unkrautüberwucherten GeistcSwüstc nur eine kleine Gcdankcnoase? Doch wir wollen gerecht sein: einen -Gedanken haben wir in deinzweibändigen Pamphlet entdeckt, einen wenigstens, aber er ist auch danach. Dühring will, den Erweis erbringen, daß in dcr Literatur der modernen Böller überall dort, wo sich Rückschritt, Hemmung, Unzulänglichkeit, Berirrung zeigt, einerscilS dcr semitische — worunter Dühring auch alles Christliche verstellt — andererseits dcr antike Einfluß Schuld trage, so Zwar, daß das Buch den literarisch ästhetischen Beleg für seinen anthropologisch und ctiiirographisch ganz unhaltbaren RacznantisemitiSmus bilden soll. Soll! Denn in Wirklichkeit ist die Sache umgekehrt, und Dühring erklärt mit dcr größten Willkür Alles, worin er irgendwie „semitischen" oder antiken Einfluß wittert und was ihm nicht zu seiner vollständig uulitcrarischcn Tendenz paßt — einfach für schlecht, während er andere kür seine Hypothese weder so noch so zu fructisicirende Ticytcr, wie Boceacio, Calderon, Lope de Bega, Rabelais, Racine, Lesage, Ziclding, Sterne und andere unleugbare Literaturgrößen, überhaupt gar nicht nennt, vielleicht auch gar nicht kennt. In diesem Wechsel'zwischen Willkür und Unkcnntniß liegt das Charakteristische des Buches, daS, was den Mann kennzeichnet. Man denke nun noch jeden Satz, jedes Wort von.einem zur fixen Idee gewordenen Haß gegen alles Jüdische dflrchtrünkt, und man wird schaudern bei dem Gedanken, daß dieser Mann über die Größen der modernen Literatur — dieser zu einem guten Drittel christlichen, zu einem anderen Drittel antikisirenden und nur zu einem kleinen Theile rcinnationalen Literatrrr zu Gerichte siven will.' . Wie soll Dühring mit seinem unersättlichen Haffe gegen den bebraismuS" und die „palästinensische Dcnkungswrise", der Mann, der das Auftreten des.Christcnthums für eine nebensächliche Erscheinung erklärt, den zumeist streng christliche» Denkmälern der mittelalterlichen Dichtung gerecht werden? Das wäre unmöglich, auch wenn Dühring nicht das kritische Husarcnstücklcin beginge, den Geist dcr christlichen Poesie jener Zeit ausschließlich durch eine Parallele zwischen zwei so iiicomparablc» Größe» wie es daS Nibelungenlied und Tante's Divina '•ciinmi-dia finb, erläutern zu wollen. ES gehört ein erstaunlicher Mangel an kiicrarischcm Einblick und RcchtSgefühl dazu, das Resultat einer vielbuiidertjährigen poetischen' Bolkstradition und die poetische Bcr körpcrung eines einzelücn mit den Ideen seiner Zeit nnd seines Landes aufs Innigste verwachsenen (Geistes aneinander mcffen zu wollen. Wie sollte bei Dührjng'S Standpunkt ein solcher Bergleich für Tante aus fallen, auch wenn dieser nicht so weit dem asiatischen Geiste seiner Zeit unterlegen wäre, „den Himmel zu 5U Percent mit Judcngestaltcn zu bevölkern" und „die Schmach des Jahrtausends, den üblen Einfluß der alten und neuen Judcmchritten" aus sich wirken zu laffen. Dieselbe uncknliche Methode, die wir hier, in dem einzelnen Falle erkenne», vc>folgt Dühring überall, wo eS sich darum handelt, seine wahnwitzige Hvvvthcse gegen alle Thatsachen aufrecht zu erhalten. Den durchaus lnistlichcn Wolfram v. Eschenbach in Conscqucnz seiner einmal auf- .. ü-llien Grundi'üpe 'zu tadeln, hätte Dühring wenig Lob bei seinen ge: manischen, augcwagnerten Lesern eingetragen, er nennt daher einfach ' i! chk seinen Namen: dcr ist vcriuuthlich keine Literatürgröße, - e ’ Walther und' Petrarca, zwei Dichter» welche Dühring's Ic >:> a, C!>. stcuthum habe jede natürliche Bethätigung des nüsinv. - im Mittelalter uuicrbuuden, laut Lügen strafen. Auch ihre •.'i'»t i: wer de» u; dem Buche nicht genannt. Man muß diese Nebenl-:nstävde beachte»,' weil man in ihnen genau jene Manipulationen ivi-ed veikennt, welche Einem den Antisemitismus, wo und wie er immer c. »stritt, >'o verächtlich machen. Die Renaissance kommt ein wenig glimpflicher als die mittclelierl'ch chnittiche Literatur weg, weil sie, wenngleich die Zuwendung '.!! •:.•.'!!! neuen llunationalen doch „wenigstens eine Gegengabe gegen tae palästinensische Gift bildete". Kein Tadel kann so bitter sein als .lyo rt>H dieses Lob. Woher aber hätte Dühring einen Maßstab für die Schätzung dieser herrlichsten Wiedergeburt der Menschheit holen sollen? AuS sich unmöglich, denn ihm sind die Ideen, welche Früchte jener Zeit sind, fremd, und in der Antike, selbst in ihren herrlichsten Bildwerken, vermag er nur schöne Leichname zu sehen. Dühring war nicht immer blind. Die Entschuldigung gilt also nicht. Hebbel sagte'einmal — wie Eduard Kulke erzählt — die duftendste Rose fange an zu stinken, sobald Nestroy sie in die Hand nehme, und so verwandelt sich auch unter Dühring's Nase die lieblichste Blume des Mcnschheitmaicn n eine widerlich.stinkende „Knofel".'Tasso ist nach ihm weiter nichts als „ein Beispiel für den haltungsloscn Zustand, der entstehen mußte, als der' classischc Duft dem Übeln Judcngeruch im europäischen Völker geiste hinzugesellt wurde." Bon dem Dichter des vcrlorcncu Paradieses aber erfahren wir, daß er „dcr Typus dcr Berjuduug des Nationalgcistes sei und die Kräfte der neueren Völkerphantasie entwürdige, indem er sic Dingen dienstbar mache,- die für überlegene'Völker nicht des Gedenkens, geschweige einer dichterischen Belebung werlh seien." Heute, nachdem daS volle und klare Bewußtsein über die nationale Niedrigkeit deS hebräischen Geistes nach Dühring's Meinung erreicht ist, müsse jedes dem Milton'schen auch nur annähernd ähnliche Verfahren geradezu als ein Vcrrath am beffcrcn Bölkcrcharaktc^ und allen Typen besserer Menschlichkeit gelten. DaS ist nur so ein Pröbchen Dühring'scher Delirien. Nur zwei Dichter dcr Renaissance finden vor dem Tripus der Pythia von Zehlendorf Gnade. „Cervantes und Shakespeare haben einiges hinreichend Lebensvolle und Gelungene geschaffen." Ei, wie gnädig, gestrenger Herr! Er kann zwar in Cervantes nur den Spaßmacher, wenn auch einen „Spaßmacher feinerer Gattung", sehen, den man beileibe nicht mit der Gloriole ernster Absichten umgeben darf, dessen einziger, literarischer Beweggrund nur dcr gewesen sein kann, „sich mit dcr Kunst zu zeigen, das Publicum zu unterhalten." Nun hat Dühring allerdings gleich auf der ersten Seite seines Buches feierlich erklärt, „daß mit schöner Form allein wenig, ja oft Schlimmeres als nichts gethan ist, und daß es in erster Linie auch bei der Belletristik auf Stoff und Gehalt ankommt." Wenn er nun gleichwohl dem Cervantes eine so rxceptionclle Stellung cinzuräumcn bereit ist, so dürfte dies einen anderen als rein ästhetischen oder kunsthistorischcn Grund haben. Sollte dieser etwa da zu suchen sein, daß-der Verfasser deS Ton D-uixote die Moriskos als „lügnerisch und boshaft lästig" bezeichnet und ihre Vertreibung ausdrücklich billigt? „So tief wie die Hebräer standen die MoriSkoS dcr Race nach allerdings nicht," setzt Dühring erläuternd hinzu; „aber cs war offenbar unmöglich, ihre Einstreuung in den Körper des spanischen Volkes angesichts dcr übel» Raceneigenschaften und der entsprechenden Sitten und Grundsätze freiwillig auf die Tauer auszuhaltcn." Nu», eine plumpere Geschichtsfälschung als die, daß der arabische Einfluß in Spanien auf die gcrnianisch-romanischcn Mischlinge depravirend gewirkt habe, läßt sich gar nicht denken, und wenn uns Dühring weismachen will, daß sich auch im spcciellcn Falle des Cervantes dieser Einfluß bloß unangenehm, in einer minderen Werthschätzung des Weibes geltend gemacht habe, so entspringt dieses llrtheil entweder dcr Unwissenheit oder dcr — Spekulation auf die Unwissenheit. Shakespeare muß sich leider auch Dühring's Lob gefallen lassen, da in seinen Werken bereits „die Befreiung des Charakters dcr moderncn Völker vom doppelten Joch, nämlich von dem dcr palästincn sischen Religion und dezi, der Altcrthumsüberlieferungen angcbahnt ist". Daß aber' gerade Shakkspearc's Kunst daS Kind einer Mischehe zwischen dem antiken, zunzal plautinischen Drama und dem streng christliche», sagen wir sogar kirchlichen Mysterienspiele ist, ficht de» Weltweiscn von Zehlendorf natürlich wenig an. Genug, Shakespeare bietet ihm öfters Anlaß, daS Licht seiner Racenlehre leuchten zu lassen, was braucht er mehr? Für die eigentlichen Schönheiten Shakespearc's hat ein Böotier, wie er, überhaupt kein Auge, und so dürfen wir uns auch gar nicht wundern, daß der süßen Schönheit TeSdemonas, dcr erhabenen Tragik von Lear's Wahnsinn, des Dämonischen in „Macbeth" wie des anmuthigen Zaubers des „SommernachtStraumes" gar nicht, auch nicht mit einem Sterbenswörtchen gedacht wird, daß er Coriolan und Caesar, Antonius und TroiluS gar nicht erwähnt, und daß er, „abgesehen etwa von .Heinrich I V., in welchem jedoch die Späße mit Falstaff fast die originale Hauptsache sind", unter den Königsdramen nichts findet, „was die Probe eines natürlichen und allgemeinen! Interesses aus die Dauer bestehen möchte". Er läßt nur drei Draineu gelten und scheint in der Thal auch nur diese drei zu kennen: .Hamlet", „Romeo und Julie" und den „Kaufmann von Venedig", lieber „Hamlet" huscht er mit einig«! gnädigen und einigen absprcchendcn Redensarten hinweg. In dcui herrlichen Körper deS zweiten Kunstwerkes wühlt er, wie Einer, der in einem schönen Leichnam nach