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Freies Blatt · 1894-01-14 · 93 (14.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
93 (14.1.1894)
Date
1894-01-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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/ ✓ . / Freies Blatt AboupementspreiS. Redaetion und Admiiiisiraiiou: izür Cefterreict» Uiiqarn: (flanzfadrig mit Postfulendung. ... fl. 3.5«. Halbfährifi fl. 1.35. Bicrtrljädriz . . N. ftür ba* stfammW JliUjaiib: v'iilVfulc traben mit I« kr. für dir rieruul i)c- (''ainjäbr ig. . ..fl. 3.—. fvaiune .ifoiiparcillcfcile bcrcdtnct. fllkincr 3ln- Haldjälirig.fl. I■."><)■ (5[fd)Ciltt HU jcbCltt SoillltllQC. leifttr tur Si'ort S ft. flufnafimc von 3nfaatcn in Sinteinc Vlummcrn « tt. ' linieret4 flbminiflvatitm joroie im Annonccnbnreau Uttiranlirte Briefe werden nicht angenommen, M. I nfeo. I. Lloltgell« n. Mrcran 5111* ^lbwehr des Antisemitismus. r EtiurWü* 10. Nummer 9:r. Wien, 14. Jänner 1894. III. Jahrgang. Der Fremdenhas;. Wir leben in einer Periode deS FremdenhasscS. „Das Harle besetz, daß hin Altar DianenS .jeder Fremde blulend sei» Leben läßt," wie cS einst auf Tauris bestanden, ward im gesitteten Europa und Nordamerika allerdings nicht cingeführt, aber ein großgezogcncr Nationaldünkel bringt eS mit sich, daß Jeder sich für besser hält alS die Anderen, daß man eS für nationale Tugend ausgibt, wenn inan die Fremde», zu denen in vielen Fälle» auch! Mitbürger anderer Abstammung gezählt werden, i» ihrem Erwerbe! verkürzt, in ihre» Rechten schmälert. Zu Blutthate», die Menschenopfer kosteten, führte der Fremdenhaß in Frankreich. Fleißige italienische Arbeiter, die dort kümmerlich ihr Dasein fristeten, wurden von Franzosen überfalle», schrecklich mißhandelt und erschlagen. Das Volksgericht aber sprach die einheimischen Mörder frei. Im Lande der Dichter und Denker ist eS zu thätlichcn Aus schreitungen solcher Art nicht gekommen, allein auf Frankreich herabzublicke» hat es trotzdem keine Ursache War cs doch Deutschland, wo sittlich verkommene Gelehrte den Fremdenhaß in ein förmliches wissenschaftliches System hüllten und dem Pöbel in Lumpen und Seidcnhüten einredeten, cö sei ein vcrdicnstvollts Werk edler PaterlandSliebe, Mitbürger »ichldeulscher Herkunst zu demülhige», politisch und wirthschafllich zu bekämpfen. Auch war Deutschland das erste Reich in Europa, welches Mafseuaus wcisungen von Ausländern ohne Angabe näherer Geünde vor» nahm, und bevorrechtete Elasseit, die geradezu ein Monopol auf Aeinter und Würden haben, die Liebesgaben auf Kosten der Gesainmtheit erhalten, sinnen und trachten unermüdlich, die deutsche» Grenzen gegen ihnen mißliebige Fremde abzusperrcn. Wie eine bösartige Seuche sucht der Fremdenhaß europäische und amerikanische Stätten heim, denen früher die Gastfreundlichkeit ihrer Bewohner »achgcrühmi wurde. Die Bereinigte» Staaten begnügen sich nicht mehr mit der Anti-Ehinescn-Bill, sic erschweren auch Europäern die Einwanderung. Wo immer nur; ein Verbrechen politischer Natur die allgemeine Aufmerksamktit! auf sich lenkt, müssen es die Fremden büßen. Die Schweiz, Holland, Belgien und Spanien lassen jedem Angriffe auf öffentliche Einrichtungen die Abschaffung von Ausländern, nicht bloß von Wühlern anS der Fremde, folgen. Der Fremdling ist der Sünden bock für Alles. Selbst die Wirren in Sieilie», die Frucht einer in ihrer Anlage und ihrem Ziele grundschlechte» Vermalt» ig, will man in erster Linie Einflüsterungen von Ausländern zuschreiben. Ja, sogar im gastlichen Albion werden Stimmen laut: Verschließt die Thore gegen Fremde! Die Regierung des berühmten Greises lehnt es auch nicht grundsätzlich ab, diesem Rufe zu entsprechen sondern bezeichnet dies vorläufig als unnölh'g. Sollen wir hier »och Rumäniens und Rußlands erwähnen? Beide Staaten gehören geographisch immerhin zu Europa, und so möge es denn der Vollständigkeit halber geschehen. DaS junge Königreich verhält seine jüdischen Bewohner nur zur4 Tragung der Laste», die eS feinen Staatsangehörigen auferlegt, versagt ihnen aber die bürger lichen Rechte und geht darin so weit, die Kinder der Juden vom Besuche der öffentlichen Lehranstalten auszuschließc», obwohl zu deren Erhaltung alle Bestenerten ohne Ausnahme beitragen. I», Ezarenrciche gelten nicht bloß Juden, sondern Alle, die nicht dem CzaropapiSmuS huldigen, als Fremde, wie schon die Bezeichnung eines Amtes als „Departement für fremde Culte" zeigt. Die Leidensgeschichte der russische» Juden, drakonische Verfügungen gegen protestantische Pastoren, die Verfolgung von katholischen Polen, namentlich in neuester Zeit entsetzliche Greuel bei der Schließung einer katholischen Kirche im Gouvernement Wilna belehren auch Ferncrsteheude darüber, wie diese Frcmhen in Rußland behandelt" werden. Am schmerzlichsten berührt cs uns, daß unser schönes Vaterland in so hohem Grade unter der Epidemie des FremdenhasscS zu 'leiden hat. Wie stark sie wülhet, erfuhr man, als gewisse Priester durch ein dialectisches Kunststiicklein aus dem Gebot der christlichen Nächstenliebe die Pflicht, schnöde Selbstsucht4 zu pfleget,, ableiten wollten, und einer derselben nicht einmal davor zurückschreckte, den Diebstahl eines christlichen Einheimischen bei eurem jüdischen Fremdling alsbloße Zurücknahme eines widerrechtlich erworbenen Gates hinzustellen und absolutionsr'vürdig zu finden. Auf demselben sittlichen Niveau'wie diese Priester stehen zahlreiche Widersacher des deutschen und deS italienischen EulturelemenleS i» slavischen Provinzen sowie jene Deutsch Nationalen./ die sich berechtigt glauben, Fremdlinge wegen eines angeblich unehrerbieiigeu Benehmens gegen auswärtige Machthaber zu lynchen, eine dafür empfangene Strafe als Ruhmestitel anseheu, und deren Schriflgetehrte aus Albernheit oder Uebermuth arische» Zuchthäuslern das Recht zu sprechen, auf Semiten hoheitsvoll herabzusehcn. Fürwahr! Man müßte den Glauben an die ÄLenschheil verlieren, wenn derlei Ausgchurteu der Eigenliebe, des Größenwahns und ekelerregender Gehässigkeit nicht bald verschwänden und die civilisirte Welt nicht wieder zu jene» hehren Grundsätzen sich bekennen würde, die daS Volk Frankreichs vor mehr' als hundert Jahren feierlich verkündete: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren u.rd bleiben eö ,. . Der Endzweck jeder politischcu Vereinigung ist die Erhaltung der natürliche» und unverjährteu Rechte deS Menschen." yyy v£iit Danbalontivrf. . - 1. Dühring gibt wieder seine Gutuieinung über die Größe» der modernen Literatur zum Vesten. „Antiseutitische Verkleinerung der modernen Literatur" wäre wobt der pasicndste Titel für ditses iicuesle Libcll, wen» Vertlcincruiig nicht ein so unsäglich mattes Wort, für die zweibändige Schändung wäre, welche. Dühring hier namens der Autiscmiterci an der Weltliteratur verübt. Die Werke der Kunst sind d'c herrlichste EssloreScen;' des Völtcrlebcns, und wenn wir ihnen eine ar.S Religiöse grenzende Verehrung und Pietät zollen, io ist's, weil sich in ihnen daS Gewaltigste für uns, die (beschichte des menschlichen Geistes von seinem ersten Lalckn bis zur Eonccption wclterschntlernder und Hiinmelstürmerischcr Gedanken, am pollkomuiensten, am klarsten, am wahrsten ausgeprägt hat. Das Recht der Kritik muß naiiirlich der Mit- und Nachwelt unbcuommcn bleibe», allein ein Varbär nur kann muthwillig daS besudeln, waö jedem Volke gleich den griechischen (Göttern bei all den zngestandcneu Fehlern doch die Verkörperung dcö Vesten ist, wozu der Geist eben jenes Volkes sich, erheben konnte: ein Gewissenloser nur wird blind gegen das wüihcn, was den lostbarnen internationalen Besitz der Menschheit bildet. Wenn wir das Gefühl

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