Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 92 (7.1.1894)
- Date
- 1894-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 92: Freie einem der vorderen Fenster dieses Museums, beide beiläufig fünfzig Jahre alt. Einen derselben haben wir bereits kennen gelernt. Er stand mit einem Fuße aus einem geschnitten Schemel und raffelte mit der Linken an den Schlüffeln in seiner Tasche; er war etwas kleiner als das Turchschnittsmaß, dafür aber von gebrrrngener Gestalt, gekleidet im Style deö wohlhabenden britischen Kaufmannes; ich glaube, er hat viele seinesgleichen in der Stadt, und wir erkennen Jbie Figur und wissen, was sie vorftelle, sobald wir dieselbe lebend Lider im Bilde vor uns erblicken. Feines Tuch, gutes, solides Tuch bekleidete seine Gestalt. Sein Hut war tadellos, " eine solide Goldkette hing an seiner Weste, an seinem Finger prangte eiu großer Siegelring, auf seiner Nase saß ein goldener Zwicker mit einem feinen Goldkettchen; sein Haar war schwär;, doch besaß er deffen nicht mehr viel, Schläfen und Scheitel waren bereits kahl: unter dichten, schwarzen Brauen leuchteten kühne, helle Augen, sein Gesicht zeigte große Fähigkeiten, obwohl eine allzu gute Lebensweise demselben bereits ibren Stempel ausgedrückt hatte: ein solcher Mann hätte ebenso gut Richter beim Schatzkainniergerichte sein oder eine Revolution organisiren können, allein er war nur ein Händler in l>rie-;i-l>rae. er hätte das Unterhaus anführen können, so war er bloß der Mr. Adalbert Angela aus der Mortimer Street, Raritätenhändler. Er stand, der Andere saß auf .einer aus Eichenholz geschnitten Kiste. Beiläufig ini gleichen Alter wie Angelo, war er doch von ganz verschiedener Erscheinung. Eine allzu gute Lebensweise hakte seine Wangen nicht aufgeblasen, seinen Racken nicht dicker gemacht; er war schwach und dünn: augenscheinlich gehörte er eiuer tieferen socialen Elaffe an: er trug einen großen Hut und einen grauen Anzug, .der ihm viel enger war, als es gewöhnlich bei den Herren der Fall zu sein pflegt. Sein spitziges Gesicht, sein schmaler, wohlgeforinter Kopf und Körper, seine scharfen Augen zeigten eine seltsame Lebhaftigkeit, wie von Einem, der immer auf seiner Huk sein muß, das Bild des Jägers und des Gejagten zugleich. Für die Seffentlichkeit hieß dieser Mann Sydney Bernard, für Jene, welche am Turf bekannt sind und von Buchmachern gehört haben, braucht man nichts hiuZuzufügen. Sbwohl zwei Männer einander nicht unähnlicher sein konnten, und obnwhl diese Beiden verschiedene Namen trugen, so war dieser Mann doch der Bruder des Herrn Adalbert Angelo. „Ter Raine zog mich zuerst an," sagte Mr? Angelo. Seine Srininie klang sanft, musikalisch und leise — sagen wir überzeugend —- aber es gibt auch ein weniger erfreuliches Eigenschaftswort, das oft in Bezug auf eine solche Stimme gebraucht wird, aber inan soll es nicht aussprechen. „Ter Raine Elreda. Jedermann kennt diesen Namen. Run, er gehört der Geschichte an. Unserer Geschichte, gerade so wie der Name Albu, nur unserer Geschichte. Meine Elara erzählte mir zuerst von diesen Leuten. Sie lernte Franziska Elveda in Newnham lennen, wo sie das Eollegium besuchte, du lveißt ja, Elara hält sehr viel von ihr. 'Nie war ein Mädchen so klug, nie war ein Mädchen so schön, nie war ein Mädchen so reich, und sie nennen sich spanische Mauren. Das machte mich Nachdenken. Warum sollte sich . eine Jüdin als spanische Maurin ausgeben? Woher kam ihr Reichthum? Tu hörtest nie von einem Elveda, der Geld besaß, Bruder, nicht?" „Nie." „Sie waren einst spanische Grafen und gaben vor, Katholiken zu sein, aber Geld hakten sie nie. Es waren Gelehrte un:er ihnen und Männer der Wiffenschaft und des Studiums, nie aber ein reicher Mynn. Woher also kam das Geld? Und warum spanische Mauren? Ich habe das Mädchen nicht gesehen, aber ich höre von Elara, daß eine spanische Maurin nicht zu unterscheiden sei von eiuer spanischen Jüdin. Clara ist eine Freundin des Mädchens und kömmt zu ihr ins Haus. Sie wohnen in Eromwell Road, unweit meines Hauses. Tas größte Hauö dieser Straße gehört ihnen, sie haben Pferde und Wagen, in ihrem Hause gehen immer viele Leute aus und ein, sie gebe» Tiners und Tanzun'.erhaltuugen, Privatvorstellungen und Conccrte. Madame Elveda hält Bersammlungen ab für die Rechte der Frauen und äbnliche Zwecke. Ich habe gehört, daß das Haus schön eingerichtet ist und — wie du von einem durch Frauenhand eingerichteten. Hause erwarten mußt — Alles enthält, was es nicht enthalten sollte — schlechte Eovien von Bildern, Antiquitäten, die gestern gefertigt wurden, altes '^-aüenzeug,. das vergangene Woche gehämmert worden war, und / höchst vlumv gefälschtes China: du kennst ja das Zeug, welches in ein Haus wandert, wo nur Frauen sind. Ja, selbst meine Clara ist, trotz ihrer Kennlniffe, nie imstande geivesen, ganz sicher eine Copie von einem Original zu unterscheiden. Sie sind, glücklich, so lange sie glauben, d/ß Alles in Srdnung ist, aber warte nur, wenn es zum Lerkanre kommt." „Wohin Heuerst du?" fragte der Andere. „Warte siur. Ich sagte ja, daß ich dich überraschen wollte — j s Blatt. und ich will's gleich ähun. Alles in dieser Welt ist Zufall. Als ich - letzthin in Paris war, sah ich im Laden eines meiner Eorrespondenten eine seltsame Büchereolleetion. Ganz durch Zufall — denn ich kaufe aus Prineip keine Bücher — fragte ich, was sie' enthielten und woher sie kamen. Er sagte mir, daß sie einst einem Charles Albu gehörten —" „Charles Albu?" Mr. Bernard, der bisher wenig Theilnahnie gezeigt, wurde plötzlich aufmerksam. „Charles Albu? Wie war er mit unS verwandt?" „Charles Albu!" wiederholte Mr. Angelo. „Tu hast von dem großen Unternehmer beim Peninsular War, Simeon Albu gehört? Tu weißt, daß er ein Letter von uns war?" „Ich habe von einem solchen Letter gehört. lSb er uns gerade von 'Ruhen war —" „Rein — »ein! Unser Later war zu stolz, seine Hilfe anzurufen — thöricht stolz nenn' ich das — wo ein paar hundert Pfund ihn ein für allemal aus dem Whitechapelloch, wo er verfaulte, hervorgezogen hätten. Aber er'wollte nicht. Ru», dieser Charles Albu war das einzige Kind dieses großen Unternehmers." „Ta muß er sehr reich gewesen sein." ■— „Er war reich. ^Wie mir mein französischer Correspondent sagte, war er riehe :i millions-richissime. Ich machte uiir's zur Aufgabe so viel als möglich über ihn zu erfahren, denn in einem solchen Falle kann Niemand wissen, was geschieht. Wenn in einer Familie ein großes Lermögen in, so ist es wie ein Titel oder ein Grundbesitz. Alle Lettern müffen ihre Lerbindnng mit der Familie aufrecht erkalten. Riemand kann wisse», wie einem ein Grundbesitz hergeschneit kommt. 'Nach einem solchen Lermögen sich zu erkundigen, Bruder, sollte eine Pflicht sein, die wir uns und unseren Kindern 'schuldig sind." Ter Andere, welcher niL "viele Worte machte, nickte mit dem Kopse. „Run also, höre. Dieser Charles Albu verbrachte sein ganzes Leben in Paris, er betheiligte sich nie an Speculationen, spielte nicht, trieb weder. Sport, nocki Handel; er genoß seinen Reichthum. Ergab viel Geld aus für Bücher, zwei oder drei Buchhändler weinen noch, wenn sie an ihn denken, aber er gab nie sein ganzes Einkommen aus und versuchte nie, es auf Irgend . eine Art zu vergrößern. Ein trauriges Leben, Bruder — traurig, traurig und er folglos." Ter Bruder wiegte das Haupt. „Traurig," wiederholte er. „Ein ödes Leben, weder zu gewinnen, noch zu verlieren." „Er lebte, gerade, wie ein reicher Mann, in den Lergnügungen von Paris." „Lergnügungen?" wiederholte der Mann deS TurfeS. „Lergnngnngen?" — ohne Speeulation — oder Sport — oder Spiel — alles eins" — er sah auf seinen Bruder, daß dieser den Satz vollende. „Tas Leben hat in der That wenig andere Lergnügungen. Tiefer Mann, unser Letter, dachte vermuthlich anders. Er genoß jene Lergnügungen, die ihm gefielen und starb in jungen Jahren." „Kein Wunder." „Also, nun kommt die Ileberraschung. Er besaß nur eine Tochter, sie soll sehr schön gewesen sein, auch eine Base von uns, beachte das! Als ihr Later narb, war sie zwanzig Jahre alt, mit einundzwanzig erbte sie ihr gesammtes Lxrmögen . und war nun die reichste Erbin von ganz Frankreich, sie heiratete; sie hätte mit ihrem Gelde heiraten könne», wen immer sie wollte, sie hätte auch einen großen englischen Lord heiraten können — die französischen Lords sind nicht von Belang. Aber sie that es nicht, sie wählte einen Mann' aus ihrem Lolke, einen jungen Mann, der schon einige wiffenschaf liche Entdeckungen gemacht hatte, was man eben einen vielversprechenden jungen Mann nennt, bei welchem sich ein Theil unserer Fähigkeiten in anderer als in geschäftlicher Richtung ausgebildet hatte. Der Raine dieses jungen Mannes war Emanuel Elveda." „L!" Ter andere Mann schaute auf. „Dann sind diese.reichen Leute unsere Basen!" „Ich dachte mir's, daß dich das inMrstaunen setzen werde, Bruder. Ja, Millionärin und ihre Tochter sind unsere Basen. Wir hatten den diese gleichen Urgroßvater, und dieser lebte in dem Ghetto irßend einer italienischen Stadt. Aber ich bin noch nichk fertig. Sie waren noch nicht lange verheiratet — ein Jahr vielleicht — als sie sich trennten — Niemand weiß warum? Der Gatte ging von dannen, und man weiß nicht, was mit ihm geschah. Lermuthlich ist er todt. Die Frau, welche ein kleines Kind hatte, blieb bis vor drei oder vier Jahren auswärts. Aber sie sagte sich von ihrem Lolke los, ging nicht mehr in die Synagoge und gibt sich nun für eine spanische Maurin