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Freies Blatt · 1894-01-07 · 92 (7.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
92 (7.1.1894)
Date
1894-01-07
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr. 92. Freies Blatt Seite 9. „Nun, dann mußt du cinwilligen zu heiraten, du »»ißt irgend Jemanden finden, der dich' auf cininal und für imitier mit der ganze» Welt verbindet." „Das ist nicht der Weg für mich, Clara; ich wollte lieber einsam sei», als eine Sclavin werden. Clara, lass' mich dir meine ganze Hartherzigkeit bekennen. Ich bin gar nie bewegt, wenn ich von »icnschlichcm Elende lese. Sie sind nur Theilc des vorübcrzichcndcn Scheines Tu kennst die Bettler, welche auf den Stufen vor den italienischen Kirchen sitze», die malerischen, schmutzigen, zerlumpten, fanlc» Geschöpfe; je schmutziger und zerlumpter, desto malerischer sind sie. Ai» mich sind sie nur da, um ein Bild zu geben. Wenn sie arm und elend sind, so ist es ihr Fehler, denke ich. Die Erzählung der größten Ungerechtigkeit macht mich nicht erzürnen. Das ist eine Angelegenheit ' für Polizei und Magistrate." „Nun aber — Franziska — wie willst du mit diesen Phantasien deiner Mutter Welk weitcrsühreU?" „Diese Frilgc stelle ich auch immer an mich, Clara. Wie kan» ich etwas derartiges nntcrnchmcn. Sic hat die Stellung der Frauen dargelegt; sic verlangt ihre Gleichstellung “ „Der Mann ist der Herr nnd wird der Herr bleiben," sagte Clara, die Jüdin. „Es ist das göttliches Gesetz." ' „Dann fordert man Gleichstellung durch menschliche Gesetze. Ist da« vollendet, dann hat alles klebrige zu folgen. Nu», ich kann mich in meiner eigenen Sache stark genug fühlen,, ich würde inich nie — nie — nie einem Herrn nntcrotdncn. Aber — öfter« — wenn man an den vorübcrzichendcn Schein denkt, und wie die Frauen ihre Nöllen mit Zufriedenheit spielen und die Macht der Gewohnheit bedenkt und die Stärke des Borurthcils und die Unverschämtheit der einen Frau, welche für alle die Millionen Frauen sich erhob, erscheint das Ding unmöglich, ich fühle dann, daß ich cs nicht cininal versuchen kann. Zn anderen Zeiten, wenn die Phantasmagoric verschwunden ist, kann ich die herrliche Kühnheit eines solchen Bersuchcs, die ganze Welt aus den Polen zu heben, schauen. In »icincr Einbildung bin ich dann größer als Baschti, die ja nur gegen ihren Herrn, den König, sich empörte, und ich fühle inich als die größte aller Frauen, die je gelebt, weil ich für alle mich empöre." „Du wärest die inulhigne aller Franen, aber du wärest die wenigst erfolgreiche. Und doch scheint cs mir verlockender, höher, als Führer in einer verlorenen Schlacht zu fallen, als allein zu sitzen mit sich selbst, allein in dir Welt, kanm unterhalten durch den vorübcrzichcndcn Schein des Gebens." ' „Denkst du so, Clara? senkst du ininicr so? Manchmal denke ich «ich so. Doch gerade in diesem Augenblick erscheint mir meine.eigene Welt, ineine sehr kleine. Welt mit alledem, was ich liebe, weit besser als die reale Welt. Ncal? Welcher llnfin», von einer realen Welt zu reden! Es gibt tausende solcher realer Welten. Lass' n»S eine für nns selbst schaffen nnd darin leben, 'wie i» einem Tabernakel —.du und ich, Clara, nnd »och zwei oder drei dazu; wir löiincn ans ihr eine Welt der Cultnr und der Kunst machen. Wenn mir 'Nahrung brauchen, werden wir an den Knopf drücke», nnd man wird nns mit dem Aufzug ein Spcisebrctt mit Pfirsichen und Trauben und Moselwein hcranfschickcn. Wir werde» der Kunst, welche viel edler ist als die Humänitüt, »ns widmen. Kunst ist die einzige Göttin, die nicht unter dem Alter zu leiden hat; ihre Bekenner haben keine Bcrgangcnheik und keine Zukunft, sic leben in gegenwärtiger Bollcudung." Franziska, was soll cs fronimen, eine» so eitlen Traum zu träumen? Wer kann der Welt entfliehen? Sic ist stets bei uns." „Es muß nicht sein." „Aber dein: Welt der Cultnr wäre bald gestört durch verschiedene, unerwartete, reale Tinge. Du kannst;. B. nicht der Krankheit und dem Tode ausivcichen." / „Krankheit ist nur ein Zwischenfall, gehl vorbei und wird vergessen. Tod? Das ist das Ende. Es kommt, nnd entweder fühlen wir nichts mehr für alle Zeiten, oder wir erwachen andcrswy zu einer neue» Existenz." „O, du bist wahrlich eine Orientalin durch nnd durch, Franziska. Du solltest abgesondert und wohlbemacht in einem Harem leben." „In einem Harem wohl, wenn du willst— aber ohne König." „Du würdest bald deines Harems und deiner Einsamkeit und deiner Kunst müde werden." „Nie — nie — wenn zwei oder drei von euch mir Gesellschaft leisten wollen." — ' Clara stand lachend auf: „Eine schöne Kunst würdet ihr da in eürcm Kloster pflegen! Ich sehe förmlich die convcntionellen Figuren im Geiste. Meine Liebe, wenn du die Kunst üben willst, darfst du nicht hier sitzen nnd malen. Du mußt hinaus nnd schauen — und sie studiren und nachahmcn — die Männer." " ' “ ' “3------- „Clara! Solche Worte in dieichr -Hanse?" Franziska feste sich auf und lachte lustig mir. „Das Täcksswird einstnrzen. Tic Glocke wird nicht läuten, wenn du'derart sprmssl! Ter mögliche .f knöpf wird anshören zu wirken — ich weis; nicht,/was Alles geschehen wird, wenn' du solche Sachen noch cininal sagst." „Du uilißt cs so »lachen, wie ^s die Männer mache», meine Liebe. Tu mußt in die Schule des LcbctiS gehen. Tu mußt Anatomie studiren und von der lebende» Figur amehe», wie sie ist. Tn mußt aus dem Harem hcrauSkommen, oder v^ine'Kunstwird werthloscS Zeug fein." ' . / -r \ „Haben Sic in letzter Zeit daS Kind ücqbachtet?^ -sagte Mclkah. „Ich beobachte sie Tag für Tag," erwiderte Madame Elveda, „was mciiist du, Mclkah?" V > „Sic ist bekümmert — sie singt nicht. Ich^ höre sie nicht Aachen, sie sitzt immer.stille da." „Nun, sic denkt »ach. Sie ist jetzt ein WcibX Mel'kah. Sic denkt an die große Znkunil vor ihr, und wie'sie dieselbe^beginnen soll." „Sie ist volt^Hirngcspinnste», sic leidet an Hiriigcspinnstc». lieben Sie ihr eine» Liebhaber,, uni ihre Gedanken abzulcnken. Bcrheiratcn Sie sie — verheiraten Sic daS Kind; geben Sie W einen Mann, dem sic gehorchen muß ". . „Mclkah," sagte die Tante, „das magst du Ien^ndcm bei dir daheim in Damasens sagen. Meine Tochter soll keincnd^Manne Gehorsam zollen." IX. Angclo's kleines'Geschäft in Mortiincr Street sah cherX einer Privatwohnung älmlich, als einem Laden. Tic Fenster' waren geradeso wie i» Privathüuscril, keine Firüiatafel hing über der Thür, nur eine kleine Mcssingplatte mit dem Name» „Angela" war in der Mit« des Scitcilpfostens befestigt. Aber die ganzSWclt kennt Angela. Die Thüre steht offen, die Besucher treten ei», drehe» den Griff einer «eiten Thür nnd bcsinde» sich im Erdgeschoß, in einem Hintc'rzimmsr,, daS sich außerhalb der Front öffnet. Tic Räume sind im Uebcrfluß möblirt mit einem sonderlichen Assortiment, von Stühlen, Tischen und Schränken. Tie Wände sind mit Bildern bedeckt, änsgenommen aüjcnen Stellen, wo ani einem Ansiatzc eine Uhr, eine Statncttc oder ein antiker Bechex steht. Tie Schränke sind angefüllt mit allerlei Sächelchen. Münzen aus jedem Zeitalter nnd jedem Lande, . Uhren von de» verschiedenste» Erzeugern, iitge mit kostbaren Steinen,. Scarabäen nüd Mumien nnd hnroglnphische Inschriften aus Egupte», Tischchen Cnst Kcilinschrisien von, assifrischen Grabhügeln, Statuetten in Silber und Bronze, antike Lampen, römische Töpserwaareu und Ziegel, mittet* altcrlichcs Glas, Camecn — idf. weiß nicht was poch Alles, erfüllt die Räume. Das ganze Haus ' ist ein Mnseum. Auf. den Stiegen stehen Sarkophage und. Holzschnitzereien, in den Ziiilmcrn oben findet - mau chinesisches Porzellan, Elfenbeineassekten, hölzerne .Kasten, Idole„ Wasscil und Werkzeuge aller Länder.nufer der Sonne, Kleidungsstücke und Erzeugnisse aller Art: nichts ist da, das hier nicht angesehen, geprüft und gekauft würde; cs gibt nichts, was Mr. Adalbert Angela, der Besitzer der wunderbaren Sammlniig, nicht führen und nicht kennen würde. Er wird nns sagen, daß er kein'BildcrhändIcr ist, nnd doch hängt hier ein echter Ban Ttfke. Woher er weiß, daß das Bild echt ist? Er lacht freundlich; Jedermann, meint er, wisse etwas so Einfaches, wie dies. Hier ist ei» Stück aus S-vrcS. 'Woher er weiß, daß cs echt ist? Er lacht;, jedermaini, sagt er, kann beim ersten Blicke lagen, daß cs echt ist. Hier ist wie-cr eine Münze, ein silberner Schekel mit dem Gepräge der Makkabäer: woher, er weiß, daß sic echt ist? Nun, sagt er, eine jede Fälschung verlache sich selbst, sei cS nun Glas, das sich für Tiamant anSgebe, Bcrgoldnng, die sich für Gold anSgcbe, eine Copie, die sich für ein Original anSgebe. Wie bekommt 'man daS Berstäiidniß für echt nnd gefälscht? 'Niemand weiß cs. Eskommt mit dem Manne zur Welt, vielleicht als Erbe: besonders aber ist cs dem,Balte eigen, welchem Mr. Adalbert Angclo'«»gehört. Unten im Erdgeschosse sivt ein Angestellter des Hauses, unsichtbar für die Eintrctcnden, unsichtbar selbst »och, wenn die Leute herumgehc» und die Tinge betrachte». Sobald dieser Mann aber von seinem Berstecke aus merkt, daß der Besucher von der Sehnsucht zu besitzen, von dem Bei. langen nach irgend einem Tinge befalle», ist, erscheint er plötzliche nnd gibt in sanftem, vertraulichem Gemurmel eine kleine Geschichte des TingcS. Obwohl er noch ganz jung ist, weiß er doch fast soviel, wie sein Herr und läßt nie — nie — nie Jemanden scheiden, ohne daß dieser eine» beträchtlichen Theil seines Rcichthums für irgend ein ein Stück lirk-ä-lirai-, eine Müihe, einen Tops, ein Bild, eine Statuette zilrückgclasscn hätte. An diesem Morgen befanden sich zwei Männer zm Gespräche an

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