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Freies Blatt · 1894-01-07 · 92 (7.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
92 (7.1.1894)
Date
1894-01-07
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 8. Freie, Blatt. Nr. 92. solchen Versammlungen sprechen wäre. “ ich wünschte wirklich, daß ich anders ES war beiläufig drei Wochen nach der Theatervorstellung' uud der Auseinandersetzung über daS Unmögliche. Franziska saß in. ihrem Zimmer, jenem HaremSgcmach, von welchem Clara gesprochen hatte, mit eben derselben 'Clara. Jede Königin, Führerin, Pricsterin der Gegenwart oder der Zukunft muß ihre Vertraute haben. Bei Clara Angela bedurfte cS wobl keiner Ermulhigung, um dieses' Vertrauen zu cultiviren. Zu Hause, baden wir gesehen, athmete sie die Luft des Gelderwerbes, hier atbmele sie die reinere Luft jener Höhen, auf welchen die Kinder sich befinden, wenn einmal das Geld erworben, die Unabhängigkeit begründet ist und die Leitern alle weggeschasit sind. CS ist daS Paradies der Kinder des Geldmachers. Bon unten herauf drang daS Geräusch vieler Stimmen und vieler Tritte, das Rauschen schwerer Kleider und von Zeit zu Zeit die schrillen Töne cincr einzelnen, mit Feuer und Energie sprechenden Stimme zu ihnen heraus. Es war der Lärm einer Versaminlnng, einer jener vielen Versammlungen, die in Madame Elvcda's Empfangszimmer alljährlichabgehalien wurden, zum Zwecke der Förderung irgend eines Zweiges der großen Sache. ' „Clara, meine Liebste," sagte Franziska, „wie soll ich anders werden'?" Tie beiden Mädchen saßen allein in diesem Kästchen von einem Zimmer, wo Alles Sammt, Seide, Stickerei war. Sie batten einen angenehmen Nachmittagsthec eingenommen mit Kuchen und Erdbeeren, einen ästhetischen, schöngeistigen Nachwittagslhce. „Kein Mensch aus der We.lt wünscht dich anders, Franziska." „Ach. meine Liebe, aber meine Mutter. Sic harrt und hofft, und ich rücke ihren Hofinungen nicht »aber " - „Aber du hast doch crsi neulich dein Stück .Tic Empörerin' geschrieben und gespielt." „Ja," sagte Franziska langsam, „ich tbat's und ich setzte Tinge hinein, welche meiner Mutter gefallen. Und während ich spielte, kam mir Alles ganz recht vor. Ich war Vaschti, die Empörerin, aber seither habe ich immer das unangenehme Gefühl, daß Esther den befiercn Theil erwählt bar —-besonders die moderne Esther, weil sic-nicht nach ein oder zwei Jahren entlasten wird." „Tas ist die reine Ketzerei, Franziska." „TaS fürchte auch ich. Ich habe ein Stück geschrieben, welches die Anschauungen meiner Mutter ver'ärpert, ich habe mich geweigert einen Mann zu heiraten, um meiner Mutter Absichten auszuführcn: das sollte mir's ja leichter machen, jenen lhätigen lebhaften Antheil zu. nehmen, welchen sie erwartet. Aber es ist nicht"der Fall. Sic hält Versammlungen ab, ruft ihre Ausschüste zusammen, liest ihre Schriften, füllt ihr Haus mit strengen Frauen, die Alle verlangen — verlangen — o! was ift’e, das sie Alle so sehr verlange»'?" „Schemen, Franziska." C^ira schaute sich ängstlich.um, als ob sie Zuhörer fürchtete, und sagte leise: „Schemen." „Schemen'? Wenn ich besten gewiß wäre, daß es Schemen sind, so würde ich deren Verfolgung mitbetrciben. Aber man sagte mir immer, daß die Tinge wahr sind, das macht mich so sehr vor ihnen erschrecken. Ich bin an ^Schemen gewöbnt. Ich habe wenig Anderes getrosten mein Leben lang." „Run ergebst du dich in deinen Pbantaficn." Franziska wart sich in ibren niedrigen, leichten Stuhl zurück und stützte den Kopf aut ihre Hände. Und sie fing au zu reden, fast zu flüstern, einen Strom leiier, gemurmelter Worte. „Alles ist Schein und Schatten, die Welt ist nur ein Spiel von Pbankomen. Warum sollten wir unsere Seelen wegen fliehender Schatten und Ulitm-r -Gespenster analen? Last" den Schein vorüberziehen. Ein Je, rm nne steht allein im Mittelpunkte der Unendlichkeit. Undnrchditiigltche Finsterniß — unerträgliche Einsamkeit herrschte, wäre cs nicht f:v Schein, der zu aller Zeit sortdauert. Zerstiebt der Sch.st.!, die Seele allein in der->.Finstcruiß. Tas ist der Tod. Tann st st, nichts incbr,. und es wäre ein. Glück so. Aber vielleich: . .nn: teum ein anderer Schein, mit'Licht und Musik, vielte:!n!. ■. ■ -.-.na -tu endloser Zug von neuem Schein an, yni dort die ar:n. Ser;: zu zerstreuen." -'st! — Pbaniasten." ' i. .;.;t:i)i,a deine Seele ersüllen, dann sind sie so real als -st - >ne Phantasien wären. Wenn man aber nicht die geriue-st, ststz.eonng zu dem vorüdcrzlchendcn Scheine hat, kann cs dann st.o „eliid .es als ein Schemen sein st Welche Beziehung habe ich zu Scheine V, Wir Beide — meine Mutter und ich - - IIeben abseits von der Welk und betrachten ihn. Sie wliid "i .st , iltriistet und möchte daran Manches ändern. Sie versucht ai: ’i mich zu imüsten — ich pflegte ärgerlich zu werden, nur rin -.r-ema. weißt du, mchr viel — aus Sympathie zu ihr. Jetzt werde ich nicht mehr böse, ich schaue und interessire mich öfter. Aber böse zu werden, weile ein Schatten weint und ein anderer Schatten wüthet? Etwas zu ändern suchen? Nein!" „Welche Beziehung wolltest du zu der Welt haben'?" „Die du hast. Jedes andere Mädchen hat ein Land, eine Sprache, Vettern, Brüder, Schwestern. Jedes andere Mädchen hat eine Rolle zu spielen indem vorüberzichendcn Scheine, ihre Rolle mit anderen Mädchen, mit Männern. Sie ist ein Theil davon; sie spielt als Schauspielerin für sich selbst als Zuschauerin. Sic spielt ihre Rolle zugleich mit ihren Brüder», Schwestern, Vettern. Sic verliebt sich und spielt mit ihrem Geliebten. Wenn sic nicht spielt, sitzt sic draußen, und spricht mit Anderen und betrachtet das Spiel ihrer Freunde; du z. B. hast Alles, den ganzen großen Apparat der Verwandtschaft, welcher die Menschen mit einander verbindet." „£) ja! Ich habe Alles — Vettern und Alles, glaube ich." „Einige von ihnen sind vielleicht nicht sehr reichst" „Einigt mciuec Vettern sind sogar sehr arm."/ „C, wie köstlich! So, daß du sogar imstande bist zu verstehe», was die Lcntc' meinen, wenn sie über die Armuth reden! Wenn ich versuche, die Arniuth zu verstehe», so entwischt mir das Ding. Ich kann nicht verstehen, wie Leuteüberhaupt einwilligen können zu leben, wofern sic nicht von Allein genug und reichlich shabcn. Tann hattest du auch Gespielen, ich hatte keine. Ich bin immer ganz allein gewesen: ging nie in eine Schule, solider» saß allein in cincm Privatzimmer eines Hotels, und Lehrer kamen und unterrichteten mich. Wir gehörten keinem Lande an, wir hatten keine Sprache. Ich gewöhnte mich, französisch, italienisch, spanisch zu denken, je nach dem Lande, in dem wir uns just aufhielte». Ich hatte auch keine Verwandten, nicht einmal Vettern — Niemanden als meine Mutter. Aus den Hotel- und den Wagensensteru sah ich den Schein der Well vorüberziehen. Ich lache und ich weine nicht mehr darüber wie früher, ich schaue nur, welch ausgezeichnetes Material für die Kunst dieser Schein bietet. Man kann daraus Bilder, Dramen, Gedichte, Erzählungen machen — wunderbare Kunstgebildc — aus diesem Schein. Aber cs ist nichts real darin. Ein Regenbogen ist das köstlichste Bild, aber er ist nicht real. So mag eine Gruppe darbender Näherinnen ein ausgezeichnetes Bild geben oder ein besonders rührendes (Gedicht; ich könnte versuchen, solche Bilder zu malen, aber das Elend der Sache wäre für mich nicht real." „Würdest du ihnen Geld geben'?" „Ich weiß es nicht, vielleicht, wenn sie darum bäten. Warum nicht'? Ich würde den Abgang nicht fühlen. Sichst du, Clara, wir sind immer so reich gewesen, wir hatten nichts zu thun mit dem Gelderwerbe, da gibts keine Verantwortlichkeiten, keine Grundstücke, Ländereien oder Pächter. Ich komme mir vor i roic Aladdin in dem arabischen Märchen, wo der- Kobold dem Manne ein Zaubermittel gibt. Aladdin hatte seine Lamps, er putzte dieselbe, sobald er etwas brauchte. Ich habe einen ähnlichen magischen Besitz wie Aladdin's Wunderlampe. Mein Kobold gab mir einen magischen Knopf: ich berühre ihn, und Alles, was ich brauche, kommt hervor. Es ist rein, zauberisch. Woher kommt cS'? Ich weiß cs nicht, ich habe nie gefragt. Es gibt nichts in der Welt, das ich nicht durch Trinken auf den magischen Knopf bekommen könnte, und darum habe ich den Sinn für die- Wirklichkeit verloren." „Aber du weißt doch sehr gut, daß die Sachen real sind." > „Nein, ich weiß cs nicht sehr gut. Ich vermuthe es nur. Man sagt mir, die Tinge seien real, aber ich fühle oder begreife ihre Realität nicht. Tarum kommen sie mir nicht real vor. Dinge, wie du sie nennst, üben auf mich nur den Eindruck eines vorübcrziehenden Scheines aus. Ich sehe hinaus auf ein Panorama, ein Drama ohne Ende, ein interefiantes Drama, dcsicn Bedeutung, Plan und Schluß ich nicht verstehe." „Was ist dann also real'? Nichts'?" „Ich selbst, ich — ich — ich. Und' Personen und Tinge, nur insoweit, als sie mich berühren, du und meine Mutter und meine Bilder und meine Musik und meine Bücher; aber das einzige ganz reale Ting bin ich selbst — ich — ich selbst — nicht der Hänfen Beine und Haut mit cincm Kopf und Füßen, aber ich selbst, mit uieincn armseligen Lappen und Lumpen von Kenntnissen und von Kunst. Es macht mir nichts, daß eine andere Person wieder nur ihre eigene Realität fühlt. Sie ist für mich nicht real. Sic ist kein Theil von mir." „Aber es sind so viele Leute ein Theil von einem selbst." „Bei dir ja; bei mir keine." „Deine Mutter." „Sie bewacht, leitet, beaufsichtigt mich stets. Aber ich kenne sie wirklich nicht. Sie ist eine Art Vorsehung für mich."

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