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Freies Blatt · 1894-01-07 · 92 (7.1.1894) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
92 (7.1.1894)
Date
1894-01-07
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Freies Blatt. - Seite 5 Nr 92. bem Heimwege einen Jungen aus Nenkerk, und da dieser mit einem Tragkorbe ausgerüstet war, hielt er ihn für den erwarteten Boten nnb forderte ihn auf, mit in seine Wohnung zu kommen. Als Beide in die Wohnstube traten, saßen in derselben;wei ältere Männer, wie bald klargestellt wurde, christliche Metzger ans St. Hubert und HülS, "und der Eine fragte Lambertz: „Wo hast du das gioße Fleischtuch?" Da wurde es dem Jungen unheimlich. Er entfernte sich lUiter dem Borgeben, erst noch eine Bestellung in einem Rachbarhanse anSrichten zu müssen, und verbreitete alsbald im Lite die Schauermär, Lambertz habe ihn in sein Hans gelockt, um ihn abznschlachten. Einige alte Inden (die christlichen Metzger) hätten dort bereits ans ihn gewartet. Natürlich fand sich schnell .ein gernglünbiger, angrisssluniger Pöbelhanfe zusammen. Ter Bürgermeister beschied alsbald Lambertz zu sich, ließ sich den Hergang erzählen und hielt ihn so lange fest, bis auch die Ehefrau verhört war, deren Bekundungen mit denen ihres Platten vollständig übereinstimmlen. Trotz der von Leite des Bürgermeisters gegebenen Aufklärung glaubt der 3iingc ganz fest, man habe ihn schlachten wollen, und die Menge glaubt es ihm nach, oder gibt sich wenigstens den Anschein, es zu glauben. Ta die bilden keinen Moment sicher sind, daß nicht ähnliche Märchen anftauchen, hat sich ihrer eine erklärliche Bennrnhignng bemächtigt. Wann wird es am Riederrhein Tag werden? (Verkauf von Pcnsionsbtrtchtistnnstsscheincn.) I H. Reinkens erzählt in seiner Biographie der katholischen Dichterin' Vuifc Hensel folgende Episode ans dem Leben der protestantischen Mutter dieser Dichterin: Tie Zeit der materiellen Roth war mit dem Jahre 18o8/‘.l nicht vorüber. Besonders in Berlin erfuhr die Witwe .Henfel noch harte Bedrängniß. Sie erlangte zwar Pensionsberechtigung für :’>0) THaler; aber 'Rapoleon hatte n. A. auch die Witwencasse in Berlin geleert, und so konnte der Fra» Hensel wie den übrigen Witwen vor- ^läufig nur der Schein der Berechtigung auSgehündigt werden, aber kein Geld. Im Besitz eimS solchen Scheines konnte man immerhin noch den Hnngertod sterben. Ta wurden diese Pensionsberechtigungsscheine Gegenstand.des Handels und der kanfmännischen Spekulation. Den armen Witwen wurde Gelegenheit geboten, ihre Scheine in der Art zu verpfänden, daß sie die einzelne Jahreöberechtignng eigentlich verkaufen mußten. Sie erhielten meist für hundert Thaler ihrer Berechtigung vierzig Thaler ansgezahlt; so stellte sich das - Geschäft. Zahlte iittit später der Staatso erhielten die betressenden Speenlanten für ihre vierzig Thaler hundert, und die arme -Witwe, welche eine Pension von dreihundert zu beanspruchen'' halte, war um hundertachtzig ' Thaler jedes Jahr verkürzt. Also in ähnlicher Art verkaufte auch die Prediger-Witwe Hensel ihren Schein mehrere Jahre hindurch an einen christlichen Bangnier zu vierzig Thalern per Hundert. Da hörte. sie durch eine Freundin, daß ein jüdischer Bananier sechzig Thaler bezahle. Darauf ging sie zu diesem und trug ihm die beiden solgenden Jahre ihren Schein hin. Unterdessen wurden die Freiheitskriege gekämpft, deL Sieg gewonnen, und König Friedrich Wilhelm II!. benützte die ersten Einnahmen, um die Witweneasie wieder zu füllen. Auf die vorgelegten Scheine wurden nun alle rückständigen PensionSsummen anS' gezahlt; auch der jüdische Banquier erhielt die bolle Auszahlung; aber, waS er im Stillen sich vorgenommen, führte er nun ans. Er beschied die Witwe» zu sich und zahlte ihnen Alles zurück, keinen Thaler Gewinn für sich nehmend. Als die Witwe Hensel ihm staunend dankte, sagte er in edler Einfachheit: „Behüte mich Gott, daß ich von armen Witwen Zinsen nähme!" Sie vermochte nicht den Dank in Worten anszndrücken: tiefgerührt kam sie nach Hause zu ihren Kindern, und nachdem sie die großmüthige Handlung ihnen erzählt, rief sie ans: „Gott segne diesen Inden." (AliarchislllllS »Nd Antisemitismus.) Immer mehr hänfen sich die Anzeichen, daß die Antisemiten jetzt zur „Propaganda der Thal" nach dem Muster Ravachol's und Baillant's vorzugehen gedenken. So erfuhren wir im Monate Deeember von nicht weniger alS-vier an Juden versuchten oder angedrohten Bombenattentateu unzweifelhaft antisemitischer Provenienz. Ein jüdischer Atnnfmnnn in Berli», Mori; Friedländer, erhielt am ll. Deeember durch die Post eine Papierrolle zugeschickt, welche die Erzieherin seiner Kinder öffnete. Sofort erfolgte eine Explosion, durch welche die Erzieherin an den Augen, der vierjährige Sohn des Herrn Friedländer am Kopfe verletzt wurde. Bor mehreren Tagen wurde in einem Schreiben ein weiteres Attentat in Aussicht gestellt und die christliche Erzieherin ersucht, erst daö Haus zu.»erlassen. In Uelzen, einem Flecken Tn der preußischen Landdroslei Lüneburg, hatte am l-t. Deeember Jemand eine Bombe ans die Fensterbank der Witwe Salomon gelegt, dieselbe mit einer Lunte versehen und angezündet.' Glücklicherweise hat die Zündschnür den jedenfalls beabsichtigten Zweck nicht erfüllt, da sie zur rechten Zeit versagte. Der sofort herbeigeeilte Polizeisergeant Hedermann ließ vermittelst eines langen Stockes den unheimlichen Fund von der Fensterbank entfernen. In Mainz fand man neulich vor dem Hause eines jüdischen Möbel fabrikanten in der abgelegenen Praehmygasse am Morgen mehrere Zündschnüre, und in Atöln erhielt der Borstand der jüdischen Gemeinde ein anonymes Schreiben mit der Drohung, man werde am Freiläg Abends wahrend des Gottesdienstes die Synagoge sammt den Gläubigen in die Lust sprengen. Wenn es sich auch in dem einen oder anderen Fall tun eilten schlechten antisemitischen S vaß oder nur einen Erpressnngsversnch eines strammrn AhlwardtianerS handeln sollte, so muß doch nute» solchen Borkommnissen wenigstens daö Gefühl der Lfsentlichen Sicherheit stets leiden, und die Behörden werden daher wohl Ihun, gegen die antisemitischen Anarchisten mit derselben Strenge und Rücksichtslosigkeit vorzugehen, wie gegen deren erfolgreichere Brüder Ravachol und Eomp. Wie dringend nothweudig eine solche Maßregelung wäre, geht auch daraus hervor^ daß unser antisemitischer Moniteur daö Borgehen' der französischen Regierung gegen die Bombeuwerser bereits als höchst vexatorische Maßregel und „juden-liberale" Beeinträchtigung der „Freiheit" bezeichnet. (Tas „Recht" der Znücn in Rußland.) Die „Reue Freie P resse" erzählt folgende Geschichte, die sich in der letzten Zeit erst abspielte und ein enlturhistorischeS Toeument für die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland abzugebeu geeignet ist: Bor einigen Wochen logirte sich in einem Wiener Hotel ein Kaufmann und Hausbesitzer Eh. Aglitzky aus. Sdessa ein. Aglktzky hatte seine Heimatstadt anS Besorgniß vor dem administrativen Einschreiten des dortigen Gonvernenrs verlassen: eine ihm »achgesendete Rnmmer der „Ddessaer Zeitung" belehrte ihn hier, daß seine Befürchtungon nicht unbegründet gewesen, denn sie enthielt die Mittheilang, Aglitzky solle ans administrativem Wege nach JakntSk in Sibirien verschickt werden. Bald wurde-er noch - auf andere Weise daran gemahnt, welche Absichten in lDdcsia gegen ihn herrschten. Er erhielt eine Borladnug zur hiesigen Polizeidireetion, und als er derselben in Begleitung eines Rechtsfrenndes nachkam, wurde ihm eröffnet, daß die russische Botschaft in- Folge einer Requisition des Petersburger Ministeriums an die Wiener Sicherheitsbehörde die Bitte gerichtet habe, ihn zu beobachten, weil in Bälde ein Begehren um seine AnSliefernng 'einlangen werde. Tie Angelegenheit gelangte schließlich vor die RathSkammer des Wiener Landesgerichtes, welche: das Begehren um Beobachtung als im russisch österreichischen Ans liefernngövertrage nicht begründet abwieS. lieber die Ursache der gegen, ihn eingeleitete» Berfolgnng gibt Herr Aglivky, welcher jüdischer Eonsession ist. Folgendes an: Er hatte gegen einen Russen in Sdefsa^ der sein Schuldner war, ein Eivilurtheil erwirkt und wollte zur Exeeution schreiten. '.'inn war von dem Gouverneur dieser Stadt, Herrn Zilon», eine Praris besonderer Art eingeführt worden.. Wenn ein . Jude bei den sehr exaet fntietionirendeii Gerichten ein Urtheil gegen einen rechtgläubigen Russen erwirkt hatte und dieser sich an den Gonveriienr uni Rath und Hilfe wendete, dann pflegte Herr Zilony diesen Schutz aus eine wirksame. Weise zu gewähren. Er ließ nämlich den Inden holen und veranlaßte ihn, das unbequeme Urtheil vor seinen Augen zu zerreißen, indem er ihm in Anösickg stellte, daß er sonst zwangsweise Sdeisa verlassen müsse Tiefe bei der Macht der Administrationöorgane sehr ernste Erklärung bewog auch wirklich die meisten Gläubiger, welche ans solche Weise zu dem Gouverneur eitirt würdeü, ihr Recht aufzugeben Aglitzky, der ans demselben Anlasse von dem Gmwerneur vorgeladen war, .weigerte sich jedoch, das Urtheil zu vernichten, und beharrte trotz mehrfacher Eikirung vor den mächtigen Fnnetionür bei seinem Widerstande. Die Sache sei, so berichtet Herr Aglitzky weiter, bald in Sdesia bekannt geworden. Der'Gouverneur, welcher ihn, als einen in Sdesia geborenen und dorthin zu ständigen Kaufmann, denn doch nicht anszuweisen wagte, habe ihn bei dem Minister des Innern in Petersburg als Wucherer deniineirt und um dessen Ausweitung ans Odessa gebeten. Allein der Minister' habe die angegebenen-Gründe als nicht genügend zur Berhängung dieser Maßregelchesunden. Ta sich jedoch in der Stadt das Gerücht verbreitete, daß der Gouverneur sich nnnmehr direet an den E.zar nm Alisweisnug oder Deienirnng Aglitzky's gewendet habe, sei eS diesem doch als räthlich erschiene», von Sdesia qbzureisen, was er auch, mit einem ordnungsmäßigen Pasih versehen, ausgesührl habet So die Er zähtung des Herrn Aglitzky Sein Advoeal rieth ihm, ungeachtet der Resultatlosigkeit^ welche die Schritte djr russischen Botschaft bisher gehabt hätten,'Sesterreich vorläufig zu verlassen und eizi anderes Land ansznsnchen, da er nach dem Einlangen des tvirttichen!Anslieferuitgs - begehrens mindestens provisorisch in Berwahriingshasl - genoiiimeii werden könnte. Diesem Rathe hat der Kaiismann ans Sdena bereits entsprochen. . . - (Exccsjc stellen jüdlichc Auswanderer.) Ans Li bau wird gemeldet: Bei Einschiffung von jüdischen Auswanderern kgm es hier zu

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