Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 92 (7.1.1894)
- Date
- 1894-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 92. Freier Blatt. Seite d dem Heimwege einen Jungen aus Neukcrk, und da dieser mit einem Tragkorbe ausgerüstet war, hielt er ihn.sür de» erwarteten Boten und forderte ihn auf, mit in seine Wohnnitg^zu komme». Als Beide in die. Wohnstube traten, saßen in derselben zwei ältere Männer, wie bald klargcstellt wurde, christliche Metzger auS St. Hubert und Hüls, und der Eine fragte Lambcrtz: „Wo hast du das große Fleischtuch'?" Da wurde cS dem Jungen unheimlich. Er entfernte sich unter dcuz' Vvrgebcn, erst »qch eine Bestellung in einem Nachbarhaujc auSrichtcn zu müssen, und verbreitete alsbald im Lric die Schausrmür, Lambertz habe ihn in sei» HauS gelockt, um ihn abzuschlachtcn. Einige alte Juden (die christlichen Metzger) hätte» dort bereits auf ihn gewartet. Natürlich fand sich schnell ein gerngläubigcr,- angrifssluuigcr Pöbelhause zusammcii. Der Bürgcrnicistcr bcschicd alsbald Lambertz zu sich, j ließ sich den Hergang »rzählcu und hielt ihn so lange fest, bis auch; die Ehefrau verhört war, deren Bekundungen mit denen ihres Galten j vollständig übcrcinstimmtc». Trotz, der von Teile des Bürgermeisters gegebenen Aufklärung glaubt der Junge ganz fest,' man habe ihn schlachten wolle», und die Menge glaubt cs' ihm »ach. oder gibt sich wenigstens de» Anschein, cS zu glauben. Ta die Inden keinen Moment sicher sind, daß nicht ähnliche Märchen anftauchc», hat sich ihrer eine erklärliche Beunruhigung bemächtigt. Wann wird cS am Nicdcrrhcin Tag werden? (Bcrkanf von PcllsioiiSbcrcchtignngsschmicii.« I. H. Rcinkcns erzählt in seiner Biographie der katholischen Tichkcrin Luise Hcnscl folgende Episode aus dem Leben der protestantischen Mutter dieser Tichterin: Tic j^cit der materiellen Noch war mit dem Jahre 1808/it nicht vorüber. Besonders an Berlin erfuhr die -Witwe Hcnscl iwch harte Bcdrängniß. Tie erlangte zwar Pensionsberechtigung sür .‘!<M Thaler; aber Napoleon hatte ». Ä. auch die Witwcneassc in Berlin geleert, und so konnte der Frau Hcnscl wie de» übrigen Witwen vorläufig nur der Schein der Berechtigung ausgchändigt werden, aber kein Geld. Im Besitz eines solchen Scheine« koniitc man immerhin noch den Hungertod sterbe». Ta wurden diese Pcnsionsbcrcchtigungsscheinc Gegcnstand des Handels und der kaufmännischen Spcculation. Den armen Witwen wurde Gelegenheit geboten, ihre Scheine in der Art zu verpfänden, daß sie die einzelne JahrcSbercchtigung eigentlich verkaufen mußten. Sic erhielten meist für hundert Thaler ihrer Berechtigung vierzig Thaler auSgczahlt; so stellte sich daS (Geschäft. Zahlte nun später der Staat, so erhielten die betressenden Spccnlantcu sür ihre vierzig Thaler hundert, und die arme Witwe, .welche eine Pension von dreihundert;n beanspruchen halte, war um hundertachtzig Thaler jedes Jahr verkürzt. Also in ähnlicher Art verkaufte auch die Prediger-Witwe Hcnscl ihren Schein mehrere Jahre hindurch an einen christlichen Banquier zu vierzig Thalcrn per Hundert. Ta hörte sic durch eine Freundin, daß ein jüdischer Banauier sechzig Thaler bczable. Darauf ging, sic z» diesem und trug ihm die beiden folgenden Jahre ihren Schein hin. Unterdessen wurden die Freiheitskriege gekämpft, der Sieg gewonnen, und König Friedrich Wilhelm II!. benützte die ersten Einnahmen, um die Wikivcncassc wieder zu füllen. Auf die vorgelegten Scheine wurden nun alle rückständigen PcnsionSsumme» ansgezahlt; auch der jüdische Banquier erhielt die volle Auszahlung; aber, waS er im Stillen sich vorgcnommcn, führte er nun ans. Er beschicd die Witwen zu sich und zahlte ihnen Alles zurück, keinen Thaler Gewinn für sich nehmend. Als die Witwe Hcnscl ihm staunend dankte, sagte er in edler Einfachheit: „Behüte mich Gott, daß ich von arme» Witwen Zinsen nähme!" Sic vermochte nicht de» Tank in Worten auszudrückcn; tiefgerührt kam sic nach Hause zu ihre» Kindern/und nachdem sic die großmüthige Handlung ihnen erzählt, rief sic aus: „Gott segne diesen Juden." (Anarchismus und Antisemitismus.) -Immer mehr häufen sich die Anzeichen, daß die Antisemiten jetzt zur „Propaganda der That" nach dem Muster Ravachol's und Baillant's vorzugchcn gedenken. So erfuhren wir im Monate Teccmbcr von nicht weniger als vier an Inden versuchten oder angcdrohkcn Bombcnattentatcu unzweifelhaft antiscmitischer Provenienz. Ein jüdischer- Kanfmann in Berlin, Moriz Friedländer, erhielt am II. Tcccmbcr durch die Post eine Papierrolle zugeschickt, welche die Erzieherin seiner Kinder,öffnete. Sofort erfolgte eine Erplosion, durch welche die Erzieherin an den Augen, der vierjährige Sohn des Herrn Friedlünher am Kopse verletzt tvnrdc. Bor mehreren Tagen wurde in einem Schreiben ein weiteres Attentat in Aussicht gestellt und die christliche Erzieherin ersucht, erst das Haus zu. verlassen. In Uelzen, einem-Flecken in der preußischen Landdrostci Lüneburg, hatte am 14. Dcccmber Jemand ejnc Bombe auf die Fensterbank der Witwe Talomon gelegt, dieselbe mit einer Lunte versehen und angezündet. Glücklicherweise hat die Zündschnur den jedenfalls beabsichtigten Zweck nicht erfüllt, da sic zur rechten Zeit versagte. Ter söfort herbeigceiltc Polizeisergeant Hedermann ließ vermittelst eines langen Stockes den unheimlichen Fund von der Fensterbank entfernen.,! In Mainz fand man neulich vor'dem Hause eines jüdischen Möbclfabrikanten - in der abgelegenen Prachini)gasse am Morgen mehrere' Zündschnüre, »»d i» K öln erhielt der Borstand der jüdischen Ge-j meindc ei» anonymes Schreibe» mit der Drohung, man werde am Freitag Abends während des Gottesdienstes die Synagoge sammt den Gläubigen in die Lust sprengen. "Wenn cs sich auch in dem einen oder anderen Fall um einen schlechten antisemitischen Spatz oder um einen Erprcfsnugsvcrsuch eine« strammen Ahlwardtiancrs handeln sollte, so muß doch unter solche» Borkommnisscn wenigstens das Gefühl der öffentlichen Sicherheit stets leiden, und die Behörden werden daherwohl thuu, gegen die anliscmitischc» Anarchisten mit derselben Strenge und Rücksichtslosigkeit vorzugchcn, >vic gegen deren erfolgreichere Brüder Navachol und Eomp. Wie dringend nolhwcndig eine solche Maßregelung wäre, geht auch 'daraus hervor, daß unser antisemitischer Monitcur das Vorgehen der französischen Negierung gegen die Bombcnwcrser öercirs als höchst vexatorischc Matzregcl und „süden-liberale" Beeinträchtigung der „Frechen" bezeichnet. . (Tas „Recht" der Inden i» Rußland.) Ti«-„Neue Freie Presse" erzählt folgende Geschichte, die sich in der-letzte» Zeit erst abspicltc und ein SnlturhistorischeS Tocumcnt für die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland abzugcben geeignet ist: Bor einigen Wochen logirte sich in einem Wiener Hotel ei» Kaufmann und Hausbesitzer Eh. Aglitzky aus Odessa ein. Aglivky hatte seine Heimatstadt auS Besorgnis; vor dem administrativen Einschreiten des dortigen Gouverneurs verlassen; eine ihm nachgcsendcte Nummer der „Sdcssacr Zeitung" belehrte ihn hier, daß seine Befürchtungen nicht unbegründet gewesen,' den» sic enthielt die MiNhcilung, Aglitzky solle auf administrativem Wege nach Jakutsk in Sibirien verschickt werden. Bald wurde ep noch auf andere Weise daran, gemahnt, welche Absichten in Odessa gegen ihn herrschte». Er erhielt eine Borladung zur.hiesigen Polizcidirection, und als er derselben in Begleitung eines RcchtsfrrundcS nachkam, wurde'ihm' eröffnet, daß die russische Botschaft m Folge einer Requisition des Petersburger Ministeriums an die Wiener SicherhcitSbehörd« die Bitte gerichtet habe, ihn zu beobachten, weil in Bälde ein Begehren um seine Auslieferung einlangcn werde. Tic Angelegenheit gelangte schließlich vor die Rachskammcr dcS Wiener LandcsgerichlcS, welche das Begehren um Beobachtung alS im russisch österreichischen AusliefcrungSvcrtragc nicht begründet abwics. lieber die Ursache der' gegen ihn cingclcitctcn Verfolgung gibt Herr Aglitzky, welcher jüdischer Eonfcssion ist,- Folgendes an: Er hatte gegen einen Russen in Odessa, der sein. Schuldner war, ein Eivilurthcil erwirkt und wollte zur Ereeution schreiten. Nun war von dem Gouverneur dixser Stadt, Herrn Zilonn, eine Praris besonderer Art cingeführt worden. Wenn ein Jude bei den—sehr craer funetionircndcn Gerichten ein Urthcil gegen eine» rechtgläubigen Russen erwirkt hatte nnd, dieser sich an den Gouverneur um ürcrth nnd Hilfe. wendete, dann pflegte Herr Zilony diesen Schutz ans eine wirksame Weise zu gewähren. Er ließ nämlich den Juden bolcn und vcranlaßtc ihn, das unbequeme Urthcil vor seinen- Augen zu zerreiße», indem er ihm in Aussicht stellte, daß er sonst zwangsweise Odessa verlassen müsse Tiefe bei der 'Macht der .Adminislrati.onM'gane sehr ernste Erklärung bewog auch wirklich die »leisten Gläubiger, welche ans solche Weise zu dem Gouverneur citirt wurden, ihr Recht auszugeben. Aglitzt», der .aus demielbc» Anlässe von .dein Gouverneur vorqcladcn war, weigerte sich jedoch, das Urthcil - zu vernichte», nnd bcharrke irov lueliriacher Eilirnng vor den mächj tigen Funeiionür bei seinem' Widerstande. Tie Sache sei, so berichtet | Herr Agliyky weiter, bald in Odessa bekannt geworden. Der Gouverneur, welcher ihn, als einen in Odessa geborenen und.dorthin znl ständigen Kansmann, denn doch, nicht auszuweisen wagte, tzabe il»> bei dem Minister des Innern in Petersburgals Wucherer denuncirt j und um dessen Ausweisung ans Odessa gebeten. Allein der Miuisker! habe die angegebenen Gründe, als nicht' genügend zur Bcrhängung dieser Maßregel befunden. Ta sich jedoch in der Stadt das Gerücht verbreitete, daß.der Gouvcrucnr sich nnnmchr direct an den Ezar um Ausweisung oder Tctenirnug Aglitzly's gewendet habe, iei es diesem doch 'als rälhlich erschienen, von Odc/sa abzurcise», was er auch, mit einem ordnungsmäßigen Passe versehen, ausgeführt habe. So die Erzählung des Herrn ^Aglitzt» Sei» Advocat riekh ihm, ungeachtet der üresiiltatlosigteit, welche die Schritte der russische» Botschaft bisber gchabl hätten, Oesterreich vorläufig zu »erlassen und ei» anderes Land -Äufzusnchen, da er »ach dem Eiylangcn des wirtlichen Auslicferungs begchrcnS mindestens provisorisch in Berwahrungsbafi genommen werden könnte. Tiescm. »rathe liak der Kanfmann ans Odessa bereit?" entsprochen. (Cfresse siegen jüdischc Auswanderer.) Aus Li bau wird ge meldet: Bei Einschiffung von jüdischen Auswanderern kam cs hier zu