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Freies Blatt · 1893-12-31 · 91 (31.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
91 (31.12.1893)
Date
1893-12-31
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seit« 10. Freies Blatt. Nr. 91. „C, eS ift eine höchst wunderbare Geschichte. Du weißt, die Spanier wurden vor vierhundert Jahren Herren des Landes, als sie Granada einnahmcn und König Boabdil, den Unglücklichen, vertrieben. Sie tödtetcu die ganze Familie Elvcda, mit Ausnahme eines Knaben, der verschont blieb, und einer alten Frau. Sie machten ihn zum Katholiken, aber die alte Frau machte ihn wieder zum Moslem, und so sind sic seither dem Glauben der Moslem treugewesen - „Und das Mädchen, ist sie noch Muhamuicdanerin'? Geht sie sehen Freitag in die Moschee?" „Wir sprechen selten über 'Religion. Am -besten in es über solche Dinge selbst mit den denen Freunden nicht zu sprechen. Ich habe aber nie bemerkt, daß sie irgend eine Religion hat, wenn's nicht die Belehrung alles Schönen in." „Halte feü an deiner Religion, mein Kind, und laß Andere an der ihrigen fcnhaltcn! Aber fürwahr, wie du sagtest, eine wunderbare Geschichte! Fahren wir fort. In das Mädchen klug'? Wird sie Bücher schreiben wie ihre Mutter'?" „Klug'? D, natürlich iü Franziska klug. Aber cs in nicht die gewöhnliche Art von Klugheit. Sic geht nicht einher, um Ehren zu sammeln, weißt du Sic kann Bcrsc niachc», Theaterstücke und Er Zählungen schreiben Und sie hat eine Art, unschuldige Fragen zu stellen, welche den Leuten ganz heiß machen, besonders den jungen Dons, wenn sie cs mit ihrer Ueberlcgcnheit versuchen wollten. Sic ist schön und Schönheit Hilst immer, nicht wahr? Sie ist zur Führen»! geboren — wir Alle glauben daran, sie glaubt es selbst, denke ich. Aber klug — o ja! Sie iü gewiß, klug. Dft kann sie scharfe Worte finden, besonders jenen Männern gegenüber, welche versuchen wollten, um sie zu werben. Sie kamen selten sehr weit." - Ein Mädchen, das seine Liebhaber abichnäppl; niacht sie das in der Gesellschaft beliebt'?" — „Die Mädchen bewundern ihre Unabhängigkeit, die Männer ihren Stolz. Ein jeder junge Mann, ocrmukhe ich, denkt, er sei der Geiü, vor dem sie sich beugen müsse. Andererseits stimmt sie ihnen nie bei, und ich denke, daß sie das nicht gerne haben." ' . , „Rede nur weiter. Ich liebe diese Art von Gespräch, wenn es auch nur das Gerede über junge Leute iü, welche nicht Geld zu verdienen brauchen. Fahre fort, meine Liebe-." „Run, Franziska iü nicht so ganz populär, weil sie immer zurückhaltend ist und sich wenige intime Freunde gemacht hat; aber ihre Freund« lieben sie. Es ist etwas Gcheimnißvolles an ihr — etwas Orientalisches — etwas Berborgencs, etwas, das man erst entdecken muß Es ist, als ob sie einen Schleier trüge. Immer scheint cs mir, als ob ne etwas Neues zu offenbaren hätte. Sie ist in Corresponden; mit. einem jungen Manne, welcher ihr Freund ist, aus dem Fuße der Gleichheit, aber sic will ihn nicht heiraten. Sie schmückt ihr Zimmer mit Teppichen, Borhüngen und Divans, stellt geschnitzte Schränke auf, bis man wirklich sich wie in einem Harem fühlt. Sie ist überall hiugekommcn, sic spricht ein halbes Dntzeird Sprache» : sic kann wunderliche Lieder zu fremden Instrumenten singen und liebt cs, sich in verschiedenen Eostümcn zu verkleiden — als Albanesin, Montenegrinerin, Syrerin, Armenierin —" „Und als Jüdin'?" j „'Nein 2it_ltebt uns nicht Das ist, sie liebt das Individuum, j Mich — nicht uns. Wir haben unS öfter über ihre Borurtheile > unterhalten." j Mr. Airgelo lachte laut auf „Ungünstig — ja Es iü sehr un- °! günstig, wenn man's bedenkt " „Ihre Mutter wünscht, wie du weißt, daß fie. in der Sache der . Frauen eine Führerin wird. Bielleicht will sie, vielleicht nicht. Der l einzige Ehrgeiz, den sie bekundet, ift, inncn Salon für sich zu haben! — einen Salon für Literatur und Kunst. Es gibt keine Salons! mehr in London — ich vermulhe, weil wir so groß sind und so zer-! theilt in Eliguen und Parteien Aber Franziska will einen Berfnch; wagen." i „Fahre fort, Elara, mir gefällt das Wenn das für dich erworben ist, was liegt daran, wie du es genießt, so lange du es nur genießt'?" „Und dann —" Elara war ein Glied jenes vielköpfigen Stammes, der nichts so sehr liebt, als ribev-ffernc Freunde zu sprechen. „Eines fft an Franziska sonderbar. Sic, die so viel gereist ist und so viel gesehen hat, ist oft so unerfahren über gewiffe Dinge des Lebens, als, ob sie in einem Nonnenkloster gewesen wäre. Warum die Leute dies oder jenes thun, was sic. brauchen — du würdest glaube», daß sie nie mit Jemandem gesprochen habe, daß sie nie etwas gebraucht hat. Es iü ganz, merkwürdig,' wenn man plötzlich entdeckt, wie nnwiffend sie ist." „Nun" — ihr Bater richtete sich im Stuhle gerade auf und warf den letzten Rest seiner Cigarre weg — „du hast mich sehr gut unterhalten, meine Liebe. Ich höre diese Art von Gesprächen gerne. Nun sieh, Clara, ich habe meinen Grund — frage mich nicht, welchen — warum du diesen Umgang pflegen solltest. Mach dich ihr zur Freundin, so viel als dir nur möglich ist." * Clara schaute erstaunt drei». Dann wurde sic blutroth. WaS meinte ihr Bater'? - - „Ich brauche keine Ermnihigung dazu, vorausgesetzt —" Sie blieb stecken. Man sagt kaum einem Bater gerne -— besonders einem Bater, welcher ein Berfcchter des Gesetzes ist und von seinem Sprößling Achtung erwartet — daß man hofft, es seien keine GcschäftSintcreffen im Spiele. „BorauSgesetzt," setzte aber ihr Bater fort, „daß du nicht verleitet wirst, durch irgend einen neuen Unsinn über die Frauen und ihre Gleichstellung. Aber du bist zu verständig, mein Kind, und bist zu religiös erzogen worden du kennst die Pflichten einer Frau zu gut, um verleitet zu werden. Geh' hin, so viel du willst und erzähle mir von ihnen, so viel du willst. Wenn - ich mich nicht irre, werden sich bald Dinge in diesem Hause ereigne». Sich, daß dich das Mädchen lieb gewinnt, Clara, sich, daß sic sich auf dich stützt und sich an dich um Rath wendet " „Soll ich mich zuni Spion in ihrem Hause hcrgcbcn'?" fragte.die Tochter mit brennenden Wangen. „Leicht zum Spion: ich weiß über ihre Handlungen so viel ich zu wissen brauche. Ich möchte, daß das Mädchen sich an dich hält und deinen Rath sucht. Ich habe gute Gründe, um das zu wünschen. Und schau, Clara, ich bi» ein Mann von Wort, darum bin ich auch vorwärts gekommen. Der Hauptgrund, warum unser Bolk immer vorwärts kommt, liegt darin, daß wir als Männer von Wort befunden werden. Nun, da ist mein Wort. Ich bin anS verschiedenen Gründen verpstichtct,. gegen Madame Elvcda freundschaftlich zu handeln. Befriedigt dich das'? 'Nun gut. Was mich betrifft, so werde ich sehr bald die Bekanntschaft von Madame machen. Du lächelst, Clara'?" fragte er gut gelaunt. „Du denkst, dein Bater sei nicht ganz auf der Höhe von Madames Formen'? Wir werden sehen — wir werden scheu. Nebenbei — ihr Mann — Emanucl Elvcda hieß >cr — was wurde anS ihm'?'. „Tu kanntest ihn'?"' ’-r- „Ncin. Er war ein Mann von großer Zukunft auf wissenschaftlichem Gebiete, habe ich gehört. Was geschah mit ihm'? Weißt du'S'?" „Er ging aus dem Lande — »ach Marokko, glaube ich — mit irgend einer wiffcnschaftlicheu Erpcditi'on und starb dort." „Ah! von seinen Brüdern, den Mauren, nmgcbracht vcrmuthlich'? Die JSmaclitcn waren seit den Zeiten ihrcS Urvaters stets GcsetzcSvcrächtcr!" Eine Weile schwieg er wieder. Dann fuhr er fort, ganz unzusammenhängend, dem Lauf seiner Gedanken folgend: „Tie Kinder verstehen nie ganz, was cs bedeutet, wenn sie hören, daß. ihre Bäler sich erst den Weg bahnen mußten. Wenn du wüßtest, Clara, welche Gesellschaft ich pflog, als ich in deinem Alter war; wenn du wüßtest; du kennst die Middlcscr Street, da kannst du rathcn, wie der Anfang war, dann würdest du verstehen, welches Glück cs für mich ist, dich in jener Gesellschaft aufgcnommeil und begehrt zu sehe». Geld und Erfolg, Geld und Erfolg! Ich wußte das immer — Geld und Erfolg öffnen alle Thorc — alle Thore — selbst die Thore," er lachte leise, „von spanischen Maureu — von spanischen Mauren — von spanischen Mauren." Er wiederholte diese Worte immer wieder, als ob sic ihn belustigten. „Bon spanischen Mauren. Sie öffnen die Thore von spanischen Mauren." ' (,-zo«ieyu»g folgt.) Svlvesterrede eines allen Mieners. Der mit Menschen dicht gefüllte Saal verfinsterte sich, als der erste Glockcnfchlag ertönte, der den'Abschied deS alten und das Hcraunahcn des neuen Jahres verkündete; mit dem letzten Glockenschlagc aber überströmte wieder ein Meer vou Licht die jubelnden Gäste. Das Prositrufen und Händeschütteln wollte schier kein^Ende nehmen, und dazwischen knallten die Champag»cr>ffropfcn. Als die Begeisterung den höchsten Grad erreicht halte, stand der alte Handschuhmachcrmeister Gradhuber von seinem Sitze auf, klopfte mit dem Mcffer an sein Glas, und sofort herrschte lautlose Stille im Saale. Und er sprach: „.Wieder is a Jahr ins Meer der Ewigkeit versunken, so möcht' i sagen, wann i a Dichter mär', nachdem aber das bei mir leider nit der Fall is, so sag' i als schlichter Wiener Bürger und Handwerks-

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