Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-12-31 · 91 (31.12.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
91 (31.12.1893)
Date
1893-12-31
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441481--1018-4887502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr? 91.. Freies Blatt. Leite 9/ und weniger vornehmer Art; ihr Gesicht vcrrieth — nur wußte sie selbst cs nicht, auch ihr Pater nicht — administrative Fähigkeiten. Die äußeren Zeichen dieser bei Mädchen unschätzbaren Gabe waren: eine gerade Nase, die eher einen kleineren Winkel mit der Stirne bildete, als ti gewöhnlich der Fall ist, zarte Nüstern, ein Mund, der genau den richtigen, seiner Länge entsprechenden Schwung hatte, ein festes, rundes Kinn. Ein Grübchen in der' Wange nnd ein Lächeln, dasbeständig auf ihrem Gesichte lag, hoben die gediegenen Eigenschaften ihres Charakters nur noch mehr hervor. „Was soll'ich dir erzählen?" wiederholte sie. „WaS du willst, meine Liebe. Es gefällt mir gerade, da zu fitzen und dich über diese Elvedas reden zu hören. PicllcichtS ist's, weil sieso reich und, vornehm sind, daß cs mir lieb ist, mir meine Tochter in ihrer Gesellschaft zu denke»; vielleicht habe ich im Lause der Gc schäfte schon etwa« von diese» Elvedas erfahren; cs gibt Elvedas in Paris, vielleicht sind das Pcrwandte. Außerdem sind cS deine Freunde. Du bist schon erwachsen, Elara, und erwirbst dir selbst Freunde, viel, viel bessere Freunde, als ich dir verschaffen tonnte. Ein schönes Haus ist da — ich habe cs für dich geschaffen, aber du mußt die Freunde sinden, die cS erfüllen und beleben sollen. Was daS Hauögcräth bc trifft, so kann daS deinige wohl nicht übertroffen wcrder, nein, gewiß nicht. Ich verstehe mich daraus. Aber unser letzter Pcrsuch, 'Elara, he? — unsere Freunde um uns zu versammeln Clara lachte. „Sie waren nicht ganz dem Hausgcräth gewachsen, kommt mir vor. -3d) gebe eS zu. Nun, meine Liebe, leg' los. Ähr habt ei» 2tü(T' gespielt — du hast mir'S gesagt, nnd daß cs ein sehr verderbliches Stück war, welches der Lord-ÄaiHlcr, nach »reiner Meinung, nicht gestatten sollte, da cS die Frau lehrt, ihrem Manne keinen Gehorsam zu leisten. Ich staune, daß nicht alle Männer aufstanden und das Zimmer verließen. Sic hättcn's sicher gcthan in einer (Gesellschaft, die minder gut gewesen wäre." „Ich gab die gehorsame Frau, wie du weißt." „Du weißt, ich hätte cs sonst nicht gestattet, selbst nicht diesen deinen Freunden zu Liebe. Nun. daS Stück ist vorbei." Er dehnte sich auf seinem Stuhle, setzte die Füße aus eine» Schemel und nickte. , „Fahre fort," sagte er nachlässig. „Man fühlt, daß rnan wirklich vorwärts kommt, wenn man nicht allein in einem eleganten Hause, wie dieses, lebt und seine» Wagen sowie seinen Bedienten hat, sondern auch seine Tochter in eine so wahrhaft schöne Gesellschaft schicken kan». Gräfinnen, sagst du, waren auch dort. Fahre nurso fort, meine Liebe! Binnen Kurzem werden diese Zimmer auch von deinen Freundinnen erfüllt sein — Gräfinnen und dergleichen. Sieh" nur zu. Du bist reich genug. Du mußt nur anfangcn." „Ich bin nicht ganz sicher, ob — es gibt noch viele Borurthcile, was wir auch dagegen sagen mögen. Manche Leute rümpfen die Nase, wenn sie von Handel hören, und andere lieben Uns nicht.". Sic gebrauchte das Wort mit einem großen Anfangsbuchstaben. „Glicht viele der Mädchen von Ncwnham haben niich zu sich geladen, nicht wahr?" jsMach' dir nichts daraus, Elara. Tu bist so gescheit, wie eine jede von ihnen und ebenso schön und wohlerzogen. Und .dein Pater könnte ihren ganzen Plunder aufkaufcn. Geduld, meine Liebe. Sie versuchen cs wohl, die alten Borurtheilc aufrecht zu erhalten, aber diese könne» nicht fortdaucrn Auch bist du 'eine Künstlerin, .(tunst, sagt man, bricht alle Schranken. Was? Dein Pater handelt. Dos ist eine gute Sache für ihn und für dich. Aber du bist eine Künstlerin. Darum bist du ebenso gut, wie irgend ein Künstler, dcsicn Pater ei» Graf ist. Nur muß ich sagen — möchte ich, daß deine Malerei ernster betrieben würde." , „Ich kann kein Titian werden, Pater — und kein Pan Dyke oder auch nur ein Grenze. Ich werde nie mehr sein, als eine Malerin zehnte» Ranges." „Gut, meine Liebe, mit einer kleinen Angelika Kaufmann wäre ich auch ischo» zufrieden. Aber fahre nur fort. Dn kannst ein wenig malen — hast ein Auge für die Farben, du kannst ihre Sprache reden und kannst vorgcbcn, ihrem Stande anzugehörcn, obwohl ich nie eines deiner Bilder verkaufen werde. Erzähle nun weiter über deine Freundin, Franziska Elveda. Spanische Maurin, sagst du — spanische Maurin — spanische Maurin, denk ich, sagtest du? ' „Sic hat ein jüdisches Ansschcn, nicht so ausgesprochen, wie ihre Mutter, aber doch unverkennbar jüdisch. Aber ich habe Araber in Algerien gesehen mit fast demselben Ausschc». Aber sic ist eine Semitin, wie wir. WaS soll ich dir über sic sagen? Sobald ich anfange, über Franziska zu sprechen, werde ich gar nicht mehr aufhörc» können." „Sie interkssirt mich, so auch ihre Mutter, so auch Alles um sic herum. Sonderbar, nicht wahr? Pielleicht islis«,nur daS Pcrgnügen, dich reden zu hören, Elara. .Nack des Tages Mühe» höre ich dich gerne mit mir sprechen. Es ist. wie sanfte Musik. Wenn du einmal heiratest, dann werde ich mir eine Spieldose kaufen. "Nun. laß uns vom Anfang an beginnen. Die Mutter — wie ist sie?" „Sie ist einer Fürstin gleich. Du würdest sagen, sic sei eine castilianischc Grande, so stattlich und so stolz ist sic." „So stattlich und so stolz. Hut, stattlich und stolz," wiederholte er. „Sie wird jetzt vielleicht vierzig oder fünfzig sein? Beiläufig in meinem Alter?" .„"Näher an vierzig als an fünfzig, würde ich behaupten. Sie kleidet sich wie eine Königin. Du weißt ja, sie ist eins Art Königin ans ihre Weise. Alle Anwälte der Fraucncmancipationi sehen zu ihr auf, als zu ihrer Führen». Sic hat ein großes Buch über die Lage der Frauen zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt geschrieben." „Sic ist eine kluge Frau und eine stolze Frau. Gut; und reich — natürlich muß sie sehr reich sein. Wie entstand ihr Rcichthum? Tenn/ >n«inc Liebe, däS Geld muß erworben werden, tvj kommt nicht von selbst in die Eafse. ES muß irgendwie erworben werden, meistens muß inan sich's erkämpfen." „Ich weiß eS nicht, wie Madame ElvedaS Geld erworben wurde. Ich habe immer so die Idee gehabt, als ob es in einem Garten eigens für sic-wüchse." „Sie wollte sicher nichts mit einem Gelde zu thun haben, das ^»rch den Handel erworben wurde, nicht wahr? Königinnen und Fürstinnen erniedrigen sich nicht, Geld, daS im Handel gewonnen wurde, aufznlesen. "Nichts ist so niedrig als das. Sonst könnte sie nicht so stattlich und so stolz sein. Spricht sie viel mit dir?" „"N'icht viel. Weißt du, sie ist mit allen, ihren Güsten freundlich. Aber ich bin ja eine von Franziskas Freundinnen 'und nicht die ihrige. Ihre Freunde gehören alle der EmancipationSpartci an." . „Eine von Franziskas Freundinnen. ."Nun erzähle mir Von der Tochter. Liebst du sic?" „Ich liebe sic!" erwiderte Elara mit aufrichtiger Begeisterung, „Mehr als jedes andere Mädchen, daS ich je gekannt. ES gibt keines in der Welt, daS ihr gleich käme, keines ist so frei und so. freimüthig und so wahr und so treu. Sie ist ein merkwürdig zurückhaltendes Mädchen gegen Alle,, ausgenommenihre intime» Freundinnen. Por diesen hat sic keine Zurückhaltung nnd keine Heimlichkeiten. Ich glaube, -du weißt, daß sic gern ein wenig ilcbcrlcgcnhcit fühlt. Pielleicht gc-. stattete sie sich erst, mich zu lieben, nachdem sie hcransgcfundcn hatte, daß sic geistig über mir steht." Ihr Pater .nickte über seiner Cigarre. „DaS Mädchen ist so stokZ wie ihre Mutter. Gut. Ist sic stolz auf ihr Geld?"', „S »ei»! DaS nicht. Sie denkt höchst bescheiden, von ihrem Geld. 'ÄUer sie ist von Natur aus stolz. Sie wäre gewiß ebenso stolz, wenn sic auch nicht einen Pfennig hätte." * „"Nein, nein," sagte der Geschäftsmann, „ohne Geld gibtS keinen Stolz. Sprich keinen Unsinn, Elara!" „Es wäre Unsinn, wenn es andere Mädchen beträfe. Franziska ist eben stolz auf sich selbst, abgesehen von ihrer Schönheit,- ihrem Relchthnm und ihrer Klugheit. Sie erzählte mir einmal von einem Mädchen, das sich von.einem Manne küssen ließ — aber du würdest das »ich! verstehen." « „Nein, meine Liebe Ich denke, ich würde es nicht verstehen. Läßt sic sich nicht gern küssen?" „Gern? Mir thüte leid um den Mann, welcher eine solche Beschimpfung versuchte. Ja, Franziska will nicht einmal etwas von Liebe hören, weil diese die freie Frau' zur Dienerin macht." „Dieses Haus ist eine Pflanzjchule der "Narrheit," unterbrach sie Herr Angela heftig. „Soll das alberne Mädchen also nicht heiraten, soll sie kinderlos sterbe», soll, ihr Recht geschehen für solche Thorheit! Was? Wer ist sic, daß sie sich gegen das Gesetz auflehnt?. Aber fahre sor-t, Elara, rede weiter." „Erinnere dich, Pater,», daß sic von dem Gesetze absolut nichts weiß. Sic ist erzogen worden ohne Religion. Sie -ist weder Christin, noch Mohammedanerin, noch Jüdin." „Eine spanische Maurin, gelt? (iuic spanische Maurin Welche Religion hat eine spanische Maurin?" „Sie ist stolz auf ihre Abkunft. Sic sagt gern, daß Jsmacl ihr Ahnherr sei nnddarum auch Abraham, welcher unser Borvater ist. Sie waren Mauren, weißt du, welche öffentlich sich zum katholischen 'Glauben bekannten, aber Jahrhunderte hindurch -insgeheim Moslems blieben, gerade wie so viele Juden in Spanien und Portugal." -„Einige jüdische Familien, glaube ich, paßten sich so an und blieben doch Juden. Wir thatcg's nicht Wir wurden vertrieben lieber die Mauren weiß ich nichts..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.