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Freies Blatt · 1893-12-31 · 91 (31.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
91 (31.12.1893)
Date
1893-12-31
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seit» a Freie» Blatt. Nr. 91. das antisemitische „Grazer Tagblatt": „SBir muffen nun alleidingS der Wahrheit die Ehre geben und, ohne weitere Schlußfolgerungen zu ziehen, bemerken, dqß wir Informationen gegentheiliger Natur von competemester Seite zu beziehen in dex Lage waren. Eine Persönlichkeit, die hier ungenannt bleiben möge, die aber über die Tendenzen des RegierungSprogramme« Ausschlüsse zu geben vollkommen autorisirt erscheint, zählte bei privater Gelegenheit unter den aül Gegnern der Regierung von vorneherein in'« Äuge gefaßten Parteien neben den Social-Demokraten und Iungtschechen ausdrücklich auch die Wiener Antisemiten auf." (Auch ein Grunde Ein Brünner Antisemitenblättchen greift in maßloser Weise den Abgeordneten von Villach an und meint, er und sein Gefolge batten sich der Eoalitionsregierung schon deshalb feindlich gegenüberstellen muffen, weil der neue Finanzminister nach Äntritt seines Amte« dem Chef de« hervorragendsten Wiener Bankhauses einen Besuch abgestattet hat. So steht denn der parlamentarische Vertreter der Josefstadt mit seiner Ansicht nicht vereinzelt da. Ein weiter „Schriftleiter" in Brünn verübelt ebenfalls dem jetzigen Schatze kanzler einen einfachen HöflichkeitSact, welchen seine Borgänger nicht unterlassen haben und den, so lange die gegenwärtige Gesellschaftsordnung-nicht durch die socialistische oder durch daS Linzer Programm beseitigt ist, auch seine Nachfolger nicht unterlassen werden. f„Frti - Deutschland.") In Berlin beginnt ein neue« Hetzblatt zu erscheinen. ES kündigt sich alS „gewappneter Streiter in dem Befreiungskämpfe gegen alle Fremdherrschaft" sowie als ipecieller Anwalt des Mittelstände« an. DaS neue Hetzblatt verlangt „mindesten-:" Aufhebung der Gleichberechtigung und Stellung der in Teutschlaud lebenden Juden unter ein besonderes Fremdenrecht; Einziehung des Vermögens der „Großinden", Beschränkung der „jüdischen Presse": Verbot der Einwanderung ausländischer Juden: Verbot des Haltens christlicher Dienstboten durch Juden. — Und da« hat die Frechheit, sich „Frei- Deutschland" zu nennen („Ter Juden Oberster.") Während ein Theil der Antisemiten unter Hinwei« auf die berüchtigte Rede des Herrn v. BiSmarck > I chönhausen im Vereinigten Landtag von 1L47 auch den nachherigen großen Staatsmann als Bruder im Antisemitismus preist und namentlich Tie um Schönerer ihn für den Ihrigen erklären, ist Cttomar Beta anderer Meinung. Dieser Herr, der einst auch in Pin« IX. den Judenslämmling „gerochen" hat, schreibt in einem Leipziger Antisemitenblatte: „Fürst Bismarck wurde einst von Wedemeher-Schöniede ,der Juden Oberstergenannt. Wedemener büßte dafür mit Selbstmord, aber sein Wort lebt noch beute. Tie Art, wie Bismarck zuletzt regierte und u'irchschaflete, war das Bild der Rechtlosigkeit, war ein Taumel von AuSnabme- ,,<•’/!} zu Ausnahmegesetz Ein wahrhaftiges Gesetz der Gerechtigkeit und Billigkeit kehlte uns damals wie heute. Eip solches verträgt sich nicht mit einer Juden ivirtb'chasl, wie sie unter Bismarcks Protest«'- Bleichröder i» Preußen, dem Lande der frommen Sitte, einriß." 'S 11. Cs wird weiter gelogen. Man schreibt uns au« Frankfurt a. M.: AlS Neuestes auf dem Gebiete antisemitischer GroßmannSjuchl «-rstbeinl die Einreihung de« Präsidenten des deutsche» AicichstageS, Herrn v. Levetzow, in die Reihen der Antiiemiterei. Ein fast unter'Ausschluß der Oestenilichkeir erscheinendes badisches Btättle hatte nämlich — gleich anderen Eolltginneu — nichts >Geringeres behauptet, als'daß Herr v. Levetzow sich zum Pripaianwalr Ählwardt's aufgeichwungen und nach der bekannten Jnvalidensrnd-drdatle zu einem Rackibar geäußert hätte: „Der Mann iAhlwardt) hat toä, R'ckit". Der Präsident, der die ihm von den Antisemiten erwiesene Ebre offenbar nicht zu schätzen weiß, bat, wie wir authentisch feststellen können, erl.ärr, k-ine ausreichende Vcranlaffiing zu haben, sich über anonyme und un- . all re Zritiiligsartike! zu äußern, welche angebliche Privatgkspräche reprodu >:reu wollen. Daß die Antisemiten Herrn v. Levetzow nunmehr der auf- > .Utonirten Partei Ebreninikglicdschaft verlustig erklären werden, ist bei der detmntri! Biederkeit und llnversrorenheit der Antisemiten kaum anzunehmen. >Er gebt wieder mit der Grzschelmenbande.) Wilhelm Marr in Ham-! der ebenso jüti'ckcr Abstammung ist wie Paulus Meyer, galt einst als irr.Autorität in antisemitischen Dingen. Auch das Organ des Herrn Psenner!u Wien brachte häufig seine von tendenziösen Entstellungen strotzenden Aussätze. Bor .Li Ir und Tag sagte sich Marr von den Antisemiten los und erklärte die- •itU'.’n :.i Inschriften an freisinnige B.älter für eine „Erzschelmenbande". Bei den btzirn Wahlen für den deutschen Reichstag stimmte der Antisemit a. T., wie er zur offeutliche» siennlniß brachte, mit den Social-Demokrätey. Tie Alit»einiten gaben nun ibrem einstigen Barkämpfer ihre Verachtung kund und nannten ihn stets „Judeniprößling". Trotz alledem findet sich nun wieder in der aiili«einiti«dieii Hamburger „Abwehr" ein Beittag von Marr. Nach Ab- Lust ing seiner Strafen cinfte auch Paulus Meyer wieder zu den Zierden des e,!'i>e,nitischen Schnftleilerchum« zählen. Zur Nächabmnng empfohlen. Antonio Dragbetti, der Herausgeber e ob euren Wochciibllliichens in Ferrara, wollte dasselbe pikant und ii>:ere'-anl machen lind begann daher seinen Lesern gruselige Geschichten von den . Mavaeren, welche die Juden immer um die Ofterzeit uyter den Christen, I u'ern anrichken, um nur recht viel Christenblut zu ihren Mazzoih za haben". zu erzählen. Der Staatsanwalt erhob gegen Draghetti die -Anklage wegen Aufreizung zum Haffe gegen Staatsbürger. Der Angeklagte berief sich nun auf eine Reihe christlicher Gelehrter, darunter auch auf Rohling, die Stein und Bein darauf schwören, daß die Juden Christenblut zu ihren Osterbroten verwenden. Der Richter erNärte jedoch, der Angeklagte solle concrele Beweise für seine furchtbaren Beschuldigungen Vorbringen. Draghetti war dazu selbstverständlich außerstande und wurde daher zu einer Kerkerstrafe von 105 Tagen verurtheilt. Italien, du hast eS besser.... (Baron Alphonfe Rothschild und dir Anarchisten.) Die Wiener antisemitischen Blätter druckten kürzlich einer Pariser GesinnungSgenossin die Lächerlichkeit nach, Baron Alphonse Rothschild wäre, offenbar zu seinem persönlichen Schutze, im geheimen Einverständnisse mit den Pariser Anarchisten gestanden. Den Anlaß hiezu bot eine unter den in einem Gasthause zurückgebliebenen Effecten de« bekannten Anarchisten Tournadre vorgtsundene Bisitkarle des Baron Rothschild, aus welcher die Worte standen: Avec mes remerciements. Eine Nachfrage ergab, Tournadre habe seinerzeit nach dem Jagdunfall de« Baron seine» Namen in die Besucherliste gesetzt und gleich anderen Unbekannten eine vom Kammerdiener geschriebene Dankkarle erhalten. Mit dem „geheimen Einvernehmen" ist e« also nicht«. UebrigenS fand sich unter den Effecten Tournadre'« auch eine Bisitkarle der Herzogin von UzöS, in welcher sie bedauert, „nicht mehr thun^m können". Wenn die Antisemiten nur einen Funken Eonsequenz besäßen, hätte^k^ja auch diese Dame, die bekannte Gönnerin deS weiland grand general, eines geheimen Einvernehmens mit den Anarchisten zeihen müssen. (Tic neue Synagoge in Petersburg.) Bor Kurzem wurde die neue Synagoge in Petersburg eröffnet, und ein specifisch jüdischen Interessen gewidmete« russische« Wochenblatt sprach aus diesem Anlässe von einem Siege der Toleranz In dieser Aeußerung erblickte die „No wo je W rem ja" eine „jüdische Unverschämtheit". Ist es auch nur ein Verstoß gegen die gute Sitte, wenn Petersburger Juden ihrer Befriedigung Ausdruck geben, daß sie .nach Ueberwindung unzähliger Schwierigkeiten endlich ihre neue Synagoge eröffnen konnten?'' n. Feuilleton.! Me Gmpörernn. t«. Fortsetzung.> VII. „Setz dich nieder, Clara," sagte ihr Vater, „setz dich nieder und erzähle mir etwas von deinen vornehmen Freunden." Wir befinden uns' in dem Speisezimmer eines Hauses in Cromwell Road, nicht weit von Madame Elvedas Haus. Das Zimmer war solid eingerichtet. Bilder, welche Kenner als Sriginale von großem Werthe anerkannt hätten, hingen ringsum an den Wände». Nippes von Glas, chinesischem Porzellan und Elfenbein, welche die Auscrwählten, die sich auf derlei Dinge verstehen, für wirklich gut erklärt hätten, lagen auf dem Kamin. Leute, welche öfter in dieses Haus kamen, hätten bemerken können, daß die verschwenderisch in den Zimmern verstreuten Bilder und Kunstgegenstände einem häufigeren Wechsel unterworfen waren, als' es ihr gewöhnliches, sublunarisches LoS ist. In diesem Falle lag die Erklärung in der einem jeden Besucher-dieses Hauses wohlbekannten Thätsache, daß die Bilder und die Kunstgegenstände alle aus einem bekannten, kleinen Gewölbe, unweit der Regent Street stammten, wo Herr Angelo ein Museum oder einen Kunstsalon besaß, der Bilder, Schnitzwerk, antikes GlaS, Töpferwaaren, Waffen, Porzellan und Bric-ä-brac von jeder Sorte enthielt Kur; gesagt, Adalbert Angelo war ein Händler in Kunstwaare und Bric-ä-brac. Daß er ein Haus in Cromwell Road besaß, zeigt nur, daß er ein glücklicher Kaufmann war. Es war Abend. Mr. Angelo hatte nach dem Diner seine Zeitung gelesen. Nun legte er diese weg, nahm eine Cigtirrc, eine corpulente, wohlriechende Cigarre und bereitete sich in Muße für eine schwelgerische Stunde vor. Seine Tochter rückte sich einen niedrigen Stuhl auf die andere Seite des Kamins und schickte sich an, der an sic ergangenen ■ Aufforderung Folge zu leisten. „Nun, Vater," sagte sie, „es geschieht nicht oft, daß du dich um meine Freunde interessirst." DaS Mädchen, welches in dem Stücke Franziskas zwei Rollen — die der Sängerin und die der Esther — gespielt hatte, war weit entfernt von oricntalischcr Schönheit, mit welcher ein Dichter die königliche Favoritin anszustatten pflegt. .Man hält die Sricwalcn für schläfrig; Clara ober war ein Mädchen voll Leben und Beweglichkeit: ihr Haar war licht, ihre Augen waren blau, nicht so lief blau, wie Franziskas?kiigcn, sie waren von lichterer X

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