Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 91 (31.12.1893)
- Date
- 1893-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 91. Freies Blatt Sache ist, Last sich in unseren Kreisen Lente gesunde» haben, die da« Schuften thum, wenn nicht vertheidigte», so doch in Schutz zu, nehmen suchten." . Nach diesem schönen Erguß einer edlen Seele folgte ein bescheidener Vergleich Schönerer'S zwischen seinem Mißgeschick und dein des Fürsten Bismarck. Was n»t( äußerte er, während der letzte» fünf Jahre erlebten, sei nicht so entsetzlich und traurig, als die Erscheinungen im Deutsche» Reiche. So die Elltlaffniig deS Kanzler« von dein Geschlechte, das er groß gemacht. Es falle dieser Schlag aber auch auf das Haupt der Ratio»; denn nicht da» Fürstengeschlecht allein, auch da« Volk habe den Kanzler verlassen — es brachte ihn mit einem Socialistcn in die engere Wahl, und das sei ein traurige» Zeichen, das uns belehren sollte, ■ daß wir ans uns allein gestellt sein müsien. Rationale Erziehung sei daher vor Allein noihwcndig. Haben mir nur erst einige unbeugsame nationale Männer, die Truppen uin diese Führer werden sich dann schon finden ... Jro dürste sich seine» Herrn jt»6 Meister zum Muster nehinen und seine schriftstellerischen Leistungen mit' denen Goethe's vc>gleichen; ja, es ist nicht ausgeschlosse», daß ein solcher Vergleich zu Ungunsteu des nicht so entschieden nationalen Goethe ausfalle. Schönerer, der de» Gedanken an eine» ReichsrathSfip auch nicht eine» Augenblick falle» läßt, leistcic daun das Versprechen, er nnirde, wen» er einmal wieder in den Reich,ra'h ginge, e» sich nicht nehme» lassen, der Angelobung«' formet an Ort und Stelle den Schwur hinzuzufügen, er werde vor Allein der deutichc» Ratio» treu bleiben und ihre Rechte verfechte». Am Festtage selbst ließ sich Schönerer in der Wohnung Hauck's die schriftliche Eiklärnng Dötz' übcrreicheii. daß dieser jederzeit bereit sei, sein Mandat zu Gunsten einer Eanditaiur schönerer'« zurückzulegen, und nahm dieselbe mit den jede mögliche Deutung zulassendeu Worten enlge,qen: Das Mandat könne in keine» besseren Händen lein als in denen de» wackeren BankrnvcrlreterS Dötz. In mehrere» Versammlungen i» verschiedenen Wiener Bezirken wurden zur Erläuterung der Aeußeiungen Schönerer'S „Eniichließungen" gefaßt, welche dem Wunsche Ausdruck gaben, daß der „große.Mann" bald wieder im Adgeordnelenhause erscheinen möge. In de» meisten Berjammlunge», deren Besuch den gehegten Erivarl,ingcn keineswegs entsprach, wurde zum größeren Ruhme Schönerer'S aus Sieinwendcr. Lueger, Paltai und andere Concurrente» Pfui Ruse ausgebracht. Außerhalb Wiens hatte die „spontane" Feier ebenfalls keine» ernstere» Charakter. Den» wenn eines der Schönerer-Blätter in einer Depesche aus X oder X ineldct: „Tie von de» hiesigen Deuisch-Ralionalen veranstaltete Feier de» heutigen GcdenkmgcS nahm einen würdigen und begeisternden Verlauf" — so heißt das so viel, daß ein oder anderthalb Dutzend Schöncrianer noch eifriger als sonst deutschem oder böhmischem Biere zugesprochen haben. ES sollen übrigen« hie und da von einzelnen Verehrern auch „Freudenfeuer abgebrannt" tvordcn sein, welche die Bevölkerung für Schadenfeuer hielt, i» Folge dessen sie „die Feuerwehr allarmirle". Tic „Feste" fanden fast durchgehend» unter den Klängen der „Wacht am Rhein" ihre» Abschluß, Verliesen relativ ruhig und gaben keinen Anlaß zur Vermehrung „volklicher Märtyrer de» nüchternen GanmenS". Nichtsdestoweniger kostete die Schönerer Feier ein Menschenopfer. Wie daS „Salzburger Volksblatt" meldet, begab sich am 19. d. M. der Hafnermeister Johann Wimmer von Salzburg, «in anerkannt tüchtiger Bergsteiger, auf Ersuchen einer Gesellschaft von „Deutsch-Rationalen", die Schönerer zu Ehren- Bergseuer abgebrannt sehen wollten, zu diesem Zwecke auf den UnterSberg. Wimmer, der es unvorsichtigerweise unterlassen hatte, genagelte Schuhe anzuziehen, giitt oberhalb der unteren Rositten so unglücklich auS, daß er über eine circa 100 Meter hohe EiSwand abstürzte und dann »och einige hundert Meter weiter in die Tiefe geschleudert wurde. Die gräßlich verstümmelte Leiche deS Unglücklichen wurde von dem Steinbrucharbeiter Föllerer aufgefuuden, der die Gendarmerie davon in Kenntniß setzte, worauf die Leiche »ach Grödig gebracht ivurde. Wimmer hinterläßt eine Witwe in gesegneten Umstände», zwei unmündige Kinder sowie eine alte Mutter, die auf die Unterstützung ihre« Sohnes angewiesen war. Die Antisemiten sind gemeiniglich Verächter der Humanität. Hossenllich wird der Millionär Schönerer ausnahmsweise von dieser Gepflogenheit zu Gunsten der unglücklichen Hinterbliebenen Wimmer'« abweichen. („Lppavia.") Bei einem Feste, das kürzlich der Verein schlesischer Studenten in Wien, „Oppavia", in den Reffonrce-Sälen feierte, sagte einer der jungen Herren, daß die „Oppavia" stets eine Vorkämpferin im nationale» Kampfe sein und für die Ausrottung der Phylloxera asiatiea, die wie die Phylloxera vastatrix ")bit deutschen Rebe», so die deutschen Sitten» zersetze, Alle» ausbieten werde. Nationale Kämpfe sind kein Spielzeug, sondern eine traurige, ernste Sache; zu Vorkämpfern eignen sich da nur gereiste Männer, während man ZukunstShelden warnend zürnst: „Marsch, Kleiner, hier wird geschossen!" Unter der „Phylloxera asiatiea“ ist wohl die palästinensische Anschauungsweise, welche der Herrlichkeit WodanS ein Ende bereitete, zu verstehe». Die „Oppavia" will Wodan wieder in den Sattel heben, und zu solch einem Beginnen gibt die fromme Ressource ihre Säle her! Da« ist geradezu unbegreiflich. (Dir Bubokratir in Berlin.) Ter „Verein deutscher Studenten" an der Berliner Universität, welcher den Eentralpunkl der Zukunsts-Ahlwardt« bildet) faßte vor einiger Zeit den Beschluß, den Professor der Theologie Dr. Strack au» der Liste seiner Ehrenmitglieder zu streichen. Dr. Strack beging ja da» in den Augen dieser hossnungsvollen Jünglinge unverzeihliche Verbrechen, das antisemitische Treiben in Sachen der „Ritualmord"-Beschuldigungen Leite 7. entschieden zn bekänipsen. Wie.nun das Stöcker'schc „Volk" vernommen haben will, hat der akademische Senat beschlossen, das von Tr, Strack gegen de» ge nannten Verein beantragte Tisciplinarvcrfahren niedcrzn'chlagen. Ist deui wirklich so, dann wird die Berliner Bubokratie lriumphiren. sEiiic Action deS Tentsch socialen Vereines in Karlsruhe'.- Der Dem,ä.- socialc Verein st» Karlsruhe wendete fiäi"an de» badiichen randlag Mil einem. Ansuchen um staatliche Prüfung der „jüdischen Geheimgeieve". Tie zweite badische Kammer wies diese Petition mit allen gegen eine Stimme eines Eon servativcn zurück und ging üper dieiclbe zur Tagesordnung über. Aus der diesem Beschlüsse vorhergegangenen Debatte heben tvir hervor:'Ter socialistisch? Abgeordnete Rudi führte aus: Ter Antisemitismus mit seinen Kainvsesmiiteln -' sei eine Ungerechtigkeit und stehe im Widerspruch mit der Entwicklung uuieree " Verhältnisse. Mil der Annahme der Petition wäre der erste Schritt zur Ans nahmegcsetzgcbung gelhai», die der AnlikemitismuS herbcisühren wolle. Was die Bücher Schnlchan Aruch aulauge, so Müsse man bedenken, daß dieselbe» i»n Mittelalter entstanden seien zur Zeit der IndenVerfolgung, damals, als man die Juden in der blutigste» Weise unterdrückt und bedrängt bade. Sie seien damals Parias gewesen,'die keine» Grund uild Boden gehabt, und die man zu keinem * Handwerk zugelasjen habe. Seil Euianeipirnug der Juden sei bei denselben ein gewaltiger Fortschritt »i Bezug ans Sittlichkeit und Rechls.m'channng ei» _ getreten. Es habe sich auch hier wieder bcivahrheitet, daß inan unter den Fittigen der Freiheit vorwärlSschreite Er gebe z», daß es bei den Juden Betrüger gebe wie bei uns Christen. Die in Frage stehende Literatur verstünde» sehr wenige der Juden mehr; mit Auszügen auS derselben werde nichts Anderes bezweckt, als antisemitische Verhctznng zn treiben. Er glaube aber nicht, daß diese Bestrebungen bei den Besseren, Gebildeten und Edleren uusere» Volkes Eingang finden würden. Was den Inhalt von Religionsbücheru im Allgemeinen betresse, so müsse er daraus hinweiie», daß er ans Zeilinigsnolize» ersehen habe, daß seinerzeit in Baden der Schuljugend ein unsittttcheL Lehrbuch zu gänglich gemacht'worden sei, da» vom Erzbischof approbirt gewesen und da» den Rilnalmord als Thatsache behandelte. Er hosse, daß die Volksvertretung den Traditioiren de« badische» Volke« .gemäß Alles vermeide, was zur Erregung de« religiösen. Fanatismus beilrage. Nur Menschenliebe und Duldung seien in dieser Frage für ihn bestimmend. Ein anderer Redner, der dcmdkratische Abgeordnete Vencdey, betonte uachdriicklichst: Wrr stehen ans dem Bode» des gleich?» Rechte«, cs gebe kein christliches und k»in indisches Recht. In seinen vier Wänden könne Jeder inacheir waS er wolle; wenn dagegen nach Außen etivas unternommen werde» solle, das unicrenr Rechte zuwiterlaufe,. dann haben wir Gesetz und Staatsanwali, die einschreiten sonne». Die Enmn-i'e, welchdie Petenten iviinschleil, hätte gar keinen praktischen Werth,und die Regierung hätte and) kein Geld für eine derartige Enquete. TaS Resultat derselben möge sein wie cs wolle, der Streit wäre dadurch nicht beseitigt. Der RegiernngSvertreter Ministerialraih Hübsch wieS auf da« Kirchengesetz hin und hob hervor, daß in de» israelitischen Lehrbüchern an deil Schulen nicht« von dem stehe, >vas in der Petition, behauptet sei Ter Talmud sei an den badischen Schulen nicht zu finde». An de» preußischen EultuSminister fei eine ähnliche Petition gerichtet worden; derselbe habe eine Enqm'le in der gewissenhaftesten Weise-veranstalten und dann im „Reichsanzeiger" bckanutgeben lasse», daß Bücher wie die n> -der Petition angeführten im Lande nicht verbreitet seien. An der Svitze des. Karls ruber Anlisemitenvercines steht, wie wir hier noch bemerken wollen, ei» S chuh wacher Namens Franz Schmidt. 2ius antisemitischen, Blättern. sTas Bombtnatttntat von Rakonitz.) Wie bekannt, wurde in der lernen Zeit in Ra.kouitz wahrscheinlich ans nationalen Motive» der des TeutschlhnmS verdächtige Advocat Dr. Wolf mit einen) furchtbaren Bombknatlentatc bedrolK. ( Jenes Organ, das sich so unverblümt für die arischen Znchlhauspflanzen ein setzt, sympathisirt auch ansrichtig mit den bislang rmbekanutcn Bombenlegern, weil cs — 'ossenbar des 'Namens halber — glaubt, Dr.-Wolf sei — Jude. Wir können dem geehrten Herrn Schwärmer für arische Zuchthäusler zu;■ seinem Bedauern nur mittheilen, daß Dr. 'Wolf — Christ' mrd Arier ist. (Muß den» Jeder, der Wols heißt Jude oder Judenstämmling sein?) Wir wissen nun aber auch, wessen die Antisemiten fähig sind. Vielleicht werden sich die Rakonitzer in spe-ZnchthäuSler bei der Lectüre jenes Blättchens denke»' „Run, meine Gedanken hat der Herr Schriftleiter nicht erratheu, abet ans eine gute Idee hat er mich gebracht." <Dic fritdtustörtndtll Elemente., Tas „Vaterland", welche» sich mir seinem Verstände bei der Coalition, mit seinem Herzen aber, wie leicht begreiflich, bei den Christlich-Socialen befindet, versuchte eS in einer Besprechimg des Regierungsprograinms, die -Wiener Antisemiten mit dem am Schlüsse desselben an alle friedeustörenden Giern eilte gerichteten Fehdebriese zn versöhne», indem eS schrieb: „Wir haben 'gesehen, daß. die Wiener Antisemiten sich meldeten, als im Programme der Regierung von friedeustörenden Elementen die Rede war, und man wollte eS nicht glauben, a>« wir auf Grund guter Informationen audeuteten, daß man in Regierungskreisen 'bei diesem Satze des Programmegar nicht an die Wiener Antisemiten gedacht hatte." Demgegenüber bemerk