Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 91 (31.12.1893)
- Date
- 1893-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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4 Seite 6. ■ i Freies Blatt. Nr. Sl. rügle die „unrichtige Anwendung" des § 130 St.-G und bestritt den Dolus. Insbesondere sei eine naheliegende Befürchtung, daß Gewaltthätigkcitcn wirklich einkreten würden, nicht vorhanden gewesen. Da jedoch von der Strafkammer festgestellt worden sei, daß beschränkte und heißblütige Menschen wahrscheinlich durch den Artikel zu Gewaltthätigkeitcn sich binreißen lasten könnten und daß der Angeklagte sich dessen auch bewußt gewesen sein mußte, >o verwarf das Reichsgericht in Leipzig die Revision als unbegründet. ((viltc htssischc Torfgtschichtt.l Vom Rhein erfährt unsere Berliner Abwchrcollegin folgende lehrreiche Dorfgeschichte: Ist da ein Dörfchen im Hessischen, so gerade mitten zwischen zwei Hochschulen gelegen. DcS wahren Geistes dieser Pslegestätten der Cultur hat das Dörfchen allerdings noch „keinen Hauch verspürt"; wohl aber ist von beiden der antisemitische Geist hincingeweht, schon in seinem Frühlingssäuseln, und hat alle Gemüther lebhaft und machtvoll ergriffen. Der Arzt und die verhältnißmäßig zahlreichen Beamten mit sehr geringen Ausnahmen, Bürgermeister und Gemeinderüthe, sie alle huldigten dem männerbeherrschendcn Antisemitismus — und auch die Weiber beugten sich ihm, Herr B ö ck e l hat-es ja darauf abgesehen, auch die deutschen Frauen für sich zu gewinnen. Doch die Seele des ganzen dörflichen Antisemitismus .Herr Böckel hat ihm den größten Theil seiner Erfolge zu danken!) — war ein kleiner Landwirth, ein geborenes AgitationSgenie, das bei anderem Bildungsgänge sicherlich alle anderen Parteigrößcn in den Schalten gestellt hätte. Die antisemitischen Dörfler machten'ihn nicht allein zum Vorsitzenden von circa einem halben Dutzend Bereinigungen, mit Denen sie und Herr Böckel das Dorf beglücken: ne wußten es auch im Jahre 1663 durchzusetzen, daß er in den Gemeinderalh kam: sie hatten ihn zum künftigen Bürgermeister auSersehen. Und jetzt haben sic ihn nicht allein aller antisemitischen BereinSwürdcn entkleidet. sie haben ihn bei den jüngsten Gemeinderathswahlen mit aller .Macht zu verdrängen gesucht, und cs ist gelungen, trop des Widerstandes aller Dorfautoritäten. Weshalb ist das geschehen? Hat der Mann die Fahne des heiligen Antisemitismus . verrathen oder sonst eiy Berbrechen begangen? Nichts von Alledem. Er hat eine Anzeige gegen einen ebenfalls sehr antisemitisch veranlagten Lehrer erstattet. Der Mann wurde l'uspendirt, verhaftet und bevor seine Aburrheilung erfolgen konnte, starb - er an Tobsucht: daher die Aufregung der Dörfler, der völlige Umschlag ihrer Gesinnung gegen den einstigen Führer, der heute mehr Berfolgungen ausgeseyt ist, als früher, die Juden des OrteS. Das Schönste aber ist, daß nicht etwa Jemand an die Unschuld des verstorbenen Lehrers glaubt, dessen ganzer Lebenswandel für die erhobene Anklage sprach, sondern das Resuiw' der antisemitischen Dörfler ist: „Es waren ja nur kleine Mädchen, an denen er sich vergangen." Es lebe die antisemitische Herzenseinfall! Herr Böckel aber hat eine seiner besten, verdientesten Stützen unwiderruflich eingebüßt. , (Ein Prachtmensch.) Ein nettes Stückchen „urgermanischer Biedertest" berichtet der „Vorwärts" von einem sicheren Herrn v. Kö irrt er itz, Oberstlieutenant a. T. und Besitzer ausgedehnter Ländereien in Sachsen. Aus den Pachtzetteln, woraus den Pächtern die vierteljährlichen Pachtzinsraten quittirt werden, ist folgende handschriftliche Nachbemerkung zu lesen: Wer den vierteljährlichen Pacht bis 15. April, 15. öuli, 15. Cctobfr und 15. Jänner nicht gezahlt bat, hat alsdann vcr Mark und Tag 3 Pfennige BerzugSzim'en zu entrichten. Freib. v. .«tön ne ritz. Diese „Perzugszinsen" machen die Bagatelle von über 1095 Pcrcent auS. Der „Vorwärts" knüpft hieran die berechtigte Frage: „Wo steckt denn hier das nnteutsche, die kleine Landwirthschaft ruinirende Jndenthum, dem man sonst nur die Bewucherung zuschreibk?", (Emin Paschas Tochter.» Ueber die neunjährige Ferida, die Tochter Emin Paschas, die jetzt von Reiffe zu ständigem Aufenthalte nach Berlin mit ihrer Tante, Fräulein Melanie Schnitzer, übersiedelte, wird der „Kölnischen Zeitung" geschrieben: Im August war daS Mädchen, für deffen Erziehung, wie es heißt, sich kein Geringerer als der Kaiser interessirt, aus Bagamoyo in 'Neiffe eingetroffen. Der viermonatliche Aufenthalt des Mädchens in der Provinz, wo ihr Vater geboren und' erzogen ist, hat hingereicht, die kleine Ferida bei Emin Paschas schlesischen Landsleuten zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu machen. - In Neiffe besonders kannte jeder Bewohner die kleine Tochter des Asrikaforichers, dessen tragisches Ende das Interesse für das Kind nur noch gesteigert hat. Die Tante Melanie vertritt an dem Kinde, wie ganz Neiffe wußte. Mutterstelle mit zärtlicher Liebe, vorsorgender Umsicht und nimmer erlahmender Wachsamkeit. Wenn Ferida im kindlichen Spiele mit gleichaltrigen Mädchen ihrer nie rastenden Dißbegicrde durch drollige Fragen die Zügel schießen läßt oder in ihrer Art über afrikanische Erlebnisse faBulirt,' dann ist »S auch für Erwachsene ein Vergnügen, dabei zu sein. Und wie staunten erst die Ncisscr Gespielinnen über „das vielgereiste Mädchen", daS schon so viel gesehen hat. Es sind oft die wunderlichsten Vorstellungen dadurch in den Kindern der Einheimischen geweckt worden, zumal wenn sic entweder das Erzählte nuc unvollkommen begriffe» oder die Erzählerin, welche sich die ihr im Deutschen fehlenden Aus drücke aus anderen Sprachen entleiht, nur halb verstanden. Spricht doch die kleine Ferida fünf Sprachen so vollkommen fertig, wie der Jdcenkreis eines geweckten Kindes reicht. Das Sprachtalent scheint sic vom Vater geerbt zu haben, der das A und O aller ihrer Erzählungen bildet. Emin Pascha, deffen rührende Liebe zu der kleinen Ferida sich auch in der jüngsten Veröffentlichung seines letzten Begleiters Dr. Stuhl mann wieder offenbart, sprach mit ihr am häufigsten deutsch, wie sie selbst mit Stolz hervorhebt. Und deutsch, wie der deutsche Muhani medaner Emin Pascha im schwarzen Erdthcil geblieben, will . auch Ferida sein, deren Wiege in Bagamoyo gestanden hat. Als sie einmal Jemand scherzweise eine Afrikanerin nannte, .stampfte sie heftig mit den Füßen den Boden und rief unter Thränen:. „Nein, nein, ich bin eine Deutsche; denn euer Kaiser ist auch mein Kaiser!" Mit diesem Argument bekämpft die schlagfertige Kleine alle nationalen Zweifel. Wer ihr in dieser Beziehung zu nahe tritt, verstimmt das Mädchen seelisch den ganzen Tag. Als man die Kleine einmal in Neiffe fragte, ob sie den Major v. Wißmann kenne, antwortete sie: „Jawohl, das ist Papas Freund, den habe ich sehr lieb, weil ihn mein Papa so lieb hatte." Auch die übrigen Afrikaforscher kennt Ferida theils persönlich, theils nur mit Namen, so Lieutenant Schmidt, Baron v. Gravenreuth, Capitän Casati, Capitän Nelson, Lieutenant Stairs, Jephson, Bonny und Parke. Auch der Name des Barons v. St. Paul-Jllairc ist Ferida besonders geläufig. Heißt es doch auch, derselbe sei als Feridas Vormund von Emin Pascha selbst eingesetzt worden. Daß sein Vater nicht mehr unter den Lebenden weilt, weiß das Kind erst seit ganz kurzer Zeit. Es soll ihm erst neulich kurz vor der Uebersiedlung nach Berlin gesagt worden sein. Die Reichshauptstadt bildet für die kleine Ferida den Gegenstand des höchsten Entzückens, und mit Iubelrufen begrüßte sie" die Ankündigung der Tante Melanie, daß sie jetzt für immer in Berlin bleiben werde, daß sic dort de» Kaiser, die Kaiserin und die kaiserlichen Kinder sehen, minder Stadt- und Pferdecisenbahn fahren sowie alle Herrlichkeiten der Residenz schauen solle. (Tie Juden in Tunis.) Die „Alliance IsratUite" bringt folgende bcmerkenswerthe Daten aibcr das Leben der Juden in Tunis: Sie wohnen gemeinschaftlich »lit arabischen Stämmen und haben sich deren Sitten und Gebräuche angeeignet. In Zipuan, Taschru, Bascha und im Umkreis von Gobes betreiben die Juden Viehzucht, während die im Innern des Landes unter den Stämmen „Chanan Joch" und „Gridis" wohnenden^Iuden Ackerbauer sind. Im Jahre 1807 lebten dort 200 Familien zusammen, es sind jedoch später von denselben 150 Familien fortgezogen, welche jetzt weiter südlich leben. Grund und Boden wird nicht getheilt, sondern 6« Acker gemeinschaftlich von den Bauern bearbeitet und auch gemeinschaftlich geerntet; der Ertrag wird dann gcthcilt. Einzelne befaffen sich mit Handwerk. Der Araber schätzt, liebt und achtet dort seine jüdischen Mitbürger; deren Sprache und- Tracht sind arabisch, abgesehen von dem Fez, der bei den Juden durch einen schwarzen Hut ersetzt wird. Man nimmt an, daß die Vorfahren der Juden in Tunis weder babylonisches noch römisches Exil mitgemacht, sondern daß diese Juden vielmehr von den ersten Auswanderern, welche Earthago gegründet, abstamme« und dann südlich verschlagen worden sind. In der Nähe der Stadt Bemrab ist eine jüdische, Viehzucht treibende Colonie da. Auch im Kreise von Scheras treiben Juden Viehzucht; dieselbe» sind bewaffnet und jederzeit zum Kriege gerüstet. Es sind dies gegen hundert Familien, die arabisch sprechen und in Kleidung und Sitte sich von den übrigen Bewohnern nicht unterscheiden; jeder von ihnen hat seine eigene Heerde (Riniv- und Kleinvieh, Esel und Kamcele) und verfügt auch über etwas Acker. Die Früchte verkaufen sie den Bewohnern der benachbarten Ortschaften. Nicht weit von dieser Colonie liegt das Städtchen Elkow, woselbst bei hundert jüdische Familien wohnen. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Tie Schoncrer-Feier.) Die „spontane" Feier der Wiedererlangung der bürgerlichen — allerdings nicht auch der schmerzlich vermißten „ritterlichen" — Rechle Georg Schönerer'» am 20. December, zu welcher man seit Monaten Vorkehrungen , gesoffen hatte, nahm einen programmgemäßen, oft unbeabsichtigt heiteren Verlauf. Schönerer selbst betheiligte sich an einer Art Vorfeier in Penzing und sprach dort. Er sagte: „Daß es Schufte gibt, ist eine Thatsache, die wir nicht aus der Welt schaffen können. Aber das Verächtliche an der