Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 91 (31.12.1893)
- Date
- 1893-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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freies 8 l"a 11.. Srite 4 Uncn beiten 3ip, den Ecksitz, demselben preis. DieS ist eben auch eine der unzäbligcn bübischen anrisemitischen Frechheiten, unter denen unser ^anständiges Publicum so viel zu leiden hat, und denen es bei jeder leider noihwendigen Berührung mit den Vertretern dieser Sippe auSgefetztnst. — Cb der Vorfall sich so oder in ähnlicher Weise abgefpickt bat, aufrichtig gesagt, wir wissen eS nicht. DaS Vergani'sche Blatt, welches derlei Geschichten bald in einen Tramwaywaggon, bald jn Restaurants oder Theater verlegt, erzählt auch das voranstehende Burglhcatcr-Inlermezzo, wovon wir mntatis mutnnäis Notiz nehmen. Durch unsere .raffung gewinnt die ganze Sache jedenfalls an innerer Wahrscheinlichkeit. Nicht begnadigt., Ter Freund des in Weinhaus noch immer seiner fetten Pfründe sich erfreuenden Ritualmordforschers Teckert, Paulus Meyer, hat aus seiner Haft im Wiener Landcsgerichte ein Gnadengesuch an Sc Majestät den Kaiser^ gerichtet. Dasselbe wurde abschlägig bcschjeden. Additlr.' Ter antisemitische Schneider Josef § uxa, der den von der früheren liberalen GcnossenschaflSvorstchung eingesetzten Eincassierer Rriha unehrenhafter Handlungen beschuldigte, sah sich veranlaßt, vor Gericht eine vollständige Ehrenerklärung abzugeben und das Bedauern 'darüber, auszusprechen, daß er Rziha, dem er nichts Jncorrectes nachsagen könne, an seiner Ehre gekränkt habe. l Antisemitische Wahlumteikbk.) Eine sehr bedenkliche Illustration zur Wahlmoral der Antisemiten liefern die jüngsten Vorgänge im Grazer Gein ein dera t he. Ter Bericht, den kürzlich die Rechtsscction über die im November stattgehabten Wahlen auS deni dritten Wahlkörper erstattete, constatirt, daß anläßlich dieser Wahl zahlreiche Fälschungen von Vollmachten und andere Mißbräuche vorgekoiisnien seien, waS auf ein Sinken der für eine gedeihliche Entwicklung des önenrlichen Gebens ununigünglich noihwendigen politischen Moral hindeute. Ter Bericht schließt mit dem Anträge, die am -I Novcinber vorgenomnicne Wahl von vier Gcmcinderäthen zu bestätigen, dagegen die am 24. November erfolgte Wahl des Herrn ■Ooicr Feichringer nicht zu bestätigen,' den Stadtralh zu beauftragen, sofort eine Neuwahl aus dem dritten Wahlkörper mit dreijähriger - Maudalsdauer auszuschrciben und die Wahlacten des dritten Wahlkörpcrs der Staatsanwaltschaft Graz abzlrtreten. Der Antrag wurde mit allen gegxn drei Stimmen angenommen. Fsichtinger ist tln bekannter antisemitischer Agitator. ,Antisemitische Gskksse.) In Nepomuk in Böhmen sind in der letzten Zeit wiederholt antisemitische Kundgebungen vorgckommen. Dieselben haben sich derart gesteigert, daß zwei dortigen jüdischen Kaufleuten bei 'Nacht in die Fenster geschaffen.khurde. Bisher gelang es nicht, die Thälcr zu ermiiteln. Tie Bezirkshauptmannschaft hat in Folge denen an den Stadtrath die Aufforderung ergehen laffen, beffer für die Sicherheitspolizei in der Stadt Sorge zu tragen. Die politische Behörde hat die Hausbesitzer aufgefordert, abwechselnd die Nachtwache zu versehen. t Reichskanzler GrafCaprivi siegen die Tivoli Antisemiten.) AngesichkS der heftigen Opposition, welcher Reichskanzler Graf ISaprivi bei den Tivoli-Antisemiten auf Schritt uüd Tritt begegnet, sah sich derselbe veranlaßt, ihnen den Rückhalt zu entziehen, den sie im preußischen Beaintenlhum, finden Nicht aus freien Stücken, sondern einem sanften Drucke des Kanzlers nachgebend, richtete der preußische Ministerp.'äsident Graf Eulen bürg als Minister des Innern folgenden Erlaß an sämnitliche Regierungspräsidenten: „Jn deuika. h. ,Erlaffe vom 4. Jänner 1882 sind die Grundsätze angegeben, welche königlichen Beamten sür ihr politisches Verhalten nicht nur bei chen Wahlen, sondern unter allen Brrhältniffen zur Richtschnur zu dienen haben. Die politischen Gegensätze und Kämpfe der Gegenwart, namentlich auf wirthschaftlichepi Gebiete, geben mir Veranlassung, diesen a. h. Erlaß in Erinnerung zu bringen und seine Beachtung wiederholt zur Pflicht zu machen. Euer Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenst, die Ihnen unterstehenden Beamten hierauf hinzuweisen." Ter Erlaß, welcher da in Erinnerung gebracht wurde, erklärte alle Regierungsaete für persönliche Acte des Monarchen und enthielt folgenden ScklußpaffuS: „ES liegt mir ferne, die Freiheit der Wahlen zu beeinträchtigen: aber für diejenigen Beamten, welche mit den Ausführungen meiner RegierungSacte betraut sind und deshalb ihres Dienstenach Idem Tisciplinargcsctze enthoben werden können, erstreckt sich die durch den Tienstcid beschworene Pflicht auf die Vertretung der Politik der Regierung auch bei den Wahlen. Die treue Erfüllung dieser Pilichl werde ich mir Dank anerkennen und von allen Beamten erwarteü, daß sie sich im Hinblicke auf ihren Eid der Treue von jeder Agitation gegen meine Regierung auch bei den Wahlen fernvalten." Gegen die Tivoli-Antisemiten kehrt sich nun die Waffe, welche vor fast zwölf Jahren Fürst Bismarck zur Bekämpfung der Liberalen <* Nr. 91. I geschmiedet hatte. ES fehlt in Berlin nicht an gewichtigen Stimmen, welche das Einschreiten der Regierung gegen Manteuffel und Genoffen für verspätet erklären. Unter den Tivoli-Antisemiten des deutschen Reichstages befinden sich ein Regierungspräsident und sieben Landräthe, unter denen des preußischen Landtages nicht »reuiger als 43 Landräthe. Wie sehr übrigens die höhere und niedere preußische Beamtenschaft von der Antisemiterci inficirt ist, zeigte sich bei den letzten Berliner Genieindewahlen. Daselbst drang schließlich doch ein 'Antisemit durch, und zwar der Oberlehrer Heutig, der bei der Stichwahl in der. dritten Abtheilung des Torothecnstadtbezirkes mit 74t gegen 701 Stimmen siegte. Die „Freisinnige Zeitungzählt unter den 744 .antisemitischen Wählern 361 öffentliche Beamte. Das größte Eontingcnt für den Antisemitismus stellten unter denselben die königlichen Hofbcamten. Es befinden sich unter den antisemitischen Wählern 24 Lakaien, 14 königliche Tresordiener, Schloßdicner, Frotteure, Silbcrdiencr, Garderobier-. Die prinzlichen Marställe sind in der Antisemitenparlei durch 17 königliche und prinzliche Kutscher, 23 königliche Vorreiter, 10 königliche Reitknechte, 3 Stallmänner und sonstige Marstallbeanitc vertreten. Nicht weniger als 31 Portiers aus königlichen Gebäuden und Staatsgcbäudcn haben für den antisemitischen! Eandidaten gestimmt, ferner 0 Haushofmeister, HauSinspcctorcn und HauSwächter, 20 Hausdiener und 31 andere Diener. Dazu kommen noch 25 geheime Kanzlcidicncr, 12 Castellane, 1 Hausverwalter, 1 Obeipedell, 9 Heizer und andere Beamte der Ilniversitätsvcrwaltung. Die Verwaltungsbehörden sind unter den Antisemiten durch 15 Beamte vertreten. Nicht weniger als l9 Räthe haben für den Antisemitismus gestimmt, darunter 3 Geheime Kanzleiräthc, 2 Geheime Hofräthc, 4 Geheime Rechnungsrüthe, 1 Geheimer Regieruugsrath, 1 Geheim sccretär, 3 Hofräthe, RcchnungSräthe, 1 Regieruugsrath und 1. Kanzlcirath. Die Polizei ist auf antisemitischer Seite durch 13 Beamte,' nämlich 1 Pylizeirath, 1 Hauptmann, 1 Lieutenant, 1 Affeffor, l Sccretär, 3 Wachtmeister, 4 Schutzleute und 1 Oberfeuermann vertreten. Weiterhin hat die Post zu den antisemitischen Wählern ein Cantingcnt von 14 Beamten gestellt, welches mit I Postdirector beginnt und mit 5 Briefträgern und 2 Hilfsbotcn abschließt. Dazu kommen auf antisemitischer Seite 7 GcrichtSbeamte vom Gerichtsdircctor ab bis ju den Rcfcrcndarien, endlich 11 Pfarrer und Küster. Man wird wohl nicht fehlgehcn, wenn man die meisten dieser' Beamten und Diener zur Tivoli-Spccis zählt, aber auch die schärfere Tonart deS Radau-Anlifenutismus findet unter denselben Anhänger. (Das Urthcil einer „geistigen Großmacht".) Tie Berliner „Mittheilungen aus deni Vereine zur Abwehr des Antisemitismus"' schreiben: Ter „Talmudjude" deS katholischen Canonicus Rohling gehört seit anderthalb Jahrzehnten dem festen Bestände der antisemitischen Cucllenwcrke an. Obwohl Profeffor Delitzsch, eine erste Autorität auf dem Gebiete der hebräischen Wiffenschaft, seine ganze Ilnwiffenhcit und FälschungSmethodc in einer Reihe von Broschüren nachgewiesen hat, hat Rohling sein Buch weder widerrufen, noch die Antisemiten cs aus dem Stamm ihrer antiseinilischen Literatur entfernt. Delitzsch hat dem -Profeffor Rohling „Lüge", „tendenziös falsche Uebersetzungen", „Gewiffenlosigkeit", „Unkrnntniß", „Unwissenheit" rc. vorgcworfen, und diese Vorwürfe sind um so schwerwiegender, als Rohling Delitzsch's Ilcberlegenheit einmal anerkannt und ihn eine „geistige Großmacht" genannt hat. Auf die persönlichen Beziehungen zwischen Rohling und Delitzsch wirft die soeben von Pastor W. Faber hcrausgegcbene Broschüre: „ Selbsterlebtc römische Propaganda" von Franz Delitzsch (Leipzig 1804 bei W. Faber) Helles Licht. Ungefähr in den Jahren 1866 — 1867 fingen die persönlichen Beziehungen beider Männer an. Rohling sandte an Delitzsch ein paar Aufsätze „und erbat sich mein Unheil" über diese, „die er als Anfänger, wie er sich selbst bczcichnete, geschrieben hatte". Alsohier stchtz Rohling Professor Delitzsch als lerneifriger Schüler gegenüber. Im Jahre 1875 sandte Erstcrer seine Broschüre: „Der Antichrist und daS Ende der Well" dem Letzteren zu, die berüchtigt ist wegen ihrer Angriffe auf Luther und den Protestantismus. Jn seinem Begleitschreiben pennt Rohling den Empfänger „den von Tausenden gefeierten Gelehrten". Dieses Wort Roh ings und sein Wort von der „geistigen Großmacht" müssen jedem Einsichtigen sagen, wie federleicht seine Autorität im Vergleich zu der Delitzsch' wiegt! Ueber Rohling's „Talmudjuden" enthält nun die Broschüre: „Selbsterlebtc römische Propaganda" ein hochinteressantes Urthcil. Delitzsch schreibt: Schon im Jahre >871, ehe er von der Profcffuc in Münster in die Profeffur an dem nordamerikanischcn Salesianum versetzt wurde, war bei Ruffel in Münster sein „Talmudjude" erschienen, ein Extract aus Eisenmcnger'S „Entdecktem Judenthum", worin er den Beweis erbracht zu haben meint, daß die Sittenlchren des RabbiniSmuS ein systematisch zusammenhängendes Ganzes seien, worin Lüge und Betrug, Diebstahl, Mo»d