Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 91 (31.12.1893)
- Date
- 1893-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 91. freie» fei keine Klage über die Gutachten derselben zugekommen. Es gehe also, nicht an, diese Männer so zu verdächtigen. Diese prompte Fest nagelnng des anlisemitisch-clericalen Agitators fand bei der Mehrheit de« Landtages itm so einhelligeren Beifall, als sich dieselbe über die L Tendenz der Scheicher'schen Pauschalverdächtigung vollkonuuen klar war. Wie bekannt, wirbt Monsignore Schacher eben jetzt um das ReichSrathSmandat des Landgemeindenwahlbezirkes St. Pölten. Da sich nun sein von der liberalen Partei ansgestellter Gegencandidal, Professor Schenk, gerade in de» Kreisen der n ederösterreichischen Feuerwehr verbände großer Popularität und eines mächtigen Anhanges _rrfreut, kann eS keinem Zweifel nnterliegen, welche Absicht der hochwürdige Professor der Morattheologie mit jener Pauschalverdächtigung verfolgte. Zn Fragen der katholischen. Moral wird unS Tr. Tcheicher vielleicht für nicht competent erklären; aber nach den Grundsätzen der allgemein menschlichen Moral, von der wir denn doch auch etwas verstehen, kan» das Borgehen des Scheicher nur getadelt werden. (Aus'dem Geilltiuderittht.) Bei der-jüngsten Verhandlung des Gemeinderathes über das Bndgetprovisorinm führten die Antisemiten wieder eine Scandalseene auf. Sie erhoben neuerdings gegen den Bürgermeister die Beschuldigung, wissentlich Gesetzesverletzungen begangen zu haben, und warfen ihren (Gegnern sogar „Unredlichkeit" vor. Dr. Lueger meinte, eine Partei, die Tr. Prir an die Spitze der Eommunalverwaltnng berufen habe, müßte sich „alle Finger ablecken", wenn sie ihn znm Bürgermeister erhalte» würde. -Schlagfertig entgegnete ei» fortschrittlicher Gemeinderath, eS wäre ei» glänzendes Geschäft, Dr. Lueger um den Preis zu kaufen, den er werth ist, und um den Preis zu verkaufen, de» er sich beilegt. (Tr. Adolf Zellinek.) Am 28. Deeember Abends verschied der Prediger der israelitischen EultnSgemeinde, Tr. Adolf Zellinek, ein Bruder des im Jahre 1848 erschossenen Publieisten Dr. Hermann Zellinek, im Alter von 72,Zähren. Der Berstorbene, der als ausgezeichneter Kanzelredner sowie durch eine Reihe hervorragender wissenschaftlicher Publicatiouen sich ein-» weit verbreiteten Ruf erworben hatte, nahm seit Beginn der antisemitischen Bewegung auch a» den Abwehrbestre düngen regen Antheil und veröffentlichte in der „Neuzeit" treffliche Aufsätze zur Bekämpfung derselbe». Ein Sohn des Berblichenen, Tr. Georg Zellinek ist Professor des StaatSrechteS an der Universität in Heidelberg. , (Echt HUtifCUlitif(l).) Der bekannte Wiener Kunstkritiker, Re giernngSrath Dr. Atbert Z lg, halte letzhin in der „Presse" unter seinem vollen 'Rainen eine 'Notiz veröffentlicht, worin er gegen die geplante Demolirung des Hotels „Mnnfch" in der Kärntnersträße, eines Meisterbanes Fischers v. Erlach, Protest einlegt und an den Bürgermeister, als de», obersten Berwalter des Bürgerspitalfonds, appetlirt, er möge gegen eine solche Barbarei schützend einschreiten. Daraufhin erhielt Herr Regierungsrath Dr. Zlg folgendes Schreiben: Ihre hemige Aon; in der alle» „Presse" tragt eine solche Summe von Anmaßung und Unverschänuheit in sich, daß dieselbe nichl unerwidert bleiben , darf. — Wer sind denn Sie eignillich, verehrter Herr, daß Sie als Erbpächter des guten t^eschinackcs und als Hüler der Pietät sich erlauben aufzutrelen? Wer Zhre^ Anieeedentien kennt, snr den sreilich bietet Ihre .Keckheit keine ' tteberraschnng. Wersein halbes Lebe» lang iu> Solde jüdischer Zeitungen gestanden, der hat den Begriff der Bescheidenheit verloren. Wohin sollte es u»i Himmels willen koinmen, wen» inan in einer Eiroß stadl jede» alte Hans ans ewige Zeilen couserviren wollte? Sie haben vielleicht gar keine Ahnung davon, wie überaus schädigend »ach allen Seilen hin Zhre blödsinnige Agitation wirken kann. — Wenn es nach;V!mrii ginge, io töiinten alle lÄeschästSlente rapul gehe», wen» mir die engen, winkeligen und stinkigen Straßen erhalte» bleiben. Sie sind zum mindesten ein — 'Narr, den» ich Halle Sie nicht snr so niederträchtig, daß lediglich die Absicht. „Andere zu schädigen", zn solchem elende» Beginnen verleitet Dort, wo eine wirklich schöne, wahre srnnsi zeigende Relignie ohne Schädigung der allgemeinen Zmeresseii erhalten werden kann, da in Ihre Einsprache oder besser die eitles andere» nnsiver»ändigen am. Platze, aber im vorliegenden Falle war eS eine Äenieinheir, gegen die wirklich löbliche Absicht des Bezirksausschusses * Front z» mache». Hüte» Sie sich vor Prügel, verehrter Herr, die Zhnenunfehlbar reichlich f zulheil werden, wenn Sie sich untersangen sollten, weiter zu agitire». Wie», 15. Deeember ls!»3 Bum, Bezirksausschuß. DaS Bubenstück des anonymen Lumpen — einen Bezirksausschuß der inneren Stadt, Namens Bnm, gibt es nicht — richtet sich upit selbst. Herr RegierungSrath Zlg konnte i» - der Thal nichts Besseres thu», als ienem attischen Philosophen nachzuahme», der, als ihm einst von einem ähnliche» Lninpen wie „Bum" eine Ohrfeige verabreicht wurde, mit der geschwollenen Backe durch die Straßen Athens lustwandelte, während er um den Hals 'ein Täfelchen trug mit der v l a t t. Seite S. ..Inschrift: „X. X. opoirse“ (Oi. R. hat'S gelhanV Der beireisende Lümmel mußte schleunigst Athen verlassen, »m nicht gelyncht z» werde». -Wir könne» -nun zwar nicht erwarte», daß die Wiener „christliche" Moral sich zu einer ähnliche», allgemeine» Berurtheilung des geehrten Herrn „Bnm" erheben wird. Es ist aber immerhin gut, wenn die * Welt hie und da''erfahrt, was sich heule. Alles hinter der antisemitischen Maske verbirgt und wie die Aenßernng einer jeden selbstständigen Meinung — gteichgiltig, ob politischer oder tnnstteriich r oder wissenschaftlicher Ratnr — vollkommen hinreichender Anlaß ist. von den Antisemiten mit einer Flnth stinkendster l^eineinlieiten überschüttet zu werden - - natürlich unter dem Schutze der Anonymität. Bnm's Prachtleistnng wurde übrigens im Bureau der „Presse" zur Einsicht aufgelegt, »m so' dem Bezirksausschuß der innere» Stadt Wien Gelegenheit zu geben, amtlich festznslellen', das; keines seiner Mitglieder, sei eS direct oder' indirect, Antheil an der Beranlasinng und Abfasinng jenes Briefes geiToiiimvii hat. Zndeß bedarf eS denen nicht mehr, da der feige Attentäter bereits um Pardon gefleht hat. Sofort nach der Publication jenes Opus liefen an Herrn RegierungSrath Zlg und an die Redaction der „Preffe" zwei Briefe mit den Schriftzügen des zHerrn „Bum" ein, worin dieser nnuinwunden bekennt, daß er 'Namen und Titelsingirt habe und in den demüthigsten Ausdrücken, bittet, man möge ihn nicht unglücklich machen und ihm vergeben. Es scheint, daß Herrn „Bnm" nach der Publication seines ersten Briefes klar gemacht worden ist, welche Folge für ihn sein feiges Bubenstücklein haben 'könnte, wenn die Sache weiter verfolgt würde, und er deshalb einigen ^Katzenjammer verspürte. Ans besonders tiefen Gefühlen scheint indesien „Bnm's" Rene nicht zu entspringen, da er auch jetzt noch nicht den Mnth ehrlicher Namensnennung gefunden hat.' (Tcr Anstnilvspslicht rnthobc».) Man schreibt uns: Renlich ging ich durch die Burggasse und war unfreiwilliger Ohrenzenge eines Gespräches zweier Herren im Alter von 7>0 bis OO^ahren „Das würde doch gegen de» Anstand verstoßen" — meinte der Eine, worauf der Andere entgegnete: „Ah was, '‘einem Zu den gegenüber brauche ich keinen Anstand.zu beobachten." Zch will nur noch bemerken, daß der 'Herr, welcher die Meinung äußerte, im Berkehre mit Zuden der AnstandSpflicht enthoben zu sein, von seinem Gefährten „Herr Doctor" .titulirt wurde. Zede weitere Erläuterung ist überflüssig. . —<1. tHlllllÜNikärcS.l Der unter dem allerhöchsten Schutze der Kaiserin Elisabeth stehende ,,E e n t r a l - K r i p p e n v e r e i n in"'Wien" wird am 0. Zänner 1804, Nachmittags 4 Ilhr, in der „Henrietten K rippe", I., Seilerstätte. 10, eine Ehristbescheerung abhalren. . Die Ehristbescheerunge» i» den sechs anderen Zweigkrippen haben bereits stattgesunden. —. Der bisherigen'Gepflogenheit treu, hat der Ausschuß des Ersten österreichischen Kinderasyls „Hnmanitas" auch in diesem Jahreein Eomit-'- mit der Beranstaltung einer würdigen Weihnachtsfeier betraut, und fand dieselbe unter zahlreicher Bekheilignng der Gönner .und Freunde des 'Asyls am 20. December im K a hten be rg e rd ö rfe l statt. Tie izr dem Festsaale aufgestellten, mit de» ntannigsalrigsten Geschenken belegten Tische, von einem dis an die Decke reichenden Wcihnachtsbanm überragt, bildeten einen herrlichen Gäbentempel. Zn tM anstoßenden Nebengemach harrte, mit strahlenden O'esichter» und voll-gespannter Erwartung die Kinderschaar, welche zuletzt, nachdem ein O.uartett des kaufmännische» t^esangvereines einen stimmungsvollen Ehoralgefang. zum Bortrage gebracht - hatte, ein Festlied anstimmte. 'Nachdem die Kleine» endlich in den Saal gelassen waren, hielt Herr Heinrich A d a m, Hausvater deS Asyls, eine warme Ansprache an die Ber sammlnng und an die Kinder, worauf eines der'Letzteren in einem vom AnSschnßmitgliede Herrn Moriz Am st er verfaßten Okedicht inr -N'amen der Uebrigen den Dank abstattete. 'Nunmehr ging eS an das Berthcilen der Gaben, welches den freudigsten Wiederhals in der kleinen ' Wrlt erweckte, und unter einem von dem lautesten Zubel belebte» Treiben begaben sich die Kinder, von einem Theile der versammelten Gäste gefolgt, »ach ihren Zimmer». Dem Eonrit-'- gebührt die vollste Anerkennung für seine T Hörigkeit, was wir hiemit gerne verzeichnen. (Rlttiskiliikische Frechheit im Biirstklitüker.j Zwei, junge Damen, Töchter einer sehr angesehenen Wiener Familie, wohnten kürzlich der letzten Aufführung der '„Zauberin am Stein" im Burglheaier bei. Sie hatten zwei gute Parketsitze im Mittelgange mit Ecksttz.innr, als ein alter Antisennt zu den zwei Mädchen kommt und ne aiiffarderr, sie möchten nachrücken, daS heißt, ihm den Ecksitz einränmen! Die Damen sahen sich in Folge des frechen, ungezogenen Verlangens des Antisemiten an, ohne' anfangs vom Platze zu weiche» Als sie aber der „Arier" zum zweitenmale aufforderte, von ihren Plätzen zu rücken, weil er ne incommodiren werde, da er »ach Schluß jedes ActeS hinanSgehe, sie diesmal' auch oh»e^ gliäiinliche Begleiter waren nnd weitere Frechheiten de^S Antisemiten vermeiden wollten, so gaben sie