Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441479--1005-4887490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 90. Freies daß eS den Jammer eines Bruches zwischen uns hintanhalten kann. Was kann daS sein? Ein solcher Jammer, Franziska, muß um jeden Preis verhindert werden." f „3dj werde cs Ihnen gleich sagen; aber cs fallt mir schwer, warten Sic einen Augenblick. Ich will''Ihnen etwas sagen, klar und einfür allemal, und — sehr klar — und — freundlich, Harold, denn wir waren — und ich hoffe, wir werden cS immer sei» — so wahre Freunde." „Sie können nicht anders sein als wahr und freundlich." „Es handelt sich um mich selbst." , „Sie können mir unmöglich zu viel über sich selbst sagen." e „Sic haben stets, seit ich Sie kennen lernte, ein so freundliches Jntereffe für mich gehabt, und Sie sind .mein ältester Freund." „Lassen Sic sich Zeit, Franziska. Sagen Sic mir cs, wie cS Ihnen beliebt; schreiben Sie mir, wenn Ihnen daS angenehmer ist." „Nein, ich könnte so etwas nicht schreiben." Sie ließ sich auf de» Stuhl ihrer Mutter nieder. Harold wählte den niedrigen Stuhl. Eine Weile säße» sie schweigend nebeneinander. Dann sing er von anderen Dingen zu reden an. „Dies Stück von Ihnen," sagte er — „dieses Stück von Baschti, der Königin, gefiel niir ungemein. Und Sic — keine vollendete Schauspielerin hätte diese Rolle bester spiele» können, diese Baschti." „Ich war Baschti," sagte sie einfach. „Sic waren cs," erwiderte er rnhig. „Soviel sah ich selbst ein." Dan» herrschte wieder Stille. Zweimal schien cs, als ob sic sprechen wollte, aber sic brach wieder ab. Endlich begann sic doch, ähnlich wie ihre Mutter begonnen hatte. „Harold," sagte sie plötzlich. „Neun Jahre, denke ich, siud wir' Freunde gewesen — fast mein halbes Leben, Freunde, seit jenem Tage, wo wir sie krank in jenem .ärmlichen, spanischen Wirthshause fanden. Ich war zwölf und Sie waren achtzehn, jetzt bin ich einundzwanzig und Sie sind sicbcnundzwanzig. Wir sind seit jeher Harold und Franziska gewesen — immer Freunde, nicht wahr'?" „Immer Freunde, Fran,iöka — Freunde und Kameraden; (Genossen, Waffenbrüder, wenn Sie wollen; nur, Franziska, bitte, nicht Bruder und Schwester. Lassen Sic uns diesen conventioneUen ^Unsinn nicht einführen." „Nicht Bruder und Schwester," wiederholte sic ernst. „Ich weiß das sehr gut." ' , „Wenn wir mit Rcminiscenzcn beginnen wollen, lassen Sic mich Sic erinnern, was Sic mit zwölf Jahren waren, so voll von Ihrer Arbeit, so sragelustig, so neugierig auf die Welt, so sanft und geschickt in Allem, was Sie begannen, so thätig den ganzen, langen Tag, so durstig nach Wiffcn, baß Sic mich gänzlich gefangen nahmen. Ich war Ihr Ergebener von allem Anfänge an, Franziska, wie ich cs'jetzt »och bin Und das war mein größtes Glück." „Sic waren der erste Engländer, den ich je gesprochen. Franzosen,- Italiener, A.nerikancr hatte ich kennen gelernt, aber keine Engländer. Ab und zu wohnten deren einige in »»seren Hotelssic trugen leichte Wollanzügc und Knickerbockers; ihr Benehmen war lange nicht so fein wie das der Franzosen oder der Amerikaner; sic waren roh und lärmend, sprachen von Fuchsjagden und vom Schießen. Hätte mich zu jener Zeit Jemand aufgcfordcrt, einen Engländer zu dcsiniren, da würde ich gesagt haben, daß cs der Man» ist, ivclchcr jagt. Und dann, als Sic von Ihrem Fieber genasen, kamen Sic zu uns — ein/ vortrefflicher, gescheiter junger Mann, so sympathisch, so freundlich gegen ein albernes, kleines Schulmädchen. Ich habe gestern mein Tagebuch Hochgeschlagen. Es ist voll von Ihnen: Harold ging mit uns dahin — was Harold sprach; Harold ging mit uns dorthin --- w.as Harold sprach; Harold ritt mit mir — was Harold während des Rittes sprach, und so gings fort. Diese Freundschaft mit Ihnen war wirklich ein großes Glück für mich." Sie hielt an und dachte nach. „Nur weil ich dieses Glück fortgesetzt wissen will," sagte sic, „nur darum habe ich Ihne» dies Alles gesagt. Ich habe Sic nu/an Dinge erinnern wollen, die Cie selbst ja schon sehr gut wiffcn." Abermalige Pause. " „Als Sie fortgingen, war es entsetzlich traurig. Die Gespräche der Fuchsjäger waren dümmer als je. Ich wünschte, nicht Englisch zu verstehen. Aber da kam ein Brief von Ihnen, der erste Brief, de» ich überhaupt bckani; ich habe den Brief noch, sowie jeden anderen auch, den Sie mir seither schrieben; ich wollte mich von keinem trenne», weil Sic mein Freund sind, mein'erster Freund. Darin ist Ihr ganzes Leben, Ihre wiffcnschaftlichc Thätigkeit, Ihre Universitätsauszeichnungc», Ihre ehrgeizigen Bestrebungen — Alles enthalten." „Ich habc"auch alle Ihre Briefe, Franziska," erwiderte der junge Mann eifersüchtig. Blatt. Seite 13. „Nun, Harold, 'da wir u»S gegenseitig soviel Bcrtraucn und Zuneigung schenke», sagen Sic mir das eine: Wenn ich bemerke» sollte, daß Sic Ihr Herz auf etwas Unmögliches. richten, etwas wünschen, das -nie cintrcffcn kann, ei» Bild aüS Lehm aufflellcn und cs für echtes Gold ausgcben, denken Sje nicht, daß cS dann incine bloße Pflicht sei, Ihnen um der lieben Freundschaft willen auch zu sagen, daß Sie ein.Ding der Unmöglichkeit begehren?" Sic schaute ihm unbefangen und offen ins Gesicht. Ihre Worte und ihr Bcnehnicn waren klar und kalt und unverkennbar. Er beobachtete sie neugierig und dachte »lehr an das, was ihm Melkah gesagt, als. an das, waS Franziska eben sagte. „Warten Sie, sage ich. Sie liebt Sie. Eines schönen TageS wird sie sagen: Ja, ja, ja. Wen» sie nein sagt, mögen Sie lachen. Aber geben Sie acht, sagen Sic ihr nichts, das sic ärgern könnte." är antwortete langsam: „Ich habe schon etwas dergleichen von Ihrer Mutter gehört. Wenn so etwaS, wie Sie glauben, geradezu unmöglich ist, dann ist cS sicherlich am klügste» — ja sicherlich — zur Zeit ausgesprochen zu werden." „Alsa, Harold, gerade heraus — cS ist ganz unmöglich." „Darf ich fragen,, warum cs unmöglich sein sollte?" „Es sind zwei Gründe. Der erste ist," sic faltete die Hände und schaute tapfer aus, „daß ich dem Beispiel meiner Mutter folgen muß und den Gehorsam, den Sic verlangen würden, verweigern müßte. Ich würdenicht — Er unterbrach |lc ganz unerwartet, so daß der schönste Satz auf der Welt gänzlich zerstört wurde. „Halten Sie ein, bitte. Woher wisse» Sie denn, daß ich diesen Gehorsam verlangen würde?" Woher sie cs^wußte? Weil ihr plötzlich etwas wie ein leuchtender Blitz die Dunkelheit ihres Herzens erhellte, weil sic merkte, was geschehe» würde. Sie sah sich in freiwilliger Unterwürfigkeit vor diesem Mann. Es war ihr, als ob sic von außen auf eine andere Franziska blickte, die mit sanften und feuchten Augen beide Hände ausslreckte und ihrem Herzen, ihrem Willen, ihrem Besitze zu Gunsten deS Geliebte» entsagte. Ich erkläre, daß sie ganz genau diese andere Franziska sah, und sic erkannte zum crstcnmalc in ihrem Leben, waS Liebe bedeute. Zum crstcnmalc. So erweckt Liebe wieder Liebe. Sie zögerte. Woher wußte sie eS? Sie schlug die Auge» nieder. „Woher wissen Sic, Franziska, daß ich diesen Gehorsam begehren würde?" wiederholte Harold. „Ich weiß cs nicht," staminclic sic; „aber alle Männer verlangen Gehorsam. Was immer .sic sagen oder lehre», sie verlangen Gehorsam. D, ich weiß! Und wenn sie, umgekehrt, gehorche» sollen, so denken sic, ihre Manncöwürdc sei bedroht. Der Gemahl, welcher gehorcht, wird verspottet." „Wenn cs ein Naturgesetz ist —" „Aber. cS. ist keines." Sic erholte sich ein wenig uud gedachte der Lehren ihrer Mutter. „Es ist nur ein sociales Ucderejiikommcn, obwohl cs durch lange Duldung fast ebenso stark geworden ist; wie ein Naturgesetz. Die Naturgesetze sind nicht so grausam. T, Harolds Ich habe mein ganzes Leben lang über die Unterwürfigkeit der Frauen gehört und gelesen. Es gibt nur -zwei Gründe, warum sie untcrthan sei» sollten, ihre Armuth und die Liebe. 06, will nie unicrlhan sein — erstlich, weil ich nicht arm bin, und daun, weil ick, nie aus die Stimme der Liebe hören will!" „Und wenn ich Ihne» gleiche Freundschaft anbicten - würde -— »ach Ihre» Bedingungen?" Sic schüttelte den Kops. „Ich tönntc Ihnen nicht Glaube»' schenke». O, Sic würden treulich versuchen, Ihr Bersprcchcn ',» Halle». Aber Sic wissen kaum, waS eine solche Freundschaft bedeute» würde. Sic haben nie an einen Haushalt gedacht, wo das Weib wirklich dem Manne gleichgestellt ist. So etwas eziftirt nicht." Es kann bis jetzt »och nicht existircn. Wir innffen die Welt erziehe», um dies möglich zu machen. Wir hätten einen solchen Haushalt zu gründen, aber der wäre ganz gegen Ihre Borurthcilc, er würde Ihnen, nicht , gefallen. Ich bekenne, Harold, daß eine vollkommen gleiche Freundschaft unter den gegenwärtigen socialen Bcrhältnisscn im Bcrcinc mit Liebe und Heirat nicht bestehen kan». Und ich ziehe den Freund dem (3Vliebten vor." „Ich biete Ihnen eine so enge Freundschaft an, als Sie dieselbe für Ihre Institution nur sich anSdcnkc» können." Es ivar keine sehr glühende Art,' die Schwüre eines Liebende» auszudrücken, aber Harold wußte, woran er war. Das war kein Mädchen, dem man sich in dcr gcwöhnlichen Weise als Freier nahen konnte. „Danke, Harold, aber cS ist unmöglich. Lassen Sic mir den Freund und schicken Sic den Liebhaber fort. .Dann werden wir so glücklich weiter leben wie bisher." „Wenn ein Ding unmöglich ist, Franziska, -so ist cS thöricht, dasselbe zu verlangen. Was ich wünsche ist nnmöglich, weil, wie Sic