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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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Seite 14. Freies I? 1 a 11. Nr. SV? l jagen, Heirat »nd Gleichheit nicht znsanimcn bestehen können. Ich möchte nur bemerken, daß, wenn dies ein Gesetz vonallgemeiner Anwendung ist, Ihre -Lache von Anfang an schon gerichtet ist.- Toch, Sie sagten, denke ich, daß eS andere Gründe gibt, welche die Sache unmöglich machen." „I\'e zweite Grand ist, daß Sie, eine altmodische Heirat mit einem altmodischen Leibe wünschen — einem beruss nüßigen Weibe, einer Krau, welche ihr eheliches Leben zu ihrem Berufe macht und an nichts denkt, als an ihr Haus, ihren Mann und ihre Familie." ..Ich erkenne das Echo gewisser Ideen wieder —" „Sie sollte» aber hierin mit mir übereinstimmen, Harold. Wie könnte ich mir selbst Recht widerfahren lauen, wenn ich immer an Andere dachte, an Sie, zum Beispiel'?" Er nickte ernsthast. Tie Krage war sehr freimüthig. „Ich habe versucht, die Sache objertiv zu betrachten. Ich tan» ganz wohl einsehen, daß ich versucht fern würde, gegen mich selbst ungerecht zu sein ans Hingebung und Liebe. Es ist wahr, ich fühle bis jetzt noch keine Hingabe, aber man weiß ja nicht, was Alles ein treten kann, lind dann! Tie Pflicht, soviel als möglich in diesem kurzen Leben zu wirken!' ..Ich pctslehe. Tiefe Ideen liegen in der Luft. Tie Mädchen er laiche» dieselben, wie sie de» Bacillus irgend einer neuen Krankheit in sich aufuehmen. Run — ich will nicht versuchen, Sie zu über zeuge», Kranziska. Ich hegte Hoffnungen — ich hege sie »och — daß Ihre liebreiche Kreund'chaft sich zur Liebe entwickeln würde. Ich sehe, daß es bieder »och nicht der Kall war. Gut. Wir wolle»' warten. Was aber ihre Aufgabe betrifft — ich denke. Sie sind fertig. Was immer Sie lhnn mögen, nichts kpnn Sie liebenswürdiger oder lieblicher oder vielleicht nützlicher für Ihr Geschlecht machen." „steine Eoinpliment■, Harold " „Tas sind auch keine Aber Sie sagten ja, daß Sie sich »och mehr vervollkommnen münen. Tas bedeutet alio, daß Sie noch eine Menge von Sachen aus den Büchern lerne» müssen." „BieUeicht." „Tie Männer lernen Tinge aus den Bücher», um eine» Beruf zu erlangen. Betrachten Sie deren Entwicklung. Unter tausend — zwei-' oder dreitausend Männern, welche einen ^freien und gelehrten Berns errväklen, werden Sie einen finde», vielleicht einen, welcher seinen Gegenstand vorwärts bringt. Einen —• nicht mehr. Tie Uebrigen begnügen sich, so angenehm zu leben, als es ihr Beruf ihnen ermöglicht. Beritehen Sie mich? Ter Anwalf lernt kein Ins mehr, wenn er die Prüfung bestanden hat, der Schulmeister lernt kein Griechisch mehr, der Zeichenlehrer versucht nicht länger, ein großer Künstler zu werden. Würde es Ihnen nützen, den ziveitausendnennhnndertneunundireunzig gleich zu sein?" „Rein, ich würde mich zu dem einen heranbilden." .. Tic würden fehlschlagen, Kranziska. Ich kenne Sir durch und durch. Sie sind empfänglich. Sie begreifen raich, aber Sie würden nie — nie — nie eine Sache, sei sie welche immer, fördern. Sie würden nur lernen, was Andere schon entdeckt haben. Ist das Entwicklung, wenn Sie Ihr Hirn vollstopsen mit Thatsachen und mehr Thaffachcn und noch mehr Thatsachen?" „Sie sind freimüthig. Harold!" „Es ist die Stunde jetzt zum Kreimulh. Lasten'Sie uns einmal ganz fr-'imüthig sein. Ueberlaffen Sie, sage ich Ihnen, diesen Ent-' wicklungsproeeß anderen Mädchen, unbedeutenden Mädchen — Mädchen, »m die wir uns nicht viel kümmern. Lauen Sie diese Gelehrte, Künstler zehnten Ranges werden. Wenn ihre Gehirne ansgezehrt, ihre! s^eifteSgaben verschwenderisch durchgebrachl sind, so thut das nicht viel! im Bergleiche damit, wenn die Leere eintrale bei einem Geschöpfe, wie i Sie es sind." „Aber die Leere ist's, was ich verhindern will." „Ihre LR'ühen endcti in nichts. Sie ahmen nach und folgen nach. Sie rücken um nichts vor. Ihr Ende in Bergesien." „Beigcsien harrt unser Aller auf dem langen Wege. Aber es ist schon etwas, wenn man arbeitet. Wer arbeitet, fördert die Wiffenschaft ans irgend eine Art. Aber, Harold,' mein Krennd, wenn Sie aus gegeben laben, das Unmöglicbe zu wünschen, wollen wir nicht für jetzt die Unterredung beenden?" „Im Augenblick. Lassen Sie mich nur fertig reden. Tie Krage hat noch eine andere Seite —' uieinl Seite Ihre Tugenden, Ihre großen GcisteSgaben, um in der althergebrachten Weise zu sprechen, find Ihnen nicht gegeben worden, um weggejchleuüert zu werden. Sie haben dieselben geerbt, ne sind wie ein AUodialguk: Ihre Pflicht ist, > dieselben zu mehren, wenn Sie können.. Sie sind ein Glied einer > langen -stekle: die vergangenen Generationen haben Sie zu dem gemacht, was Sie sind: die Blume der Mädchen. .Kranziska, von großen Müttern stammen große Söhjie. Wollten Sie daS letzte Glied in Ihrer Kette sein? Wollen Sie, daß man unter Ihrem Namen einen schwarzen Strich zieht? Wollen Sie für immer sich selbst — weg« werfen, mit vollem Bewußtsein?" „Tiefe Art von Argumenten berührt mich nicht im Geringsten," erwiderte sie kalt und unbewegt. In Newnham pflegt man auch Aehnliches zu sagen, Pflichten gegen die Nachwelt. und so weiter. TäS mag Anderen eine Aufforderung sein, aber mich rührt daS nicht. Ich .will frei sein, und darum darf ich mich nicht von der Liebe in Bande schlagen laffen. Wir sagen ,Bande', um die Selaverei zu.bezeichnen. TaS ist Alles. Ich muß mein Leben in Freiheit leben." „Meine arme Franziska, Sie wiffeu nicht, was Sie sagen. Freiheit? Ihre Freiheit würde in einer verächtlichen Selaverei gegen Ihr "Selbst-enden. Und waö die Liebe betrifft, so wiffeu Sie eben nicht, was sie bedeutet." „Bielleicht. Aber daS letzte Wort ist — ich muß frei sein." . „ Sehr gut, ich sage nichts mehr. Ich habe wirklich auch schon Alles gesagt, was ich zu sagen habe. Meine Meinung von Liebe ist der Ihrige» ganz entgegengesetzt. Ich sehe darin nur die Unterwerfung des Mannes. Ich kann mir kein größeres Glück denken, als Sie glücklich zu machen. Ich wollte gerne für Sie arbeiten, wenn Sie nicht so schrecklich reich wären. Es ist der Fluch der Reichen, daß ein. Mann für eine reiche Frau nichts arbeiten kann. Nun glauben Sie aber nicht, Kranziska, das; ich Sie aufgegeben habe. Es mag eine Zeit toinmen, wo die Unmöglichkeiten zu Schatten werden, zu Gespenstern des Zwielichtes — die vor der aufgeheuden Sonne entfliehen Ich will walten. Sie werden nnir's sagen —. dann — nicht wahr? Bersprechen Sie eS, Franziska. Sie werden mir aus eigenem Antriebe sagen, ich, der so dumm bin, könnte ja vielleicht nicht die Beräudcrung bemerken — Sie werden mir sagen — selbst wenn es einen anderen Mann beträfe." „Harold," unterbrach sie ihn erregt, „als ob es ein anderer Mann sein könnte! Was Sie träume», ist ein Ting der llnmöglichkeit, aber ich verspreche es Ihnen!" Er lachte. Heiterkeit ist nicht immer daö äußere Zeichen eines nicht erhörten'Freiers. Aber Harold lachte. Es lag nicht das geringste Anzeichen in Sprache und Benehmen des Mädchens, daß sie biö jetzt die ersten Anfänge dieser universellen Leidenschaft begreife. Tas war'S, warum Harold lachte. „Bis dahin," sagte er, „Genossin, Kameradin, Waffenschwester — was nicht Bruder und Schwester ist. Ich habe für Sie nicht die geringstengeschwisterlichen Gefühle, Kranziska, wir werden neben einander weiter leben, wie bisher, nicht wahr? Gerade, wse wir es immer thaten — keine Zurückhaltung, keine Einschränkung, keine Angst, mißverstanden zu werden. Es ist an Ihnen, mir zu sagen, wenn die Hinderniffe beseitigt sind. Sind Sie einverstanden?" Er streckte die Hand aus. Sie sah ihn an 'mit offenem Blicke; ohne das geringste Zögern reichte sie ihm ihre Hand. * „Wir werden auf ganz dieselbe Art fortfahren," sagte sie. „S, ich bin so froh, Gaß Sie so vernünftig sind." „Tann, Kranziska" — er hielt noch immer ihre Hand — „meine liebe, alte Freundin, es ist nichts weiter zu sagen. ' Ich" warte: Sie bleiben noch im Serail." Er drückte ihre Hand liebreich und verließ sie. Natürlich bedauerte er, als er auf die Straße kam, daß er ihre Hand nicht geküßt hatte. Franziska sah ihm nach. Sie hatte sich ausgesprochen, er halte sich gefügt, er war vollkommen vernünftig.' Und doch fühlte sie sich enttäuscht. Warum? Und "wieder sah sie diese andere Kranziska, welche die Hände ausstreckte, und wieder fühlte sie dieses sonderbare Sehnen, Alles auszugeben, Alles, waS sie am höchsten schätzte — ihre Freiheit, ihren Willen — für diesen Mann, ihm anzugehören. Sie kebrte in ihr Zimmer zurück,' gedankenvoll und kummervoll. Unterwegs traf sie Melkah, die noch zusammengekauert auf der Stiege saß. „Kind," sagte die Alte, „haben Sie den jungen Man» gesprochen?" „Ich habe ^jhil fortgeschickt, Melkah." „^Sie haben ihn fortgeschickt? Es ist nicht gut, einen solchen Manne sort.zuichicken. Sie sind ein thörichtes und ein unerfahrenes Kind. Meine Liebe, Sie sind geboren, um geliebt zu werden. Sie können nicht ankämpfen gegen die Gesetze. Schlage das Waffer, und eS bleibt doch Waffer. Eine Frau ohne Mann ist ein hilfloses Geschöpf. Wie geht doch die Rede bei meinem Bolle? ,Tie, welche ihren Mann bei sich hat, kann den Mond mit einem Finger umdrehen.'" „Ich habe ihn weggeschickt," erwiderst: Franziska, stieg, die Treppe hinaus, suchte ihr Zimmer auf und grübelte hier voll Zweifeln nach über diese wnnderähnliche Erscheinung der ziveite» Kranziska * (Sortierung folgt.)

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