Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies N l a t». Nr. 90. als Zeitgenosse nicht außerhalb der Zeit und jener Kreise stehe, 'zu deren Charakteristik ich hiemit einiges Material bcizustcuern ein geringes Vergnügen habe. Die Wissenschaft, die hehre, erhabene Göttin, die oft auch als Milchkuh, wie nach der altindischcn Mythologie die gcwittcrschwaugerc Wolke, aufgefaßt wird, ist gleich der Luft, dem Wasser, »Feuer und dem Menschen international. Nur gewisse, durch äußere Zuthateu, Einwirkungen, Beimengungen oder wie immer mau daS Zeug heißen mag, entstehende Aenderungen bewirken eine schlechte Luft, ei» durchsetztes Wasser, ein gualmcndeS Feuer und einen Unmenschen, Ucbernienschen und Untermenschen. So wird auch die Milchkuh Wissenschaft durch schlechte Treiber stößig und wild gemacht; scheinbar nur, denn alle Schuld fällt auf Jene zurück, die sic für sich allein ausbeuten, Die gelahrte Antisemiterci ist in deutschen und slavischcn Landen — die romanischen und anglischcn sind davon noch frei — ziemlich jungen Ursprunges. Sie hebt von jener Zeit an, wo cs Juden nach den StaatSgrundgcsetzen erlaubt wurde, Mittel- und Hochschulen zu besuchen, um als vollberechtigte Staatsbürger die Carriörcn ,„Studirtcr" einzuschlagen. In den ersten Zeiten war man so gnädig, nachsichtig, gütig,und huldvoll, den vereinzelte» Juden „mitlaufen" zu lasse». Sein Dasein war eben nicht neidenswcrth, doch wen» er sich gewohnheitsmäßig zu bücke» und zu ducken verstand, konnte er sich zy den lichten Höhen einer relativ sorglosen Existenz an staatlicher Krippe emporarbeiten. Nicht allzu selten verstand sich der „Emporkömmling" auch zur Taufe, um auS einem außerordentlichen ein ordentlicher (nicht etwa Mensch, sondern nur) Profesior zu werden. Die Häufigkeit derartiger Vorkommniff: gab Veranlassung zur Entstehung deS Aberglaubens, daß ein Jude schon durch die Taufe, wie ehemals in Lithaucn zu einem „Edlen von", bei uns zu einem Profesior, Bczirksrichtcr oder gar Minister werden könne. Die Ercignisic deS jüngsten Jahrzehntes des lin de siede haben jedoch nicht wenig zur Bannung dieses Aberglaubens bcigetragen. Das kam also: Daß die Juden in Oesterreich-Ungarn und in Deutschland vorwiegend Städtebewohncr sind und auch, warum sic cs geworden sind, ist mävniglich bekannt und sehr hübsch von Lcroy-Bcaulicu im Feuilleton deS „Freien Blattes" anSeinandcrgcsctzt worden. Trotzdem Prinz AloysiuS und sein Heerbann unablässig die Juden als die "Besitzer aller Capitalicn auSposaunen, scheinen sich die Juden doch nicht mit den «»gedichteten Rcichthümcrn zu begnügen, sondern streben »ach Wiffen und Wissenschaften. Wie auch schon Leroy Beanlicn anSführt wird dem Juden eine unbegrenzte Hochachtung vor der Thora, dem Studium ancrzogcn. EincStheilS bewogen durch diese altercrbte Neigung für geistige Thätigkeit, andererseits durch die kümmerlichen wirthschaft lichcn oder Erwcrbsverhältnisie im Handel und Handwerk gedrängt und schlicßsich durch den ausschlaggebenden Umstand bestimmt, daß in der Stadt ein Gymnasium besteht, schickt in der Regel selbst der ärmste Jude seinen Sohn, wenn er selbst nur halbwegs aufgeweckte»». Geistes ist, in die Mittelschule und hofft, daß „auS dem Jungen ein Mensch wird", der, vom leidigen-Zufall deS alltäglichen Daseinskampfes weniger hart als die Eltern mitgenommen, einmal eine freundlichere Existenz erlangt, alS eine feinen nächsten Angehörige» beschicdcn war und ist. AuS diesen Bcrhältniffen erklärt sich der entschieden bedeutende Zuzug jüdischer Knaben an Mittel- und junger Männer an Hochschulen. Es ist zn beachten, daß dem jüdischen Kinde von der Elcmcntarclasic an von Seite der christlichen Mitschüler und der Herren Lehrer sehr selten mit Güte und Sanftmuth begegnet wird. In der Regel muß der Jude schon in den unteren Schulen gegen harte Borurtheile ankämpfen und mit gesteigertem Fleiße lernen, um jene Geltung zu erwerben, die der christliche Schulkamerad ohne besondere Mühe gewinnt. Arm und ohne nennenswerthc Aushilfe, meist auf sich selber gestützt, muß er die vier oder sechs Jahre an der Universität auSharren. Sein Sinn darf nur auf die Wisicnschaft und — auf daS^ praktisch Erreichbare gerichtet sein; um sowohl den An- Scite >1. . förderungen der Professoren als de» Erwartungen der Eltern, EKichwisicr nnd sonstiger Verwaikdtcn zu entsprechen. Tie Letztgenannten seven, wie üblich, ihre Hoffnung, ihren Ruhm und' Stolz aus den Studi>e»de». Endlich hat der Jüngling, vielleicht gar mit Auszeichnung, sä »unisiche Rigorosen bestanden, seinen Doctortitel oder das LchramtSzcngniß glücklich erhalte». Jetzt hat er's schwarz auf weiß,, daß er was kan», aber mit der ersehnten Anstellung an der Krippe isl's nichts. Nu» beginnt für' ihn erst recht ein Kamps uinS Dasein, so heiß iitib„mi crbittlich schwer, wie ihn der bekümmerte Vater selber wahrscheinlich nicht dnrchgcmacht. Jude zurück! — schallt cs von allen Teilen ihm entgegen. Sintemalen aber auch der Jude leben muß, was ihm freilich Antiscm verübelt, wendet er sich den sogenannten freien Be rnsSartcn z», bei denen cS in erster Reihe auf Verstand, Rührigkeit nnd andere Eigenschaften persönlicher Tüchtigkeit ankvmnit. Ihn inacht die Roth erfinderisch nnd findig, und der Jude wird und muß, »m nicht zn verkommen, in seinem Fache, wie jeder Erfinder, Entdecker, znm Spccialisten sich hcransbildcn. Dem Zufall und de» Specialistcn verdankt die Wisicnschaft unscrcr Tage die erheblichsten Fortschritte. Ter Jude als Mann der Wissenschaft concnrrirt weitaus seltener mit dem Elementar- -und Mittel schullchrcr als mit dem ofsiciellen Vertreter deS „Faches" an, der Hochschule. Aus dem Gang der Dinge ergibt es sich von selbst, daß dieser Jude eine llniversitätscarriöro anstrebt. Das ist ein außerordentlich dornenvoller und schwieriger Pfad für ihn: denn feine Widersacher ans antisemitischem Lager bemühe» sich weniger redlich, als unredlich, ihm Steine und Prügel zwischen die Füße zu werfen. , Es ist selbstverständlich, daß sich Einer den Namen und das Ansehen eines Gelehrten nur oder hauptsächlich durch gelehrte literarische Thätigkeit erwirbt. Je tüchtiger und strebsamer der Jnde als Special forscher,, sich bewährt, desto schlimmer für ihn, vor den Richterstühlen der antisemitischen Dccerncntcn an der Universität wird er »in sonu möglicher. Es ist interessant, die Art und Weise zu beleuchten, wie ma» von „bcrnfcner" Seite dem Inden die Nnivcrsitätscarrü.-rc zn verschließen weiß, wie üian ihn snstematisch bekämpft und ihm zn guter letzt, igcnn cS nicht anders geht, die Ehre erdrosselt. Es gibt zweierlei HanptspecieS gelahrter Antisemiten. | I’i» prim": die sogenannten Arides., zu deutsch „Slurmböckc" genannt, die-sich nnumwnndcn vor aller Welt in Wort und Schrift zur Niedertracht feierlich bekennen und ohne Schell den Haß nnd die Verachtung ihrer anständigen Mitbürger gegen sich hcrausiordern. Bes diesen Herren weiß man gleich, woran inan ist, und behandelt sic danach. Tie Sorte der „Srurinböckc" ist sowohl im „Freien Blatte." als in der übrigen Journalistik so vielfach schon besprochen worden, daß cs hier keiner besonderen Erläuterung mehr bedarf. Man muß aber hcrvorhcben, daß> sich von diesen Herren schon so mancher die Hörner abgestoßen hat, daß ihm die Lust am Sturm verging nnd nur noch der Bock und Gestank übrig blieb, l'ro seeimdo: die Kx intus saiviti, zn deutsch „die inwendig Geflickten". Dasist die gefährlichere Sorte, die sich pro form:» zur liberalen oder conicrvaliven Partei..hälr, sich in der Bicdcrmcicrrollc gefällt und in ausfälliger Weise uiit einem Paradejudcn dicke Freundschaft pflegt, mit Vorliebe an jüdischer Tafel koschere Speisen vertilgt und cs bei jeder Gelegenheit mit hcrzcrwcichcndcm Micucnspicl bedauert, daß. nicht alle Judcn so vortreffliche Küche führen »vic der AusnahiüS- oder Varadejnd. Oberflächliche Benriheiler, die sich durch daS intime Tischvcrhältniß zwischen dem Inwendig geflickten und dem Paradejudc» liidjt täuschen lassen, betrachten den Erslcrcn für einen Schurken, den Letzteren für einen Schasskopf, während diese Beiden sorgsam bestrebt sind, vor der. Oeffenilichkeit justament als erklärte Beschützer und' Förderer wahrer Talente unter jüdischen Gelehrten und Künstlern zu prunken. Sic müssen aber auch unuinwundc» eingcstchen, daß sic zufällig bis dahin nod> niemals einem jüngeren Gekehrten jüdischen Glaubens begegnet seien, der ihrer Gunst »verth und wsirdig wäre. Wenn »ün hie nnd da ein jüdischer Gelehrter durch eigene Kraft, durch ein Wunder (eS kommt mir auf