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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Fre es Blatt. Nr. 90. zusammen, schau nach ob'n und im tiessten Schmer; stoßt'S mi die Worte heraus: .Laß' mir mein Kind, du lieber guter C^ott; sei gnädi herzlich drückte, und ich mußte ihm versprechen, recht bald seine Frau und "seine Mali zu besuchen, welche- Versprechen ich .vom ganzen Herze» gerne gab. und barnihcrzi und vergib mir meine schwere Schuld!‘ Und, Allgütiger, kam» war daletzte Wort aumein Mund, da/ hat mei Maderl die (Zuckerln ausg'macht, und wie 's mi ^g'sehn hat, da dal'» d' Handerlu »ach mir ausg streckt und .ß'nif'n: ,Vater, war da- Ehristkinderl schon da? Wie i die süße, liebe Stimm g'hört Hab', da iS mir ausamal so warm und weich nm'S Herz wor'n, und i Hab' zum Wauen ang'fangr, wie a klan's Kind. Verwundert hat die Kleine aus mi g'schaut und mit besorgter Stimm'hat s' mi g'fragt: ,Warum weinst du denn, Vater, thut dir was weh''? S ja, ’S hat mir was weh', i'elir weh' Ihan, nämli die Erinnerung, daß i meine Psljchteu als «ssaltc und Vater so ganz und gar vergessen Hab' können. Es war ja Weihnachten, mit aner Kleinigkeit hält' i mein' Kinder! a unbändige Freud' machen können, und i Hab' den letzten Kreuzer im WirthshauS verpraßt. S, in ttm Moment Hab' i mir g'schwor'n, wieder a guter Mensch zu wcr'n und das Gelöbniß Hab' i treu gehalten. Mei Mali war lang und schwer krank, aber der liebe Gott hat mir das Kind erhalten, und heut', wie S' mi seh'n, bin i wieder der alte fleißige Handwerksmeister, und immer und iinmcr wird mir' Ihr Mahnruf: .Wie man S treibt, so gehl s' in Erinnerung blcib'n." Schweigend, aber lief bewegt, reichte ich M. die Hand, die dieser j Ernst gestimmt kam ich nach Hause, und selbst nicht die Iubelrufc meiner Kleinen, als ich ihnen die vom Christkinde gespendeten Gaben reichte,.konnten in mir eine fröhliche Stimmung aufkommen lassen. Ich dachte stets an M., dessen wechselvolles Leben in grellen Bildern an i»einen Augen vorüberzog. Was für ein trauriges Schicksal wäre diesem Menschen beschieden gewesen, wenn er nicht die moralische Kraft gehabt hätte, von der falschen, wieder auf die rechte Bahn einzulcnkcn. Und wie viele Menschen, dachte ich weiter, gibt es, denen diese moralische Kraft mangelt, die immer und tiefer sinken, bis sie endlich verdorben und verloren zu Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft -geworden sind. Und diese Armen, sind sie nicht zumeist selbst Schuld? Unverständiger Leichtsinn hat schon Biele und Biele arm un.d elend gemacht, aber auch Größenwahn, Ehrgeiz, das Hinaustreten über jenen Kreis, den ihnen Geburt und Erziehung vorgezeichnet, sind Ursache von so manchem traurigen Menschcnschicksal. Wie man's treibt — so geht'S! Ein altes Sprich- und Wahrwort! —r. Rn Kofprediger Stöcker. V von Curl fim-Cattfc«#.*) 3!'r ji/ getreten, geknechtet, bestehle» Die Juden. ihr habt sie gefoltert, verbannt, Ihr l'abt sie der Schande, dem Llend befahlen. 311' lange her, daß ihr de» Letzten verbrannt? Das Recht an die Lrde, die nährende Mutter, Ihr babt's den verstoßenen schnöde versagt, Dein Milde gleich suchten sie rechtlos ihr Mutter Und wurden gleich ihm auch gehetzt und gejagt. Lin Volk van Nomaden, gehaßt und verachtet, Sa schleppten die Keinen sich heimatlos fort Kur heimischer Lrde, lind wenn sie verschmachtet, Hat man sie verscharrt aii Utlegenein Mrt. So hat sich vererbet vom Vater zum Sohne Der Kampf mit dem Unrecht, der rohen Gewalt. Im Streben nach Freiheit, dem herrlichsten Lohne, Blieb List nur als Masse, in jeder Gestalt. Durch List nur erhielt sich der 3ude am Lebe», Durch List nur gewann er fein tägliches Brot, Druin ging auch nach Reichthum fein einziges Streben, Denn Gold mir beschützt' ihn in jeglicher Noth. 3hr habt ihn zur Schlauheit, zum Scharfsinn, gezwungen, vererbt und entwickelt, Geschlecht um Geschlecht, vertheidigt er heute, was er sich errungen, r Gesteht es, ihr Heuchler, der 3ude hczt Recht. Roch liegt auf dem Volke die eiserne Bürde, Sie wirkt in den freien Geschlechtern noch nach. Lrst gebt ein Jahrhundert der Freiheit und Mürde Nach einem Jahrtausend der Knechtschaft und Schmach. (öeCaßrte AnLil'erniterei. Ei» Bild au» dem „Salon dec,Ziirnckgewiescnen". Ein witziger Freund stellte mir vor Kurzem einen bekannten Gelehrten mit den Worten vor: „Herr L. S, der Man» mit der erdrosselten Ehre." Herr S. bemerkte hiezu ruhig: „Ist eine zu allgemei» gehaltene Bezeichnung. Sie paßt ja ans so viele meiner Alters ,, Glaubens. und Studiengcnosscn." Die stille Resignation, die in dem T-onc lag, in welchem Herr S. diese Worte sprach, hatte kür mich etwas tief Ergreifendes. „Ein Mann mit der erdrosselten Ehre" erinnert gar zu sehr an Peter Schlemihl, de» Mann, der seinen Schatten verkauft hat. Zwei merkwürdige Tiipcn, Schöpfungen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Sft Von brrrennB^t« rette wird vttr bieie* im Ii.ti-i<tt]e bes vor erata zntei 3ttl J« »trötfemtuijiinj ubetfertSet. pflegt man den Mann mit der erdrosselten Ehre mit Peter Schlemihl zu verwechseln, der durch Habsucht seinen Verlust selber verschuldet hat und weitaus weniger unser Mitgefühl erregt als sein unfreiwilliger Widerpart. Ich bedauere cs mehr im eigenen als im Interesse der deutschen Literatur, daß mir die Darstellungsgabe eines Chamisso ab-. geht, damit ich in würdiger Weise die Geschichte des Mannes oder der Männer mit der erdrosselten Ehre erzähle. Zudem bin ich kein Dichter, sondern ein Historiker vom Fach und muß mich unbedingt auf die Wiedergabe mir von besten Gewährsmännern mitgetheilter Thatsachen beschränken. Es laufen auch eigene Beobachtungen mit unter, da ich i in Zarich verstorbenen christlichen ssdilanchropen Carl Lierz.Landi» anfgefanbenr Gedicht

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