Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.!tO. Freies Blatt. Seite!». , Ich schwieg, denn ich wußte »ichl, waS ich dem Manne, der einst »icinc tiefste Verachtung erregt hatte, antworte» sollte. M. blickte einige Augenblicke sinnend vor sich, nahm dann sein GlaS Wein, machte einen Schluck »nd sprach: „Wir kennen >i»S schon lang', so a circa nenn Jahr, nit wahr'? Sic war'» mci Beistand, wie i inei Weib, die Selcher-Marie, g'hcirat Hab'»nd ini mit die ztva..tansc»d Gulden, . die s' mir niitbracht hat, als selbstständiger Meister etablirt Hab'! Mci G'schäft iS bri'lant gangen, 'S Geld hat's mir ordentli inS HaNS h'nci»g'sä)neibt, u»d erst wie mci Alte a Jahrl d'ranf mit an Madcrl daher kommen. iS, da Hab' i rein glaubt, daß'S anS und g'schch'n is vor lauter Freud'. Gcltcns, Sic denken no d'ra»'?" „Gewiß, aber leider —" i. „Nur Geduld," siel mir M. inS Wort, „i knnim scho selber auf das-, waS Sie sag'» woll'n. DaS iS a so a fünf Jahrln im gleichen G'leis fortgangeil. Trotz der vcrhältnißmäßig schlechter g'wordcncn Zeit Hab' i immer Arbeit und reichlichen Verdienst g'habt, aber auf anial, so;usag'n über Nacht, is anderster wor'u. I bin da in a G'scllschast cinig'rathcn, die ini aus'm g'radcn Glciö h'rauSbracht und auf an recht schiefen,'holprigen Weg 'drängt hat. In der G'scllschaft war'» lauter reiche Kampeln, d'runter sogar a Gemcinderath, der, glaub i, vor drei Jahr'n g'ftorbcn iS. Ta bin i halt Abend für Abend inS WirthShauS gangen, und oft und oft war'ö HauSthor scho offen, wie i z'Haus koinnicn bin. DoS war no daS g'ringste Malheur g wes n» obwohl mci Lumperei Schuld war, daß i die mir übertragenen Arbeite» nit mehr mit derselben Sorgfalt auSg'fnhrl Hab', wie fri'chcr. Tas größere Malheur war aber, daß i plötzli a Politiker wor'n bin, und zwar mit ancr Leidenschaft, die schon an Wahnsinn grenzt hat. Und weil mci G'schüft durch mein beispiellosen Leichtsinn von Tag zu Tag schlechter gangen iS, so Hab' i gern' glaubt, waS nnr meine Frcuuderln g'sagt hab'n, nämli, daß mi nnr die Juden in mein' G'schäst schädigen. Dös hör'n, und der Jndcnfrcffcr war sirti. Bei kancr antisemitischen Versammlung Hab' i mehr g'fehlt; statt flcißi wie früher mein' G'schäftcn nachz'geh'n, bin i am Tag' und in der Nacht in den WirthS- und Kaffeehäusern h'rumkugelt, und kancr war lauter wia i, wann über die Juden und die LibcraKn g'schimpft wor'n iS. Bei jeder Wahl war i der fleißigste AgktatiK; ji>a, und da Hab' i hall an Hunderter nach dem anderen aus der Sparcaffa h'rauSg'noniinen, und anial, i denk' no d'ran, als wär'S heut',' war alles durch ehrliche und fleißige Arbeit ersparte Gcrstl pfutsch. Ta san nia no nit die Ang'n anfgangcn, selbst da war i no mit Blindheit g'schlag'n, wia ina-a Kund schüft nach der andern auSblicb'n iS, und schließ)! iS so weit koinnicn, daß i am SamStag nit amal meine paar Arbeiter Hab' zahl'» können." „Sie legen wirklich eine wahrheitsgetreue Beichte ab," warf ich ein. „Aber Eines haben Sic doch vcrgcffcn zu erzählen, nämlich, daß ich Sic wiederholt gewarnt und gebeten habe, sich nicht von den professionellen Hetzern auf Abwege leiten;ir lassen. Ich habe Ihnen die Folgen vorausgesagt und Sic an das gute alte Sprichwort: Wie man's treibt, so gcht's' erinnert. Meine Wohlnicinung lohnten Sic mit Grobheiten, und schließlich sprach ich gar nichts mehr, denn-sooft ich Siesah, waren Sie schon toll und voll betrunken." „Wahr is, sehr wahr." „Tief empört hatte »iick auch Ihre gräßliche Gcfühlsrohheit. Tie Scene vor drei Jahren am Weihnachtsabend in ni'.s'rem Staiunigasthanö habe ich bis heute nicht vergessen." „I weiß, i weiß, o 'S warschrcckli, granßli, erbärmli," 'rief M., „aber i hab's büß'n, bitter büß'n »iitss'n." „Abends nm fünf Uhr kam ich ins Gasthaus, und auf den ersten Blick erkannte ich schon Ihren widerlichen Zustand. Als Sie mich sahen, boten Sie mir Ihr GlaS »nd luden mich mit den Worten: ,Trink, alter Spczie, ,'S iS ka Judenwei»,' zum Trinken ein. Ich stieß das GlaS mit Ekel zurück und bat Sie, nach Hause zu geh'».-Es ist ja Weihnachtsabend,^ sagte ich, Ihre Frau und Ihr kleines Malchcn, das, ^wic ich hörte, krank sein soll, werden gewiß mit Sehnsucht auf Sie warten. Und waS war Ihre Antwort: ,Dö sott'» si aufhängen! " Ei» schmerzliches Stöhne» drang a»S M.'s Munde f er vcrlinlllc sein Gesicht mit den Hände» »nd -weinte bitterlich. „Selbst- Ihre Sanfcollegen," fuhr ich' fort, „waren über Jbrc j^^rtc sichtlich empört-, und Einer, den ich für den «Gefühllosesten lpeli, sagte zu Ihnen: .E'eh Hain, Franzl, b:»l' is Ehristtindl, anial im Jahr muß do der Mensch a Ehrist und Faniilicnvalcr sein, wann er a a ehelicher Antisemit is.' Und Sic cntgcgnelc»: ,Tas. Gnldcuzettel, was i da Hab, S is das letzte von den Toppet, den i heul kriegt Hab', iiiuaß no versoff'» wer'». Heda Wiuh, an Liter Achtziger und a» Lüfon!' I» dicsczn Moment ging die Thüre aus und hercintrat', bleich und abgehärmt, Ihr armes, braves Weib. Acngstlich näherte sic sich Ihnen ' und bat: ,Gch', Franz, geh';' ,HauS, die Mali is so - krank, mir iS angst und bang.' — .Schau, daß d' weiter kumnist,' war Ihre Antwort. .Hinimclsacranicnt hat man »it anial im WirthöhanS an Nnh vor dem weibliche» Ungeziefer!' .Franz,', bat Ihre Fran mit gefalteten Händen, .um GottcSwillen, Franz, kn»»»;' Haus, wenn nit mir,-'so de», annen Kind zu Lieb!' .Laß nia an Ruah, sag' i dir zuni letztenmal.' Ihre Fran nahm Sic am Arme und wollte Sic mit sanfter Gewalt niitziche», da gaben Sic ihr.einen Stoß, daß sic rücklings;u Bode» fiel. Ich half dem unglücklichen Weibe auf, daö Ihne» »och einen tief schmerzlichen Blick zuwarf und dann wankend das Lvcal verließ. Auch ich ging mit dein feste» Vorsätze, Ihre Ge setlschaft für .immer zu mcibcn_ und sehe Sic auch heule nach drei Jahren zum crstcnnialc wieder 1111b muß gestehe», daß Ihr ganzes Wesen d?n Eindruck auf mich macht, als wären Sie wieder in das richtige Gclcis gekommen." c Ni. blickte finster vor sich hin, nnd cs schien, als ob er meine letzten Worte gar nicht gehört hätte, dänn, wie zu sich selbst sprechend, fing er z» erzähle» an 7 „Wie mei Weib bei der Thür d'raußt war und mi die Leut" alle mit so eigcnthümlichen Blicken g'incff'» hab'n und sich ancr nach dein ändern dapo» g'schlichcn hat und i schließli ganz allani ini Local war, - da iS so plötzlich waS über mi kommen,, das i nit schildern kann. Ganz recht war mir die G'schicht do »it. Und da Hab' i ans amal zu denken ang'fangt, die Vergangenheit iS in wcchselvollen Bildern an mein' Augcp vorüberzog'n, und manches Bild hat mir selber nit gffallcn Und wie i Vergleiche ang'slellt Hab' zwisch'n mein früher'n und mein gegenwärtigen Leb », da hat a Stimm in mein Innern g'sagt, daß i frslhcr a braver Mensch -war und jetzt a schlechter Kerl bin. Ja schlecht, wer hat mi aber schlecht g'macht'? To nnr die Inden. Ja, was Ham mir denn aber die Juden lhan'? I sludir und stndir und kuiniii allwcil auf daS z'rnck, daß i ini nur selber, ganz allaniins Elend g'stiirzt Hab'. Wie i g'rad im besten Simulir'n d'rin war, reißt plötzft wer die Thür auf nnd schreit auf mi: .Herr M., geh'» S' schnell;' Haus, Jhna Mali stirbt!' Ta war's mir, als ob Jcniand a Eiswasscr über mein Bnckl g'schüit hält'. I spring aus und renn waS i kann über'» dritten Stock h'naus. I stürz' i»ö Zimuicr, siech mci Alte beim Bett meiner Malcrl knien, wirf, an Blick auf. daö Kind und könnt' kein Schritt mehr weiter machen. I wollt reden, aber mci Zungen war wie gelähmt. Toch mit ancr übermenschlichen Kraftanstrengung reiß i mi vorwärts nnd wie i die von viele» Weinen roth"gcwordcncn Angcn inciner Alten vorwnrfSvoilanf int gerichtet seh' und mein in heftigstem Fieber liegendes Kind anschan', da war'ö mir, als ob plötzli mci Her; zum Schlag'» ans g'hört hält'. _ Mali! schrie i mit heiserer -Stimm', doch raich legte mci Weib ihre Hand ans mei Mund.' .Still, still', flüsterte cS, .sie schlaft jetzt.' Aber waS war daö für a Schlaf. Mühsam schöpft daö Kind Athen,; i hör' daö Naffcl» in sei» Brnstcrl. i sch' die Schweißtropfen auf der Stirn,' die die Anstrcngnng hcraiispreßt, i hör' die vereinzelten Schnicrzcnölautc und kann »it-helfen, kann nir thnn, als beten. Bete»'? TaS Hab' i ja längst scho verlernt, Hab' an» den lieben Gort vergcss'», d'ruiii hat a er aus mi vergcff ». Und da fall i di Händ