Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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/ L Freier Blatt. Nr. 90. Seite H liche Erscheiming zu Tage. Im Rainen des Teutsiden Reiche« spreche» fast nur vier Männer, die sämmilicki nicht deutscher Abstammung find. Graf Eaprivi ist slavischer um Be-ouderc» wendischer) Abkunst, seine Familie gab später ibrem Raine» eine ltalienische Form. Herrn Miquel'S Abkunft wird demnächst durch geivisse 'l-roccßverh<nit>I>m>ieii klargestellt werden; Graf PosadowSky, der »oininelle weiter de« Reichsichatzainte«, ist Pole, und der Herr XriegSiniiiister vroniart v. Schellendorff ist französtscher Abstammung. Rechnet inan dazu de» Einstuß deS schottischen Grase» Dougla«, de« polnischen Herrn v .stoscielski, der jüdischen Frau v. .sto«cielski.»nd der französischen Frau H i n; p e t e r, so läßt e« sich begreife», wanim wir im Teutsche» Reiche noch immer recht weit von einer deutschstammeslhümlicheu Rationalpolilik entfernt sind." -schrecklich! „Teutschfta»»ncSihü:nliche Rationalpolitiker" wie Sedlatzek werden nicht zur Regierung berufen und muffen mir einem „Schriftleiter Posten bei einem Hetzblalte fürlieb nehmen. (Emia Pascha.) In der „Täglichen Rund schau" schreibt Eduard Lieb er t, der Emin Pascha in Sstasrika kennen gelernt hatte: „Ich habe den Berkchr mil dem intereffanten und liebenswürdigen Manne gesucht, wo immer sich inir Gelegenheit dazu bot, und ich schließe mich der Beurtheilung, die ihm Stuhlmann zutheil werden läßt, durchaus an: Ein deutscher Gelehrter vom Scheitel bis zur Sohle, rin menschlich-edler Eharakter und ein Kämpfer für die deutichiianonale Sache-' wenn ft ihm auch nar vergönnt war, die letzten drei Jahre seine« Leben« unter kchwarzweiß rotber Flagge zu wirke». Sein plötzlicher Tod hat mich schmerzlich berührt, ich beklage lies da« tragi-che Geschick, da« ihn fern von jedem Europäer, mitten in dem afrikanischen Urwald ereilt har. Dennoch erscheint mir kein La« beneidenswerlh. Pon einer großen nationalen Idee erfüllt, für die er lein ganze« Ich einzusetzen entschlösse» war, hat er sich durch keine Hindernisse, nicht durch das schwerste körperliche Leiden zurückballen lassen. Im rücksichtSloseii, hartnäckigen Verfolgen dieser Idee hat er den Tod gesunden, dem er in seiner philosophischen Ruhe schon früher oft' genug entgegengetrete» war. Wie wenig Sterbliche» wird ein solcher Abschluß ihrer Laufbahn mitten im vollen Kampfe um ein hohe« Ziel zutheil! Ist ein solche« Ende nicht dem Slrobiod im heimischen Beite vorzuziehen'? Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem!" Wie reimt sich dieses Uriheil mit der Racenlheorie, welche die „Rundschau" sonst verficht? — «Wieder ei« Lpfer Erwin Bauer's ) Der Redactenr der Leipziger „Reue n Teutsche» Zeitung" A. Schroot war zu k>«t) Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Ta „Tr." Erwin Bauer, der Besitzer der Zeitung sie nicht zahlte, mußte der »»vermögende Mann in« ^Gesängniß wandern. Die „Staat« bürg er Zeitung" verdreht diese Angelegenheit »nd behauptet, daß die Antisemiten keine Mittel babe», um eine solche Sunime zu bezahle». Ru», die „Staatsbürger-Zeitung" schreibt wider beffere« Wiffen. Sie hat Dr. Wesen donck'S „An ticorruption" vor sich und unterschtLgt folgenden Satz darin7 „Herr Schroot ist in zweifacher Hinsicht da« Opfer der Bauer'schen Finanz wirthschaft geivorden und dadurch in eine solche Lage gerathen, daß er anderweitige Hilfe in Anspruch nehmen muß, wen» er seine Familie nicht verhungern laffe» will." Richt die Antisemiten und ihre Arinulh, sondern Herrn Erwin Bauer's unergründliche Taschen sind schuld, daß Herr Schroot für seinen Chef brummen nmß! «Jude«- und PreußkNhaß.) lieber den Eharakler de« bayrischen Antisemitismus gibt' nachfolgende Siytprobe au« dem in München erscheinende» „Teutsche« Bolksblatt", dem Eentralorgan der bayrischen Antisemiten Auffchluß: „WaS Wunder, wenn wir Bayer» un« mehr und mehr auf u»S selbst zurückziehen,- nachdem wir sehen, daß man im Norden halb freiwillig, halb gezwunge» im Kielwasser de« schwarz weiß roth angestrichene» preußischen Staat-schiffe« segelt, da« von Junkern, Generäle» n»d Juden gelenkt wird und .voll Dampf' in den Hasen de« Absolutismus und Militarismus steuert. Für de» preußischen Einheitsstaat, für daS xlein-Teuti'chland unter der Pickelhaube und d.'in Eorporalstock haben wir mm einmal keine» Sinn, mag man un» desbalb Parlicularisten nenne» oder nicht. Man hat dort aber auch für unser Teutschthum kein Bersiändniß, und doch ist e« unendlich idealer als da« Reu- Teutichland »nicr preußischer Zuchlputhe. Freilich, großdentiche Idee» hat man in Berlin »och niemals gehabt, da« vertrüge sich ja auch nimmermehr mit dem spccifischen Preußenthum. Wir aber wolle» ein große«, freie« Ger manenreich, in dem alle deutschen Stämme auf föderativer Grundlage vereinigt sind, ei» Reich, i» dem auch Platz ist für unsere wackeren deutsche» Brüder iu Oesterreich, ei» Reich ohne Juden, aber auch ohne Militarismus, Junker und Enllutkampf. Unser Deutschland ka»N kein Eldorado sein für Schlotbarone und Kohlensürsten, kein großer Zwinger für weiße Sclave» im Dienste der Ausbeutung." Feuilleton. Wie rnans treibt, so geht's. Eine Weibnachtsgeschichte. ' Wieder ist cS da, das hcrilichstc und lieblichste Fest der Christenheit, und ich begrüße cs mit der gleich frohen Empfindung, wie;ur Zeit meiner Kindheit. Alle Kümmernisse, die niich im Lause des Jahres, getroffen, sind vergessen am Tage des Weihnachtsfestes, und ich stimme mit ein in den Jubel, der auS den voll Freude überfchwellenden Kindcrhcrzcn dringt. Und doch, zweimal in meinem Leben konnte ich zur Weihnacht nicht recht vom Herzen fröhlich fein, und zwar das erstemal im! Jahre 1875, als der vom Krankenbette »icincS Bolers kommende! Arzt mir die schmerzliche Mitthcilung inachrc, daß binnen kurzer Zeit j Alles vorüber sein werde. Meine Kinder mochten, als ich sie vor den flimmernden und glitzernden Chrislbaum führte, mir anuierkcn, daß etwas recht Schweres mein Herz bedrücken müsie, denn wenn auch die helle Freude auS den Kinderaugcn blickte, so unterdrückten sie doch verständnißvoll alle lauten Jubclrufe. Nur mein kleines vierjähriges Linchen schmiegte sich an mich, zeigte mir die schöne Puppe, die ihr daS Christkind bescheert, und frug mich mit herzinnigem Tone: „Warum bist du denn so traurig, Papa, hat dir denn das gute Christkind nicht« gebracht?" Und daS zweitemal war csein einfacher, schlichter Handwerks nicistcr, ein Zimmermalcr, der am Tage des WeihnachtsfestcS in mir eine tiefernste Stimmung erregte, die selbst am Abend, im Kreise meiner fröhlichen Lieben, nicht von mir weichen wollte. Ich will Dir lieber Leser, erzählen — ivarum. ' Im vergangenen Jahre war'S, am WcihnachtStage, als ich deS j Nachmittags noch einige kleine Einkäufe 'zu machen Halle. Damit . feitig, trat ich, etwas müde geworden, in ein Gasthaus und bestellte ein GlaS Wein. Ich hatte im Exkrazimmer Platz genommen und erbat : mir von dem diensteifrigen ^Kelluerjungen ein Abendblatt. Kaum hatte j ich einige Zeilen gelesen, als Jemand zu dem Tische, an dem ich saß, ^trat und mich mit einem freundlichen „Guten Abend" begrüßte. Ich j sah rasch auf, den» die Stimme kam mir bekannt vor, doch vermochte j ich den Grüßenden, der neben mir Platz genommen, nicht zu erkennen. „Hab' i mi denn so verändcrt, daß Sie mich so fremd anschau'n?" frug der mir noch immer Unbekannte. Ich blickte scharf auf den einfach, aber nett gekleideten Mainz und da tauchte plötzlich eine Erinnerung in mir auf. „Sic sind dpch nicht Herr M.?" „Frcili bin ich's, der Zimmermaler Franz M.," lautete die rasche Antwort, „'s wird so circa drei Jahr' sei», daß wir 's letztcmal beisamm' war'n und bittcrbös' auseinander gangen sein. Aber heut', nit wahr, dcnk'n wir nit mehr an das Bergangenc?" Ich nahm nur zögernd die mir dargcbotcne Hand, und dies bemerkend, sagte M. mit ernstem Tone: „Sic dürf'n sich nit scheu'», mir die Hand zu geb'n, i bin ja nit mehr, der i war." „Das sollte mich herzlich freuen," antwortete ich kühl, „aber, Sie verzeihen, heute ist ja daS Wcihnachtsfcst, der Abend rückt heran, und ich muß nach Hause." Ich wollte mich erheben, doch M. drückte mich sanft auf mcinen Stuhl. . - „Nur a halb's Stündcrl, bitt' schön, thun S' mir den G'fall'n, scho allein darum, weil wir zwa amal recht gute Freund' war'n. Na, na, mach'n S'nur ka so a schicf'ö G'sicht; i waS ja eh'," fuhr er mit gepreßter Stimme fort, „was i für a schlechtes^ grundschlechtes Subject war, aber das Schicksal, oder sagen wir der liebe.Gott, hat mi schwer g'straft dafür."