Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Aus antisemitischen Blättern. lPrrunglimpfung Zelinka'S.) Dar Organ unserer Radau-Antisemiten sucht Vneger'S jüngste Espectoralionen gegen Ungarn z» rechlserlige» und verdächtigt nun auch die Haltung deS Wiener Geineinderathe«, insbesondere die deS nnvcrgeßlichen Bürgermeisters Dr. Zelinka, im Jahre 1806. ES verweist aus die ain U. Juli 1866 vom Gemeinderathe beschlostene Adresse, welche die Bitte enthielt, daß zur Leitung der Staatsgeschicke solche Männer derusen werden mögen, deren entschiedene Thatkraft und politische Gesinnung den Böllern Oesterreichs die Gewähr einer besteren Zuknnft zu geben geeignet sei, und knüpft daran die Bemerkung: „Ein halbwegs edeldenkender Mensch wird selbst seinem ausgesprochensten Feinde iin Unglücke nicht durch Borivürse den Kummer »och verbittern; einen andere» Grundsatz besolgt der Liberalismus, wen» er hassen kann, daraus für sich Eapilal zu schlagen.". Schon vor Jahren versuchten Neactionäre den Sinn jener vom lautersten Patriotismus eingegebenen Aeußcrung frei» milchiger Bürger zu entstellen nnd zu DenuncialionSzivecken zu verwerihcn.' Jetzt geschieht eS wieder zur Reinwaschung Lneger'S und mit einer Erläuterung' die umsomehr Verlogenheit zeigt, als Lueger thalsächlich nach einem großen Unglück de» Kummer noch verbitterte und als Gemeinderath in unqnalificirbarer Weise ei» gemeinsamer Grab für de» Grasen BombelleS, Bischof Ronay und^ Ritter v. Weilen vorschlng, wa» ein halbwegs cdeldenkender Mensch selbst seinem ausgesprochenste» Feinde gegenüber unlerlasscn hätte. (Tie Strohmänner-Journalistik.) Wenn man die antisemitische Theorie mit der Praxis vergleicht, sollte man meinen, die Antisemiten wollten die Laster, die sie an „Juden" und „Jndenknechlen" rügen, dadurch beseitigen, daß sie in sich selbst alle diese Laster zum abschreckenden Beispiele in der höchst erreichbaren Potenz verkörpern. Die Corruptio» und Pauschalienwirthschast, die beispiellos« Verlogenheit, die ScnsationSlüsternheit der antisemjtischen Presse dürsten nur aus diese« Streben zurückznführen sein. Man weiß auch, wie sehr die Antisemiten gegen das sogenannte Strohmännershstem in der Journalistik ankämpften, natürlich nur vom Brettel ihrer Versammlung aus. In der Praxis aber hat sich die gesammte »ichtantisemilische Presie Wiens zusammengenomme» noch nicht so oft auf die bekannte „Vernachlässigung pslichtmäßiger Obsorge" zurückgezogen als die wenigen anlisemitischen Blättchen während der kurzen Zeit ihre« Bestandes. Man schleudert eine Verleumdung oder Lüge in die Welt hinaus, und wenu man dann von der in ihrer Ehre schwer verletzte» Verso» anfgesordert wird, vor Gericht die Wahrheit der beleidigenden Ausstreuungen zu beweisen, schiebt man gemeiniglich eine» Strohmann in der Gestalt de» verantwortlichen RedacleurS vor, der die Vernachlässigung seiner Pflicht so gut, als es geht, sei eS nun durch den Erweis seiner Unwiflenheit oder Unfähigkeit, zu entschuldigen sucht. Dabei kommt daS ehremverthe Blatt in der Regel mit einer gelinden Geldstrafe weg, während der muthwillig in seiner Ehre Geschädigte nicht einmal die Genugrhuung hat, de» eigentlichen Verleumder gcbrandmarkt zu wiffcn. Ta» ist das Vorgehen der gegen jegliche ' Eorruption ankämpsenden antisemitischen Presse. — Gelegentlich der Zusammenbruches deS Wiener HilsS- und Sparvereines brachle das „Deutsche VolkSblatt" einen längeren Bericht, in welchem aus die seiuerzcil in Graz erfolgte Defraudation bei der dortigen „Selbsthilse"-Genosienschast hingewiesen wurde, um — vor den Juden zu warne». Es wurde nämlich in dem Artikel gesagt, daß die Juden auch damals ei» „GesercS" erhoben zu dem Zivecke, um die Antheilscheine der hiedurch eingeschüchterten Mitglieder billig an sich zu bringen und hieraus Profit zu erliste». .Weiters wurde in diesem am 12. August ver öfientlichten Artikel erzählt, der „Millionär und stadlbekannte Wucherer Lorcuzo Bi., ein italienischer Jude", habe auch in Graz dieses „Barste-GesereS" dazu benutzt,, um „Rebach" .herauszuschlagen. Unter diesem „Lorrnzo M." konnte kein Anderer gemeint sein,' als der in Graz ansässige- Fabrikant und Gutsbesitzer Lorenzo Monteil, da in Graz Niemand,- desten Familienname init M. beginn«, sonst Lorenzo heißt und Montell Directionsmitglied des Grazer „Selbsthilse"-Lereins war. Er sendete dem Blatte «ine Berichtigung, in welcher er die gegen ihn erhobenen Verdächtigungen als unwahr bezeichnet« Tie Zuschrift wurde wohl abgedruckl, allein mit der hinzugesügten RedactionSbemcrkung: „Wir bemerken dazu, daß die von un» angesührten Tinge in Graz stadtbekannt sind." Monlell strengte hierauf einen Preßproceß gegen daS „Deutsche VolkSblall" an, allein die „Schriftleitung" verweigerte die Nennung de« Verfassers, und eS konnte daher nur die Anklage wegen Vernachlässigung pflichtmäßiger Obsorge.er» hoben werden, die am 14. December däS Bezirksgericht Alsergrund beschästigle. Angellagt erschiene» der Mitarbeiter d,S „Dentschen VolkSblatteS", Arnold Hanns Schwer, der am 12. August verantwortlicher Redacteur war, und der Mitarbeiter Julius Pahelt, der diese Function zur Zeit deS Erscheinens des zweiten inctiminirten Artikels bekleidete. AuS der Anklageschrift geht hervor, daß die „Schristleituug" deS „Deutschen VolkSblatteS'.' zuerst angab, der Artikel stamme an« der Feder deS entlasienen Beamten de» Grazer „Selbsthilfe" - Vereine», HanS Bernatz, dies aber nachlräglich als „irrthümlich" bezeichnet hat. Der Vertreter der Geklagten beantragte, zu erhebe», ob «S richtig sei, daß Herr Monlell gelegentlich der SaniruugS-Unterhandlungen im Schoße der Grazer „Selbsthilfe"-Gen«ssenschaft von der Direction derselben einen Verweis erhalten habe. Ter Klagevenrcter Dr. Wa ltner gab die Amklärnng, daß gerade . das Gegentheil wahr sei. Er kenne die Vorgänge genau, da auch er Mitglied der Direction-sei. 'Iin Jahre 18!K) ivnrde von dkm damaligen Direcwr der Grazer „Selbsthilfe" Genossenschaft, August Fleisch m a n n,. e, n e m seinerzeit hervorragenden Führer der Grazer Antisemiten, eine De-,_ frandatio» begangen. Der Genannte entzog sich durch Selbstmord der Peranlwortung. Die Direction habe hieraus Herrn Monlell, der allgemeine- ' Vertrauen genieße, ersucht, - die Buchsührung zu prüfe!-, und in Ordnung zu ' bringe», waS er mit solcher Aufopferung lhat, daß ihm die Direction hiesür den Dank votirte. Die Geklagte» erklärten, de» Wahrheitsbeweis nicht anzutretcn. Dr. Waltner führte sodann in seinem Ztrasantrage auS, daß hier'1 eine gänzlich grundlose, ja tückische Beleidigung vorliege. Schonte fälschliche > Bezeichnung de« Kläger» als Inden fei höchst charakteristisch, wenn es auch Niemandeni unter gewöhnlichen Umständen eiusallxu werde, daß dje fälschliche Angabe, Jemand sei Jude, eine Beleidigung involvire. Ter Richter gab-den Strasanträgen Folge. Er verurthe ilte Schwer upd'Patze.lt zu einer Geldstrafe von je 20 Gulden und zur Vcröficnllichnng des Urlheil» im „Deutschen Volksblatt" und in der Grazer „Tagespost". Gleichzeitig sprach der Richter über da» „Deutsche VolkSblall" einen Eaulionsverlust von, 100 Gulden au». (Schluß.) Wir haben .bereitin unserer letzte» Nummer den geehrten Lesern die Nachricht von dem mrvcrhofit eingctretenen Tahinscheiden der Steyrer „Jude »frage" gebracht. Herr Johann Sima der, der ehemalige Fischhos-, Verehrer und ci-üernnt-HerauSgeber deSf jocosesteu AntisemileublatteS der Welt,' scheint sich den» doch schließlich unsere freundschastliche Warnung vor dem Staatsanwalt zu Herzen genommen^ und den journalistischen Kamps gegen den „Parasitismus" deshalb ausgegebeü zri haben. Äir haben damit u»S selbst eine» treuen wenn auch.»»freiwillige» Mitarbeiter verscheucht, dcnn-Herr Simadcr lieferte stets die zntrefiendste» Eharakterftudien ans dem Kreise der Wiener Antisenliten, die an Wahrheit nnd Ausrichligkeil von einem bestellteu Organ. deS JudenlhumS nicht übertrofien werde» konnten. Als besonders ausfällige« journalistisches Merkinal des Herrn Johann Simadcr ist eine vornehüie Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze der deutsche» Gramuialik und Rechtschreibung zu nennen. In seinen Artikeln konnte man stets ex nugue leouem erkennen „Tie Welt will belögen und betrogen sein," sagt er m einer „Schluß", betitelten Abschiek»- clegie; „sie kann die Wahrheit nicht ertrage», Nachdem cs aber unser'-fester Wille war, alS wir unser-Blatt gründeleu, jede» Schwindel, jede Täuichiing zu. bekämpfen, so konnten wir nicht selbst in STirclbcii Fehler verfalle», wir hielten daher unsere Fahne immer hoch, iizid anstait sie zu beschmntzeu, legen wir sic ehrenvoll nieder, eine Fahne, die jeden, ehrlichen Menschen eine Siurmiahne zur Bekämpfung der Eorruption hätte sein sollen. -Wir. sind überzengt, daß, wenn w'ir noch zwölf Jahre mit AuSdaner, so^rvie die verslosseitk» zwölf' Jachre, kä nlpscn wurdeu, dieS„ganz vergebens wäre, ivcil diese Kreise sich lieber uon dem Veigani Blatt. welches sie sopvt nnd diipirt, führen taste», und die überglücklich »nt, >ve»n nur-von Zeit zu Zeit Dr. Lueger die Liberalen recht hrrunlerkanzeli." De» einzigen AnStveg auS dieser Lage sieht Prophet Simader in dem gcwalliamcu- ZnsantUtenbrncli, in dem Abgrund. Apres moi le dt-In ge'. mft er »sicetvoU bei seinem Abgänge. Wir würden ihm am liebsten zu unserem Spccialantiiemilcu ernennen, wenn er sei» Schmollen mit Orthographie und Grammatik anfgebe» ivollic. Ta dies aber nicht voranSznschen ist, so bleibt auch uns nicht» weiter übrig, alS Herrn Simader ein wohlgemeintes „Schluß" zuzurusen. „Jllllzcitllllst ") Aus Tirol wird »ns geschrieben! Bclannllich exislirtc iin Jnnthale feit Jahren ein ansiscmiliicheS -Blalk. das im-Jndcnhasse sein Möglichstes leistele. Es »annle sich „Jnnzeilung" und ivnrde ansänglich in Iin ft hcrauSgcgeben ES halte ttinioweniger Berechtigung, ty-5 iin Jnnthale -keine Jude» ansässig sind.' Nur in Innsbruck finden sich seil Jährhundeitei, ei» - paar israelitische Familien, die sich von jeher ganz rllbig verhalle» und Ntcinandcni auch nur das Geringste in den Weg gelegt haben.. Deshalb Holle.sich auch die „Jnnzeilung" ihr Schimvs- »nd Schmähuialerial von außerhalb des Landes. Das findet null vom l. Jänner I8!>4 a» fein Ende. Der Herausgeber dev „Tiroler Laudzenüng", Herr Carl Lampe, hat die „Junzenung" für 500 st. angekanft und läßt dieselbe eiusach eingehen. Sohin findet sich vom Neujahr an in gavzNordtirol kein anlistmitischeS Schmähblallinehr Wohl hätten die„Stin»nen" starke Lust, wider den „JudcnliberaliSnniS" (llnsinnin adje.-to!) zu streiten; aber fen dem sie in innigen Beziehungen zum Prcßbnrean stehe». ivagen sie es nicht mehr zu mucksen. Tenn so sehr die Antiscinitc» sich bemühen, den gewesenen Herrn Minislcrprüsidrnlen Grasen Taasse den Ihrigen bciznzcshle», io bleibt doä> wahr: Taastc war kein Anliseinit, wenngleich er nicht umhin tonnte, mit dem Aiitch scmitiSmuS als einem Faclor zu rechne». So ist denn ganz Nordtiiol von dem ekelhaften literarischen Auti>emilenschu»d gänzlich frei, was ciiic» entschiedenen Fortschritt aus der Bahn deö Recht- und der Gerechtigkeit bedeulet. (Tculschland »Iltcr Fremdherrschaft.) Der in Berlin erscheiuenke „Gene r a l- Anzeiger" („Organ für deutsch sociale anlisemilische Re>orin"> ichleibt: „In den großen Reichstagskämpsen, welche anläßlich der neuen Stcuervorlagen »> der Leipzigerstraßc auSgesochten werden,' tritt eine ebenso eigenthümliche wie bedenk-