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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. ‘ Freies Sturzbadc erkrankte der „Lüliilnel" so gefährlich, daß er ins Lazareth gcichaiit werden mußte. Erst nach einigen Wochen wird sich nach AuSsage des ArzteS bcurtbeilen lasten, ob der Unglückliche die Sprache, die er ieilde», verloren hat, überhaupt wieder, erhält. Die „Westpliäliiche Rundschau" fügt hinzu, sie habe eine Nummer deS Blattes, welches diesen Borfall meldet, an den eomniandirenden General v. L o ü gesandt. c i Antiscmitischk Rohheit, lieber die antisemitischen 'Kneiplocale in Berlin, in denen die dortige „nationale" Studentenschaft ihre Befreiung vom „Zudenjoch" feiert, schreibt der „BorwärtS" : „Zu einer viientlichen Calamität gestalten sich allmählich die sogenannten Autiseinitenkneipen. In den meisten dieser ideale ist ein Mann, der sich irgendwie das Mißfallen des Wirthes oder der Stanimgäste zuzieht, kau», seines LcbcnS, sicher. Das rüpelhafteste Gesindel, das im christlichgcriiiaiiischen Berlin von der Sonne beschienen wird, treibt sich hier nmber, und wehe demjenigen, der es wagt, der sauberen Gesellschaft vor die l’ici und schnapsseligen Augen zu treten. An einem Abend kam ein armer Handelsmann, besten AeußereS nebenbei bemerkt auch -nickt im Entferntesten auf jüdische Abstammung hindentete, in ein bekanntes s*ocal der Friedrichsstraße, verzehrte sein Glas Bier und bat den Wirth dann um die Erlaubniß, Kalender feilbieten zu dürfen. Statt eine Antwort zu geben, trat der Wirlh mit den Worten: ,Da in wieder io ein Jude', auf eine Gruppe seiner Gäste zu und gab somit das Signal zu einem ebenso rohen wie feigen Ueberfall. Der Arme, der vom Charakter deS Locals keine Ahnung gehabt hatte, wurde von etwa zehn Menschen an die Wand gedrängt, geprügelt und kann aus der Dhür hiuausgeworsen. Eine zerschundene Hand war, abgesehen von den rninirten Kleidungsstücken, daä Resultat des Berkehrs bei diesem Wirlbe wuvdermild. Möge sich jeder anständige Mann, gleickwie er sich vor dem Betreten von Diebesspelnnken hütet, auch vor dem Be'nck der antisemitischen Rauftiieipen in Ache nehmen." Selbst ans Ginnnastasten erstreckt sich der perderbliche Einfluß deS Antisemi- ^tismus. Wie aus Stade berichtet wird, macht die antisemitische Rohheit auch nicht vor dem Grabe Halt. Als dort die Leiche eines angesehenen Juden aus dem Drauerhause herausgetragen wurde, lachte die antisemitische Jugend höhnisch, und am Grabe niußte sich der Dodtengräber mit der Grabschaufel der Zudringlichen erwehren. Ein Gnmnasiaü rieth zu pfeifen und andere riefen Hurrah. t(5illt FritdcilsmahNllllg. > Biele angesehene Bewohner von Schneid ein n h l, darunter die Herren Landgerichtspräsident L i n d n e r, LandgericktSdireetor Benskq, Landgerichtsrath Ban mm, die Professoren Baumm und Rieländer, Töchterschuldireetor Ernst sowie die beiden Bürg-Lmeister Wolfs und Redivig, veröffentlichen in den dortigen Blüktexn folgende, Friedensmahnung: „Sämmtliche Einwohner unserer Stadt ohne Unterschied der Confession und des Standes ersuchen wir hiedurch, sich von den antisemitischen Bestrebungen fern zu halten, welche in den letzten Wochen sich in unserer Stadt geltend gemacht und welche sogar zur Bildung eineantisemitischen BereineS hierfelbst geführt liaben. Tiefe, namentlich von auswärtigen, unberufenen Leuten erzeugten Agitationen stören den religiösen Frieden, »ntergraben die Eintracht und tragen somit am. allerwenigsten dazu bei, das Gedeihen unserer in letzter Zeit schon schwer genug heimgesuckten Stadl zu fördern. Möge daher ein Zeder dazu beitragen, daß wie bisher, so auch ferner der religiöse Friede in unserer Stadt erhalten bleibe." Aus antisemitischen Oereinen und Versammlungen. i'Geümaiin's BergleichSkünste.i In einem Anlisemikenvereine auf der Wieden rügte Geßmanu die Proteste der Inden gegen die Versuche zur Boreoiiirung jüdischer Geschäftsleute und tagte: „Zu Wien bilden die Juden ein .-zehntel der Bevölkernngszahl. Wenn in Paris, wo die Tkutschen beiläufig kieieive Zitier ausinachcn, Letztere verlangen würden, er sei einer französischen, v.urioli>cken Liga zu verbieten, für fte Interessen..des einheimischen Volkes ein« luirele», was winde man mit diesen Ternsche» in Paris thun! Hier in Wien aber erlebt inan es, daß zwei Herren, welche nicht dem christlichen Volke augeloren, l.tzlerein wehren wollen, sich wegen Beraihung seiner Interesse» zuiainiiieiiznnndeil!" Gesiinann'S Vergleichungrkünstc sind sür ein sehr albernes Pub Leu IN berechnet. Tie weiland Patriotenliga Tc-roulrde's, der auch der i •Jiaeuet an gehört haue, hat mit der „Christlichen Familie" nur das ge.nein, das; sie ebenfalls eine sehr gemilchte Gesellschaft vereinigte. Die Tentichen in Paris sind aber Fremde, während die Jude» in Wien gleichberechtigte Mnbü-.ger Und und Stenern tnirichken, ans denen Bibliothek-- und andere Mannen erhanen werden. An demselben Tage, an welchem dar Vergani'sche Blatt Geßmann's jüngsten Vergleich bekanntgab, war in Wiener Blättern zu lesen, dag Te. Majestät der Kais er in einer Audienz, welche er dem Curatormm Blatt. ... Nr. 90. der Wiener israelitische» theologischen Lehranstalt gewährte, die Worte sprach: „Es gereicht Mir zur Befriedigung, der israelitischen theologischen Lehranstalt eine Subvention zu gewähre», und hege Ich die bestimmte Hoffnung, daß ans dieser Anstalt Männer hervorgehen werden, welche die jüdischen Gemeinden in dem bewährten und Mir bekannten Patrioti-mus erhalten werden." Wie, Herr Serlptor, Sie unterstehen sich, Männer, deren bewährten Patriotismus das gekrönte Staatsoberhaupt anerkennt, mit Fremden auf Eine Linie zu stellen? Im Uebrigen würde in Pari«, wenn schon nicht aus freien Stücken, so doch ans Einschreiten der deutschen Botschaft, auch einer systematische» Deutschenhetze entgegengetreien werde». lTit Boycottirung im Rathhouse.) Die angekündigte Bersainmlnng der „Ehristlichen Familie" zur Boycottirung jüdischer Geschäftsleute fand am 17. d. M. u, der BolkShalle des Rathhauze« statt und verlies programmgemäß. Prinz AloiS Liechtenstein brachte wieder sein Geschimpfe gegen die „Fremden" vor, welche« stet» die Leopoldstädler Angehörigen seiner Frau schmerzlich berühre» muß. Neu in.seinen Auslaffungen waren eine Definition der Nächstenliebe und ein Vergleich deS Verhältniffes zwischen Wiener Antisemiten und Juden mit dem zwischen Franzosen und Deutschen in Paris. Erstere entlehnte er dem Cooperator Schnabl, letzteren dem Scriptor Geßmann. Eine herzlich matte Repe, die an die Plaidoyers gewiffer ex otko-Beriheidiger erinnerte, hielt der Advocat Pattai, woraus ine Dame, wie der Anlisemitenmoniteur constatirt, den Führern der Hitzbewegung „Elogen machte", einige wohleinstudirte antisemitische Phrasen gut aussagte und mit der geistvollen Wendling Furore machte, jede christliche Hausfrau möge eine» Ehristbaum kaufen, nicht aber einen „anderen Baum"- Die Bersammlung war im Vergleiche zu früheren schwach besucht. Da» Boycottirungsstücklein mit dem Prinzen Alois Liechtenstein als Hauptdarsteller wurde schon so oft gegeben, daß eS keine große Anziehungskrast mehr übt. (Tankend abgklehnt.) Der antisemitische Agitator Paul Förster, im deutsche» Reichstage Vertreter Neu-Stettin« von Ahlwardt's Gnaden, hat, laut Anzeige der „Unverfälschten", „ohne daß ihm von irgend einer Seite eine Anregung zugegangen wäre", an die Schönerianer die Mittheilung gelangen laffeu „daß er am 20. December gerne in Wien weilen und in einer von den Schönerianern einberufenen gioßen Volksversammlung sprechen würde." Sein Anerbieten sei jedoch dankend abgelehnt worden, indem man auf das polizeiliche Verbot der großen Versammlung hinwie?. Der arme Förster! Für den 20. December bereiteten Die um Schönerer fast ein Dutzend „Festversammlungen" in Wien vor; sür jede derselben wurden „Festredner" nominirt, .von denen die meisten solche zweiter Güte waren, unddennoch wurde Förster'» Anerbieten dankend abgelehnt. Wie es scheint, kam den Schönerianern das polizeiliche Verbot .einer Versammlung infoferne gelegen, als eS sie in Stand setzte, sich einer kost, spieligen Gastfreundschaft zu erwehren, trotzdem der Berliner Dreißig Pfennig- Redner sich selbst eingeladen hatte. Wacker! (Ein Pauernrongreß.) Die „Socialreform", die von antisemitischen Demagogen befürwortet wird und jedem Sonderintereffe auf Kosten der Gesammtheit Zugeständnisse macht, hat auch bei den Bauern Unheil gestiftet. Ein hier letzten Sonntag abgehaltener Bauerncongreß, an dem Delegirte aus Niederösterreich, Böhmen und Mähren theilnahmen, verlangte zuin Schutze deS Bauernstandes einen wirthschafilichen Kampf gegen Uügarn »nd da« gesammte Ausland, zugleich aber die Förderung der Ausfuhr der Hauptprodncte des Ackerbaues nach den Nachbarstaaten. Von sonstigen Forderungen heben wir hervor: Einberufuug eines „Staatenbundes" zur internationalen Abrüstung; Schaffung eines staatliche» Minimal-KornpreiseS; Verstaatlichung de« Fabrikswesens; Freigebung der Thierheilkunde; Aenderung de« HeiratSrechteS zu Gunsten der Gemeinde» und — wa« besonder» charakteristisch ist — Abschaffung des LebenSmittelfälschungsgefetzes. Dem Eongreffe wohnte auch der antisemitische Abgeordnete Professor Schlesinger bei; e» ist nachgerade erstaunlich, daß er eS unterließ, den bäuerlichen Reformern seinen Schuldentilgungsplan verständlich zu machen- (Schkicher's Reichsrathscandldatur.) Ganz sicher scheint der hochwürdige Herr Scheicher seiner Sache im St. Pölten er Landgemeindebezirke nicht z» sein. Trotz der vielen Versammlungen, die er unter Assistenz des einen oder anderen Wiener Agitators abhält und die mit Hilfe einer ivohlorganifirten Claque immer einen „glänzenden" Verlauf nahmen, sieht sich einer seiner Freunde veranlaßt, nachstehende Warnung zu verkünden: Erhält Scheicher nicht das durch den Tod des Weinschänker« Muth erledigte Reichsrathmandat,. dann! dürste er auch aus seinen Landtagssitz verzichten. Für fortschrittliche Wähler > ist diei'e Warnung eine — verheißungsvolle Aufmunterung. (Steinigt sie!) Ta» Verhalten des Abgeordneten Steinwender und der unter feiner Führung stehenden Gruppe hat bei den übrigen antisemitischen Häuptlinge» und ihrem Gefolge großes Aergerniß erregt. Aus einem Linzer Eonventikel machte sich besonders eine erregte Stimmung gegen Steinwender und seinen Anhang geltend; aber auch anderwärts erscholl der Ruf teutscher Männer: „Steinigt sie!" (Görliyer Autisemiten-Bereill) Ein Breslauer Telegramm meldet: Aufsehen erregt die Verhaftung deS eifrigsten Mitgliedes deS Görlitzer antisemitischen Vereines, Lieutenants a. D. Winter; dieselbe ist wegen Sittlichkeit«, verbrechen» erfolgt. _ '

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