Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 90 (24.12.1893)
- Date
- 1893-12-24
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr <K). freies Blatt. Seite t» > steischc. Tie (iünjumöeicine töiiucu bei ihrer lallen GeschäftSgebahrung Niemanden, Schaden zufügen. Der Wiener Umsatz an Lebensmitteln betrage 132 Millionen Gulden, hievon entfallen auf die Eonsumvereine 7 Millionen Gulden. Also wegen dieser 7 Millionen gehen sämintliche Handels- und Gewerbetreibenden zu Grunde! Ter Redner empfahl folgende Mittel zur Abhilfe: Ein strenges Coneurrenzgefetz, Regelung der Creditverhältniffe und Einführung strenger Strafen gegen schwindelhafte Bezeichnungen der Waaren. Mit eine», Appell, endlich den Haß ruhen zu lassen und die Freiheit. bc8- Individuums nicht zu unterdrücke», schloß der Referent seine Ausführungen. Der AufsichtSrath der niederösterreichischen Eonsunwereine, Herr B a r d o r f, besprach -j-bann die ungerechtfertigten Angriffe, welche gegen die Consnmvereine - wegen ihrer Besteuerung gerichtet wurden. Die antisemitische Idee gehe ihrem Krach entgegen, und darum müsse für den Moment ei» neues Schlagwort gefunden werde», und das sei der Kampf gegen die Eonsunwereine. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, wurde folgende Resolution beschlossen: „Die versammelten Delegirten und Mitglieder der niederösterreichischen Arbeiter - Consumvereine erklären sämintliche gegen die Arbeiter-Eonsumvereine. gerichteten Anschuldigungen als eine grundlose Berleumdung und wtisen dieselben als böswillig erfunden zurück. Auf das Entschiedenste verwahren wir uns gegen daS sich immer mehr verbreitende Denuneiantenthum und gegen alle Pauschalverdächtigungen. Tie Eonsunwereine zahlen weit höhere Steuern, als der Einzeluntdrnehmer bei gleichen Verhältnissen zähle» würde. Die Eonsunivereine verdanken ihre Erfolge der Durchführung genossenschaftlicher Grundsätze und der Befolgung ehrlicher kaufmännische» Prinripien; dieselbe» bestehen auf Grundlage des Gesetzes über Erwerbs¬ und WirthschaftSgenoffenschaften von, 0. April 187!),. bewegen sich ans vollkomnie» legalem Bode», verfolgen rein wirthschaftliche Zwecke und fördern den Sparsinn ihrer Mitglieder. Wir erblicken in der weiteren Entwicklung der genossenschaftlichen Ideen ei» Mittel, welches die Besserung der sociale» Lage der arbeitenden Clanen der Bevölkerung fördert:" (Bestrafung eines antisemitische» Agitators.) Ans Parteihaß hatte der antisemitische Agitator Johann König gegen den liberale» Earl Mayer die Beschuldigung ausgesprochen, daß derselbe von sich selbst behauptete, er hätte den Eisfabrikanten Kn ff» er, bei welche», er vor sieben Jahre» bedienstet war, betrogen. Als Mayer deshalb die Ehrenbeleidignngsklage gegen König erhob, berief sich dieser auf den Oberrechnungsrath Rautenstrauch als Zeugen, welcher jedoch nur auSzusagen vermochte, daß Mayer einmal gesagt, er habe Herr» Knfsner den Gehalt, welchen er von ihm erhalten, wieder hereingebracht. - Damit hatte jedoäs Mayer nur sagen wollen, daß er durch seine Wirksamkeit und genaue Aufsicht Herrn Knfsner die Bezahlung, die er von ihm erhielt, hereingebrachl habe. Auch wurde die strenge Redlichkeit Mayer's in sonstiger Weise ^onstatirt. Gleichwohl sprach daS Bezirksgericht Ottakring anS formelle» Gründen den Angeklagten frei. Mit Rücksicht auf die sich immer mehrhäufenden verleumderischen Angriffe aus Parteihaß appellirte der klägerische Vertreter Tr. Josef K o p p; der Appellsenat hob auch wirklich daS richterliche Urtheil auf und sprach über König eine> Geldstrafe von fünfzehn Gulden ans. (Eine saubere Compagnie.) Man schreibt uns: Ein Eonsortitt», von Fleischhauern, Selchern und einigen Beamten der Vieh- und Fleischeasie befaßt sich seit eirea zwei Jahren damit, finniges Schweinefleisch der behördlichen Beschau zu entziehen. - Die Mitglieder dieses Cousortiums besaßen daö „Recht", das verdorbene Fleisch entweder selbst zu verwerthen oder an ein anderes Mitglied zu verkaufen: die Hauptabnehmer waren der Selchermeister Oswald Wagner, Favoriten, Wielandplatz 3, wohnhaft, und der sehr wohlhabende Fleischhauermeister Anton Hallama in Jnzersdorf. Oswald Wagner, der Jahr für Jahr tausende von Gulden auf den Wettrennplätzen der Monarchie jverspielt, hajlte sich bereits vor einigen Tagen bei dem Bezirksgerichte Bandstraße zu verantworte», und wurde ihm eine Strafe von 250 fl. ' znerkannt. August Schreiber, der ehemalige Liguidator der Vieh- und Fleischeasie, erhielt eine Geldstrafe von 300 fl.; die ulitangeklagten Selcher Josef Ziegler, Engelbert Hatsinger und Johann Schindler, sowie S chl'e iffclher, Beamter der Lieh- und Fleisch easie, mußten wegen bereits eingetretener Verjühzung freigesprochen werden. Hallama, der das sinnige Fleisch an die Eantineure der Ziegelöfen und der Masienquartiere lieferte, wird sich demnächst mit »och eirea 30 anderen Selchern vor Gericht zu verantworten habe». Die meisten dieser Gewerbsleute sind sehr wohlhabende Männer und Christen, pnd gehören bis auf wenige Ausnahmen der antisemitischen Partei an. letzterer Umstand mag wohl Ursache sein, daß daS „Deutsche Volksblatt" lange, sehr lange über diese schmutzige Sache geschwiegen und nun, da daS Verschweigen denn doch nicht mehr geht/' die diesbezüglichen bezirksgerichtlichen Verhandlungen in möglichster Kürze ablhut, wohingegen, w'un ei« Jude oder ein sogenannter „Judenliberaler" sich eines derartigen nuchristlichcn Vergehe»« schuldig gemacht Hütte, es gar gewaltig i» die Lärm- und Hetztrsmpete gestoßen haben würde. Wo bleibt da die VolksfreundlichkeitDjesiS MnstervrganeS der Fälschung der öffentliche» Wahrheit? Wollte eö seinen 'bekannte» treuen Inzersdorfer Freund Hallama, her erst kürzlich in einer Versammlung deS neugebackenen christlich soeiale» Vereines die Aenßerung machte: „Jeder Jude kommt schon als Betrüger am' d' 'Welt", nicht wehe thun'? Oder'ist vielleicht dieser Schacher mit faulem, stinkendem Fleisch, wenn er von Antisemiten betrieben wird, weniger verdainineuswerrh als von Juden'? Unser Strafgesetz hat leider eine Lücke, und diese wäre folgendermaßen anSzufüllen: „Wer wisientlich gefälschte oder verdorbene Lebensmittel in Handel bringt, macht sich deS Verbrechens des Betruges schuldig und ist mit schwerem Kerker von 1 bis 5 Jahren zu bestrafen." _ (Vom 20. TcctNlbcr.) Tie letzten Mohikaner, die noch treu zu Schönerer'« Fahne schwören, werden den 2». Tecember int „deutschnationalen Kalender" eher als.ilies m'fastiis denn als flies festiis anzeichnen können. Nicht nur, -daß die Behörde die Abhaltung einer großen Demonstration untersagt hat und neuerlich zwei anf daS ge^^ plante Fest bezugnehmende Triickschriften eonsiSeirte; viel schwerer dürfte den Ostmarkdeulschen aber eine andere Erkenntniß ausS Her; fallen, zu welcher sie just der 20. Tecember gebracht hat. Die für den II. und III. Bezirk nach dem behördlichen Verbote der öffentlichen Versammlung als geschloffene Gesellschaft geplante Feier mußte anS - d e m G r nnde unterbleiben, weil d e r P ü ch t e r d e S D r e h e>D saales die Hergabe des SnaleS verweigert. Auch dir Verfammlnng für den VI. und VII. Bezirk mußte, da die Veranstalten kein en geeigneten Saal erhalten konnte», unterbteiben. Das spricht Bände. Der „volkliche" Einstuß Schö-> nerer'ö ist sehr gering, mag er sich auch in Inseraten obseurer Vereine lreglückwünschen und alj> „Ritter" ausprecheu lasse», mögen die ihm zu Gebote stehende» antisemitischen Schmöcke ihn sogar als herrlichen Mann besingen, dessen Größe die verkommene deutscheMitwelt'nicht erfasse» könne und dem erst , die Nachwelt einen Ehrenkranz winden werde. Cin siclizrhujiihriger Miiltermördcr und eine zwanzigjährige Vatermördern!.) In Lemberg wurde am 14. Deeember Abends eine 52jähLige 'Näherin von ihrem siebzehnjährigen Sohne Peter Boratynöki, einem Eisenbahnarbeiter, in Folge eines Wortwechsels mit einer Hacke in gräßlicher Weise erschlagen. Ter Muttermörder, der die Leiche in einer Kiste verbarg, wurde noch Nachts in einem verrufenen.Hanse festgenoinmen. Er gestand die Thal ein und bekundete nicht die geringste Rene, indem er mit beispiellosem Ennismus Einzel-, heilen der Mordthat schilderte. Zu gleicher Zeit ermordete ein zwanzigjähriges Mädchen, Honorata Burlo n, aus Rache den eigenen Vater; letztere' Miffethat geschah in dem westgalizischen Torfe Pustkow. In' der Antiseniitenpresse finden sich keine Betrachtungen über die „sittliche 'Atmosphäre", welche den Mnttxrmörder iv der galizischen Landeshauptstadt und die Vatermörderin in einer Landgemeinde umgeben haben „muß". Peter Boratynski und Honorata Burlo», diese Landsleute Vergani'ö gehören eben nicht der „fremden Raee" an, und bloß dieser erweist man die „Gastfreundschaft", daß man 'jeden verdorbenen Jungen als Typus ansieht, dessen Entstehnngsproeeß gewisse Soeiologen in ihrer Weise zur Erbauung der „untersten einheimischen Schichten" weitläufig erörtern. Interessant wäre es zu wissen, ob die „Ostdeutsche.Rundschau" nur „deutsch-nationalen" Zuchthäuslern das Recht zuspricht, mit einergewissen Hoheit anf Inden herabzublicken oder ob sie dieses Hoheitsrecht auch Herrn Boratynski und Fräulein Burlo» eiilränmt? — - (Zur Asiüirc Kirchhosi-Harich.) TaS Berliner Ahlwardt Blatt will wissen, der Generallieutenant j. D., Kirchhofs, sei wegen des Revolverangrisses auf den Redaeteur Harich vom Militärgerichte;» mehrmonatlicher Festungshaft veruriheilt worden undhabe diese Strafe auch kürzlich auf der Festung Magdeburg angetreten, sei aber am,!>. d. M-, nachdem er.etwa 14 Tage verbüßt hatte, vom Kaiser Wil Helm begnadigt worden. (Brutale Soldatcumißhandlnug.) Jener preußische CrTicici," welcher neulich alle 'Nachrichten über Soldatenmißhandlungen daraus zurückführte, daß dieselben voll übelwollenden Jude» erdichtet werde», kann nun in der „W eist pH ä li s che n Rundschau" wieder eine solche „jüdische Dichlnng" lese». Diesem nichts weniger als philosemitischen Blatte berichtet man anS Wesel: Ein Soldat halte sich bei der Rückkehr ans den Baracken zu Friedrichsfeld in die Garnison erkältet, er fühlte sich am anderen Tage unwohl. Als er sich an den Ofen gesetzt hatte, weil ihn fror, kam plövlich der Stuben Unterofsieier und stürzte ihm mit den Worten „WaS will der Lümmel hinter denk Ofen?" eine» Eimer eiskalten WasierS über den Kopf. Rach diesem