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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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S.-ite 4. Freie» Blatt. Nr. 90. Jedenfalls gehört es zu den Kennzeichen eines homerischen Charakters, am Tage der eigenen Freude seinen Gegner öffentlich abzuschlachten. Man darf erwarten, daß Schönerer am 20. December, also an seinem Iubeltage, hingehen und das Gleiche thun werde. Einstweilen prälndirt er in seine», „Spritzkasten" mit einer Auswahl der ehrenrührigsten Schinipfworte gegen Vergani, welche den schönsten Erwartungen für die Gcncralabladung am 20. December Raum geben. Mahr und offen. - iLw'cheist an daS „Freie Blair"^)E Prinz AloiS Liech-tenstetn, der auf bkrLütcr seiner politischen Aipirationen aUinälig von Stufe zu Stufe bis zu jener eines Führers der Antisemiten gelangt ist, erhebt, wie die Klageweiber des Alterthums, wahre Iammerrufe über den Rücktritt des Grafen Taaffc. Daß dieser das Zeitliche seines Ministerpräsidiums endlich gesegnet hat, scheint dem Abgeordneten von Hernals gar so nahe zu gehen. Er wird wohl am beste» wiffen, warum. Aber auch solche, die außerhalb des BannkreiscS stehen, in welchem sich der edle Prinz befindet, gewinnen dadurch einen tieferen Einblick in das Wollen und Streben des gewesenen Ministerpräsidenten. Nichts wäre jedoch irrthümlicher als die Annahme, daß es ein Gcsübl der Zuneigung war, welches den Grafen Taaffe mit den Antisemiten verband. Es liegen vielmehr vollgiltige Beweise dafür vor, daß er auch ei» verdammendes Unheil über deren Treiben hatte. Um nur einen Beweis anzuführen, mag erwähnt werden, daß er dem Abgeordneten Superintendenten Dr. Haase gegenüber, als er deffen bedeutungs und überzeugungsvolle Schrift gegen den Antisemitismus gelesen balle, anläßlich einer Begegnung im Abgeordnetenhause die AcuHernng tbat,. eS sei kein einziges Wort in der Schrift, das er nicht mit vollem Herzen unterschreiben möchte. Graf Tgaffe war zu viel Staatsmann und Patriot, um über die Gefährlichkeit des verwildernden Charakters deS Antisemitismus für das Staatsgefüge am Unklare» zu bleiben. Warum er aber doch dem zügellosen Treiben Tein Hall gebot, wird jetzt aus den elegischen Nachrufen klar, welche die Bannerträger deS AntisemitiSmnihm widmen. Ein Band n chlang den Grafen Taaffe mit. den Aposteln des niodernen FlagellantenihumS: die Gegnerschaft gegen die Deutsch-Liberalen. Denn darüber bestand schon lange, keine Täuschung mehr, nicht die Versöhnung. sondern das „Oivide et impera“ hat er zu seiner RegierungSmaxime gemacht, „lieber den Parteien stehen" — hieß bei ihm, dieselben sammt und sonders unter den Füßen haben. Dieser Zweck heiligte in seinen Augen jedes gewählte Mittel. So kam es, daß ihm als solches der Antisemitismus sehr willkommen war. Wie jener Wurni, der nach der Legende Felsen zu sprengen geeignet war, schien ihm der Antisemitismus vollkommen qualisicirt, die Mission des Aus- und Turcheinandertrcibens der Parteien zu erfüllen. Auf diese Weise entstand die „Tribüne", jenes famose Blatt, das dem nunmehrigen-CanonieuS Rohling als Ablagerungsstätte für seine von Ignoranz und Bosheit strotzenden Artikel iiber das sogenannte Blukrikuale der Juden diente. Drotz der durch (Geschichte und Wissenschaft dargethanen Hinfälligkeit und trotz .der von den höchsten kirchlichen und staatlichen Autoritäten alter und “neuer Zeit erfolgten BerdammungSurtheilc eiiM jeden derartigen Beschuldigung wurde dieselbe doch in diesem vom Gelde der Steuerträger subvcntionirtcn Blakte straflos zugclaffen. Man lbußte, daß die Wähler israelitischen Glaubensbekenntnisses aus leicht begreiflichen Gründen zur deutsch-liberalen Partei stehen und in den Provinzen mit gemischter Bevölkerung nicht selten zu deren Gunsten den WahlauSschlag geben; cg wurde daher unternommen, sie, wenn nicht ganz von der bis nun diesbezüglich befolgten Richtung abzubringcn, so doch kopfscheu und bedenklich zu machen. Die Rechnung war nicht schlecht erdacht. DaS Ergebniß gar mancher Wahlen während deS Taaffe'schen Regimes bestätigt dies nur zu sehr. Das, was SkrejschovSky begonnen, erhielt in seinen Epigonen die Fortsetzung. Auf die Juden schlug man, die Dcusch-Liberalen nceinle man. Graf Taaffe hatte auch immer zwei Eisen im Feuer. Gar so unangefochten durften diese Helden deS journalistischen und gesellschaftlichen Seandals nicht bleiben. Ihnen stellten sich Kämpfer entgegen, die wie sic mit gleicher Heftigkeit und Schärfe die Waffen zu.führen wußten. Auch diese erfreuten sich des Wohlgefallens des nunmehr beurlaubten Preßleiters und seines Chefs. Tenn auch ihre Aufgabe war cs, gegen die Dentich-Liberalen loszuziehen, und sie griffen dieselben mit der Begründung an, daß die Führer der Linken den Antisemitismus nicht entschieden genug bekämpfen. Dieser Hexcnsabbath politischen Doppelspiels ist nun zu Ende; neue Tage sind herangebrochen; vertrauensselig blicken wir in die Zukunft: die Bekämpfung der friedenstörenden Elemente ist ja ein Programmpunkt des CoalitionS-MinisteriumS. G—z. (Aus dem Herrenhause.) Anläßlich der Verhandlung über das Budgetprovisorium im Herrenhause gab Fürst Schön bürg im Namen der Linken eine Erklärung ab, aus welcher wir folgende Stelle hervorhcben: „Mit besonderem Beifalls begrüßen wir den Entschluß der hohen Regierung, Bestrebungen, welche dem Gesammtwohle des Staates abträglich sind, kräftigst entgegenzutreten und Elemente, welche den Frieden zu stören drohen, energisch abzuwehren." (Grundlose Beschuldigung.) Der antisemitische Gemeinderath Steiner erhob am 15. d. M. gegen die Mitglieder des StadtratheS die Beschuldigung, daß dieselben sich, entgegen den Beschlüssen des Gemcinderathcs, Diäten bezahlen lassen. Zur Bekräftigung dieser Beschuldigung wurde angeführt, daß Bicebürgermeister Dr. Richter und Stadtrath Witzelsberger für eine nach Mauthhausen unternommene Reise 100 fl. behoben, und als diese Reise nicht stattfand, diese 100 fl. ain nächsten Tage zurückgegeben haben. Bicebürgermeister Dr. G r ü b l nahm Tags darauf mit einer Commission, bestehend auS den Gemeinderäthen Herrdegen und Zweig, Ttadtrath Dr. Lueger, Gemeinderath P u r f ch t und Magistrats-Vicedirector T a ch a u, eine Untersuchung in dieser Angelegenheit vor. Diese Untersuchung ergab die vollständige Haltlosigkeit der Beschuldigungen Steiner's; es wurde constatirt, daß weder Bicebürgermeister Dr. Richter, noch Stadtrath Witzelsberger jemals 100 fl. als Diäten erhalten haben. An der Sache ist Folgendes: Bicebürgermeister Dr. Richter und Stadtrath Witzelsberger hätten eine Amtsreise nach Mauthhausen unternehmen sollen. Magistrats-Vicedirector Tacha» hat zu diesem Bchufe zur Deckung der Rciscspcsen einen Reisespesenvorschuß im Betrage von 100 fl. behoben. Die Reise unterbsieb und statt dessen hat Stadtrath Schneiderhan die Reise unternommen. Magistrats-Vicedirector Dachau, welcher den Stadtrath Witzelsberger mit dem Stadtrath Schneiderhan verwechselte, hat dem Letzteren kein neues Conto eröffnet, sondern diese 100 fl liefen in der Rechnung des Stadtrathes Witzelsbergcr. Die Reisespesen des Stadtrathes Schneiderhan beliefen sich, auf 38 ft. .34 kr. Ter Rest wurde ordnungsgemäß an die Cassc abgeführt. Es gehört dazu die eiserne Stirne eines antisemitischen -- Agitators oder „Schornalistcn", um nach diesen Untersuchungsergebnissen die von Steiner erhobene Beschuldigung aufrecht zu erhalten. '(Tr. Gottlirb Adler.) Bor wenige» Tagen starb hier der außerordentliche Professor der Physik an der Universität Wien, Dr. Gottlieb Adler, im 33. Lebensjahre. In jugendlichem Alter erwarb er sich bereits einen geachteten "Namen in wissenschaftlichen Kreisen., Bei der großen Bescheidenheit, die Tr. Adler auszeichnete, ging seine ursprüngliche Absicht bloß dahin, eine Gymnasiallehrerstelle zu erlangen. Professor Dr. Stephan, der die hohe Begabung deS jungen Mannes würdigte, bewog ihn jedoch, sich an der Universität zu habilitiren, wobei der ausgezeichnete Gelehrte auch die Bemerkung fallen ließ: „Ich empfehle Ihnen dies im Interesse der Wissenschaft, aber auch deshalb, weil ein Jude es bei uns leichter-zu einer Universitätsprofeffur bringen kann als zu einer Lehrerstelle an einer Mittelschule." (Gegen die „christliche sorialrcform".) Gemischtwaarenhändler, denen die „christliche Socialreform" in den Kopf gestiegen, hatten bekanntlich in einer Versammlung, die am 26. November stattfand, die Consumvercinc auf das' Heftigste angegriffen und deren Aufhebung verlangt. In Folge deffen beriefen die niederösterreichischen Arbciterconsumvercine für Sonntag den 17. December Vormittags eine Versammlung in die Volkshalle deS Rathhauses ein, welche von circa 2000 Personen besucht war, die einen energischen Protest gegen die Angriffe der Gemischtwaarenyerschleißer erhoben. Der Versanimlung, in welcher der BerbandSdircctor Carl W e i ch e n h e i m präsidirte, wohnten die Reichsrathsabgeordneten Dr. Groß, Dr. K r o n a w e t t e r, N e u b e r und W r a b e tz, die Handelskammerräthe Zimmcrmann und Vollhofer sowie Dclegirtc fämmtlicher niederösterreichischen Consumvereine bei. Außerdem waren zahlreiche Zustimmungskundgebungen von anderen österreichischen Consumvereinen eingelangt. Herr Carl Drobitz, Vertreter deS Arbciter-Spar- und Consumvereines, in Fünfhaus, führte im Wesentlichen aus: Prinz Liechtenstein, der den Handwerkern die Bctheiligung an Genossen- . schaftey empfehle, trete gegen die genossenschaftlichen Consumvereine auf. ES sei bedauerlich, daß diejenigen, welche der Gewcrbefreiheit ihre Existenz zu verdanken haben, nun gegen dieselbe auftrcten. Durch solche Hetzversammlungen werde nut erzielt, daß der Haß weiter großgezogen werde der leider die österreichischen Bürger seit Jahren zer-

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