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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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(V ,-y Seite 2 Frei«, . 'icyl'dMi ci; flu'ß crruiigni hatte. An diesem Tage wollen, wir t'nc — »mm auch »och so kurze — Treuga Dei halten, die Walle beisettc legen, um in Allem, was Menschenantlitz trägt, nur den Bruder, und auch in Zen.il, die im heiligen Namen der Humanität zn bekämpfen wir die traurige Pflicht haben, nur den armen, verirrten, bethörlc» Bruder Gegner;u sehen. Die politi'che und die wirthschaftliche Befreiung, die Frucht der großen Revolutionen, hat der Entwicklung des Jndiv dualismuö mehr Borictiilb geleistet, als dies in Zahrhnnderten vordem irgend ein Ereiguiß g-lban, die große Reformation nicht ausgenommen. Dns.'r rapide Sprung mußte natürlich neben den guten auch manche oo'c Folgen haben. Der neuen Gesellschaftsordnung fielen niäl nur die chinesischen Mauern zum Opfer, die bisher Menschen von Mcissch n getrennt, sie riß auch so manche Barriere ein, welche mehr;nni Schutz als zur Abiperrung hätte aufrecht bleiben sollen Und während der cxeessive Individualismus den wirth schaillich und geistg Sckwücheren isolirte und vielfach preisgab, änßeele er sich moralisch bei eben diesen Leuten zumeist nur in unbändiger Selbstiuckt, Selbstüberhebung und unvernünftiger Unbelmännjkeil, mit der sich doch recht gut weilestgehcnder Herdencha>aller, Zünnelei und Ehinescuthum verträgt. Einzig und frei _ will mau fein, um zu genießen; zum Erwerben, zum Erhalten, Sebutze ruft man beständig nach Anderer Hilfe. Statt also ans 11cn Gebieten die Association auf den Grundlagen deS einigen Mkr'chenihumö und des freien Zndivituums anzustreben, verlangt mau mit protziger, trotziger Ueberschätzung des eigenen Werlhcs die alle Zwaugsrercinignug, die Zunft und die Gilde zurück, die eben nd t Menschen, sondern nur Stände, Elassen und Racen kennt. Der Ungebildete hat von den beiden Grundbedingungen ' der men'chlichen GesiUschast, von dem Zchgedanken und von dem Zuge ach geme in, mer Eoalition einstweilen nur die Fratze, die Eaneatur angenommen, iiitd das ist d.r Boden, wo Grundsätze, wie die unserer Gegner, üppig in die Halme sprießen, geradezu irnltl-rn müssen. Eben aber darum" sind sie, d. h. die große Dkenge, welch.- sich von klugen Spceulantcn und von den zielbewußten Gegnern der Freiheit und Humaniiät irreleilen lassen, mehr zu b.d'u.'rn, zu beklagen, als zu verachten und zu hassen. Wer ihnen t,!- virfit aussleckle, daß ihre Wied rgeburt einzig im Zeichen der Hunltniiür geschehen tonne, w.r sie nur für einige Augenblicke zn!n Denlen bi ächte, wäre ihr größter. Wohlthätcr. ES ist ja eben d:e Melhode ihrer sogenannten Führer, just dieses Denken über d>e eigene vage, üb.r sich' lind die Wechselbeziehungen zn dem .'nächsten :u ver-.'l'ln oder zn verwirren. Man läßt sie'nicht dazu lommen. ' Und lbe.n deshalb tlüte gerade jetzt eine neue Tiongn li -i no:h. Wir sind überzeugt, und es gibt untrügliche Anzeichen dafür, d n auch unsere Ge. »er bald das Bcdürfniß nach solchen Sllii den eer Wallenri.he, des geistigen LammelnS empfinden werde»! Ui d wenn nur erst ein Augenblick,- eine vorübercilcnde Niiitc dem i^ene des Frtekeis g.rwiht war, bald wcrdi» eö e.z-5 -a»o Monde und Fahre sein, und die Ausnahme wird zur HV .. i ud r.r kurze 'Gottesfriede zum ewigen Menschenfricden wer d . ~ d v u tio r—Cuccjcr—S tc in wender. rdu'.eh die B.'.itigung deö Zsrgimcs Taaffe und das JnSlebeiiir.t.n. >ines auf Ornuheit und Wahrh.it beruhenden Systems geschass,ne vage bat die verschiedenen antisemitischen Fractioneii, von del'.'il uns r Vaterland heimgesucht ist, in nicht geringe Berwii riuig gebracht. Rathlos stand Schönerer da, er konnte sich nicht unmii dazu ansrnllen, einem seiner „ Schr fileiter" Weisungen zu .inen, ..eigen-'« Anne.tz" zu ertheilen. Zn seiner Verlegenheit machte n aus der Noch >l»e Tugend und verkündigte im .Briefkasten" i. nes v ib'. l Utes, daß die Aenderungen im staatlichen tzrben Oesterreichs iün kahl lis . ns Hertz hinan lassen. Für ihn bleibe Alles beim All u, o lange nicht das tzinzer Programm, welches, nebenbei Blatt. Nr. 90. bemerkt, ursprünglich unter Mithilfe begabter Zuden entworfen, jedoch später einem antisemitischen Appreturverfahren unterzogen wurde, zum Regferungsprincip erhoben wird; eist nach einem Siege des Linzer Programms in seiner gegenwärtigen Gestalt wäre also ein zureichender Grund füy einen „eigenen Aufsatz" enthalten. Dafür, wie komisch derlei Aeußerungen klingen, scheint Schönerer nicht das geringste Berständniß zu besitzen. Der reiche Mann merkt nicht, wie lächerlich er sich durch solche großthuerische Redensarten macht. Selbst unter seinen nichtbesoldetell Anhängern dürfte kaum Einer aufzutreiben sein, der naiv genug wäre, ernstlich daran zu glauben, daß Oesterreich je so tief sinken könnte, um für eine Regierungsära Schönerer reif zu sein. Auf mehr Gläubige kann allenfalls Schönerer zählen, wenn er so thut, als ob er nicht nach einem Abgeordnelenmandat lechzen würde, und den Entschluß, nicht für den Reichsrath zu candidiren, anstatt mit der Besorgniß vor einer Wahlniederlage in folgender Weise begründet: Wenn man, wie ich, von einer Gesellschaft im Abgeordnetenhause mit an Einstimmigkeit grenzender Mehrheit „hinausgcworfen" wurde, so kann man doch nach meiner Meinung nur dann in daS betreffende .hohe HauS" zurückkehren, wenn man über eine entsprechende Anzahl von Truppen verfügt, die bereit sind, unter der Leitung ihrer Führer für die von mir vertretene Sache jederzeit ciuzustehen und mich im Kampfe für die Rechte und Juteressen des deutschen Bolkes kräftigst zu unterstützen. Thatsächlich ist nun aber die große Zahl meiner Anhänger bis auf eine geringe Anzahl, allerdings unbedingt verläßlicher Genossen und Mitkämpfer, gesunken; ich kann mich daher nicht entschließen, in das „hohe Ha»S" derzeit wieder einzutreten.... In der ganzen „Ostmark" wird sich, meinen wir, kaum ein Wahlbezirk finden, welcher sich die Mühe nehmen möchte, den General ohne Truppen von feinem angeblichen Entschlüsse abzubringen. Da ist Lueger ein anderer Mann. Er verhehlt es nicht, daß die Bersetznng des Grafen Taaffe, dieses „fescken Eavalier.s", in den wohlverdienten Ruhestand ihn peinlichst berührt habe. Nachdem Lueger den Liberalismus abgeschworen, die Demokratie verlassen und sich der Antisemitcrei verschrieben hat, dient er ihr mit um so größerem Eifer, als er klug genug ist, cinzuschen, daß ihm die Möglichkeit einer Rückk.hr zu seiner früh ren Parteistellung ebenso verschlossen ist wie der Uebergang zur Social-Demokratie. Daß eine Regierung, welche auf die Unterstützung der liberale» Partei zählt, dagegen allen den Frieden störenden Elementen entgegcntreten will, seine jetz'gen Ziikel stören müsse, darüber gab er sich keinen Augenbl'ck einer Täuschuirg hi». Er e> kannte die wahre Sachlage, gerielh aber darüber in einen solchen Zorn, daß er zum Theile die Besinnung verlor. Er begnügte sich nicht damit, seinem Schmerze über den Abgang des Grafen Taaffe Ausdruck zu verleihe», sondern bezichtigte jene Eonserva'iven, nasche i» letzter Stunde dem Staatsmanne untren wurden-, unter dessen Berwaltung die .Ehristliche Familie", der „Ehristlich-sociale Verein" re. sich »ach Herzenslust entwickeln konnten, des schnöden Undanks. Zur Bekämpfung der jetzige» Regierung trat er als Wortführer der jungtschechischen Partei auf und suchte den Nachweis zu erbringen, daß der über Prag verhängte AusnahmSzustand keine Berechtigung habe. Die AnSiiahmsverordnungen gingen allerdings noch vom Grafen Taaffe aus, allein dieser ist nicht mehr am Ruder, und Lueger glaubte daher gegen dieselben losz'ehcn zu können, um den tschechischen Brüder» im Antisemitismus, den Laschaty und BrzcznowSky, gefällig zu sein, noch mehr aber, um seine Erbitterung über eine dem Liberalismus günstige Wendung zu äußern. In welch blindwülhigen Haß sich Lueger gegen Alles, was liberal ist, hincingclebt hat, zeigte sowohl der Anlaß, den er ergriffen hatte, um sich Lust zu wachen, als auch die Art, wie er es that. Die AuSnahmsverordnungen mußten außer den Liberalen Oesterreichs auch die — Magyaren büßen. Sie stehen zwar in gar keinem Zusammenhänge mir den Ausschreitungen, deren Schauplatz die LandeShanplstatt Böhmens war, und mit den in Folge dessen getroffenen Berfügunge», aber daS hindert Lueger nicht, ganze Kübel Schmutz auf sie auszugießen. Dieser Ex-Liberale und Ex- Demokrat rast förmlich gegen die Berlreter der freisinnigen Idee im Brndeistaate Ungarn und läßt es durch ehrenrührige Behauptungen gegen ungarische Soldaten darauf nnkommen, von wohlunterrichteter und hochachtbarer Seite der Unwahrheit geziehen zu werden. DaS ist, wie Lueger selbst bei ruhiger Ueberlegung' einsehen würde, eine Schande, für welche der Beifall eines Häufleins rumänischer Zrredewtisten kein Aeguivalent bietet. Weit besonnener als Lueger benahm sich Steiuwender. Im -ersten Momente war auch er von der neuen Situation unangenehm

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