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Freies Blatt · 1893-12-24 · 90 (24.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
90 (24.12.1893)
Date
1893-12-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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4 Nummer 90. Wien, 24. Dcrember 1893. II. Jahrgang. c i ß n a cfi t s 'M n m m i' Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Abonnrm»nt»-Krdingnils»: Sür Desterreich.Ungarn! SanzjLbrig 2 Ä. 50 fr. (5 Kronen); halbjLbrig e fl. 25 fr. (2 Kronen 50 Heller); vieneliLhrig 65 fr. kt Krone 50 Heller)., Lar bas Jluslanb.: (vanzjäbrig 5 fl. <S Kronen); b.rlbjäbrig > fl. 50 fr. (5 Kronen). — Znferare, bre viermal gespalrene Nonpaveillezeile >0 fr. Wir ersuchen jene I'. T. Abonnenten, deren Abonnement Ende Tecember dieses Jahres fällig wird, um ehemöglichste Erneuerung des Abonnements, damit in der Zusendung des „Frei:» Blattes" keine Unterbrechung eintritt. Tie Administration. Treuga Dei. Selbst das Mittelalter, diese Zeit des endlosen Krieges Aller gegen Alle, fühlte das sehnsüchtige Bedürfnis nach einige», wenn auch kurzen Momenten der Waffenruhe, wo der Lärm der Fehde verstummen, der kampfcsmüde Arin feiern sollte. So kam eS aus 'einem tiefinneren Bcdürfniß des Volkes heraus zu der kirchlichen Institution der Treuga Dei, kraft deren an den durch den Tod des Erlösers geheiligten Tagen der Woche jede Fehde untersagt war. Man wird gut thun, nicht allzu sanguinisch über die idealen Voraussetzungen dieser Institution, die sich ja auch nur sehr mühselig Anerkennung verschaffte, zu denken. Allein einmal in die Rechtsgewohnheit der Völker übergegangen, mußte sic diesen die Erkenntniß vermitteln, daß eS auch minder brutale Formen des unvermeidlichen Kampfes umS Dasein gebe, daß die Menschen besser thälen, in diesem Kanrpfe, den Alle gleich zu känipfen haben, sich zu vereinigen und einen einzigen Heerhaufen zu bilden. So fand sich nach der furchtbaren Verrohung und Zerfahrenheitwelche eine Frucht der Völkerwanderung und der Krcuzzüge gewesen. allmälig die Menschheit selbst wieder, der Blick wurde wicdex auf daS Gemeinsame gelenkt, und während der Gotteöfriede bloß eine Ausnahme von dem gewöhnlichen Zustande iwiger Fehde bilden sollte, wurde nach und nach der Menjchenfricde die Regel, und, gottlob, der Krieg die Ausnahme, die immer seltenere Ausnahme. Die Welt und die Menschheit lernt nichts einfür allemal. Wir sind ins Mittelalter zurückgefallen, aus allen Riffen und Fugen der Gesellschaft ist der Kampf AÜer gegen Alle wie ei» zurückgehaltener Sturmwind hervorgebrochen, tobt und tost an allen Orten und ist, wenn er auch nicht wie ehedem im ewigen Waffengang sich auslebt, darum nicht minder brutal, nicht minder menschenmörderisch; dieser Kampf, dessen Antriebe nicht mehr wie einstmals aus glühender, wemi auch verstiegener Begeisterung für hohe Ideale, sondern zumeist aus dem Magen .und Geldsacke emporsteigen, er schlägt zwar vorderhand noch nicht die Menschen todt, er^hat aber längst schon den Menschen todtgeschlagen. Mit der erwachenden Erkenntniß von der Bedeutung der wirthschaftlichen Selbstständigkeit ist die Gesellschaft wieder einmal, wie schon vordem öfter bei ähnlichen Processen, psychologisch in ihre Atome zerfallen, der ganz vom wirthschaftlichen Interesse eingenommene Mensch vermag in jedem anderen nur seinen Gegner im wirthschaftlichen Wettbewerbe zu sehen,- er vermag sich noch nicht zu der Erkenntniß zu erheben, daß es auch in diesem Kampfe nicht bloß ein Gegeneinander, sondern auch ein Neben- und Miteinander gebe,, gemeinsame Ziele, gemeinsame Interessen, gemeinsame Mittel, die alle Menschen, arm und reich, besitzende und besitzlose, Fabrikanlen und Arbeiter, Juden und Ehristen — wenn man schon durchaus auf diese Classificalio» Rücksicht nehmen, muß — verbinden. Wir brauchten ^wieder eine Treuga Dei, kurze Ruhepausen, in welchen wir die Fihde ruhen lassen und uns besinnen, daß wir nicht allein gegeneinander, daß wir Alle zugleich gegen die Kargheit der Natur, gegen die Feindschaft der Elemente, gegen tue Schranken menschlichen Könnens zu kämpfen, .und daß wir Alle mit den gleichen oder ähnlichen Waffen deö Geistes und des Körpers uns zu rüsten.und zu wappnen haben. Wir brauchen eine Tieuga Dei, damit die vom Kampfe erhitzten Geister sich — wenn auch nur für Augenblicke - besänftigen, besinnen,' bedenken, daß auch in diesem Kampfe, der unS allerdings am em pfindlichsten, der unS an den Grundlagen unserer physischen Existenz bedroht, der Eine am stärksten im Anderen ist, daß wir auch in diesem Kampfe, wie in vielen anderen, welche vordem die gesammte Menschheit auSzüfcchten halte, unbesiegbar sein werden nur durch daS Gefühl der einige» Menschenbrüderschaft und durch die Waffen des Geistes. Es ist leider vorderhand nicht zu erwarten, daß unsere Gegner auch nur einen noch so kurzen Gotteöfrieden halten würden. Um Weihnacht feiert die Ehristenhcit, feiert die civilisirte Menschheit die Geburt desjenigen, der die Welt aus der tiefsten moralische», politische» und wirthschaftlichen Verkommenheit, a»S einer socialen Zerfahrenheit und Zerklüftung, welche die unsere noch weitaus überbot, durch die einzige Lehre errettete: Diligite altorutrum. Unsere Gegner benützen diesen Gedenktag, um an ihm ihrem unversöhnlichen Haß gegen den wirthschaftlichen oder politischen Feind einen besonders heftige», einen wahrhaft widerlichen Ausdruck zu geben. Allein daS sollte uns nicht hindern, daS WcihnachtSfest als das zu feiern, was es ist, als ei» Fest der Nächsten:., liebe und des Altruismus, der vor dem Auftreten Christi niemals und nirgends einen so mächtige», so internationalen, so grund-

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