Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 89 (17.12.1893)
- Date
- 1893-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. SS. Freies Blatt. — Ich hatte nicht einmal Schulkameradinnen. Meine Mutter unterrichtete .mich, bis ich vierzehn Jahre alt war, und dann erhielt ich Lehrer und Erzieherinnen. Meine alte Kinderfrau, Melkah, war die Einzige, die mich wie ein Kind behandelte. Sie erzählte niir Geschichten von ihrem Bolle, ihrem syrischen Bolle — alle möglichen Geschichten. Sonst wäre ich eine wandelnde Encyklopädie für Kunst und Wissenschaft geworden. Melkah ist eine wunderbare Trau?— Sie war damals ein ernstes Mädchen," dachte Harold nach, „ernst und fragend. Ich werde ihr Gesicht nie vergessen, als ich den ersten Spaß machte, den sie, glaube ich, je gehört halte. Ihre Mutter konnte nie einen Spaß machen oder über einen lachen. Eine Frau von Würde macht keine Spasse. Ich lehrte sie lachen — das ist auch etwas, wenn ich sie schon nicht lieben lehren konnte. Aachen und Viebe sollten Bettern sein, beide sind jung und beide glücklich." s Und da war ein anderer Brief: „Es scheint mir" — sie zählte damals fünfzehn — „daß die einzige, wirkliche Abwechslung, die ich habe, jene ist, wenn ich sitze, und Jhnerr1h>reibe. Ich sehe dann Harold — meinen einzigen freund — in seinen Zimmern in Cambridge sitzen ganz unter Büchern und Flaschen versteckt." i.Harold war Clzemiker, und daher ein Bielflaschen Mann.) „Ich sehe ihn, meinen Brief zur Hand nehmen und'sagen: .Meine kleine Freundin, ich will ihn ruhig diesen Abend lesen, nach dem Speisen!' Dann, wenn ich meine Augen er- >,nickt habe, indem ich über die tausend Meilen hinweg, die zwischen uns liegen. Ihnen ins Auge geblickt, schaue ich Ihre Photographie an und bin begeistert, ja begeistert — und beginne. Den übrigen Theil dcS Tages bin ich in de» Händen der Erzieherinnen und Lehrer. Wenn wir einen Spaziergang oder eine» Spazierritt machen, so ist eS zum Zwecke der Erziehung. Ich gehe aus einer Lertion in die andere, von einem Lehrer zum anderen. Ich wechsle zwischen fertig- * feiten, Kunst, Wissenschaft »nd Gelehrsamkeit. Mir ist S Alles eins, ob ich Mathematik oder Tanzen lerne, Rhetorik oder Musik. Ich denke, daß ich eines TageS eine fertige junge Dame sein werde. Und dann? Was dann'? C, Harold, was hat das Scksicksal für mich aufgespart, bevor ich sterbe'? Ich möchte Alles sehen und Alles hören und Alles genießen." Er nahm einen anderen Brief: „Ich habe das alte Judenquartier gesehen," schrieb sie ans Benedig. „Es wohnen noch einige Juden hier Ich liebe die modernen Juden aber nicht, weil sie ihre Frauen in einer gräßlichen Unterwürfigkeit halten. Meine Mutter spricht öfter über jüdische Frauen, sie hat deren viele gekannt. Seit ich in die Jahre des Beistandes getreten bin, hat sie zu mir viel über die Lage der Trauen gesprochen. Sie führt mich herum in den Faetoreien und an den Orten, wo sie arbeite». Sie läßt mich überall ihre Unterdrückung beobachten: sie spricht und denkt immer darüber." Tann schrieb sie aus Damaskus: „Wir haben des Paschas Harem besucht. Die Trauen sind sehr schön gekleidet; sie boten uns Süßigkeiten und Kanee au und stellten viele Tragen an uns. Aber ach! welch schreckliches, trauriges Leben das ist! Welch nichtiges, unthätiges, zweckloses Leben daS ist! Welche Entwürdigung des Gebens daS ist In einem Kauz eingesperrt zu sein, ohne Erlaubniß etwas zu arbeiten, und nur schön gekleidet zu sein!" Aus der Wüste schrieb sie: „Wir sind zehn Tagereisen südlich von Damaskus, wir sind gerade in der Mitte der iurischen Wüste. Meine Mutter, Melkah und ich sind in den Händen eines BolkSstammes. Wir haben den Sheik wohl bezahlt. Er hat eine schwere Menge (Geldes bekommen und wird noch einmal soviel bekommen, wenn er uns wohlbehalten zurückbringt. Auf der Rückkehr werden mir drei Monate in der Wüste sein. Es ist reizend. Wir leben in Zelten Es ist gerade dasselbe Leben, wie es meine Boreltern fiihrlen. Ich erinnere mich, daß ich die Tochter Jsmaels bin, des großen Kriegers der Wüste. Er war sicherlich ein stiller Mann, welcher die Weisheit seines Baters erbte und des RachtS unter de» großen Sternen des klarste» Himmels,, den Sie sich vorstell«! können, Be trachtnngen anstellte. Wenn wir noch lang genug hier bleiben, werde ich Astrologin werden, wie meine anderen Betlern, die Chaldäer. Alles ist genau io jetzt wie ehedem, nur daß der Speer jetzt durch das Schießpulver ersetzt worden nt jmb daß man jetzt Kaffee hat. Ihre Weiber sind immer noch Selaven überall dieselbe Geschichte. Ter Mann ist Herr, das Weib ist Selave. Ter Mann darf gebieten, das Weib muß gehorchen." „So ist's," sagte Harold, „ich habe auch in der Wüste gelebt." Harold faltete die Briefe zusammen „Es war eine köstliche Studik -über eine höchst interessante weibliche Seele," sagte er. „Ich kenne sie durch und durch, weil ich sie werden gesehen. Aber es wird sich als theuer erkauftes Bergnügen Herausstellen, wenn Tamiliarität die Liebe ausschließt." Er legte die Briefe in den Schrank zurück und suchte Bergessenheit auf die gewöhnliche Art. VI. Madame Elvedas Studirzimmer, ein großes und luftiges Zimmer, lag zu ebener Erde, und war mib prächtiger Genauigkeit ausgestattet Hier war wenig mehr z» sehen, als was wesentlich in ein Stndirzimmer gehörte: Bücher — gediegene Bücher allein Anschein »ach — in Schränken, die fast bis zur Decke hinaufreichten, eine Stiegenleiter auf Rädern, elektrische Rampen, die von der Decke herabhingen, ein paar Büsten auf den Schränken, ein Kupferstich in streng nüchternem Rahmen, eine oder zwei Basen aus venetianischem Glas auf einem Ständen zwischen den Fenstern, lichte, federleichte Vorhänge, ein weicher Teppich, ein großer Schreibtisch, zwei oder drei Tischchen mit Büchern zum Rachschlagen, ein beweglicher Bücherstäuder, Atlanten, Gelegenheitsdücher, Bücher des TageS, Journale von der „ernsteren" Sorte, zwei oder drei leichte Stühle für den Kamin. Richts „Weibisches", keine „Arbeit" lag herum. Der Schreibtisch/ war von den größten Dimensionen, vielleicht zwölf /Fuß lang; dieStühle waren solid, die Bücher alle groß, und gut gebunden, selbst die Falzbeine, Tintengläser, Papiermappen und Löschblattkissen waren groß und solid. In diesem Zimmer wurden die Rathsversammlungen des „Inneren Ringes" abgehalten. Man darf nicht glauben, daß die Avaren allein einen „Inneren Ring" hatten; jede Sache, jede Bewegung hat ihren inneren Ring. Hier war der Ort, wo die weiblichen inneren Ringe zusammenkamen, bestehend aus jenen Damen, welche in Rathsstuben der Städte sitzen möchten; jenen, welche die Schulversammlungen stürmen möchten; jenen, welche das Wahlrecht wollten; jenen, welche die Gleichheit der Geschlechter fördern wollen; sie alle kamen hieher; die Sache braucht reiche Leute, hier war eine reiche Dame bereit, Geld und einen Centralisationspunkt zu bieten. Natürlich führte diese Dame eine ausgedehnte Corr.espondenz, sie hatte zwei Schnell- und Typenschreiber, Mädchen natürlich, »nd glückliche Mädchen, denn sie wurden wie Männer gezahlt. Diese jungen Damen kamen jeden Morgen und schrieben ihre Briefe. Nachmittags kam der „Innere Ring" zusammen Madame Elveda sprach nie öffentlich, auch wendete sie sich selten durch ein Journal an die Oefse» lichkeit. Ihre Stellung als Führerin mar gesichert durch ihr großes Buch über die „Gegenwärtige Lage der Frauen", dessen schon erwähnt wurde. Ohne jedweden Beistand besorgte sie in diesem Zimmer auch die Berwaltung von Angelegenheiten, welche» selbst ein amerikanischer Millionär einige Bedeutung beilegen würde. Taö heißt, man vermnthete dergleichen In der That, es wußte Niemand etwas über ihr Einkommen. Sie bewohnte ein Hans, für welches sie jährlich achthundert Pfund Miethzins bezahlte; sie hatte Dimer, /Pagen, Pferde — Alles Zeichen von Reichthum: sicherlich gehörte sie zu jener kleinen Classe, deren Einkommen nach Zehntausenden gerechnet wird, nicht nach der bescheidenen Einheit, welche die Hoffiinngeu so Vieler beschränkt. Es mag noch, um zu zeigen, wie anerkannt sie als Führerin war, bemerkt werden, daß die meisten der geistreichen Frauen, welche einen geistreichen Artikel in eine geistreiche Zeitung schreiben wollten, zuerst an Madame Elveda um Rath schriebe», welche dann nie ermangelte, die geistreiche Dame mit einem kleinen Schatz von (Gedanken auSzustatten. Außerhalb des Studirzimmers saß auf der untersten Stufe der breiten Treppe die alte Tieneriu, Melkah. £ie war vom Hopf bis zu den Füßen in eine Art Mantel gehüllt, den sie über die untere Hälfte ihres Gesichtes de.art hinaufgezogen halte, daß nichts Anderes von ihr sichtbar war, als ihre tiefliegenden, dunklen Augen, die gleich weitentfernten Lichtern glühten. Sie saß geduckt da und wartete. Die Hausleute warm daran gewöhnt, sie plötzlich irgendwo zu finde». Melkah konnte ja thnn, was ihr beliebte. Wenn sich eine der Hausmägde oder eine Küchenmagd angemaßt hätte, hinzugehen und stundenlang auf der Hanplstiege zu sitzen — nun. Jedermann weiß, was geschehen wäre. Als die Uhr im Borhause zur elften Stunde auShub, hörte man ein Pochen an der Thüre. ES war Harold Alleyne, welcher auf Franziskas Bestellung gekommen war. Melkah erhob sich bei seinem Anblicke und ging ihm langsameu Schrittes quer durch die Halle entgegen. „Sie sind gekommen, das Kind zu sehen, Harold'?" Die Frau ans TamascuS sprach mit einem schönen, fremden Aecent. In diesem Hause war's, als ob AlleS einem ausländischen Stamme englisch aufgepfropft wäre. „Franziska erwartet Sie. Sie ist nun erwachsen und sollte einen Berehrer haben. Ei, ich weiß, was Sie, sagen wollen. Ei! Ei! Ei!" lachte und hustete sie abwechselnd. „Nun, hören Sie! Zuerst wird sie nein sagen, was'? Nein, nein, nein! Sie wird den Kopf schütteln, sie will keineir Mann, keinen Freier. Nein, »ein, nein! Tie Freier sollen zum Teufel gehen — alle, außer Ihnen! lind sie liebt Sie ja. Eil ich weiß eS. Die Alte weiß eS, sie beobachtet, sie sieht, was unsichtbar ist, sie hört, was nnausgesprochen bleibt. Nun'? Tas Kind wird nein sagen, weil ihre Mutter ihr allerlei thörichte Tinge in den Kopf gesetzt hat. — Warten Sie, sage ich. Sie liebt