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Freies Blatt · 1893-12-17 · 89 (17.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
89 (17.12.1893)
Date
1893-12-17
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Freies Blatt. Sette N. Nr. 8!'. Fcuillctlin. Die Empörerin. Roma» »ach den, tLnglischen de« Walter Bei an l vo» Marie M'a je r. V. / (I. AlHllotJlllli).) Zwei junge Männer — einer vo» ihnen war Harold Allchne — saßen zu später Stunde iin Rauchzimmer dcö ElnbS. „Ja," sagtet der eine, „ich gehe nicht oft zu solchen Untcrhallnngen, aber ich gestehe, daß es mich sehr intcressirt hat. Tic Tarstcllnng nbcrtraf bei weitem das Turchschnittsmaß einer Amatcurlcistung, und das Stück war frisch, dem Locale ganz angeincssen. Alles sah orientalisch ans, auf und außer der Bühne, »nr die Stühle ausgenommen. Es kam mir vor, wie ein Serail ohne Sultan. Ich fürchtete schon, er würde entdecke», daß wir in seinem Hc>rem sind. Ich sah mich nach dem schwarzen Manne mit der Bogensehne, um. Maure», sagten Sic, seien cs? Wie seltsam! Ich habe früher nie in der Gesellschaft vo» Mauren verkehrt. Man könnte ja ebenso gut erwarten, einmal einem Terwisch zu begegnen. Madame ist eine sehr stattliche Dame, mit maurisch-jüdischer Würde, auch, kam's mir vor, als ob ein gewisses Etwas ihre Lippen umschwebte, daS von vergangenen Erlebnissen erzählte. Aber man kann sich ja irre». Elvcda — ist das ein manrischer oder ein spanischer Raine?" „Tic Mauren haben vcrmuthlich ein semitisches Aussehen," sagte Harold. „Tiefe Leute waren Generationen hindurch Spanier, aber sie geben vor, maurischer Abkunft zn sei». Da wir keine Zeit haben, ihre Genealogie zu nntcrsuchcn, können wir ja doch ihre Angaben als richtig annchmcn. Warum nicht Mauren °? Wenn nicht Maure», was liegt daran?" , . „Warum nicht, freilich! Kennen Sic die Damen schon lange?" „Sieben oder acht Jahre. Ich begegnete ihnen zuerst in de» Pyicnacn. Madame Elvcda fand mich im Fieber liegend bei einer elenden .kleinen -^Fonda. Bcrmnlhlich wäre ich gestorben, wenn sic nicht zufällig ans unich gestoßen wäre und mich mit der größten Freundlichkeit gepflegt . hätte. Als cS mir bcffcr ging, reiste» wir »ach Biarritz, wo wir in /demselben Hotel wohnten und gemeinschaftlich Ausflüge machten. Späterhin corrcspondirtc ich mit ihnen. Sic blieben bis vor drei Jahren auf Reisen, dann kamcn sic hicher, und Franziska ging nach Rcwnham. Madame ElvcdaS Stellung in der Fraucnrcchtsfragc ist Ihnen ja bekannt. Tic ist eine Führcrin, und sie hat.eine Mission. Sie verkündet die Gleichheit der Frauen nnd gehört jedem Bercinc, dessen Zweck die Bcrwandlung der Franen in Männer ist, an." „Und doch bleiben sie Frauen." „llnb doch wieder haben sic schon viel geleistet. Warum solltcu die Frauen nicht so gut erzogen werden wie die Männer, wenn sic cs wollen? Run, cs ist ja zn spät, um über die Francnfragc sich auSzusprechen. Franziska ist jetzt »ach Hanse zurttckgckehrt Ihre Mutter kümmert sich weder um ihre Beschäftigung, noch um ihre (Gesellschaft: sie ist ganz frei. Und sie wird daS Haus ihrer Mutter zn einer Stätte des Frohsinns machen. So sagte sie mir. Sic liebt den Frohsinn, sic liebt daS Tanzen »nd Singen und Schmausen und Lachen. Sic ist schön, nnd sie ist frcimülhig, und sic ist frei!" „Sic ist nngcmcin reich, denke ich. Wen» ich nicht verlobt wäre, wollte ich — vielleicht —" „Ich weiß nicht, wie viel sie habe» — oder wie sic cS erwarben, oder ob cs aus Gütern oder Acticn besteht — ob es Handel oder Erbschaft war. Sic leben, als ob ihr Einkommen keine Grenze» hätte." „Ist cs nicht ungereimt von einem solchen Mädchen — so liebreizend, so klug, so reich — wenn cö über die Sclavcrci der Liebe spricht? Wir werden eines Tages hören, daß sic eine» Grafen heiraten wird. Sic will eine Gräfin werde». Sie, Harold, warum gehen nicht Sic hin nnd gewinnen das Mädchen? Sie sind ohnehin mehr als halbenwcgS zn einer Grafschaft. Selbst vorausgesetzt, daß Ihr Ci,fd wieder anftancht, können Sic sehr leicht einen andcrcn Titel bekommen, sobald Sie an ein so reiches -Mädchen verheiratet sind. Sic tönnc» Graf von Moorland oder Lord L-ld Jewrh werden." Harold schüttelte den Kopf. „Als ich sic kennen lernte, war sic ein linkisches Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, Alles ectig. Richtö war schön an ihr, als Haare nnd Augen. Aber sic war selbst da schon herrisch und entschlosicn und frei, immer fragend, nie irgend welcher Autorität unterwürfig, selbst da schon die Unterwürfigkeit anderer Frauen verachtend — nie duldsam gegen Anmaßung." ( „Run, Sie brauchen sich nichts anzniiiaßen, wenn Sic an sie herantreten." i „Wie sic damals war, so ist sie jetzt »och, »nr nach Alles in höherem Grade: »och immer ein fröhliches Mädchen, sehr eingenommen für alles Gute —/ich denke, sie kennt Elaret, ich bi» sicher, sie tennt Ehampagncr. Aber man muß sic wie seinesgleichen .behandeln Und wenn Sic cs mit der Liebe versuche» wen» Sic nur dem (Gespräch einen persönlichen oder gefühlvollen Eharalter zn geben versuche» - dann fröstelt es sie. Und noch schlimmer: sic fühlt das Rahen der Liebe, während sic nach unsichtbar und weit entfernt ist: sic sängt einen Blick der Bewunderung ans; sie fühlt das Bcrlangen eines sehnsüchtigen Auges; .sie liest den unschlüssigen Gedanke»: es beginnt sic zn frösteln, bevor Sic überlegt habe», >vic. cs am besten aus zudrückcn wüte - ob in Worten oder in Seufzern oder im Hände druck. Dieses Mädchen lebt auf einem Eisberge; sic trügt einen (''iiitei, der von Eiszapfen starrt, als ob es bloße Tcgcn wären." . „Was'war ihr .maurischer Baker? Ei» Batriarch, der sein Biel, nach Tcnscnden zählt? Lebte er in einem Zelte in den Bergen des Atlas?" „Ich habe Jhncn schon gesagt, daß ich cs nicht weiß. Sie tönnc» ein Mädchen nicht fragen, waö ihr Batcr ivar. Franziska besitzt fein Bild, sie hat mir cS einmal gezeigt. Sic zeigt eS nur ihren Freunden,' nnd diesen nur als besondere Gunst. Mir war's vergönnt, eS zu seist». Es war kurz, nachdem sic mich in einem Streite großa)lig besiegt hatte. Taö Gefühl der Ucbcrlcgcnhcit machte sie lznädig " „Sic sind;imi <1<- (»intlle; Sie kommen »nd gehe» ins Haus, ivic's Fhncn beliebt. Was können Sie mehr wallen. Sic habe» alle möglichen Bortheile." „Wir sind ausgezeichnete Freunde, aber bis jetzt nichts mehr. Ratürlich weiß sie — muß sie wisse» — „Was kann sie Besiercü wünschen als Sie, besonders wenn die Grafschaft dazu kommt? Sic sind jung und a»S Witter Familie nnd von gniör (ftemüthSart, und Sic sind gebildet und ein Mitglied Ihrer Univeisitäi nnd noch vieles Andere. Was das Geld betrisst, so sind Sic kein armer Abenteurer, und weit» der Titel dazu kommt, so gibt s großen Grundbcsitz. Harold, -Sie könnten jede« Mädchen erringen." „Sic sucht Eharaktcr im Manne — immer nur Eharaktcr pcrsö»lick,c Stärke. Ich mag in ein Laboratoriiim ganz gut passen, qber draußen bi» ich ein ruhiger Kerl. Außerdem kennt sic mich zu gut, wir haben zu lange zu einander gesprochen: wir sind bedenklich brüderlich in unserem Bcrkehre: ich bin für sie kein Gehcimniß mehr. Wen» ich morgen znui cistenmale bei ihr cingekührt würde, hätte ich bessere E'hanecn." ' „Ich weiß cs nicht. Ich bin ihr vor zwei Slnndc» vorgeftellt worden, aber ich suhle, daß ich nicht die geringste Aussicht hätte. Sie nah mictp nur einmal .a». Kein Eharaktcr an mir, vermnthlich! Geben.Si'e nicht nach! Bleiben Sie ruhig und beobachte» Sie." Harold nickte, verließ de» Elnb und fuhr nach Hanse. Die Bcr abrcdung für morgen/ machte ihn gedankenvoll. Tenn'er crricth sehr wohl, welches der Sinn der Miilhcilnng war, die Franziska ihm mache» wollte. Er hatte ihr nicht ein einziges dircetcs Wort von' Liebe gesagt, aber er hatte mit ihrer Mutter darüber gesprochen; ob diese darüber mit Franziska gesprochen hatte oder nicht- -das Mädchen ivußtc, was in seiner Seele vorging. Mädchen, die lange nicht so gescheit sind, wie Franziska, sind imstande, die Gedanken eines MänneS, \ sobald sie in dieser Richtung sich bewegen — ikiit erstaunlicher Schuel ligkcit und Genanigleit zn-lesen. Und sicherlich bittet ein Mädchen - keinen Man»'um »ine Unterredung, damit sic ihm sagen könne: „Sie haben mir nicht den Hof gemacht: aber ich will Jhncn sagcis, daß cs - mir ein großes Bcrgnügcn machen wird. Ihnen meine SechScinviertel Hand zu reichen." Rein, Rein. Ein Mädchen, wie Franziska aber, kann wohl einen Mann um eine Unterredung bitten, um ihm zn sagen: „Ich verstehe, daß Sic mich lieben. Bitte, hören Sic aus, mich zu lieben, sobald Sie können." Und — er wußte cs recht gnt — das war's, was ihui Franziska den nächsten Morgen sagen würde. Bevor er;» Belte ging, öffnete cr einen Schrank nnd nahm ein Bündel Briefe zur Hand. Einige darnntcr waren neun Fache alt- Sie waren ordnungsgemäß znsamincngebnndcn nnd augenscheinlich mit Sorgfalt behütet worden. Sic alle begannen mit „Lieber Harold!" und endeten mit „Fh're Ihne» zngcthanc Franziska". Das Mädchen,-welches diese Briefe geschrieben, halte dieselben begonnen mit zwölf Jahren, und sie, setzte dieselben auch jetzt »och fort. Sic zvar immer seine „zngcthäne Franziska", und er war immer ihr „lieber Harold". Sie schrick ihm »och immer in diesem liebevollen Slhlc, und'doch war sie daran, ihm zu sagen: „Ter nächste Schritt, der ossenbarc Schritt - der Schritt, welchen Sic. jetzt beabsichtigen - darf nie gescheheü.". Er wußte cs, er war dessen ganz sicher. Er durchblättcrtc die Briese, ösinelc diese» nnd jenen nnd las hie und da eine Stelle . „>'-ch erinnere mich, wie ich diesen Brief erhielt," sagte Harold; „vor sechs Jahren. Armes Kind! Es war eine sondcrbarc Erziehung:

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