Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 89 (17.12.1893)
- Date
- 1893-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Freier Blatt. Nr. 89. Seite 6. lEinc national-liberale Bersammlung gegen den Antisemiten Scuß.) Aus Hannover wird der „Weser-Zeitung" untevm 6. d. M. geschrieben: Der Vorstand des national-liberalen Vereines batte auf heute Abend eine außerordentliche Versammlung seiner Mitglieder und der Parteigenossen berufen. Als Frage von besonderer Bedeutung stand zur Verhandlung „Soll die planmäßige Aufreizung der Bürgerschaft gegen die Stadtverwaltung länger geduldet werden?" Dieses Dhcma hat eine längere Vorgeschichte, die zurückreicht um mehr als zwei Jahre, nämlich bis im November 1891, wo der damalige StadtsnndieuS Tramm von den Dablmänncrn der städtischen Kollegien mit großer Mehrheit zum Stadtdirector gewählt wurde. Leit dieser Zeit dalirt eine heftige Bewegung gegen die Stadkverwaltniig und insbesondere den obersten Beamten derselben, Herrn Tramm. Sie stammt einzig aus antisemitischer Quelle, um deren soriwährendes Sprudeln der jetzige Reichstagsabgeordncte und Zeitungscorrespondenk Lcuß ängstlich besorgt ist. Dieser Mann ist cS, der in Käutig wicderkehrcnden Versammlungen (:'i Person 30 bis 50 Pfennige ' Eintrittsgeld spstematisch Haß gegen Herrn Tramm und einige andere Mitglieder des Magistrats zu streuen sucht. Bei diesen Vcrsaminlnngen bilden einige Hunderte halbwüchsiger Burschen, die sich als Äntiscmiteu bezeichnen, sowie andere höchst zweideutige Individuen den Chorus, denen Heldentbaten von einem kleinen antisemitischen Blättchen besungen werde». Das Verbrechen, welches man Herrn Tramm antiscmitischcrseiis znm Vorwurf macht, ist, daß sich derselbe zur nationalliberalen Parkes bekennt und dieselbe auch im Abgcordnetcnhanse vertreten bar Was nun Herrn ^Lcuß in letzter Zeit nach seiner Ansicht sjir die Fruclinciriirrg seiner Agitation Wasicr auf die Mühle getrieben hat, jsi eine lNichichic, die mit seinem anliieinirischcn Freunde, dem früheren Voitfr. dcs städtischen chemischen slntersuchungsamtcs, Dr. Schnutz, ini Zn'aiiiliieiiKange sieht. Dieser Herr, welcher einige Jahre außerordentlich selbstherrlich das städtische chcniische Unter suchnngsamt leitete, mehrere CoMmissioirsmitglieder, die mit ihm zu arbeiten hatten, znr Verzweiflung brachte, wurde vor Jahr und Dag von seinen sämuulichen Assistenten beim Magistrat verklagt: er vernachlässige die Pflichten seines Amtes in gröblicher Wciie, komme sehr unregelmäßig zum Dicnsi, nütze das Personal des Amtes für feine Privaizwecke ans, lnrannisire die Beamten, führe sehr unvassende beleidigende Redensarten über die städtische Verwaltniig. verfahre nicht eorreet mit städtischen (Geldern u. iV-tp. Das Crgebniß der sofort vom Biagisirat cingeleiicten Untersuchung war die Suspendirung dcö .Schnul? und die Cinleirniig einer Disciplinar- und gerichtlichen Untcrsiichung. Die letztere endete mir einer Verurtheilling deS Schnutz zu einer größeren l^eldstraie wegen Beleidigung von Magisiratsmikgliedern. , Da Schnul? gegen das Urtbcil mehrmals Ncvision cinlcgtc, isi dasselbe ersi vor wenigen Wochen rechtskräftig geworden, und das Disciplinarverrakren' isi dadurch bisher nicht von der Stelle gekommen. Das; glaubte nun .Herr Lcuß z» einem großen Schlage gegen den Magistrat undsv.vicll Stadtdirector Tramm ausnützen zu. können, obgleich er - winen mnßle, daß die Leitung des Discivlinarvcrfahrens Sache des . Regieriingspräsidenien ist. Kurz und gut, -Herr Leuß berief neulich! eine Versammlung, wollte derselben den Fall Schnutz nach besonderer Methode vorirageu und erkühnte sich, als Thema seines Vortrages die > Uebcrichrist: „Soll Herr Tramm unser Stadtdirector bleiben?"- zu! machen. Cin Schrei der Entrüsiung ging durch die Bürgerschask, in j welchen auch viele politische Freunde des Lcuß mit ciiisiininircu. W^Kr- [ fcheinlich war es ein großes (V'tiicf für Herrn Lcuß. daß' au jcneni! Tage die Vcrsamnilung angeblich nicht polizeilich angcmeldet war »ud daher aussallen mußte, und daß am letzten Dienstag, als sie zum zweitenmale angckündigt war, angeblich kein Local zu haben war, j denn Herr Leuß hätte in jener Versammlung zweifcjlos sehr böse, : schmerzliche Erfahrungen gemacht. Um aber der widerwärtigen Agitation < gegen die Stadtverwaltung und Herrn Stadtdirector Tramm endlich! die Spitz.' abzubrechen, war die heutige national-liberale Versammlung berusin. Fs hallen sich-annähernd 500 Personen, und zwar Mit- , glicKr der verschiedensten politischen Parteien cingefunden. Die Leitung führte Fabrikant Dr. Nah dt. In der zweistündigen Debatte, in ■ welcher das Verhalten des Herrn Lcuß in voller Einmüthigkcit einer -i schonungslosen Atntif unterzogen und Leuß als „planmäßiger, | gcwerb s in a ß i g e r,' g e m e i n g e f ä h r l i ch c r Agitator und f Vcrleunider" gcbrandmarkt wurde, gelangte folgende vom Gymnasialdirecior Namdohr eingebrachle Resolution gegen eine Stimme zur Annahme: „Die Versammlung des national-liberalen Vereines und der sonstigen Parkeigenosien und der Parteifreunde spricht ihren Unwillen über die planmäßigen Versuche aus, die in letzter Zeit gcniacht sind, durch Crregung von Mißtrauen gegen das Stadtoberhaupt und den gesainmten Magistrat Unfrieden und Zwietracht in der Bürgerschaft Hannovers zu stiften. Sie erklärt zugleich, daß wie überhaupt, so auch wegen der Behandlung des vorliegende- Falles (Fall Schnutz) sie vollstes Vertrauen zu dem Stadtdirector und der Stadtverwaltung hegt." (Wieder ein durchgegangener AntiscmitenführN.) Aus Frankf u r t a. M. wird berichtet: Einer der Führer der hiesigen Antisemiten, der Tuch- und Losehändler Gleim, der sich bei den jüngsten Wahlen und auch sonst durch seine agitatorische Thätigkcit besonders hervorthat, ist mit Hinterlassung bedeutender Schulden und mehrerer gefälschter Wechsel nach Amerika durchgegangen. (P Sir Andrew Clark.) In London ist kürzlich der vom! Guildhall - Meeting her bekannte Sir Andrew Clark verschieden.! Dazumal. stand er aufs Wärmste für die verfolgten russischen Juden ein und sprach jene edlen Worte: „Wer Anspruch darauf macht, Mensch zu heißen, wird mit Abscheu und Schrecken die Verfolgungen der armen Juden in Rußland betrachten." Er war cs guch, welcher sich vor einigen Jahren bei. Gladstone für die Juden verwendete, denen er überhaupt immer die größten Sympathien cntgegcnbrachte. Da er selbst ein Mann mit ausgesprochen religiösem Gefühl war und die Religion als ein Band, nicht aber als cin Trennungmittcl betrachtete, empfand er große Achtung, wie cr'oft betonte, vor dem „Volke der Bibel". Sir Andrew Clark war cin bedeutender Arzt, cin strebsamer, wiffenschaftlich gebildeter, fleißiger Mensch. Er arbeitete 10 Stunden im Tage, und während er von Haus zu Haus fuhr, führte er immer irgend cin philosophisches Werk mit sich, das er im Wagen las. Tie Armen und Kranken jeder Confessio» in London verlieren viel an ihm: er war ihnen, cin berathendcr Arzt, ein .hilfreicher Freund.^ Seine Geschicklichkeit und Tüchtigkeit wurde nur . noch durch seine Güte übcrtrosien. Mitten bei der Arbeit, in seinem Srdinaiionszimmcr traf ihn ein Schlaganfall, dem er sofort erlag. Auantisemitischen Vereinen und Versannnlunaen. Die Voucotliriiilg in der Volksdalle des Ratdliaiifcs.' Tie „Christliche Familie", welche "namentlich knapp vor Weihnachten und Tstern Hevversammlungeu abhälk, um die Boncottirung aller Geschäftsleute;u empfehlen, welche nicht znr christlich socialen Fahne schwören und nicht in einem eigens für antisemitische Reclamezwecke angcserligle» „Wegweiser" verzeichnet sind, kündigte an, daß ne sich am 17. d. M. in der Volkshalle des RathhauleS versannneln werde In Folge denen begab sich am 12. d. M. das Präsidium'der „Desterreichi-ch-vraeluischeit Union", mit dem Toccnren Tr. Ioief Grünfeld an der Spitze, zum Bürgermeister Tr. Prix, um Verwahrung dagegen einzulegen, daß die VolkSball'e des Rathhauscs dem antisemitischen Agilationsvereiue über lanen werte. TaS Ralhbans sei von Geldern aller Steuerträger, alio auch der üraelitbche» erbaut morde», und die Stadtvertretung möge daher nicht dulde», daß in dem allen Bürgern gehörigen Gebäude eine förmliche Hetze gegen eine bestimmte Const'sion iii'cenirt werde. Tr. Prir erwiderte, der Verein „Christliche Familie" habe um Ueberlassung der- Bolkshalle augeiucht, und Vice- Bnrgeimeiner Tr. Richtesr habe das Gesuch zustimmend erledigt, nachdem der Magistrat das Giuachlcn abgegeben hatte, daß »ach einem Gemcinderaihsbeschluste die Volkehalle er» voin I. Jänner 18!«4 an nicht mehr für Vercinszwecte übcrlaffen werken dürfe. Er selbst, fügte Tr. Prir hinzu, habe da keine Ingercnz nehmen können, weil er zu jener Zeit nicht Bürgermeister gewesen sei, und bcdaure 'ehr die „Wendung der Angelegenheit". Auch im Genieinderathc kam dien Anaire zur Sprache, indem Herr Lang und Genossen folgende Interpellation einbrachten: „Tas Präsidium hat dem Vereine .Christliche Familie' die Volks- Halle des RaibhauseS für eine am 17. d. M. zu veranstaltende Versanunlung zur Vertilgung gestellt. Tie Versammlungen dieses Vereines charakterisiren sich erfahrungsgemäß durch die besondere Brutalität iirden Ausfällen gegen eine vom Staate anerkannte Religionsgenosicnschaft und durch das osienkundige Ziel, die Angehörigen dieser Confessio» geschäftlich zu bohcottiren. Bereits im Vorjahre hat der Verein .Christliche Familie' die Volkshalle des neuen Rathhauses zu einer häßlichen AgitalionSvenammlnng benützr, und die Redeexceffe, welche bei dieser Versammlung verübt wurden, veranlaßten die Abgeordneten Dr. Freiherr v. Lommaruga, Tr. v. Plener, Freiherr v Chlumeckn und andere hervorragende Abgeordnete, im Parlamente an die Regierung die Anfrage zu richten, warum der Regierungsverircter solche osienbar gesetzividrige Reden bähe rubig gewähren laffcn. Rach diese» Vorgängen hatte erwartet werden dürfen, daß die Volkshalle des RathhanseS, welches aus den Steuergeldern her geiainmlen Bevölkerung errichtet worden ist, dem Vereine .Christliche Familie' nicht ein zweitesmal überlasten werden würde. Tie Gefertigten stellen demnach an den Herrn Bürgermeister die Anfrage: Welche Gründe haben das Präsidium dazu bestimmt, ungeachtet der im Vorjahre gemachten Eifahrungen, die Volkshalle all den conseisionelle und Claffenhetze betreibenden Verein zu überlasten?" Bürgermeister Tr. Prir entgegnete: „Der Verein .Christliche Familie' hat sich im November dieses Jahre« au das Präsidium um Ueberlastung der Bolkshalle