Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-12-17 · 89 (17.12.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
89 (17.12.1893)
Date
1893-12-17
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441477--0984-4887470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 89. Freie» Blatt. Seite 5. verschärftes VebenSmittelgesctz und durch eine vollständige Freiheit im Handel. Der Redner beantragte zum Schlüsse eine Resolution, in welcher die Consumvereine als ein unentbehrliches Glied der genossenschaftlichen Selbsthilfe bezeichnet werden und über die Demonstrationen gegen dieselben das Bedauern ausgesprochen wird. Herr Marschall erklärte, es ginge jetzt nicht mehr mit dem Judenerschlagcn, man brauche ein neues Schlagwort, und das sei dev Kampf gegen die Consumvereine. Abgeordneter Wrabctz betonte, er sei ein Anhänger der genossenschaftlichen Selbsthilfe; wenn die Frage der Consumvereine im Abgeordnetenhaus«: zur Debatte komme» wird, so werde er die Sache derselben energisch vertreten. Die beantragte Resolution wurde einstimmig angcnomiüen. (Gegen die Bubokratie und deren Hinterinänncr.) Dieser Tage fand hier im Ronachcr'schen Ballsaalc ein CommcrS der österreichischen, Corpsphilister statt. An demselben nahmen hervorragende UniversitätS Professoren, Abgeordnete, Gcmcindcrülhc, Justizbcamte :c. thcii. Der Commcrs gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung gegen die Bubokratie und jene grundschlechten Hetzer, welche sie zu Erccsscn jeder Art verleiten. Ans einer trefflichen Rede dcS Dr. v. Mahl- Schcdl heben wir folgenden Passus hervor: „Tie Zwecke und Ziele bei den CorpS sind ganz andere, als bei den übrigen farbcnlragendcn Bcrbindungcn. Den Corps gilt cs nicht, a»S ihrem Farbcnbanucr ein Symbol politischer Richtung zu machen. Die Corps haben sich vielmehr eine andere Aufgabe gesetzt. In den CorpS sollen Zucht, gute Sitte, Chrgcsühl und strenge Schule gepflegt werden. Die CorvS beklagen cS, wenn politische Persönlichkeiten die Studenten in das politische Getriebe zerren. 'Rach unserer innigsten llcbcrzcugung hat der Student nichts mit der Politik zu schaffen; er soll auf der Hoch schule reifen und ein politisches Urthcil erst gewinnen. Die „alten Herren", welche aus de» CorpS hcrvorgcgangc» sind, werden immer nur besonnen für ihre Ucbcrzcugnng cinlrctcn, insbesondere wird sie j , in allen Vage» ihres VcbcnS ei» lebhaftes "Gefühl für Anstand aus-! zeichnen; immer und überall werde» sie, wie sic cS als Studenten! gehalten, mit unwandelbarer ritterlicher Treue dem VandcSherrn an - hängen. Cs erscheint unS von hervorragender Bedeutung. für unser! heißgeliebtes Vaterland, wenn auf de» Hochschulen der Geist der! Trdnung und guten Sitte gepflegt wird. Diesem zu huldigen, ist die , Mission der CorpS. Deshalb mögen, Alle, denen Mäßigung und ' Ordnung, Anstand und gute Sitte als ein wcscutlichcr Factor im; Staats- und öffentlichen Vcbcn erscheine», die Cntwictlnng keS CorpS-! - mcscnS auf de» Universitäten wärmstenS unterstützen." Auch die Pro > refforcn v. Zwicdinrk und Rcuwi.rth wendeten sich in markigen Worten gegen die gcwiffenlose» Agitatoren, welche mit der Studenten ichast Mißbrauch treiben, die Ansichten der akademischen Jugend in jener Zeit, die für die Entwicklung dcS Charakters maßgebend ist, vergiften und sie für die ernsten Pflichten des zukünftigen Berufs- -, lebsnS geradezu unfähig machen. Die Rcccption Der Ziidtii in Ungar». > In, ungarischen Ab- : gcordnclcjihausc legte der UnterrichlsauSschnß ani I-. d. M. den! . Bericht über daS Gesetz, betreffend die Reccplion. der Juden vor. In i diesem vom Abgeordneten Dr. Geza Pap erstatteten Berichte wird ausgcführt: Der Gesetzentwurf bedeutet einen dciikwütdigc» Mvnicni : in dem glorreichen Veden unseres Vaterlandes. Der zwischen' den : Israeliten und den Christen bestehende confcssionclle und dcinziffolge auch gesellschaftliche Gegensatz wird znm großen Thcile ausgeglichen, ein Gegensatz, welcher viele Jahrhunderte hindurch so scharf;n>u-Ans drucke kam, in welchem die Grundlagen jener Anklagen zu finden find, mit welchen man gegen die Anhänger des israelitischen «Glaubens i häufig anfrrat. Rach einem lüugcrcn historischen Rückblicke verweist der Bericht darauf, daß man auch jetzt in vielen Bczichnngen bei den Rlsracliten die Ausübung und de» Genuß solcher Rechte findet, bezüglich deren positiv gestaltende Verfügungen nicht cristire», und das; die gegenwärtige Vorlage diesem sactischcn .Zustande sozusagen die cndgilligc Sanction crthcilt, indem sic einerseits die israelitische Con , fcssiön unter die gesetzlich rccipirtcn Cousessioilcn ausnelmien will, jene Confcssion, welche das Grnndprincip der (^oileScinheit als erste auf. gestellt und an dem ethischen Hanptprincip dcS Evangeliums : „Vicbe deinen Rächsten wie dich selbst", von jeher fcstgchaltcn, also dsc beiden Haupt principicn der christlichenReligio» seit ihrer Begründung anerkannt hat und keine mit dem StaatSlcbcn nnvercinbarc Vchrc enthält. Dicie Vorlage besitzt große- Wichtigkeit vom staatspolitischen Gefichtsp»»lle aus, weil sic die ans den religiösen Verschiedenheiten errichtete Scheide wand niederrcißt, wodurch wir der Erreichung des großen Zieles näher komme», daß unsere Bürger immer mehr verschmelzen und wir liniere ' Kräfte nicht auf gegenseitige Eisersüchteleic», sondern auf einheitliches Zusammenwirken für daS'öffentliche Wohl verwenden können. Ter Staat hat die Pflicht, bei gleichen Vasten der Bürger »«'er gewissen Bedingungen auch die Rechte in möglichst gleichem ARnße auf religiösem Gebiete zu gewähren. Ter Staat kann heute nicht mehr ausschließlich für einzelne Confessioncn Stellung nehmen. Die Motive, welche die Unterstützung der Entwicklung der religiös-sittlichen Ideen nöthig machten, bestehen heute nicht mehr; heute finden diese Ideen ihre Unterstützung in der allgemein geklärten Auffassung der Gesellschaft selbst. Die Jngcrcnz und die Aufsicht des Staates können sich, nur in der Richtung geltend machen, "daß die religiösen Satzungen nicht im Widerspruche mit der staatlichen Entwicklung ' und deist staatlichen Vcbcn stehen. Bezüglich dcS Verlangens, daß die Juden ihre Dogmen vorzulcgen hätten, bemerkt der Bericht, die Majorität des AnSschuffcs habe diese Forderung einer Confessio» - gegenüber, welche seit Jahr hnndcrtcu besteht, mit welcher der Staat fortwährend i» Verbindung war, und die er stets in seiner Mitte geduldet hat, nicht am Platze gesunden. Denn durch diese Erscheinungen wird anerkannt, daß diese Confessio» keine Vchrcn Enthält und daß ihre Anhänger auch keine Vchren auf religiöser Basis befolge», gegen welche vom politischen odcr^ vom ethischen Standpunkte auS Einwendungen erhoben werden könnten. Der Bericht schließt.mit folgenden Worten: „Der Ausschuß empfiehlt den Gesetzentwurf zur Aunahme, weil er in demselben außer der sich - darin knudgcbcndcn Idee der Gewiffenssrcihcil die Erhebung des Vandcs über den - confcssioncllcn Gesichtspunkt gegenüber unseren Mstlbnrgcrn israelitischer Confessio» erblickt, welche auf dun Gebiete des Patriotismus, t er Menschenliebe, der 'Wissenschaft, der Vilcratur und Kunst, wie auch der Volkswirthschaft dem von uns über Altes geliebten thcurc» Vatcrlandc nützliche Dienste geleistet haben." Ans beut dtlltfchcil Reichstage. In der Steucrdcbatlc des deutschen Reichstages erklärte sich Abgeordneter Engen Richter gegen eine Erhöhung der Stempelsteuer. Man wolle, sagte er, damit die Börse moralischer machen und vor Allein die Juden treffen. Damit werde aber keines von' beiden erreicht. An der.. Börse seien Solide und Unsolide, Juden und Antisemiten und besonders auch conscrvalivc Grundbesitzer bcthciligt. BeincrkenSwrrth^war auch eine Erllürung des Abgeordneten Singer, welcher ansführle: "Die Social Demokraten wnrdeiv gegen die Börsciistencr stimmeii, nicht weil sie Frenndc der Börse ieie». Die Social Demokratie habe nicht das-mindeste Jntercffe an der Börse, die lediglich eine JnstitNlion der capilalistischen Wirkhschaflsordnnng sei und nur mit dieser verschwinden könne. Vielmehr seien zahlreiche Adelige und Großgrnndl>csitzer an der Vörie inicreffirk Wenn die Social Demokraten gegen die Börienstcncr stinimen, so lhun sie es als Gegner, des Militarismus, weil sie keinen,Groschen zur .Kostendeckung der letzten Hceresvörlage beilragen wollen. Man wolle jetzt die Börse auS ähnlichen Gesichtspunkten besteuern,- wie die Päpste im Biitkelalier die öffentlichen Häuser und römische siaiscr die Lloakcn bestcltxrten,' woher das Worl:-->»n! - staniine. Die>e Politik, Stenern nin ihrer selbst willen .zu bewilligen, machen'die Social- Demotratcn.-nicht mit. Ter Zwici'vatk im national liberalen Vager j^ib sich auch in dieser Debatte!»»d. Ter national-liberale Agrarier a. r Hahn hielt ciric anlisemiiisch zngcspitzlc--Rede, die'ihm eine comvro millirrnde Beglückwlin'chnng seitens des Mannes der.unbezahlten Ehren scheine, des Herrn Vi.ebcrniann v Sonncnberg, eiiiprug. Hahii sprach vom U.'b^rwiegc» der Anhänger des Alte» Testaments an der Börie und moauirlr sich über den Patriotismus-reicher Böriegncr, die sich freuen, wenn gcldbedürftige Dssicicre ihre Töchter heiraten. Der 'Rational Vibcrale Tsänn fand sich bewogen, Hahns antisemitischen Änslaffungcn ciilgegenzutreteir »nd den. Antiseuiilismns als „Verirrung und Irreleitung der Menge durch überreizte Agitation" zu tenn zeichnen.- Während^ der Verhandlung kam es auch zu eiitem heuigen Austritte zwischen Singer und Vicbermäun, wobei der Social-Dcmokrar das Benehmen des Aiiiffeinite» als „»»verschämte Frechheit" charatieri ffrie lieber diese sicherlich nnparlamentarischc Clia^atieristit werde» wohl Die um Böckel, die sich jetzt mir Vicbcrmann nnlv ^'.in-ff'en herumbalgen, enizücki gewesen sein. ' . „Ztldcuslilttcil". Il»d keilt Cltdc.i liegen.Herrn Rechtsanwalt Hcrlwig, der erst kürzlich die ihm inililärischerseits anicrlegie drei nivnatliche Festungshaft verbüßt hat, schwebt noch ein inilitärgerrchriin liches Verfahren. Er soll wegen seines Verhallens gegen die „Judenstinie»" Proceß vernoinmenen DssicierS und inilitgri'ch.'n Sachversläudtgc» zur Verantwortung gezogen werden. Die 'Anklage ist bereits erhoben worden. — A hlward t, der gegenwärtig -seine Strafhaft in Plötzensec abbüßt, verflicht eine nochmalige Verhandlung des „Judcnflinten" ProceffeS hcrbeizuführc» und hak. deshalb dieser Tage bei der Staalsanwaltschatk des Berliner- Vandgerichlcs I den Antrag aut Wicdcransnahnie des Verfahrens gestellt. Er gibt vor, durch nachträglich erhaltene „Bcweismäicrialien" in der Vage zu sein, die Richtigkeit der in den bekannten Broschüren .,Jiidenflintcn I und II" nnfgcstellten Bchailpinngen beweisen zn können. /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.