Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 89 (17.12.1893)
- Date
- 1893-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Freie» Blatt. Nr. 8». lioin'iiiduvtcif mit 74.000 Mitgliedern umfaßt, veröffentlichte» Statistik .für da» v»rtln 1*02 ergebe sich, daß von de» 11ÖÖ Unfällen dieses >ui!ufO 4.">1, also 30 Pcrccnt, durch den Gebrauch von Handwerktengen' veranlaßt wurden,, darunter bei den Schlossern 4b Pcrccnt, . bei den Tischlern 32, bei den Ziiiimcrlcnten 31, bei den Pflasterer» 3,0, bei den «Glaser» 44 Pcrccnt Dabei handelt es sich uni den! einen Werkstätlenbctricb'. Was aber für. dir beiden Herren Lueger und Mörlen maßgebend hätte sein sollen, ist der Umstand. daß gerade die bei dein .Kleingewerbe und der Laudwirthschaft beschäftigten Arbeiter fast ausschließlich Christen sind. Das stimmt wenig zu den Plirai'en der christlich-socialen Toctrin. Um so freigebiger ist natürlich z'negcr, wenn er für seine Wähler gespart hat, mit dein Gelde sogenannter t^roßcapitalistcn und Gesellschaften, besonders wenn er damit einige politische Gegner empfindlich zu schädigen und Lein Claffen iind Äancubaß gewisser kreise zu schmeicheln hofft. Den Eisenbahnbetrieben wollte Herrn Luegers ausgleichcnde Gerechtigkeit nicht bloß die UnsallversichcrungSpfticht, sondern auch noch wie früher die Haftv'licki anfbürd^i. Der Berichterstatter Reuwirth stellte die ^cin agitaumidu' Absicht, die Lueger mit diesem Anträge verfolgte, gehörig an den Manger. T :ese Debatte war ei» neuerlicher lehrreicher Beleg für die Auflichiigkeit der sogenannten wirtbschastlichen Grniiksätze unserer Antisemiten. i Schtttidcr wird nicht liusgclitfcrt.) Jubelnd verkündigte das Srgan unserer Radau Antisemiten, daß der Jmmunitätsausschnß des Abgevidnetenyauses den Beschluß gefaßt hat, dem Ansuchen des >ireni'er Preisgerichtes wegen Auslieferung des Mechanikers Schneider nicht ,rolge;» geben. Wie bekannt, handelte cs sich um die Schußgcldiedc,'d:e Säineider in .lirems am 2.3 September l. I. gehalten hatte. Om Ausschüsse wnrde nach den Mikthcilungcn anderer Blätter zwar bedaucik, daß ein Abgeordneter in solcher Weise gesprochen hatte,;ugleiel> aber, namentlich von jungtschechischcr Seite, geltend gemacht, das; Schneidet's Worte keine directc Aufreizung im Sinne des Strafge'epes in >'ich schließe» A'cbenbci bemerkt, fanden sich diese Woche die ftanzosischen Siaininern in Folge des Bonibenattentates auf das Palais Bourbon veranlaßt, einen vom Ministerium Casimir-Pericr vorgclegtcn <>'esei?e»vv»tf anzunchnicn, welcher die subtile Unterscheidung zwischen d i.vier und indirccler Aufreizung beseitigt. Alls Dem siiakhhllllsc.) Der anliscIIIitische „Bürgcr- .i.ib" des Geineindcralhes beschloß und veröffentlichte eine Erklärung, "wonach ffijie Mitglieder ungcachlct der Wiederwahl des Dr. Prix ',iii» Bürgermeister auch künftig die Rechte d.es Gemcindcrathcs gegen jeden ..Einqri't" in dieselben verkhcidigen, jeder „GesetzeSverletzung" enkgegeinreten, jede ..Paiteilichkeit" bekämpfen und sich „durch gar nichts, weder durch Drohungen, noch durch Vergewaltigungen irre machen lasien" werden. Aus dem Antisemitischen ins Deutsche übertragen. beizt das: Sie Herren vom „Bürgcrclub" werden sich hüten, noch einmal einen Erodus ans dem GemeindcrathSfaale zu vollziehen, der ivieder mir einer reuigen Rückkehr enden müßte, allein sie werden 'nach wie-vor lärmende. Scencn veranstalten. — Der Fortschrittbi ch c P a r l e i v c r b a n d des .Gemcinderatbes faßte den Beschluß, im Interesse einer sachlichen und ruhigen Berathung der Gemeindeangelegenlieiten jeder Provocation des antisemitischen „Bürgerclubs" austuweichen und sich nur auf die Abwehr persönlicher Angriffe seitens der Mitglirder dicies Elnbs zu beschränken. , Sclllstcrlciintniß niid politische Schlauheit.) I» einerausg.'.eichncten Rede. welche der- Abgeordnete Graf Stürgkh im „Verein der V e r s a s s n n g s sr c u n d e im VII Bezirke"-hielt, fnbrle er aus, daß die Antisemiten in ihrem Verhalten gegenüber dem l vige» Eabincte mehr Sclbstcrkenntniß als politische Schlauheit an den Sag legen. >*raf Stürgkh sagte: „Die neue Regierung, wiewohl '!> sich nain: gemäß zunächst an jene Parteien gewendet hat, aus deren Eooperatiou ne ins Leben trat, steht auch anderen Elementen, soieine dieselben ilirem echt österreichischen und dem wirthschaftlichen Fonschiitk im besten Sinne des Wortes huldigenden Programme die oitiuiimuiiu] nicht versagen, keineswegs feindlich entgegen. Sie nimmt nur Jene» gegenüber eine Frontstellung ein, die-.den Frieden dcS j Staates und die allgemeine Wohlfahrt stören'. Als jene lange nicht mehr gcböiteu kräftigen Worte der Abwehr erschollen, da! p! das Hans ein charakteristisches Bild dar. Während die große Mebilicil jenen Paffuö des PrograinmeS als ein durchaus zn l'illigcn'des Postulat einer - vernünftigen staatserhaltenden Politik bell >i>';te. war cs neben verschiedenen Vertretern des extremsten radicalen Slaveiitlinins der Herr Abgeordnete des fünften Wiener Bezirkes, der j '.-ch!"ii Toi e der gereizten Empsindlichkeit zu einet heftigen Replik | ei hob .Ter Führer der Wiener Ol c m e i nd er a t.h'S o p Position hat ivirklich an jencin » agc mchr Sclbsterkenntniß politische Schlauheit gezeigt, da er sich so rasch . .. d unaufgefordert z n jenen Friedensstörern bekannt hat, denen das Programm Fehde ankündet. Ein Programm sachlicher wirthschaftlicher Arbeit ist allerdings für solche Elemente ein feindliches Programm, deren Existenzberechtigung in wüster Agitation und verwerflicher Verhetzung wurzelt. Tarnm wird man von jenem .Bekenntnisse einer schönen Seele' Act nehmen und hier wird, das erscheint unvermeidlich, das neue Regime Wandel zu schaffen bemüht sein inüffcn. Von einer in der Anwendung politischer Mittel nicht eben wählerischen Regierung seit Beginn der Achtzigrrjahre iiü Kampfe, mit den Deutschliberalen zuerst künstlich großgezogen, hat sich zumal in unserer Rcichshauptstadt die vielköpfige Hydra ein.es traurigen Deniagogenthuins erhoben, daS alle Verhältnisse des öffentlichen Lebens zsii inficiren und zu vergiften bestrebt ist. Wohl erschrak inan späterhin in Rcgicrungskreiscn über die Folgen voreiligen Thuns, ja inan sah sich genöthigt, die ehemaligen Schützlinge manchmal etwas unsanft von den Rockschößcn abzuschüttcln, allein wie bei anderen groben politischen Fehlern dieses Systems kam auch hier die Einsicht zu spät. Eine neue durch die Schuld der Vergangenheit nicht belastete uird daher actionsfrcicre Regierung ist nun an Stelle der dahingcgangenen ins Amt getreten, und nun naht der Augenblick, um mit sc ne r Abart von Politikern in Staat, Land und Gemeinde inS Gericht zu gehen, in deren Munde materieller oder geistiger Verdienst ein Verdachtsgrund, Capitalbesitz Unrecht, bürgerlicher U n tc r n eh in n n gS ge ist ein Vergehen, die Aufreizung in der Volksseele schlunimerndcr verbotener Triebe aber das Partciprogramrn bedeutet. Kein Thcil unserer Monarchie hat so schwer unter den Fehlern und Schwächen früherer Machthaber gelitten wie die Reichshauptstadt, keiner wie sie die Rückwirkungen allgemeiner politischer Zustände so cmpsindlich in ihrem materiellen (Gedeihe» zu verspüren gehabt. Die Erklärung der neuen Regierung bei ihrem Amtsantritte erreicht die Erkenntniß der Hebel, an denen Handel und Wandel zumal hier in hohem Maße kranken, und verpslichtet dieselbe schon daruni zur Anwendung der gebotenen Rcmxdur. Von einer Regierung, die cs-mit diesem ihren Programm ernst nimmt, dürfen wir daher mit Recht erwarten, daß sic den legitimen Ansprüchen der Metropole des Reiches, ihrer politischen und wirthschaftlichen Bcdcntiing volle Rechnung zu tragen bestrebt sein werde. Waffen Sic mich daher, meine Herren, diese kurze politische Betrachtung mit dem Ausdruck der zuversichtlichen Hoffnung schließen, cS werde die neue Wendung der Dinge nicht zuletzt dem politischen Schmcrzcnskindc, zugleich aber dem Stolze und der Perle unserer Monarchie zugute konimen, unserer .Wienerstadt." Rach diesem 'mit stürmischem Beifall ailfgenoiniilenen,Vorträge erörterte Vicc-Bürgermcistcr Dr. G r ü b l in klarer, gemeinverständlicher Weise die Vorgänge im Rathhausc. Es wurde sodann eine Resolution gefaßt, in welcher der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß cs der Thalkrast des Tr. Prix gelingen werde, eine ersprießliche Thätigkeit zu ciitfaltcn. Schließlich wurde den beiden Vice-Bürgermeistern die Anerkennung für die Leitung der Gcmeindcangclcgenheitcn während der Bürgcrmeisterkrisc ausgedrückt. Die antisemitischen Gcincindcräthc haben während dieser Krise mit ihren Scandalcn, ihrem Memorandnui, ihrem Katzenbuckeln vor dem Statthalter, das würdelosen Angriffen auf den „Hannoveraner" vorausging, und zuletzt mit ihren Demonstrationen und Resolutionen ebensowenig politische Schlauheit als Selbst erkenntniß gezeigt. (Ter „Genossenschaftliche Club" gegen die „christliche Socialrcforln".) In einer Versammlung des „Genossenschaftlichen Clubs" besprach letzthin Herr Carl Drobitz die antisemitischen Kundgebungen gegen die Consunivereinc. Er führte aus, daß in jenen Srtcn, in denen Consuinvcreinc gegründet wurden, die Preise der Lebensmittel sofort um 10 bis 20 Pcrccnt ermäßigt worden seien. Der Redner polcinisirtc gegen den antisemitischen Agitator Armann, welcher den Ausspruch gcthan hatte,, daß die Consuinvcreinc die „Würgengel" der Bediensteten seien. Bei den Consnmvcreincn sei für die Bediensteten eine elfstündige Arbeitszeit cingeführt, während Armann um eine vierzehnstündige Arbeitszeit erst pctitionircn muffe. Axmann, Schneider und Genossen wirken an der Ricdcrdrückung der Wahrheit und der Moral, des Frohsinns und der Gcmüthlichkcit, die einst in Wien geherrscht haben. Die Wohlthätigkeit der Consunivereinc sei von - allen Gcwerbeinspcctorcn anerkannt worden; berühmte itali irische Minister haben dieselbe» gefördert, und König Humbcrt sei Mitglied eines Mailänder Consumvercines. Und da wage man cS, solche Angriffe gegen dieselben zu richten. Man solle die Consumvcrcinc endlich in Ruhe laffcn, sonst werde eine intensive Agitation zur Gründung »euer Consnnivercinc veranlaßt werden. Tein Gemischtwaarcnvcrschleißer könne nur geholfen werden durch ein streng,s Concursgesetz, durch rin