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Freies Blatt · 1893-12-17 · 89 (17.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
89 (17.12.1893)
Date
1893-12-17
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite >'i Nr. 89. Freie» Fleisch jtt essen. Mil vegetarischer Kost, unter Zuhilfenahme von Eiern, l Milch, Fischen und Geflügel, könnten aber rechtgläubige Juden, die j dein Genuß von ungeschächtetem Fleisch widerstreben, sich vollauf ernähren. Sie würden allerdings einen Genuß entbehre» müssen, den sie glauben/ sich nur durch ein der „BolkSmoral" als »»sittlich geltendes Mittel verschaffen zu dürfen. Aber zu dieser Anschauung ist die BolkSmoral ebensowenig gekommen, wie die Wisienschaft bisher festgestellt hat, daß das Schächten schmerzerregender sei als daS Schlachten mit der Schlachtmaske. Ter beste Beweis dafür liegt in der Gleichgiltigkeit der öffentlichen Moral gegen das Ferkelstechen, Aaleschinden und daS Hetzen von Hirschen, Hasen und Sauen, Tödtnngsmethoden, die doch sammt und sonders weit grausamer sind als daS Schächten. Wenn deshalb sich die Antisemiten ein Recht erwerben wollen, gegen das Schächten ein gesetzliches Einschreiten zu veranlasien, so inögen sie erst Gesetzentwürfe gegen jene quälerijchen Thiertödtungsmeihoden einbringen DaS Fertelsteche» wird zwar durch die Form der antisemitischen Schlachtregelung gleichfalls getroffen. Wie aber steht eS z. B. mit der Sauhatz? Wird auch der antisemitische Antrag zum Gesetz erhoben, so werde» doch nach wie vor auch die Edelsten der 'Ratio» mit dem aus dem Mittelalter überkonimenen barbarischen Bergnügen einer Sauhatz sich verlustigen können. Die Sauhatz nimmt im Allgemeinen folgenden Berlauf: In einem Gehege werden ein Dutzend Wildsauen gehalten; naht die Zeit der Schweinehatz, dann wird beim Füttern ein Keiler eingeiangen, gefesielt und auf den Rücken geworfen. Dann werden ihm die beiden gefährlichen Hauer abgesägt und rund gefeilt, was, wie Jedermann bezeugen muß, der einmal, in die Hände von Zahnärzten gerietst, sicher nicht zn den Annehinlichkeiten des Gebens zu rechnen ist, für nnver- > nünftige Wildschweine ebensowenig wie für vernünftige Menschen. So der Möglichkeit beraubt, sich ernstlich zu wehre» und seinen hündischen und menschlichen Gegnern den Bauch aufzuschlitzen, wird der Keiler bis zum Jagdtage in engem Gewahrsam gehalten. Sind die Sports lenke zn Pferde und die buntscheckige Jagvmente zn Fnß erschienen, dann läßt man den Steiler loö inS Freie hinein; er erhält einen kurzen Borsprung, und dann jagen Jäger und Meute hinter ihm der über Stoc( und Stein, durch Wasser, Wald und Feld, mit Hussässa und Horrido! — stis er schließlich von der Mente gefaßt und ..gedeckt" wird. Die Hunde verbeißen sich in ihm so, daß er sich nicht mehr von der Stelle rühren kann. Wer nun von den Jägern zuerst am Platze ist, hat dann die Ehre, sich an der Schächtnng des Wildschweines eigen händig zn betheiligen oder ihm den „Fang" zu geben, wie eS ans Jägerlateinisch heißt. Der eine Schächtgesell hebt den Keiler aus, d. l>. er faßt ihn am Hinterlauf und zerrt ihn ans Leibeskräften nach hinten in die -Höhe; der zw/ite tritt mit dem Schüchtmeffer, hier je nach der Form Sanfeder oder Hirschfänger genannt, vorn ans ihn zu und stößt ihm die Waffe in die Brust, wobei keineswegs sofort der Tod dieses Lpfers der Jagdlust hcrbeigesnhrt zu werden pflegt. Run fragen wir die vereinigten Anlisea lle», ob eine solche Schweimchatz nicht eine weit grausamere TödlnngSinethvde ist als die ungeschickteste Schächterei. 'Wenn sie deshalb wirklich einer humaneren Behandlung der Thiere Bahn brechen wollen, so mögen sie mit der Bekämpfung der Sauhatz de» Anfang machen, da wohl diese Frage, . nicht aber die des Schächtens völlig spruchreif ist. Religiöse Gr linde können nicht geltend gemacht werden gegen die Beseitigung der San Hatz. Zur Tödtnng der Jagdthiere ist die Kngelbüchse ein weil sichereres und ja sonst auch gebräuchlicheres Mittel als die Schächtnng nach Zerfleischuitg. Sollten aber irgend welche nns bislang unbekannt gebliebene Jnteresien von Staat und Gesellschaft die feierliche Tödtnng eines Wildschweines erforderlich machen, so sollte doch diese Eeremonie mindestens auf die humaneren Formen einer jüdischen Schächtnng ge bracht werden.... Anstatt den Keiler erst zahnärztlich zu behandeln, il»> dann zu Hetzen und von Hunden zerfleischen zu lassen, ehe er abge stochen wird, sollte man ihn gleich, nachdem er gefesselt ist, nach allen Regeln der Kunst schächten. Da ein jüdischer Schächter aus eonfessionellen Gründen bei einer Wildsanschächtung nicht mit Hand «»legen könnte, würde es nöthig sein, einige Jägerlente kunstgerecht im Schacht verfahren unterweisen zn lassen. (In eigener Sache.) Es gereicht uns gewiß zur Ehre, wenn ander ein gleiches ober ähnliches Ziel anstrebende Journale die Artikel oder Rotizen unseres Blattes in ihren Spalte» zum Rachdrnck bringe»; ja, im.Jnteresse der Sache, die wir vertrete» und verfechten, erachten wir es geradezu als einen Gewinn, wen» die von uns gebrachte» Rach richten, von uns vertretene» Meinungen auch über den KreiS unserer Leser hinaus bekannt werde». Zudem benützen ja auch wir gelegentlich die Berichte anderer Blätter, besonders dort, wo es sich Blatt. um u»S ferner liegende Berhällursse handelt. Was wir in einem' solchen Falle abcr^ für se l b siverslü » dl ich hallt», ist,. das; wir das betreffende Blalt, welchem wir eine bedeutendere Rachricht verdanken, .auch »amenllich eilirezi. Es geschieht dies »ichl bloß ans j o n rn a l ist i sch e in Anstand, sondern auch ans einem Gebote der Kritik und Aufrichligkeit dein Leser gegenüber. Wir müsse» mit Bedauern eonstaliren, daß man von mancher Seite dieselbe Methode nicht auch »ns gegenüber beobachtet, und -zwar von einer Seite, von welcher man denn doch etwas Anderes balle vorausjetze» solle». Wir Hallen denn doch er waltet, daß gewisse* specifisch jüdische Blauer — wenn sie uns schon. systematisch exploitiren — uns wenigstens auch citiren und ihre» Lesern nennen. Es gibt mehrere solche Blätter, in deren Spalten vielleicht »och nie der Titel unseres Blaues genannt wurde, die aber allwöchentlich drei, vier, fünf und noch mehr 'Rotizen uns worlwörilich, oft sogar mit Druckfehlern Nachdrucke». Ein in Schlesien erschei-, nendes liberales Journal zog wiederholt mit unseren LeilarUteln stolz die Wache aus, ohne uns zn euiren. Auch das ließen wir uns gefallen. Ein BläUchen, der in Budapest erscheinende „Ungarische Israelit" treibt aber die Gemülhlichkeil doch ein wenig zu^iveit, so daß wir den betreffenden „Journalisten" doet, ein wenig ans die Finger klopfen müsse». Die letzte Rümmer (27» dieses Blaues bringt an zweiter Stelle einen Artikel, der „Russische Inden als Ackerbauer" überschricbep ist und ganz den Znschnilt einer Pilersbnrger Originaleorresponde»; hat. Der Petersburger Brief ist für den „Ungarischen Israeliten" wohl besonders interessant und gnl — er hat nur bcn einen Fehler, daß er schon in Ruminer *<> des „freien Blatt es" gestand». In der Thal haben wir es mit dem bloßeil 'Rachdrnck eines unserer Petersburger Briefe zn thn», an welchem die Pesler -' „Eollegen" nichts geändert, als daß.sie die Bemerkung „Sriginal-Millhcilnng des .Freien Blattes'" und die Unterschrift .Argus" weggelasse». Also ei» doppelter Aet der Eollegialität gegen uns und gegen unseren Petersburger-Eoirespviidcnlen. Einer näheren Bezeichnung diesis u n a ii st ä n d i ge n journalistische» Borgihens bedarf es wohl nichts Dabei ist der „Ungarische Israelit" nur einer von vieien. Wir belonen nochmals, daß nns der Rachdrnck'.aller' Rolizen und Artikel nur schmeichelt, daß er uns ia> Sinne unserer Abivehrbewegluig sogar erwünscht sein muß: um was w.ir über -- gerade im Sinne dieser Bewegung -rimteii möchte», ist die fleundliche Angabe der Lehngnelle, ein Brauch, deil auch wir stets üben »nd übe» iverde». J'klls dkl» Abgrorüilclcillmllic.?ie Aiiliiemile» aller Rnaneen, die sich ja eine ioeialreformatorijche Partei 'nennen und besonders den „Schutz der wirihichaftlich Schwächeren" wenigstens stets im Mnutze führe», halten vergangene Woche ausgiebige o'elege.itlH'it, ihre ailfrichligeii Gefühle für diese wirthschastlich Schwächeren zu beihäligen. Das Unfallversichernng'sgesev, das in Bcraihnng stand, verlangt eine Jnili .Inlion, dereii Segnungen nur den „wirthicha'tlich Schwachen" /.'/• zusließe», deren Lasten nur ans den Reichen ruhen wurden. I» der Thal forderten Unsere antisemilischen Soeialkeformer beständig eine Reform der obligatorischen Unfallversicherung, nun aber, da sie für dieselbe, voliren solle», möchten sie jene .Kreise gerne von der Bersichernngspslicht anSilehnien, aus denen sich ihre Wähler reerulire» Das ist einer der große» Gesichtspunkte, von welchen die antiirmiiiiche Wirtlstchaftspoliut geleitet wird, -das ist der Segen jener reellen, solide» Taktik, welche sowohl das städtische als das ländliche EorpS der christlich-sorialen Heilsarmee feinen,Wählern gegenüber. bTolgt. Bor Luegers Erinnerung inögen wohl die warnenden G malten von «Gevatter Schreiner und Schlosser, die ihn aus den Schild erlioben. ge treten sein, als er.für die Kleingewerbe eine Ausnahme ro;i der all gemeinen Bersichernngspslicht verlangte. D.r-Hanvtvcrtreler der ö.'lerreichiichen Tivoli-Anliieniiteu aber, der belaiinle Bemdlviehb.rrv» M o ri e», ded seiil Mandat de» Bauern Fnlsteiiselds, Kirchbachs »nd Ücahtersburgs schuldet, wollte natürlich wieder daS liefetnicht auch am die laudwirlb schaftlichen Arbeiter ansgedehnt wissen. Morsen.glaubt, es jei mir der Einbeziehnng der Landwirlhichast i» die Uiifällversickievnng Zeit, bis daS Heimatsrecht n»d die Armenpflege geregelt sind; abgesehen davon, daß man lange warten müßte, bis die Herren nach Mörsen s (''e schmack eine Initiative znr Regelung der Armenpstege ergrine», io bildet gerade die Tlnfallversichernng eine natürliche Eorreeinr in dieser Hinsicht, da die Unfallversichernngsanstalk eben durch die Unterstützung verunglückter Arbeiter den Landgemeinden. .einen Shell der durch die Arnienpslege erwachsende» Lasten abnimmt Was aRr die Kleingewerbe betrifft, so stellte der tliegiernngsvertreter fest, daß gerade für diese die Unfallrersicherung ein o'ebot dringendster Rolhwentzigkeit sei. AuS der vom Berbande der Wiener Genossenschaften, der 42 "st-

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