Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 89 (17.12.1893)
- Date
- 1893-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441477--0981-4887467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 89. Seite 2. Freie» BIatr. _„_L {einer „gelebten Moral" vereinbarlich hielte, dann würde eben auch er zu jene» Leuten gehören, welche um so öfter daS-Wort „Liebe" auf die Rippen nehmen, je eoneentrirter der Haß in ihren Herzen ist. ifir Hah n ihn — trotzdem uns seine Lehre von allein Anfang an paradox schien — bisher praktisch ernst genoniinen nnd ihm eine gewisse siulichende Mission gerade dem Antisemitismus gegen- - über zugetraut. Er wird Zusehen müssen.' daß inan jetzt seine Worte nietu für Flunkerei halte nnd seine Schöpfung für ein neues gejährlich-s Ferment für die vom Glaubendhaß gäbrende Masse. Wen» Herr v. Egiky nebst seinem Kreise gegen inenschentrennenden Ritenkrain eifern will, wird er kaum beg istertere Anhänger finden können als uns: wenn er an die Laden die Aufforderung ergehen lasten will,. trennende äußere' {Riten, die doch längst fossil geworden, abzustreifen, so ist dies sein gutes Recht, da es ja auch das gute Recht jedes einzelnen Luden und ihrer Gesainmtheit sein wird, diesen Vctscksiag ernst zu nehmen oder;»' belächeln. W-iin er aber an die Richierfüllung dieser Forderung die Drohung Die Aniisiinitisnuis knüpft, so schlägt er damit sich selbst inS »Besicht, lln:t etwas, wozu wenigstens er selbst sich einfür allemal das Reckt verwirkt hat. Lin llebiigen, Formenkrain, trennenden :>i tenkrain könnte er aitch anderwärts „IS bei den Luden, an ihm viel iiähersteh'enkeu Stellen finden, ohne baß er auch dieseü Leuten zurnien dürfte: „Gebt sie auf, dies: Foruten oder sinkt zu Gastvölstr» ht ab!" - - Herr v. Egidp hat eine Entichitldigung für sich, die wir sehr gerne anelkennen: der gröbste Ausfall rührt nicht von ihm her, und er hat sick sogar; nicku ganz damit einverstanden erklärt. Allein dos kann in einem ’citlreit Falle nicht genügen. Er müßte lagen, wviiiil er nicht cinvirstaiiden ist, ob bloß mit der Form oder auch mit der Sache, und »och mehr, er müßte entschieden erklären, daß er die unter seiner Firma in die Welk gestreuten Meinungen verwerfe, und daß er die nicht für seine Länger anerkenne, die so wie Will» H!rdt und Lehmann Hohenberg denken. Erst wenn dies geschehe», werden wir seinen Namen von dem Vorwurf d.s Antisemitismus wieder rein egen mit welchem ihn jetzt der llebereifer seiner Freunde befleckt. Ernst Victor Zenker. IVis 3dxichtcn der Hubertussau. Tie Antisemiten lasten sich in ihrer Hetzarbeit durch prineipielle Vedui'.ii keineswegs beirren. .Hilf, was helfen kann! Ungeachtet der iew'tigen Pflege des RaeeneuituS benützen die Einen „Jndenstämiuliiige" als Werkzeuge, wahrend die Anderen es sogar über sich bringen, ireitaiisglei'enden Plänen hochgestellter Rachkoininen der Erzväter Gefotgfcha't zu lüsten, derselbe Antisemit, der heute die „palästinensische Aiistchauiingsiveiie" mit Stiiinvf und Stiel ausgerottet sehen möchte, toiid. '.renn sein oiitere'ie es erheischt, morgen sicherlich keinen Anstand ti.lane», vatheti'ch '-in Ehristeiitbnin hervorzukehren. Die gewöhnlichen P.'r'votter aller lniinanitären Bestrebungen, die Verfechter des blutigsten ->ia:n.fes der „Einheiiili'chen" gegen „Fremdlinge", spielen sich auch an' tarti'nl lende Tiiierfrennde hinaus, um Mitmenschen zu chieanire». Da gan:e aiitisenutifche Agitation gegen das bei den Luden übliche Schächten bat, wie wir schon des festeren. betonten, nicht in Mitleid mit Jiii.i.n ihren Ursprung, sondern ist auf die Sucht, Menschen zu anälen, zntückznsühren Dein von den „reinen" Antisemiten im deutschen Rerckstao. beantragten Schächtverbot, welches im Wesentlichen die int Masterlarde Sachsen geltenden Bestiininnngen ans ganz Deutschland :edehnen >>>'l, widmet der Berliner „Vorwärts" einen „Das Schächten d Hub.:tu.'»an" nberschriebenen Aussatz. Derselbe ist in Scherz und c:."t izenalten, daß ihn, nach Beseitigung einer zur Sache nicht 'o :'.in dem Fraetionsgeiste entsprechenden Auslasiung gegen . . l. rdienten freisinnigen Volksvertreter, jedes gut fortschrittliche Bl u: l o:, veröffentlichen können. Das social demokratische Drgan f:i: e. c: A::!:'en::te:: d e deutschen Reichstages haben, angestachelt durch e.a Erfolg, den dae Beroegung i» der Schivei; gegen das Schächten e-;'-:r l.r, enini Antrag aus Regelung des SchlachtwerenS eingebracht, d.st. n an'gesprochener Zweck es ist, für die Ankunst daS Schächten nach jüdischem Ritus zu verhindern. Sie berufen sich darauf, daß die'es Säüachtversahren gilälcrischer ist als dasjenige, das durcl) die Anwendnag der Schlachtmaske ermöglicht wird. Es ist zweifellos eine Sache der Menschlichkeit, den Dodeskanipf der zur Nahrung bestimmten ähieve nröglichn :a erleichtern. Die Menschen werden glücklichenveise von Lahrbiinderk zu LahrKundert feinfühliger in dieser Hinsicht. Das Mitgefühl mit den Mitgeschöpfen, das in Indien bereits durch den Buddhismus zu den äußersten Consegnenzen gekommen ist, so daß ein frommer Hindu es als Sünde betrachtet, ein Thier überhaupt zu tobten, ist in Europa bei weitem noch nicht so stark entwickelt. Sehr verschieden in der Ausbildung des Mitgefühls mit Thiere» zeigen sich da die einzelnen Länder. Weichherziger, beiit Berständniß für Thierleiden und Thierfreuden zugänglicher sind die Nordeuropäer, empfindungsloser die Südländer. In weiten Kreisen, in deutschen sowohl wie in anderen Culturländern, hat der Abscheu vor der Thiertödtuirg bereits dahin geführt, daß die Thierfreunde sich auS ethischen, nicht auS Geschmacksrücksichten, deö Fleischgenusies völlig enthalten und der "vegetarischen -Lebensweise sich zuwenden. Wenn diese Leute (jegen das Schächten ebenso wie gegen das Schlachten überhaupt eifern, so steht das im Einklang mit ihrer ganz»» Lebensführung. Gelänge eS ihnen, die Menschheit von der Richtigkeit ihrer Ansichten zu überzeugen, was wir allerdings stark bezweifeln, so wäre damit auch die Schächtfragc einfür allemal gelöst. Die Antisemiten wollen nun »iegt dem Schlachten der Thiere überhaupt, sondern nur einem bestimmten Schlachtverfahren ein Ende bereiten. Der Gedanke ist ihnen ausgesprochenerinaßen gekommen während ihres Kampfes gegen das Juden thum. Als sie nach allerhand Fehlern und Verbrechen der Jude» eifrig Umschau hielten,-»stießen sie auch auf das Schächten, und da.riefe» sie: Siehe da, das ist auch so ein Unwesen, daS dem Judenthum anhaftet, so ein barbarischer Brauch, durch de» eS sich abfonhert von den germanische» Ehristen! Laßt uns suchen, ob wir nicht wiffenschaftliche oder sittliche Gründe dagegen zusammenklauben können! Und da sie die wissenschaftlichen und sittlichen Gründe gefunden zu haben glauben und noch nicht stark genug sind, um mit Aussicht auf Erfolg rufen zu können: „Fort mit de» Juden!" rufen sie vorläufig: „Fort mit dem Schächten!" Doch Motive hi», Motive her; mögen die Antisemiten auch durch ihren unvernünftige» Judenhaß zur Foxderung des Schächtverbotes gekommen sei», wir haben bei Prüfung der Frage uns nur davon leiten zu lassen, ob wirklich sittliche Gründe gegen ein solches Schlachtverfahren sprechen und ob nicht andererseits desien Verbot sich als eine schwere Ungerechtigkeit darstellt. Zur Beurtheilung der Frage, ob wirklich die jüdische Schlachtinethode grausamer ist als das Schlachten mit der Schlachtniaske, fühlen wir uns nun allerdings ebensowenig befähigt wie die Gesainmtheit der Antisemiten des Reichstages, einschließlich' des christlich-socialen Hofpredigers a. D. Stöcker. Die einzigen Autoritäten, die wir zur Entscheidung dieser Frage anerkennen können, sind Männer der Wisienfchaft, Mediciner, Anatomen. Aus diesem Lager sind nun bisher immer noch verschiedenartige Antworten ertheilt worden. Einige haben ihr Gutachten für das Schächtverbot abgegeben, Andere, und das sehr gewichtige Autoritäten, erklären'das Schächten für nicht schmerzreicher als das Tödten mit der Schlachtniaske. Für uns, wie für alle unbefangenen Leute erscheint deshalb die Frage noch keineswegs sprnchrejf und also ein Einschreiten des Staates nicht rechtfertigend. Doch nehmen wir einmal an, es sei erwiesen, daß daS Schächten dem Thiere mehr- Schmerzen verursacht, also grausamer ist als daS Tödten mit der Schlachtniaske, oder auch irgend eine andere »och sicherer den Tod herbeiführende Schlachtinethode, die später entdeckt werden könnte. Wie liegt, die Frage dann'? Von orthodox-jüdisckier Seite wird geltend gemacht, daß daS Schächtverbot auf eine Religionsstörung, eine GewiffenSbeeinträchtigiing hinauskonnnen würde, daß es also unter keine» Umständen erlaffen werden dürfte, auch danil nicht, wenn das Schächten schnierzerregender sei als irgend eine andere Schlachtinethode. Dieses Argument geht indeß von einer falschen Voraussetzung auS. Es setzt voraus, daß daS Schächten ein integrirender Bestandtheil der jüdischen Religion sei, etwa wie das Abendmahl zu den Religionsübungen der christlichen Kirche gehöre. Nun schreiben aber nicht die jüdischen Religionsbücher vor, daß von Zeit zu Zeit oder bei bestimmte» feierlichen Gelegenheiten ein Thier geschächtet werden muß, damit die ganze Gemeinde, die dieser erhebenden Handlung zuschaut, oder die einzelnen Gläubigen, welche von dem geschächtetru Fleisch effen, einen größeren Anspruch auf Heiligkeit oder Seligkeit haben; die jüdischen Religionsvorschriften besagen nur, der gläubige Jude solle kein anderes Fleisch effen, es sei denn geschächtetes. Sie gebieten ihm nicht das Effen von geschächtetem Fleisch, sie verbieten ihm nur den Genuß »ngeschächteten Fleisches. Es kann Jemand der rechtgläubigste, sittlichste Jüde fein fein Leben lang, ohne je einen Happen geschächtetes FleischiS in den Mund zu stecken. Würde desl>alb unwiderleglich und wiffenschaftlich erwiesen, daß die jüdische Schlachtinethode grausam ist und der Volksmoral widerspräche, so ließe sich die Gewiffeusfreiheit nichts als Grund gegen den Erlaß eines Schächtverbotes geltend machen. Eine Beeinträchtigung der Gewiffensfreiheit wäre es nur, wenn den Juden geboten würde, ungeschächtetes i