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Freies Blatt · 1893-12-17 · 89 (17.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
89 (17.12.1893)
Date
1893-12-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Redaktion: I. Srilerstätte 10. Abomikmkntsprris: ^anzjädrig mit Postzufendung.fl. 2.5<>. Hülbjährig fl. 1.25. Kierleljährig ■ st —.65. Einzelne Wummern 4 kr. Unfrankirte Briefe werden nicht an.zeuommen Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntagt. '.'Itimimitrntion: I. Scilerftattc lo. Inserate werden mit l'> fr. iür die viermal -ic. waUcne Wonv,,reille;eile derechnet. .tleiuer <tn zeifter das 26ort 2 kr. '.Ilmialimc von '.lnscralen in unserer Administration fouii: im Annoncenbnrcan . IN. Sutct, 1. ^elkzeile >.. Nummer 8!». Wien, Ir. Vecember 1893. II. Jahrgang. Herr v. Egidy und die ^uden. In einem Bruchstücke seines leider verloren gegangene» „Dr. Faust" läßt Lessing die siebe» schnellsten Geister der Hölle vor Faust erscheinen; er frägl sie, de» einen »ach dem andern um de» Grad ihrer Schnelligkeit, und sie verheißen alle in dieser Hinsicht wahre Wunder: so schnell wie der Pfeil der Pest, wie der Flügel des Windes, wie die Strahlen des Lichtes, wie die Gedanken des Mensche», wie die Rache deS Rächers wollen sic sei», ab.r all das kann Faust nicht befriedigen; fast verzweifelnd wendet er sich zum siebenten und letzten: „Wie schnell bist du?" — Der im.cntc (Seift: „Unzuvergnügender Sterblicher, wo auch ich dir nicht schnell genug bin!" — Faust: „So sage, wie schnell?" — Der siebente Gcist: „Nicht mehr und nicht weniger als der Uebergang vom Gaten zum Bösen." — Faust: „Ha! Du bist mein Teufel! So schnell alö der Uebergang vom Guten zum j Böse»! Ja, der ist schnell; schneller ist nichts als der! Weg von > hier, ihr Schnecken des Ctfiitf. Weg! Als der Uebergang vom! Guten zum Böse»! Ich habe cö erfahren, wie schnell cr ist! Ich habe es erfahren!"-— , Wir möchte» gerne wissen, ob Herr v. Egidy diese ebenso großartige als rührende Stelle auö Lessing'ö Fragment kennt. Er hat eS nämlich in der letzten Zeit auch erfahren oder doch wenigstens bewiesen, wie schnell der Uebergang vom Guten zum Böse» ist. Es ist ja fast noch ein Gestern, seit Herr v. Egidy mit dem Apostolate einer neuen Religio», einer dogmenlosen Religion hervortrat. Es gab und gibt bis heute allerdings noch sehr Biele, zu deren Ohren das Evangelium des „Einigen Ehristenthumö" nicht ged.ungc» und unter Jenen, welche die Botschaft hörte», fehlt de» Meiste» der Glaube; aber auch Jene, welche sich von der „Religion ohne Dogma und Eonfession", von dieser Methodik der reinen Religio», lächelnd abwendrtcn, mußten sich vor der sittliche» Peisönlichkcit Egidh'S verneigen und seiner Idee eine AuSnahnisstcllttug cinräumcn gegenüber den religiösen Grotesken im* srreS Jahrhunderts, den Eogitantcn, Theosophe», Anhänger» der Heilsarmee u. s. w. Herr v. Egidy wollte kein Seelcnbildcr sein, er wollte keine Orgien des Aberglaubens und keine neue Form religiöser Orthodoxie und Unduldsamkeit. Das „Einige Ehristenthum" sollte die Bereinigung aller Menschen sein in der Idee kns wahren, des „angewandten" Ehristenthums, „des EhristenihumS im Sinne eiiicS der Gottheit näher gerückte» Mcnschcnthuniö". — „Die Religio» nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion," so hieß es in dem Aufruf, den Eg'dy im Februar 18!»2 zur Berbreitung seines Gedankens erließ. Auf das Leben, auf die Liebe, auf die gelebte Moral allein wollte er Gewicht legen, dazu solle» sich die Mensche» vereinigen, die ^ehre, das Dogma muß ganz auS dem Spiele gelassen werden. Er stellt cs eine,» Jeden frei, wie er „den Gotlesbegriff faßt, wie er sich die Heilands- | erscheinung erklärt, wie er sich die anderc», unser Dasein und; Foltlcbcn berührenden Fragen beantwortet; der Glaube ist unantaslbarcs Sondergut des Einzelne»." Uns steht an dieser Stelle kein Urtheil überdie theoretische und prak.ische Tüchtigkeit einer solchen „Religion" zu; wir wollten j nur erklären, warum wir, auch wenn wir nicht zu den Anhängern . des Apostels uns zähle», so wohlthuend von seinen Worten berührt j wurden. In einer Zeit, wo sich die krasseste Unduldsamkeit rcligiöser Orthodoxie zu einem politischen und socialen Machtfactor aufgeschwungen hatte, wo die Eonfession als eine unübersteigbare > Scheidewand sich zwischen Mensche» und Mensche» erhebt, schien. Egidy's Auftreten daS Symptom einer gesunde» Reactio», und wir gaben uns wirklich einen Augenblick der Hoffnung hin, daß ■ Egidy's Lehre wenigstens bei einem Theil des deutsche» Bolkcs, weuigstenö -tri seinen Jüngern, als eine Art Antidolo» gegen das antisemitische Seuchengist wirke» werde. Herr v. Egidn hat uns zn diesem Glauben'selbst gerechten Anlaß gegeben, indem cr auf das Nachdrücklichste den Racendünkel, das nationale Ehinescnthum verdammte und unter dem versöhnlichen Gesichtspunkte eines Juden wie Ehristen gemeinsamen Religionsbewaßtseins von den Juden bloß die nalioiiale Assimilation forderte WG „ahmen von dieser Erklärung mit Befriedigung und mit Nachsicht einiger, von dc» nnsrigcn wesentlich disserirendcr Anschanungcn Keuntniß. Bei einer sittlichen Natur wie Herr v. Egidy, glaubte» wir, fönnc die Aiinahine von ursprünglich sich entgegengesetzten Wirths- »ud Gastvölkern nicht jene verheerenden Wirkungeü heroorbringcn wie bei einem Ahlwardt; dieses kleine Pflänzchen Unkraut hielten wir nicht für fähig, den ganze» gesunden Bod-n zu'überwuchern. Und eS geschah doch und rascher, als mau erwarten tonnte. Ja, cr war überraschend schnell, dieser Uebergang vom Guten zum Bösen. t Wir haben neulich einer aus Egidy's nächstem Jünger kreise kommenden Kundgebung erwähnt, in welcher den Inden im Jargon der Sirlonanliscmitcn eine förmliche Drohung mit dem Antiseiniiiömus aufs Thor gcheflet wurde. Hier sowi: in einer seither von einem andern Egidy Jünger erlassenen Erklärung be gegiien wir den alten guten Bekannten aus der Antisemitcrei, dem „jüdischen! Eapital", der „jüdüchen Presse" .— welche natürlich wieder einmal eine große Epoche übersehen und deni^ „einigen Ehristenthum" nicht hinreichende Reklame gemacht hat ferner den welteroberniigssüchtigeu Gastvölkern, dem „jüdisch-orien taliichcn Elemente, in „iifu’ctii Bolkskörper" u. s. w, --<>»/:> nrn/.ne. Run offen gesagt, über diese Dinge würde» wir zuil den „Einigen _. Ehristen" nicht rechte»; wir hätten ihnen wenigstens solch: banale Gemeinplätze nicht zugemnthet. WaS uns aber interessant' an der Sache — nicht an den. Personen — schien, war die nunmehr auftauchendc Forderung, die Jude» sollten sich nicht bloß national assimilireu — was ja bekanntlich auch unseren Ansichten cnl'prichl — nein, sic sollten auch den Sabbath die' Spcisegcsetze, die rituelle Sckächtung, kurzum ihr religiöses Inventar aufgcbe» und auch hierin sich m l den Deutschen — kann nur heißen ^mil den Ehristen — egalisiren. Wie sich Herr v. Egidy, rcsvective seine’ autoritative» Apostel, eine solche Forderung mit der „.Religion ohne Dogma und Eonfession", mi: dem blendenden Satze: „Der Glaube ist unautastbarcs Soudergut der Einzelnen." zusammen, reimen, ist uns mit den Hilssmittcln geincinlncnsch'icher 8og't uncrfivdlich. Aber wenn wir gar den Juden tadeln und schellen, höien. weil cr „das seinen Glaubensgenossen, geschehene Unrecht mit Wehgcschrei nufniiiinit, und mit reiche» Geldiniiteln wieder gut zu machen sucht," waS,'fragen wir, soll man zu einer solchen „gelebten Moral", zu einem solchen „Ehristenihum im Sinne eines der Gottheit näher gerückten Mensckenthiiins" sagen? Wir tdiiiieu es kaum fasse», daß H.rr v. Egidy die Geschmacks und Geminhs losigkeit besitzen sollte, die Juden deshalb zu rechtlosen Gastvölkern zu stempeln, weil einige Inden — und zwar »eben hochherzigen Ehristen —;. B. dem ob seines Glaubens mit. n.uiienlvseui Jammer überhäuften Buschhoff -eine - Gcldgabc verabreich! haben. Denn wenn der Messias des „Einigen Ehristenthums" dies mit

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